Von Immensee nach Afrika

Von Immensee nach Afrika

 Vortrag mit Geschichten im Leseverein Kilchberg am 7. Mai 2014

 

Vor Immensee, der Zentrale der katholischen Missionsgesellschaft Bethlehem, Immensee, gehen eine ganz andere Schule und Prägungszeit voraus.

 

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Ich muss daher gleich zu Beginn betonen, dass das kurze Leben im Napfgebiet genauso wichtig wie das Gymnasium und das Missionsseminar war.

 

Der Napf ist ein mythischer Berg, wo eine der weltweit vielen Strandungen der Arche Noah stattfanden. Weiter: um den schleichenden Berg herum entwickelten sich und lebten drei Agrarkulturen: das Emmental, das Entlebuch und das Hinterland, also - afrikanisch ausgesprochen -  drei Ethnien, einander so nah, klein und doch im Glauben, sie glaubten das einzig Richtige.

 

Der Napf ist ein Berg, der einst viel Gold enthielt, dies aber von den Kelten bereits im 5. bis 3. Jahrhundert vor der Zeitrechnung geplündert wurde und uns Einheimische arm zurückliess. Wir leben noch heute touristisch ausgestreut von Goldflocken.

 

 

Ich kam nach Afrika, um gerade in Südrhodesien (nach 1980 hiess es Zimbabwe) festzustellen, dass hier in den Minen von Shabani dasselbe wie einst bei uns im Napfgebiet geschah.

 

Ich sah also Afrika bereits von Beginn weg anders als die meisten Missionare, die nur die "armen Negerli" sahen und diese auf dem Weg der Bekehrung zum Christentum gleichzeitig auch zum Anschluss an unseren westlichen Reichtums führen sollte - so glaubte man; so beteten sie.

 

Wir aus dem Napfgebiet jedoch hatten längst erfahren, dass dem nicht so ist, denn das Gold der anderen hat uns in tiefer Armut zurückgelassen.

 

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Mein Vater war Obwaldner, also ein halber Nomade und im luzernischen Verständnis kein Bauer, sondern ein Älpler,  der Sommers auf die Alp zog; "d Chifferli" nannten die Luzerner sie verachtend. Mein Vater kam wegen des Lungerer Stausees wie ein Vertriebener ins stolze Luzerner Bauernland. Die Imfelds gehörten zu nichts, was luzernisch und somit richtig war. Sogar die Milch wollten sie in der Käserei nicht. - Auch in der Schule wurden wir Kinder an den Rand gestellt.

 

Ich kam also mit etwas Erfahrung nach Afrika, in ein Land mit schleichender Apartheid. Ich ahnte sofort, hier stimmt etwas nicht mit dem menschlichen und sozialen Gefüge. Warum sollten schwarze und weisse Kinder in getrennte Schulen gehen? Waren wir zurück in der Schweiz, wo es echte und kleine Bauern gab und die Echten die Rechte hatten.

 

Ich war auf Afrika ganz anders vorbereitet als die anderen Missionare, die ebenfalls vom katholischen Hinterland stammten? Sie nahmen all das als selbstverständlich an. Warum ich nicht?

 

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Weil ich aus einem Spannungsfeld herauskam, in dem mein Vater belächelt wurde und Mutter als Kräuterfrau vor anderen Frauen  litt.

 

Mein Vater vermochte jedoch all das als Fremder in fremdem Land und als einfacher Bergler zu verarbeiten, diesen alles zerreissenden Unterschied zwischen Obwalden und Luzern. Mit seinem Witz und Humor fand er sich dazwischen ganz gut zurecht.

 

Als einer, der von aussen kam, begann er zu hinterfragen, was allen Ansässigen selbstverständlich, ja immer so war und bleiben würde:

 

Warum braucht es zwei Zeitungen, die beide behaupteten, die Wahrheit zu veröffentlichen?

Warum zwei Dorfkäsereien?

Warum zwei Blechmusiken?

Warum sogar zwei Jugendvereine?

Alles war doppelt geführt. Und beide Seiten behaupteten stur und fest, die Wahrheit zu besitzen.

 

Vater, ein echter Bauernphilosoph, kam bald zum Schluss: All das hat mit Wahrheit wenig zu tun. Das sind verkappte Machtspiele.

 

So konnte er dem kleinen Alois, als dieser mit 7 zur Schule und Kirche gehen musste, sagen: "Glaub von allen nur die Hälfte, ob dem Lehrer oder auch dem Pfarrer. Den Rest musst du selbst herausfinden."

 

Das nahm ich mit. Ich lernte damit zu leben. Es hat mich nie zerrissen. Fast stoisch stand ich stets darüber. Mit dieser Haltung ging ich ins Gymnasium Immensee, ins Missionsseminar Schöneck und später nach Rom und New York -- und erst recht nahm ich sie nach Afrika 1967, nach Rhodesien mit.

 

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Ich kam nach einem Afrika, das von Weissen - Europäer nannte man sie - "verwildert" war (obwohl sie sich zivilisiert und kultiviert gaben).

 

Diese - auch die Missionare hetzten herum, um zu bekehren und zu überzeugen, so als ob der Weltuntergang bevorstände. Auf Töffs und Pickups, sogar mit Fahrrad rasten sie in alle Büsche hinaus, um sonntags so viele Messen als möglich zu "lesen" und zu predigen.

 

Ich begann im Regionalhaus Shona zu lernen. Es war ein sinnloses Auswendiglernen, aber egal, es sollte einfach nach 2 Jahren zur ersten Predigt reichen. Sprache lernen, hiess auswendig lernen, ohne zu denken -- genauso wie es in den Schulen für Schwarze gehandhabt wurde.

 

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Alles drehte sich um Predigten und Taufen, um die Frohe Botschaft. Und die meisten wurden dabei blind. Die Welt draussen und Vorgänge in ihr waren ausgeblendet.

 

Sie spürten nicht, dass auch in Rhodesien die Schwarzen selbständig werden wollten. Nein, die das wollten, waren gefährliche Kommunisten und Terroristen, hiess es.

 

Doch - und das sei lobend betont - die Missionare standen aufopfernd und väterlich hinter den Schwarzen, um sie weiter an die Zivilisation heranzubringen. Das sei ein langwieriges Prozess, hiess es. Jetzt schon? Nein! Sie waren noch nicht reif dafür. Es braucht noch lange Zeit! So hiess es allerorts. Wird ein Mensch mit Auswendiglernen nachdenklich?

 

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Es braucht noch lange Zeit... Das hatte ich schon einmal gehört. Vom Übervater Albert Schweitzer, den ich in der Jugend tief verehrte. Er war mein Vorbild. So wie er wollte ich auch werden. Er war genau 60 Jahre, auf den Tag, die Stunde und Minute - beteuerte meine Mutter - älter als ich. Also, 1954 nach der Matura wollte ich ihn besuchen. Wie? Mittellos. Aber wo ein Wille, da ist ein Weg. Ich kam also nach Lambarene.

 

Das Erste, bei der Begrüssung schon, sagte Schweitzer: "Junger Mann, mach dir keine Projektionen. Die Neger sind alle noch Kinder."

 

Und da zur gleichen Zeit der südafrikanische Innenminister - ich glaube, er hiess Schoenfeld - zu Besuch war und Schweitzer ihm beteuerte, dass sie in Südafrika mit der Apartheid den richtigen Weg gingen, hängte es mir aus.

 

Und als er noch von Bezähmung von Natur und Mensch sprach, hängte es mir endgültig aus. Fluchtartig verliess ich Lambarene und hinterliess den kreativen Fluch: "So will ich keinesfalls werden!"

 

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In Rhodesien kam es von allen Seiten, den Guten und Bösen: "Sie brauchen noch lange Zeit. Eigentlich sind sie alle noch Kinder."

 

Als sogar 2 oder 3 meiner Mitbrüder (so nannten wir uns gegenseitig) entweder mysteriös verunglückten oder gar tot aufgefunden wurden, war es das Ian-Smith-Regime, das stets behauptete, Schwarze wüssten nicht, was Politik sei. Die Schwarzen würden jedem Verführer nachlaufen und sie handelten bloss aus Neid.

 

Die Schwarzen konnten daher die Mörder nicht sein. Zudem - so waren alle Missionare überzeugt - hätte man so viel für sie getan und sie müssten dankbar sein. Und noch immer tat man alles heldenhaft und aufopfernd für sie!

 

Ja,  ich möchte das betonen: es gab viele heroische und aufopfernde Missionare. Es lag nicht an ihnen, sondern am Missionssystem, das sie blind gemacht hatte und sie total vereinnahmte, zu Messe-Rasern und Sakramentsverwaltern machte.

 

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Durch meine US Ausbildung war ich nicht nur in die Bürgerrechtsbewegung mit ML King gekommen, sondern es war die Zeit der aufblühenden Afrikanistik.

 

Ich begann, obwohl an der Northwestern Uni in Evanston verlacht, afrikanische Agrargeschichte autodidaktisch zu studieren, denn für die damalige Agrarwissenschaft war es noch sonnenklar, Afrika kennt keine Agrargeschichte, denn wie Obwaldner Alpmilch keine echte ist! so auch das afrikanische "Geheu": Landwirtschaft kam erst mit dem Kolonialismus nach Afrika.

 

Ich begann, mich in allen Wissenschaften (wie Archäologie, Hydrologie, Domestikation von Flora und Fauna) nach agrarhistorischen Ansätzen umzusehen. In Rhodesien ging ich mit einem mir bekannten jungen schwedischen Archäologen ins Matopos-Gebirge, um die verrücktesten Hypothesen vom Alter der Felsmalereien zu konstruieren. Oder, da gab es eine Gokomere-Kultur. Eine unserer Mittelschulen stand in Gokomere. Missionare und Lehrer hatten keine Ahnung davon. Sie meinten gar, dass damit gar nicht ihr Gokomere gemeint sei.

 

Ich hatte an der Northwestern begonnen, IACs, d.h. Independent African Churches, im südlichen Afrika zu studieren. Ich wollte mit Vorträgen den Missionaren zeigen, in welchem Umschichtungsprozess sie sich befänden. Es hiess bei uns Katholiken bloss: "Das ist ein protestantisches Phänomen. Typisch für sie. Immer bloss Abspaltung..."

 

Ich hatte in den USA begonnen, afrikanische Literatur zu lesen. 1957 erschienen die zwei Initialzünder: Chinua Achebe mit Things Fall Apart und Mongo Beti Pauvre Christ de Bomba. In der Zwischenzeit sammelte ich alles, das auf diesem Gebiet veröffentlicht wurde. Davon wollten die Missionare nichts wissen.

 

Und als ich begann, in Zaka, einer Mittelschule im Süden, an freien Samstagnachmittagen unter einem Baum (denn auf dem Schulgelände war es nicht erlaubt) afrikanische Geschichte und neoafrikanische Literatur zu dozieren, wurde ich bald von der Regierung verdächtigt.

 

Alles, was ich "daneben" machte, beunruhigten den Bischof  und war für ihn "daneben" und meinte, dass ich kein Missionar sei; die weisse Regierung kontrollierte mich und warnte den Bischof. Genau nach 2 Jahren, nach meiner ersten Predigt in Shona, hatte ich Rhodesien zu verlassen.

 

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Von hier ging ich ans Kachebere Seminar, das damals noch genau zwischen der Grenze von Malawi und Sambia lag und heute nicht mehr an dieser Stelle existiert. Hier gab ich zum ersten Mal einen Kurs über IACs. Der afrikanische Rektor war nicht begeistert und meinte: "Solches gehört nicht an ein katholisches Seminar."

 

Ich ging weiter nach Tansania und glaubte, im Lande Julius Nyerere mit Ujama, willkommen zu sein. Dem war nicht so. Sogar Nyerere riet mir zu gehen. Es war immer noch Kalter Krieg und die Furcht vor dem Kommunismus war gross. Verwirrt waren Afrikas Menschen. Man konnte annehmen, ich sei ein CIA-Agent.

Und ich musste auch wieder weiterziehen.

 

Ich bewarb mich an der Lilongwes Universität in Malawi für afrikanische Philosophie, erhielt den Lehrstuhl. Bald waren die schwarzen Studenten zusammen mit der Leitung schockiert, dass ich Altes aus afrikanischer Kultur (Sprachphilosophie; Fabeln und Märchen) aufarbeitete, um ihnen zu zeigen, dass Afrika schon lange Philosophie kennt. Doch sie wollten Hegel, Fichte, Schopenhauer und sogar Heidegger "afrikanisiert" bekommen.

Man suchte einen anderen Professor.

 

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Ich kam schrittweise zwischen die Fronten; zwischen Europa und Afrika.

 

Es sah wirklich so aus, dass Afrika von heute die Vergangenheit verleugnete und hinter sich liess. Die Studenten und ihre schwarzen Professoren meinten, sie könnten mit allem Alten und ihnen Vorausgegangenen ins Primitive zurückfallen. Sie wollen das Neuste und Allerneuste. Sie wollten Atomkraft und Genmais.

 

Wenn dann noch ein Europäer davor warnt und anderes vertritt, heisst es rasch, er gönne den Afrikanern den Fortschritt nicht.

 

Verzweifeln hilft da nichts. Nur Geduld und Verständnis für diesen Zwiespalt. Ich selbst habe nun mit dieser Doppelwelt zu leben.

 

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Was mich hält?

1. Auch ich habe zu mindestens 50% nicht recht.

2. Ich bin der Neugierige dennoch geblieben.

3. Afrika ist wie Europa sowohl eine Charaktereigenschaft als auch ein Wundmal. Etwas vom Kern machen beide - wie den Napf - aus.

4. Darum herum gibt es 100 oder 1000 Schattierungen oder andere Akzente. Der japanische Holzschneider hat den einzigartigen Fujiama in 100 verschiedenen Holzschnitten eingefangen.

5. Man kann nicht anders als zu umkreisen.

6. Selbst den Ausschnitt hat man wieder zu umkreisen.

7. Und dennoch bleibt der eine Fixpunkt: Fuji oder Kili oder eben der NAPF.

 

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Begreift ihr nun, warum ich immer wieder im Kopf und auch körperlich zum Napf zurück muss und dennoch in Afrika bin?

Seien es die Ahnen dort und hier die Armen Seelen.

Sei es der Doppelglaube und dennoch kein Relativismus.

Auch wir sind am Sonntag anders als die Woche hindurch.

Wir sind keltisch und katholisch; wir haben viele Glaubenstraditionen. Warum sollten wir das aufgeben?

 

Wir dürfen nicht sagen, dass eine über 6000 Jahre gelebte Ahnen und/oder Armen Seelen Lehre Unsinn sei. Da muss etwas dahinter stecken. Doch was?

 

Oder kann und darf es heute keine Engel oder Dschenen mehr geben? Wir haben zu fragen und nachzudenken, was denn mindestens 5000 Jahre die Menschen dabei gesehen und gemeint haben.

 

Wir haben wohl mit Geschichte und Mythen zusammenzuleben; mit Symbolen genauso wie mit Zahlen.

 

Ihr seht: Theologisch stehen wir in den Anfängen.

 

Ich also stehe dazu. Und der Afrikaner darf auch stolz dazu stehen!

Wir lassen Monotheismus und Monokausalität etwas hinter uns und beginnen, Sein, Dasein, Sosein und das Leben zu umkreisen und mit neuen Bildern einzukleiden.

 

 

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