Afrikas Menschen in dauernder Unruhe und auf steter Wanderung

Splittergedanken aus dem afrikanischen Migrationen-Wirrwarr: nach Osten, nach Westen, in die Wüste, über alle Welt

I.
Politologische Gedanken zu afrikanischen Ländern oder soll ich Gruppen sagen?

Ich stolpere bereits zu Beginn. Soll ich Länder oder Staaten sagen? Ein Land ist eher ein geographischer Begriff; Staaten sind sie alle erst im Werden.

Alle - auch wir - haben ein Durcheinander im Kopf. Ab und zu kann man fast lächelnd sagen: Die Welt spinnt. Nicht immer sind es die anderen und auch nicht nur Afrikas Menschen.


  1. Man sollte für Afrika keine kontinentalweiten Lösungen versuchen oder gar vorschlagen.

 

  1. Man denke an Europa vor Napoleon, und wie dieser Kontinent damals zerstückelt sich präsentierte. Napoleon setzte neu zusammen. Ich denke selbst an die Schweiz: Napoleon hat etwas Wichtiges veranlasst, indem er Stadt und Land neu durchmischte. Auch eine sogenannte agrarische Einheit (Verklüngelung) musste aufgelöst werden; religiöse Durchmischung etwas erzwungen. Gehen wir nochmals anders an Helvetik und Sonderbundskrieg heran.

 

  1. Ähnliche Verworrenheiten finden sich in den USA vor. Niemalnd hätte nach Aufhebung der Sklaverei daran gedacht, dass Süd und Nord sich auch nur in etwa hätten finden können. Doch es gelang einigermassen - selbst mit Krieg. Und manches ist bis heute nicht aufgearbeitet; ich denke an den kranken und kukluxigen Rassismus (mit der bei uns lange vorherrschenden Jesuitenphobie oder der Freimaurermythologie zu vergleichen).

 

  1. Wir müssen uns ehrlich bewusst sein, dass ein bestimmter Wahnsinn lange Zeit überlebt und nicht kurzfristig mit "Bewusstseinsbildung" (welcher auch immer) überwunden wird.

 

  1. Wir haben uns durch lange Zeiten hindurch immer neu verseucht und wieder und wieder angesteckt; wir haben bestimmte kulturelle Verhaltensweisen zwar etwas abgeschliffen, und dennoch bleiben sie bis heute - sei es zwischen Ost (Rache muss sein; Krieg gehört zu Gott, Vorurteile von & über Juden und Muslimen)und West (Kulturarroganz, monokulturell) oder zwischen Nord (Rechtswahn, Strafe & Todesstrafe) und Süd (Geisterwahn, Hexerei, Sündenbockdenken). Wir alle leben in einem Gifttopf.

 

  1. All das zusammen genommen und betrachtet kann man leicht zum Schluss kommen, dass alle ein Chaos und ein Wirrwarr im Kopf haben.

Niemand hat daher auch nur das leiseste Recht zu sagen, Afrika sei chaotisch, kriegerisch, grausam, blutig oder primitiv. Wer solches wagt zu sagen, ist überheblich und spricht auch von sich selbst und niemals von Afrika exklusiv: immer sind er oder sie mehr als Afrika.

 

II.

Sowohl Paläontologie als auch Genetik zeigen ziemlich klar, dass Afrikas Menschen schon über einer Million Jahren vom Kontinent weg- und auswanderten. Die ersten Migrationen führten aus dem Grabenbruch gen Osten nach Asien und zwar in alle Ecken und Enden.

 

Wir reden also vorerst von Menschen aus dem heutigen afrikanischen Kontinent. Staaten gab es damals noch nicht. Warum zogen diese Menschen vor 1,2 Millionen Jahren weg? Waren es Naturkatastrophen oder war es ein bestimmter Glaube - etwa ex oriente lux , oder war es schon damals die tieftraurige Sehnsucht, ihr Schwarzsein loszuwerden und sich mit diesen geheimnisvollen östlichen Licht zu  weissen? Oder haben schwarze Menschen ein Gen, das sie immer wieder forttreibt?

 

Bis jetzt waren wir vor grosse Fragen gestellt, nachdem etwa vor 20 Jahren mit Genanalysen gearbeitet werden konnte. Dabei stellte sich das beinahe Unglaubliche heraus, dass die südafrikanischen San oder Buschmänner mit den australischen Aborigines einen gewissen verwandtschaftlichen Bezug haben müssen, denn das Gen-Gut der beiden weit voneinander entfernten Völker wies mehrere Gleichheiten auf. Wichtig dabei ist, dass es bereits eine Mischung sein muss; die Gene sind nicht rein afrikanisch, sondern müssen sich bei der Ausbreitung des Homo sapiens out of Africa mit dem Erbgut anderer (asiatischer) Menschengruppen vermischt haben.

 

Nun geht es weiter. Am 21. September 2016 veröffentlichte das amerikanische Nature Online erste Forschungsresultate dreier unabhängig voneinander arbeitenden Forschungsteams.  Die Ergebnisse belegen eine 1. Welle vor ungefähr 120'000 Jahren aus Südostasien, aus Papua Neu Guinea und Australien. Ein 2. Team untersuchte Volksgruppen von etwa 72'000 und 53'000 im asiatischen Raum. Ein 3. Team untersuchte afrikanisches Erbgut speziell und kommt zur Hypothese, dass es vor der letzten Eiszeit zu grossen Dürren kam und Menschen so zur Auswanderung gezwungen wurden. - Mehrere Auswanderungswellen kommen langsam an den Tag.

 

Ich will keine Vorlesung über diese neueste Forschung halten, sondern nur denkerische Hinweise zum Thema afrikanische Migration geben.

 

III.

Es gab auch mehrere und verschiedene interkontinentale Wanderungen.

Wohl die erste Wanderung zog sich von  vom südlichen Afrika bis Südfrankreich durch die damals noch fruchtbare Sahara. Vom heutigen Simbabwe und östlichen Südafrika bis nach Frankreich. Die Felsmalereien im heutigen Südfrankreich, vor allem die jungpaläontologische Höhle von Lascaux mit Malereien zwischen 17'000 und 15'000 v. Chr., noch älter Vézère, wo Funde zwischen 38 und 37'000 v.Chr. datiert werden. - Als Kontrast haben wir das riesige Höhlen- System  mit einem Felsmalereiennetz rund um Matopos ausserhalb Bulawayo im heutigen Simbabwe. Was uns zu denken gibt, dass an beiden Orten viele Bilder eine grosse Ähnlichkeit haben. Dazwischen kommen die Malereien und Zeugnisse in der Sahara. Um knapp zu bleiben: all diese Malereien oder Ritzereien sind derart ähnlich, dass sie verwandt sein müssen. Wie diese Wanderungen vor sich gingen und warum, wissen wir heute noch nicht.

 

Als eine weitere Grosswanderung kann ich die Ausbreitung der Bantu bezeichnen. Sie kamen ursprünglich aus den kongolesischen Urwäldern und zogen langsam weiter; die eine Gruppe nach Osten bis nach Uganda und relativ spät in Kenia hinein; eine andere Gruppe zog südwärts bis zum Sambesistrom ins heutige Gebiet des Kariba-Staudamms.

 

Eine dauernde Migration fand statt zwischen  dem Sudan und Kenia und Uganda. Es sind die Luo-Völker, die immer wieder wegen Dürrekatastrophen in den Süden zogen und dort zwar aufgenommen wurden, jedoch im schlechtesten Weidegebiet angesiedelt wurden, um sie subtil zu veranlassen, sich langsam zum Hackbau umzustellen.

 

Noch auf eine weitere bis heute kaum untersuchte Wanderung ist jene aus dem Malireich, bereits unter dem Gründer Sundjata, der ein Diktator war. Da musste es auch Konflikte geben, bei denen einzelne Gruppen an den Rand auswichen. Ein Beispiel sind die Dogon im heutigen Mali.

 

Etwas Ähnliches fand unter Chaka im Zulureich statt. Eine Gruppe, die Sindebele, migrierten in die Gegend rund um das heutige Bulawayo; sie machen heute zusammen mit den Bantu-Shona die Nation Zimbabwe aus.

 

IV.

Nach dem Jahr 1500 kam die erzwungene Wanderung ins Sklavenexil nach Westen, in die Karibik, nach Brasilien, nach US Südstaaten.

 

Die Araber betrieben den innerafrikanischen Sklavenhandel und brachten die Menschenbeute an verschiedene grosse Ausschiffungszentren am Atlantik von Gorée im Senegal bis Luanda in Angola. So wurde Afrika durch diese grausame Migration erweitert. Es entstand von Brasilien über die Karibik bis in die US Südstaaten ein anderes Afrika - Afrika in dauernder Diaspora.

 

Die Zahlen der gejagten Sklaven. der verschifften Menschen und den Angekommenen variieren. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, dass alles in allem im Laufe der Zeit etwa 60 Millionen Menschen betraf. In der Sklaverei blieb den Menschen neben langer und harter Arbeit nur die Sexualität als Entspannung. Daher vermehrten sie sich in aller Armut kräftig. Die Nachkommen werden heute meist generell Afro-Amerikaner genannt.

 

Als positives Resultat entstand eine sehr lebendige Sklaven - Kultur mit Gottesdiensten, mit viel Gesang,  mit Musik von Jazz bis Blues, später auch eigene Religionen (Pfingstreligionen, Voodoo). Die Kultur der Diaspora wirkte nach dem Kontinent zurück. Ein Beispiel ist Voodoo. Voodoo ist eine typische Sklavenreligion der stillen Rache. Wenn es jetzt ab und zu heisst, Voodoo stamme aus Benin, ist das nicht wahr. Westafrikaner übernahmen Teile des haitianischen Voodoo Rituals.

 

V.

In der ganzen Sklavereidebatte über den Atlantik ging die afrikanische Ostküste am Indischen Ozean - stark aus ideologischen Gründen -  unter. Die Araber haben  versucht, diese traurige Geschichte zu verschleiern und zu verschönen. Es wurde von der grossartigen Suaheli-Kultur gesprochen, die jedoch auch eine Sklavenkultur war. Da man diese Sklaven kastrierte, gibt es keine Nachkommen, die wie im Westen eine Exil-Kultur entwickeln konnten.

 

Von der afrikanischen Ostküste, Suaheliküste genannt, ging ein weiterer

Sklavenhandel vonstatten. Schon damals wollten die asiatischen Könige und Fürsten zwar Dienstpersonal, aber ohne Kinder, deshalb kastrierte man diese Sklaven, die man vornehm Pagen nannte. Sie wurden meist zu Dienern der adeligen Frauen.

 

Die Suaheli-Händler holten sich die Pagen aus ganz Ostafrika. Die Männer wurden gejagt, in Camps gebracht (etwa Ujiji). Im Gegensatz zum westlichen Sklavenhandel nahmen die Suahelihändler keine Frauen mit.

 

VI.

Entvölkerte der Jahrhunderte lange Sklavenhandel den Kontinent dauernd, kam mit der Berliner Konferenz 1885-86 und dem Kolonialismus ein neues Element dazu. Die Kolonialmächte Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Belgien,  Portugal und Italien legten ohne Rücksicht auf Menschen und Völker, einfach aus wirtschaftlichen Gründen, Grenzen fest. Sie teilten damit ganze Völker auf.

 

Innerhalb der anglophonen und frankophonen Kolonien herrschte theoretisch eine Freizügigkeit. Das galt jedoch nicht für die Menschen ausserhalb. Niger war französisch, Nigeria britisch; da gab es nur eine Schmugglergrenze. Ein weiteres absurdes Beispiel ist Gambia, das Senegal zweiteilt. Der Kolonialismus zerriss jegliches Heimatempfinden der afrikanischen Menschen.

 

Dann kam das Ende des Kolonialismus um 1960 herum. Plötzlich - von einem Tag auf den anderen - sollten die Kolonisierten eine Nation werden. Die UNO Gesetzgebung erlaubte keine Grenzbereinigungen, alles sollte so bleiben wie zur Kolonialzeit. Noch lange (mit Ausnahmen sogar bis heute) steht in frankophonen Schulbüchern, "unsere Vorfahren waren Gallier".

 

Man hatte Afrikas Menschen unterworfen gedemütigt, als unterentwickelt und primitiv ausgelacht; es wurde ihnen gesagt, dass sie keine Religion, keine Geschichte und Kultur hätten. Kurz und gut, man hatte jegliche Form der Identität zerstört.

 

Und nun sollten sie wie in einer Taufe instant-mässig Nigerianer oder Tansanier oder Kenianer oder Angolaner werden. So rasch sollte alles gehen. Doch nachdem eine Kolonie - wie etwa Nigeria - etwas zusammenhalten konnte, ging nach der Unabhängigkeit das Raten los, was nun eine Nation ist und wer dazu gehört? Nigeria umfasst etwa 600 grössere und kleinere Völker.

Können alle in einer Nation vertreten sein? Müssen alle Sprachen anerkannt werden? Nigeria beschloss, neben Englisch vier Sprachen offiziell werden zu lassen: Igbo, Yoruba, Fulani und Hausa. Tansania mit etwa 200 Kleinvölkern entschloss einen Ausweg und wählte Suaheli.

 

Afrikas Nationenwerdung kam nicht zustande. Der Kolonialismus hatte in mehr als 100 Jahren alle Selbstsicherheit und jegliches Selbstwertempfinden zerstört. Things Fall Apart, schrieb der grossartige nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe.

 

Schon deshalb beharrt der Afrikaner darauf, dass es Afrika geben muss.

Dichter, Schriftsteller, Maler und Künstler (auch einige Musiker) bauen ein neues Afrika auf.

 

Schon deshalb sollten wir uns hier nicht in absurde Diskussionen begeben, ob es Afrika gibt oder nicht. Afrika muss es geben - sonst gibt es nur die Flucht. Es sollte nicht an uns liegen, mit - beinahe rassistischen-  Fragen, ob es Afrika gibt oder nicht Afrikas Identitätssuche zu unterminieren. Solches können nur eindimensionale Wissenschaftler tun.

 

VII.

Die Sahara als religiöser Hexenkessel

 

Im Inneren des Kontinents brodelt es; vor allem in der riesigen Wüste Sahara kocht es vor physischer und religiöser Hitze.

 

 

Bereits im 18. Jahrhundert hatten die Briten im Sudan sich mit wilden Mahdisten auseinanderzusetzen. Die Briten zusammen mit den Ägyptern schossen diese 1898 unter Horatio Herbert Kitchener (mit Winston Churchill als Unterbefehlshaber) in der Schlacht von Omdurman mit den gerade neu entwickelten Kanonen gnadenlos zusammen. Es hiess später, 20 Tote hätten genügt, und das Ziel wäre eigentlich erreicht gewesen; doch die Briten schossen von den neuen Kanonen ganz berauscht,  im Siegestaumel gegen 1000 mit Säbeln bewaffnete Mahdisten nieder. Der Rest der Mahdisten floh in die Wüste. Die Briten glaubten, damit sei dieses "Phänomen der Verrücktheit" ausgemerzt. Man hatte in Europa keine Ahnung, was hinter diesen Wüsten-Wilden stand.

 

Schon das Urchristentum kannte die Erscheinung der Wüstenmönche, die auf Stelen wie Schamanen dem Himmel näher zu stehen glaubten in der Überzeugung, dass ihre Askese den Messias und das Ende der Welt rascher herbeiführen würde. Die Hitze der Wüste, aber auch ihr Sand, verliehen Menschen immer wieder etwas Wahnsinn. Und so zieht sich dieser religiöse Fanatismus und geistige Extremismus durch die ganze Sahara hindurch über 2000 Jahre.

 

Immer wieder hörten wir in den letzten Jahrzehnten, wie extreme Elemente  - etwa Bin Laden - aus der Wüste kamen. Selbst heute geht es hin und her: der IS wird von der Wüste gespiesen und wirkt auf die Sahara zurück. Die Wüste ist die grosse Erneuerungsquelle; Erneuerung geschieht nach dem Glauben der Dschihadisten in der Wüste.

 

Die Mahdi- Bewegung entstand so ziemlich früh mit der Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten; also bereits um 700 gab es die extreme Sekte, die glaubte, dass Mohammed oder der Mahdi nicht gestorben sind, sondern sich in unwirtlichen Gebieten verstecken, um sich aufzuladen (erhitzen), um wiederzukehren und alles zu erneuern. Ihr Begründer hiess Muhammad al-Mahdi und war ein Imam. Es lag in der Auffassung der Schiiten, dass es möglichst bald eine Wiederkehr Allahs gäbe, um die ganze Welt zu sich zurückzuholen. Voraus musste eine Reinigung gehen; diese konnte nur unbarmherzig, zornig, ja grausam sein; und diese musste durch das Feuer (=Wüste) geschehen.

 

Die Extrempropheten kamen und gingen. Im Laufe der Geschichte traten stets Propheten auf, die behaupteten, Mahdi zu sein - bis heute. Diese Mahdi leben vorerst in Wüsten, reinigen sich selbst, um dann die Eroberung für Allah anzutreten.

 

In einer solchen Lage befindet sich heute die Sahara, wo es schätzungsweise bis zu 20 solche Mahdi-Zentren gibt, von Algerien über Mali, Niger, Nordnigeria, Tschad und Sudan.

 

Boko Haram ist nicht zufällig im Norden Nigerias entstanden und aktiv. Dumbulwa bei der Stadt Fika im Nordosten war ab 1919 ein Zentrum des Fulani Mahdismus. Fulani oder Peul sind Pastoralisten, die mit ihrem Vieh durch die ganze Sahel-Zone zogen.

 

Ganz wichtig war Sokoto. Der Begründer des Kalifats war Usman dan Fodio, ebenfalls ein Fulbe, der sich als Vorboten des Mahdi bezeichnete. Ein weiteres Zentrum war Kano; ein anderes befand sich bei Ijebu.

 

Die Welt ist scheinbar überrascht über die gegenwärtigen extremen Aktivitäten in der Sahara und im Sahel (= Rand der Wüste). Die ehemaligen Kolonialisten glaubten, das hätten sie unter Kontrolle, da es für sie am Rand und in der Wüste ohnehin bloss Leere gab. Man sah nur die Tuareg als wüstenfeste und ehrliche Händler; man übersah all die andern Handelsströme und die weiterhin aktiv benutzten Sklaven- und Schmugglerrouten, etwa zwischen Libyen und Tschad oder Niger, oder die Handelsroute aus dem Tschad heraus in den östlichen Sudan.

 

Mahdismus und Tschihadismus haben ihre fast 1500jährige Tradition in der afrikanischen Wüste - vom Sudan bis Algerien. Hier werden auch weiterhin die Zellen dieses Radikalismus wirken. Das sind Zellen, die nicht durch Bomben  (genauso wenig wie damals 1898 im Sudan mit den allerneuesten Kanonen) ausgerottet werden können.

 

VIII.

Wir haben daran zu glauben, dass Afrika eine Zukunft hat. Vielleicht geht der Kontinent durch eine nachkoloniale Hölle. Schon in der Frühzeit gab es Naturkatastrophen, die Afrikas Menschen zur ewigen Wanderern verurteilten. Heute ist es zur physischen Dürre die menschliche Trockenheit und Leere, die Afrikas Menschen zur Wanderung  - oder ist es eine Pilgerschaft? - zwingt.

 

Neben anderem geht es Afrikas Menschen vordringlich um globale  Akzeptanz, nicht um ein dauerndes Ausgesperrtsein. Im Innerste möchten die meisten nur wenige Grenzen auf dem Kontinent. Daher geht es letztlich kaum um Grenzbereinigung sondern um Grenzöffnung.

 

IX.

Einige Schlussfolgerungen

 

  1. Der Afrikaner flieht vor Katastrophen und nicht Kriegen, wie wir es im Asylgesetz möchten. Selbst der Begriff "wirtschaftliche Flüchtlinge" ist westlich und tendenziös. Es scheint eine uralte Tradition zu sein, dass man bei Katastrophen flieht oder weiterzieht.

 

  1. Krieg ist ein westlicher Begriff, weil der Westler von heute den Krieg als etwas zwischen Nationen betrachtet.

 

  1. Da Afrika südlich der Sahara (zumindest hier) keinen Nationenzustand erreicht hat, gibt es nur immer - wie wir unbeholfen sagen - tribalistische Zwiste und Auseinandersetzungen.

 

  1. Im Kopf der Afrikaner gibt es unsere sowohl kolonialen als auch postkolonialen Grenzen nicht. Alle Grenzen stammen ja noch immer aus der Kolonialzeit.

 

  1. Wir dürfen uns sogar fragen, was ist für Afrikaner wichtiger Freiheit oder etwas Grenzenloses, das stets überschritten werden kann. Die Möglichkeit zur Migration oder zum Grenzüberschritt kommt vor einer für ihn abstrakten politischen Freiheit, die er noch nie erfahren konnte.

 

  1. Wir kommen mehr und mehr dem Eigentlichen auf den Grund. Wir müssen feststellen, dass der afrikanische Befreiungsbegriff ein anderer als der unsere ist. Ihr Befreiungsbegriff enthielt eher Machtablösung, folglich das heutige Ergebnis, das nichts anderes als Kolonialismus mit schwarzen Gesichtern ist.

 

  1. Von daher rührt das Missverständnis über die afrikanischen Befreiungsbewegungen. Sie kämpften nicht um politische Freiheit im westlichen Verständnis, z.B. Uhuru meinte mehr Land, Geld und Güter.

 

  1. Die einzige Befreiungsbewegung, die auch etwas von unserem Freiheitsbegriff enthielt, war der ANC (African National Congress) von Südafrika, weil in diesem Widerstand sich auch Menschen anderer Kulturen beteiligten: einige Weisse, Juden, Kommunisten, Asiaten und Mischlinge. Das macht den Unterschied zwischen Nelson Mandela und Jacob Zuma aus; Mandela gereift wusste, dass Freiheit mit gemischtem Zusammenleben zu tun hat; Zuma gierte nach den Gütern der Weissen.

 

  1. Ähnliches lässt sich über die 50'000 afrikanischen Freikirchen sagen. Hier geht es nur am Rande um etwas Spiritualität vom (vielleicht echten) Hl. Geist, der grösste Teil ist ein kleindosierter und religiös verbrämter Machthunger der Zurückgelassenen oder Abgehängten. Da sie nicht auswandern können, projizieren sie dieses Wandern in den Hl. Geist.

Der Hl. Geist als  eingebildeter und eingepeitschter Ersatzwanderer. Gelegentlich möchte man an eine Form des Mahdismus denken.

 

  1. Ein Teil des radikalen Islam (Boko Haram, al-Schabab, IS, al-Kaida) kennt keine Grenzen mehr. Er ist daher kaum zu fassen oder zu bekämpfen. Welcher Staat soll etwa Boko Haram bekämpfen oder zurückdrängen? Nigeria, Kamerun, ZAR, Tschad? Die Bewegung geht hin und her, weicht aus, kommt von anderer Seite zurück... Selbst diese Bewegungen mit verschiedenen Namen fliessen ineinander über.

 

  1. Sogar im Monde diplomatique (Feb. 2015) wird in einer Afrika-Analyse geschrieben, dass der Kontinent einen "Mangel an geopolitischem Bewusstsein" habe. Dennoch ist 1. Afrika in aller Welt gegenwärtig und 2. Afrika drängt in alle Welt und sehnt sich endlich nach Anerkennung. Afrika wurde durch den Kolonialismus abgeschnitten und durch Schengen abermals kastriert. Afrikas Menschen wollen diese Barrieren durchbrechen und daher migrieren sie weiter.

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Al Imfeld

Referat in Winterthur-Seen am 28. Sept. 2016