Bettagspredigt in der Reformierten Kirche Erlenbach

Der Mensch war stets ein Wanderer, Pilger oder Fahrender

 

 

Bettagspredigt in der Reformierten Kirche Erlenbach

Die Kirchgemeine Erlenbach hat einen sehr aktiven Pfarrer, der bereits mehrere Asylanten-Projekt initiierte

 

Liebe Gemeinde

 

Ihr alle seid im Flüchtlingswesen engagiert. Viele von euch haben das ewige Reden und Jammern satt:

ihr versucht, konkret und praktisch zu handeln und nicht über neue Paragraphen und Gesetze von einer Vernehmlassung zur nächsten alles hinauszuschieben.

Ich bin beeindruckt und danke euch.

Fahrt so weiter! Bleibt mutig und innovativ!

 

Um diese Haltung zu stärken, halte ich keine Predigt im traditionellen Sinn; ich halte mich an die alttestamentlichen Weisheitsbücher. Ich mache Vorschläge, um clever in der ganzen Polemik mitreden zu können. Daher versuche ich nun dreierlei, damit wir uns auch geistig wappnen können, und um Standfestigkeit, heute sagt man dem Nachhaltigkeit, zu erlangen. Wir wissen, dass das Gute schneller ermüdet, schlapp wird, als das an Herz und Leber nagende Böse.

 

  1. Zuerst: seid vorsichtig mit Worten

 

In Politik und Presse heisst es:

"Das ist kein echter Flüchtling!" oder "Das ist ein Wirtschaftsflüchtling!" "Der kommt aus keiner Kriegsgegend!"

 

Ja, was denn?

Aha, seid euch dessen gewiss: das ist iuristisch festgelegt. Unser heutiger politischer Begriff ist politisch und iuristisch, ziemlich entleert vom Menschlichen und weit weg vom Biblischen. Dahinter stehen stark versteckte Rassismus und kleinbürgerliche Sparerei, aber auch purer Individualismus und Egoismus.

 

Eine Folgerung daraus ist: Die Flüchtlingspolitik kann nicht der Politik und Wirtschaft überlassen werden, denn sie sind nichts anderes als versteckte Lobbyisten. Es braucht Bürgerbewegungen. Und wir haben es in den letzten Tagen gesehen. Die Bürger regen sich, werden aktiv und wollen nicht nur etwas tun, sondern kommen mit Hunderten von Ideen und Möglichkeiten anderer Abwicklungen. Derweil die dort oben weiter diskutieren, als wäre nichts geschehen, ja, sogar zynisch annehmen, dass dieser momentan gute Wille unten beim Volk bald durch ein paar populistische Angstreden zum Verschwinden gebracht werden könne. Da sieht man klar, der heutige Flüchtling wird von Rechtsbewegungen europaweit missbraucht. Viele Menschen können kaum die Trickserei einsehen. Daher braucht es den Blick dahinter.

 

Wenn es jetzt sogar heisst: Diese Menschen waren bereits in einem Lager, also in Sicherheit. Das ist nun so wie mit weiss gewaschenen Geld. Der erzwungene Aufenthalt im Libanon oder Jordanien nach ihrer Vertreibung hat ihnen den Flüchtlingsstatus genommen; sie sind bereits gewaschen - keine Flüchtlinge mehr!

 

Aber auch die iuristische Festnagelung, dass ein Flüchtling im ersten Land, das er durchquert, dort bleiben muss. Folge daraus: Ungarn baut Zäune, zwischen Frankreich und England Stacheldraht, zwischen Mexiko und USA elektrischer Zaun, die EU schafft sich ein perfides Schengen, um die abzuwehren, die einst in den Kolonien hinterführt wurden, zu glauben, dass Europa ihr Vorbild oder bei den Franzosen sogar soweit:, zu gehen und zu behaupten: Afrikaner stammen von den Gallier ab. Heute ist die Welt voller Mauern.

 

Wann ist eine Killerei oder ein Durcheinander ein Krieg? Die iuristische Festlegung begann mit Solferino, indirekt und unverschuldet mit Henri Dunant und der Schaffung des Roten Kreuz. Das war ein Krieg - jedoch im 19. Jh. Solche Kriege gibt es heute nicht mehr. Dieser Begriff braucht ehrlicherweise ein Updating. Mehr und mehr werden Kriege wirtschaftlich und psychologisch geführt. Boko Haram in Nordnigeria, heisst es, sei kein Krieg. Für Afrikaner - meist aus der Subsistenz kommend - existiert die Unterscheidung Politik und Wirtschaft gar nicht; wir zwingen ihnen unsere iuristische Begrifflichkeit auf. Selbst Vergewaltigungen von Frauen und Kindern sind heute schlimmer als eine Kalaschnikow -Krieg. Für Afrikaner war etwa der Kolonialismus genauso Krieg wie Ausbeutung. Man wird heute mit Bespitzelung und Zensur mehr bekriegt als mit einem Krieg im 19. Jh.

 

Ausgerechnet auf dem Sektor der menschlichen Grausamkeit beginnt man mehr und mehr zu differenzieren und meint, dadurch diese Grausamkeiten zum Verschwinden zu bringen. Politik und Recht sind heute zynisch und selten im Dienst der Menschlichkeit.

 

Also lasst mit dem begonnenen Aufstand nicht nach! Leistet Widerstand und Ungehorsam - auch im politischen Bereich. Sucht gut aus, wen und was ihr wählt.

 

Es braucht die Bürgerbewegung. Die Politik wird folgen und sei es nur um wieder gewählt zu werden.

 

Es braucht dazu die Unterstützung der Kirchen. Ich habe den Eindruck, diese sind etwas aufgewacht und staunen selbst über ihr Volk.

 

Es braucht einen Sinneswandel bei Gewerkschaften. Von ihnen habe ich auf dem Gebiet der Flüchtlingsfrage wenig - sicher keine Proteste - gehört. Es braucht ein viel wendigeres Arbeitsrecht; man muss langsam die Asylanten in den Arbeitsablauf hereinholen können. Sie müssen führend werden im Bereich der Sans-Papiers.

 

 

  1. Menschen sind seit Beginn auf der Flucht

 

Heute befinden sich weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Davon allein 30 Mio Kinder. Das ist jedoch kein modernes Phänomen.

 

Schon der Beginn der Menschheitsgeschichte in der Bibel zeigt es an:

die 2 Urgestalten wurden aus dem Paradies geworfen,

d.h. Sesshaftigkeit und Heimat wurde ihnen verwehrt.

 

Paläontologie oder die Wissenschaft von der Urgeschichte zeigt an,

dass die ersten Menschen aus dem afrikanischen Grabenbruch nach Asien hinein auswanderten. Warum?

 

Wie kommt es, dass die südafrikanischen San oder Buschmänner genetisch eindeutig mit den australischen Aborigines verwandt sind?

 

Was geschah, als indonesische Bananenschiffe gen Westen ausfuhren und auf dem heutigen Madagaskar strandeten und nie mehr heimkehrten?

 

Doch kehren wir zur Bibel zurück. Da lesen wir vom grossen Exodus nach Ägypten und ein Teil davon gar nach Äthiopien, dann 40 Jahre lang Rückkehr durch die Wüste und der Vertreibung der inzwischen in Israel Ansässigen, später folgt das babylonische Exil, und immer wieder andere Zerstreuungen. All diese Migrationen wurden und gehören zur Heilsgeschichte.

 

Völker verstossen andere Völker. Neue und durchmischte Völker entstehen. Das ist Teil unserer Geschichte, die sehr oft als Unheil beginnt und dennoch zur Heilsgeschichte wird.

 

Und auf dem europäischen Kontinent? Mehrere kleine und grosse Völkerwanderungen. Später nach der industriellen Revolution kamen Armut und Kriege. Die armen kleinen Menschen waren dauernd auf der Flucht. Schon damals spielte Armut eine zentrale Rolle für die Flucht - und heute tun wir so pharisäisch.

 

Von Europa mussten diese Menschen weg nach Amerika. Gründe waren sowohl Kriege als auch Armut oder Elend. Wer konnte aus diesen armen Schichten zog weg. Wie viele sind aus der Schweiz nach Nord- und Südamerika ausgewandert? Im 19. Jh. sind mehr als 50 Millionen Europäer nach West und Ost, aber auch innerhalb des Kontinents migriert. Selbst unsere heutigen Zahlen sind nicht neu.

 

Und nun hat sich das radikal verändert, denn Europa ist nun der Zufluchtsort oder das Territorium der Flüchtigen.

 

Die Menschheitsgeschichte ist durch Migration zu dem geworden, was sie heute ist. Es wird, rückblickend betrachtet, keine Zeit in der Zukunft ohne Migration geben.

 

 

 

  1. Grundsätzliches oder Bereiche für zukünftige Aktionen

Ich wähle bewusst - auf der Bibel fussend - 10 Hinweise.

 

  1. Bewegungsfreiheit ist ein Menschenrecht. Menschen haben sogar ein Recht zu fliehen. Umgekehrt heisst das: Es muss immer Gebiete oder Länder geben, die Flüchtende aufnehmen. Mit dem heutigen Tourismus hat man einen Kompromiss gefunden.

 

  1. Jedes Lager ist eine Notlösung. Ein Lager darf weder zum Gefängnis noch zum Slum ausarten. Ein Lager darf auf keinen Fall an Quarantäne erinnern.

 

  1. Zur Integration gehört eine menschenwürdige Arbeit. Man kann nicht zuerst ins Blaue hinaus Sprache und Verhaltensregeln beibringen, um sog. Integration zu lernen. Zur Integration gehören mehrere Dinge zusammen und miteinander, doch Arbeit macht den Flüchtling wieder menschwürdig, also steht sie im Vordergrund.

 

  1. Die Registrierung muss nicht der Bürokratie dienen; sie hat menschlicher zu werden, selbst wenn man einige Büros abschaffen muss und den Menschen entweder ins Lager oder zur Arbeit nachfährt. Wer es in irgendeiner Form erlebt hat, weiss es, Schlangenstehen kann etwas Menschenverachtendes haben.

 

  1. Jegliche Segregation sollte sofort vermieden werden. Sie kommen in eine Demokratie und dazu gehört die Vermischung der Menschen. All die heute überall versteckten Apartheid-Muster (bis zu den Gated Communities) haben Schritt für Schritt zu verschwinden.

 

  1. Bestimmte Worte, allen voran illegal oder das ist verboten oder echter/unechter Flüchtling usw. sollten aus dem Wortschatz des Alltags möglichste rasch verschwinden. Vor allem Christen sollten diskriminierende und zu rasch verurteilende Worte meiden. Es ist möglich; wir sehen es am neuen Ausdruck Begrüssungs- oder Willkommenskultur.

 

  1. Christen haben vorsichtig zu sein und müssten sich gleich von Beginn weg darum kümmern, es nicht nur bei der christlichen Barmherzigkeit bleiben zu lassen. Gutes tun, heisst heute, an Strukturwandel heranzugehen. Diesen können wir nicht Politkern überlassen.

 

  1. Wir brauchen auf keinen Fall mehr Gesetze sondern mehr (geschützte) Freiheit. Das beginnt mit Formularen. Auf allen Gebieten müssten höchstens 2 Formulare genügen. Nicht alles muss vorgeschrieben werden. Sicherheit kommt erst nach Freiheit. Religionen sollen dazu da sein, um mit diesen menschlichen Risiken zu leben. Wer nichts wagt, gewinnt keine Menschlichkeit.

 

  1. Das bedeutet, dass wir alle wieder zu mehr Toleranz - bis in den Wasch-Keller - erzogen und ermuntert werden. Echtes Christentum ist wie gute Demokratie: sie benötigen Vielfalt und nicht Gleichmacherei. Für jede noch existierende Ausnahme sollten wir dankbar sein. Im Bereich des Asylwesens brauchen wir um der Menschlichkeit willen Ausnahmen.

 

  1. Gegen Migration gibt es keinen absoluten Grenzschutz. Jede Grenze ist ein Stück Behinderung eines Menschenrechts. Schlimmer noch sind Mauern - von der Chinesischen Mauer bis zur Berlinermauer. Alle Mauern sind nur vordergründig ein Zeichen der Macht, letztlich bezeugen sie Ohnmacht. Sie stehen wie eine bitterböse Karikatur im Gelände. Sie alle sind ein Zeugnis menschlicher Dummheit und das schmählichste Zeichen des Versagens von Dialog oder Diplomatie. Abschottung führt zu Mauern; Mauern verhindern jeglichen Dialog; und Dialog gibt es nur zwischen verschiedenartigen Menschen.

 

 

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Al imfeld, September 2015