Rache und Krieg gehen nie auf

Die allermeisten Menschen schreien sofort nach Rache, wenn ihnen ein Fremder etwas Böses angetan hat. Aus allen Löchern tönt es: Du musst ihm das zurückgeben, sonst bist du ein Weichei.

Die meisten Strafen sind auf Rache aufgebaut und haben daher keine nachhaltige Wirkung; daraus entsteht nie Versöhnung und Frieden. Es entsteht ein unaufhörliches negatives Hin und Her: Schlag auf diese Backe, Schlag zurückauf die andere Backe...

Absurd ist es vor allem in der Weltpolitik, wenn es heisst, dass du zuerst den Feind zerstören musst, damit dereinst wahrer Friede entsteht. Wir erfahren seit etwa 5 Jahren diese Tragödie mit Syrien. Wir betrachten seit Kriegsende Schlag und Gegenschlag zwischen Israeli und Palästinensern. Doch ihr in Deutschland müsstet wahrlich verstehen, dass ein Krieg Hass und Zerstörung hinterlässt. Nach dem 1. Weltkrieg wurde Deutschland einseitig und mit viel Selbstgerechtigkeit rächend bestraft. Zwischen Frankreich und Deutschland wurde nichts als Hass geschürt, den die Selbstgerechten als gerechte Rache, und rechtlich als Strafe bezeichnet, begriffen.

 

Wir kennen in Europa ein anderes tragisches Beispiel, den Nordirlanddauerhass, die Dauerrache und das Dauermisstrauen. Vorgegeben wird: auf dieser Seite katholisch, auf der anderen Seite protestantisch. Doch wo bleibt das gemeinsame Christliche? So ein Konflikt müsste und dürfte nicht sein. Und dass dazu ein grauenhafter Aufhetzer kommt, der sich sogar Pfarrer nannte, Ian Paisley (1926-2014); der jedoch, statt das Wort Gottes zu erkunden und auszulegen, hetzte und rächend richtete. Solche Prediger - und wir haben weltweit genug davon - bringen alles, Himmel und Erde durcheinander. Man kann klar aus Distanz erkennen, hier geht es nicht um Gerechtigkeit sondern um Macht.

 

Bei Rache, Strafe und Krieg geht es selten um Gerechtigkeit oder Ausgleich, weil Versöhnung und Heilung darin nicht vorgesehen sind. Unter Heilung verstehe ich mehr als ein psychiatrisches Gutachten oder einen Wechsel vom Gefängnis in die Klinik.

 

Ich wurde in den USA zu Beginn der Sechzigerjahre eine kurze Zeit zum Gefängnisseelsorger im gefürchteten Sing Sing Gefängnis, 50 km ausserhalb New York, bestimmt. Was mich damals wie heute erschüttert, sind diese Urteile von 2mal oder gar 3 bis 5mal lebenslänglich. Was ist denn das für ein Recht? Und sehen die Richter ihren Unsinn nicht ein? Lächerliches Recht!, ein Produkt der Rache, die nie genug hat: 1mal, 2mal, 3mal...,

 

Oder später in Chicago, wo zwei schwarze Buben von 12 und 14 zu einer doppelten lebenslänglichen Knastaufenthalt verurteilt. Ich kannte die Mutter. Sie war verzweifelt, denn es handelte sich um einen relativ kleinen Ladendiebstahl. Einen echten Verteidiger bekamen sie nicht. Einfach eingesperrt und weg. Die Mutter wollte Recht studieren, um die zwei Buben herauszuholen. Sie schaffte es als Schwarze nicht, denn sie war arm. Daher ging sie in die Prostitution und landete deshalb ebenfalls im Knast.

 

Warum? Da gibt es ein Recht, das blind ist, diskriminierend handelt, oftmals rassistisch gar, keine Zusammenhänge kennt, niemals an etwas Einfühlung und Gerechtigkeit denkt. Einfach Paragraphen, von Weissen in guter Umgebung lebend geschaffen.

 

Meinen Sie, dass ich endlich Bibelparagraphen zitieren sollte? Ich tue es bewusst nicht; ausser: halte auch die andere Wange hin. Sie finden zu allem einen Vers in der Bibel. Zuerst jedoch kommt euer Herz, das Mitempfinden, das Nachdenklichwerden und nicht einfach in die Welt hinaus zu schreien: Denen sollte man es einmal zeigen!

 

Jesus und das Neue Testament haben uns allen den Rachegedanken noch nicht wegnehmen können. Aber wäre nicht das die Botschaft Jesu? Aber warum beliebt es uns und den Kirchen, stets das Alte Testament abzusuchen und zu zitieren? Das ist doch nicht die Botschaft Jesu, der dieses AT hinter sich lassen wollte, ja, es sogar umkehrte oder kontrastiert.

 

Es betrifft nicht nur uns Christen. Doch man meinte, wir seien mit dem Vorbild Jesus weiter.

Die Juden blieben im Alten Testament stecken.

Der Islam wurde zu stark von der beduinischen Rache-Theologie geprägt.

Keine Weltreligion kam bis heute weiter.

Daher habe ich meine Zweifel, ob Religion zum Frieden beitrage?

 

Ich meinte, es müsste ein anderer Ansatz her:

Ich denke an Mahatma Gandhi, ich denke tief beeindruckt an Martin Luther King; ich nehme mir ein Welt-Vorbild an Nelson Mandela; ich bin beeindruckt von der weltweiten Frauenbewegung, die keinen Krieg mehr will.

 

Daran müssen wir geistig und spirituell arbeiten. Jesus - und zusammen mit eindrücklichen heutigen Vorbildern.

 

Nelson Mandela lebte 27 Jahre im Gefängnis und kommt ohne jeglichen Rachegedanken heraus; selbst seine Mitbürger verstehen ihn nicht. Die Juristen schon gar nicht, denn sie sagten: Nicht Versöhnung, sondern Strafe, denn  Recht müsse sein! Dabei merkten sie nicht, dass sie Rache wollten. Seine Nachfolger Mbeki und Zuma haben von seiner Botschaft nichts verstanden und ruinieren in kurzer Zeit Südafrikas Regenbogenvision.

 

Auch Martin Luther King ging auf den Spuren der Gewaltlosigkeit. Die Protestmitmarschierenden sollten nicht schreien, sondern vorher an Wochenenden in einen Kurs des spirituellen Widerstands gehen. Nach ihm folgten die Black Power People, die nicht nur Bürgerrechte, sondern genauso rassistische Macht wie die Weissen wollten. ..zurückschlagen.

 

Eben aktuell ist eine Frau in Burma, Aung San Sun Kyi, hat seit 1989 im Hausarrest für eine gewaltlose Demokratie still gekämpft; ihr Dasein strahlte aus. 1991 erhielt sie den Friedensnobelpreis; doch sie musste im Arrest weiter warten. Jetzt ist sie draussen, ihre Partei gewann die Wahlen, doch sie könne nicht Präsidentin werden, weil ihre Söhne nicht reine Burmesen seien und ausländische Pässe hätten. Ein gängiges Muster: Recht aus Unrecht machen, die perfifeste Form von Geldwäscherei.

 

Ich möchte auch den Dalai Lama erwähnen, der zusammen mit einigen Theologen und Persönlichkeiten auf der Suche nach einer Weltethik ist.

 

Ich könnte mit Beispielen weiterfahren. Wichtig ist mir jedoch, dass ihr ein für euch wichtiges Zugpferd findet und nachfolgt.

 

Unsere grosse Sorge ist, dass nach einer hehren Gestalt schon kurz nach deren Tod alles scheinbar einbricht. Wir haben - damit dieser Geist der Gewaltlosigkeit - zu einer Dauerbewegung wird, eine Spiritualität zu entwickeln. Deren Grundlage ist die Ehrfurcht oder der Respekt vor jedem Menschen. Ob germanisch oder syrisch, ob Roma oder San - wir alle sind Menschen, auch wenn wir gottlob etwas anders aussehen mögen. Weiter: Kein Mensch und kein Volk verdient Rache und soll in einen Krieg gezogen werden. Wir brauchen die gefährlichen Waffen nicht; wir brauchen die Waffen des Geistes, der Seele, des Lächelns und - so harmlos ist denn das Ganze auch nicht - den gewaltlosen Widerstand. Das alles ist antipopulistisch. Wir sollen nicht gleich mit den Wölfen schreien. Wir müssen uns von der Masse zurückziehen, die schreit: Kreuzige ihn, kreuzige ihn!

 

Wir haben nicht alles, was von oben kommt, zu glauben, denn von oben kommt dauernd: Ein Gesetz muss her. Eine Strafe. Denen müssen wir es zeigen, um ein starker Staat zu sein.

 

Fastenzeit heisst Umkehr.

Ich interpretiere dieses Wort ganz realistisch: Umkehr heisst Abkehr von Schlagwörtern und Gerüchten. Wir sollten besinnlicher werden, gepaart mit Jesus und seinen gewaltlosen Nachfolgern, die auch unter uns sind.

 

Rache und Krieg gehen nie auf; sie sind armselige menschliche Selbsttäuschungen. Der Weg des gewaltlosen Widerstands ist ein Glaube gegen den Aberglauben der Rache und des Kriegs.

 

Halte auch die andere Wange hin.

 

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Fastenpredigt in St. Peter, Lörrach

28.2.2016

 

Al Imfeld

 

Biblischer Hintergrund: Mt 5.39 "einem Streich auf deine Backe..."

 

AT Hintergrund: Jes 50.6 "Ich bot meine Wange denen...die mich rauften"

5 Mo 32,35 "Die Rache ist mein, ich will vergelten..."