Burundi ist von Kühen dominiert

BURUNDI

Grussadresse

zum fürstlichen Essen einer Benefizveranstaltung

am 21. Sept. 2013 in Dornach

 

 

Liebe gutwillige und grosszügige Frauen und Männer,

 

wir alle sitzen hier und wollen etwas Gutes für Burundi tun.

Aber wie? Löffeln wir Wasser aus dem Meer?

Zum Benefiz gehört auch etwas Witz.

Stärken wir uns mit Speis & Trank für eine Sisyphus-Arbeit --

und trotzdem und dennoch müssen wir versuchen, seinen Stein nach oben zu wälzen. Wir sind also beim scheinbar Unmöglichen mit dabei.

 

 

Burundi ist von Kühen dominiert

 

Das Land Burundi ist auf dem afrikanischen Kontinent nicht mehr als ein Kuhfladen. Oder ein Vogeldreck, der niederfiel in den afrikanischen Grabenbruch. Sollen wir uns um Kuhfladen oder Vogeldreck kümmern?

 

Burundi ist mit 27'800 qkm kleiner als die Schweiz (41'000 qkm).

B. hat jedoch mehr Einwohner als die Schweiz.

Heute leben in B. etwas über 8 Millionen Menschen. 280 Einwohner pro qkm. Und das neben den Kühen, Ziegen und Schafen.  Und langsam und immer mehr kommen noch die Autos dazu!

 

So sind B.s Problem nicht primär die Menschen -

vielleicht auch.

B. hat zu viele Kühe, schätzungsweise gegen 12 Millionen.

Die Volksgruppe der Tutsi ist pastoral, d.h. es wird eine Vieh-Kultur betrieben. Tutsi und Hutu sind mit Nordnigeria zu vergleichen; dort dominieren die sesshaften Hausa, die mit den Fulbe (Peul), die semi-nomadiserend mit ihrem Vieh mit Hausa ineinander leben.

In B. dominieren die Tutsi, obwohl sie eine Minderheit sind. Sie zeigen ihre Macht über die Zahl der Kühe.

 

Ein Zyniker müsste sagen:

B. benötigt Schlachthöfe,

bevor die Menschen beginnen, sich selbst abzuschlachten.

 

Ihr glaubt es mir kaum, es geht:

Kühe gegen Menschen.

 

Die Tutsi sind stolz auf ihre Kühe:

je mehr einer davon besitzt desto höher sein Ansehen in der Gesellschaft.

Und so - wie bei uns mit Geld - will jeder so viele als möglich,

doch sie nehmen nicht wahr,

diese Kühe fressen ihnen nicht nur die Grundlage der Existenz weg,

sie erobern nach und nach Menschen und Landschaft;

die Kühe vermehren sich wie ein Ameisenhaufen.

 

Da reden wir emotional von Bevölkerungskontrolle.

In B. müsste dringendst über Viehkontrolle politisiert werden.

 

Ich habe gesagt, B. sei auf dem afrikanischen Kontinent ein Kuhfladen;

das ist wahr in mehrdeutigem Sinn.

 

 

Brautpreis-Inflation

Schauen wir einmal diese Viehpopulation etwas anders an.

Warum braucht B. so viele stolze Kühe? Der Brautpreis wird bei den Tutsi mit Kühen ausgehandelt.

 

Die Tutsi sind also ein Hirtenvolk, hochgewachsen, ja, hochstämmig.

Sie haben traditionellerweise den Brautpreis.

Die Familie eines jungen Manns muss für die kommende Braut einen Abfindungspreis bezahlen. Dieser besteht in Kühen.

 

Einst waren das vielleicht 3 Kühe.

Doch entsprechend und parallel der weltökonomischen Entwicklung ist

auch hier der Preis gestiegen und gestiegen,

denn selbst der Brautpreis hängt mit der internationalen Ökonomie zusammen. Heute zahlt ein besser gestellter Tutsi für ein schönes Mädchen bis zu 100 Kühe - und immer mehr und mehr.

 

Weltweit treibt man alles in die Höhe,

versteckt auch den Brautpreis.

Wir reden von Wachstum

und wie alles stets wachsen muss...

 

Das tun auch die "anderen" mit ihrem Kuh-Geld.

 

Die Hackbauern Hutu kennen diese Form des Brautpreises nicht. So haben seit langem die ärmeren Tutsi ihre Braut bei den Hutu gesucht. Und so ist die hier skizzierte Trennung letztlich längst aufgehoben. Forscher nehmen heute an, dass Rwanda-Burundi zu einer Mischkultur wird. Da die Trennung eine kulturelle Fiktion ist, existiert eine Métissage-Kultur.

 

Soll dieser Brautpreis reguliert werden? Da wehren sich natürlich die besser gestellten Burunder genauso wie die besser gestellten Schweizer.

Lasst den Markt spielen heisst es.

Freie Marktwirtschaft lebe hoch!

Auch im Bereich der Kühe.

Ist logisch, oder nicht?

Doch ist das meiste auf Fiktion und Einbildung aufgebaut.

                                               

Folglich:

Wir stehen also wie Esel am Berg

vor 2 unüberwindbar scheinenden Problemen:

zu viele Kühe mit zu hohen Brautpreisen und

mit im Kopf fixierte Voraussetzungen, die es längst nicht mehr so gibt.

 

Wird da UNSERE Hilfe etwas bewirken?

Dennoch und trotzdem: denkt daran eine kleine Mücke allein kann eine ganze Viehherde durcheinander bringen oder mit einer Seuche infizieren. Vielleicht gibt es auch gute Seuchen und nützliche Mücken.

 

 

Verheerender ethnologischer Irrtum

 

Die deutschen Kolonialisten waren von den hochgewachsenen und sich stolz gebenden Tutsi begeistert. Für einige Forscher war es sofort klar, diese Menschen sind entweder nilotischen oder gar hamitischen Ursprungs.

Die Deutschen bevorzugten sie.

Sie machten sich damals keine Gedanken, dass sie dieselbe Sprache wie die Hutu - nämlich das Kinyarwanda - sprachen.

 

Der deutsche Ethnologe H. Baumann (er war der Vater von Hermann, der der bekannteste Nazi-Afrianist war) schrieb eine packende Studie 1913, worin er für diese Gegend 3 Stämme beschrieb, also Ethnien, und klar unterschied zwischen Bantu (= Hutu) und hamitisch (Tutsi) und dem Urvolk der Twa (= Pygmäen). Diese bestimmt gut gemeinte Einteilung hatte verheerende Folgen. Die Deutschen bevorzugten die Tutsi und schauten auf die Hutu hinunter. Sie deklarierten die Hutu als minderwertig und rückständig.

 

Heute wissen wir, dass alle Bantu sind, jedoch eine andere kulturelle Entwicklung eingeschlagen haben.

 

Die Hutu als Hackbauern, die ihre Felder an den vielen Abhängen der Hügel bebauten; sie blieben klein und eher geduckt, so wie unsere Bergbauern in der Schweiz auch.  Ihre Verschiedenheit ist daher nicht rassisch sondern agrikulturell bedingt.

 

Die Tutsi waren Viehzüchter und Viehbauern mit einer Weidekultur, die Jahrhunderte lang mit den Hutu ineinander ging. Nach der Ernte liessen die Hutu das Vieh zum Weiden in ihr abhängiges Gelände.

 

Die Twa sind diejenigen, die den naheliegenden Rand der Urwälder und Teile des Innern des Waldes bebauten. Ihre Körperform passte sich ebenfalls der Umwelt und ihrer Betätigung an.

 

Die Belgier bauten ihre koloniale Administration auf dieser Dreiteilung auf, auch sie dachten rassisch und nicht kulturell.

 

So kam dann die Zeit der Unabhängigkeit1962. Die Belgier projizierten ihr Heimproblem nach Rwanda-Burundi; d.h. für sie war diese Lage hier einfach eine afrikanische Form von wallonisch und flandrisch. So teilten sie diese Einheit in zwei Nationen und schrieben gar in die Verfassung, dass Rwanda das Gebiet der Hutu und Burundi das Herrschaftsgebiet der Tutsi sei. Das konnte nur zur Katastrophe führen, denn Burundi enthält etwa 85% Hutu, 14% Tutsi und nur 1% Twa.

 

 

Der missionarische Paternalismus

 

Die zwei Länder wurden stark missioniert.

Schweizer waren darunter, weil alle deutschen Missionare nach dem 1. Weltkrieg ersetzt werden mussten.

 

Die katholische Kirche hatte alles in Händen;

sie liess nur jemanden studieren, wenn er den Willen bezeugte, Priester zu werden.

 

Überbetont wurde die Keuschheit und das Zölibat der Priester. Die Missionare gingen davon aus, dass in diesen Menschen der Teufel sitze und dieser Teufel alles über Unkeuschheit in Händen habe.

 

Die Seminaristen wurden auf absolute Keuschheit hin gedrillt, obwohl wohl niemand diese Keuschheit ausser mit Kitsch von der Jungfrau Maria bis zur kleinen Theresa zu illustrieren vermochte. Jahrlang hielt man die Zöglinge von zuhause entfernt und war der Überzeugung, so würde man die kommenden Priester zölibatär erziehen. Wer nicht mitmachte, wurde entlassen und hatte keine Chance weiter zu studieren. Wer mit einem Mädchen versteckt irgendwo entdeckt wurde, wurde ebenfalls sofort entlassen.

 

Und so haben diese 2 Länder genauso wie der Kongo die Exseminaristen, die in die Politik gingen, aber ohne jegliche Ausbildung.

 

Der Erzbischof von Rwanda-Burundi war ein Schweizer, der Walliser André Perraudin, der den ersten Präsidenten Habyarama fast persönlich heranzog und dem er auch nachher Anweisungen gab. Er legte ihm gar Sein und Zeit von Martin Heidegger (1889-1978), einem der s(p)innigsten Philosophen ins Vorzimmer, damit er bei täglicher kurzer Lesung "langsam gescheiter" würde. Daneben stand ein anderes Werk Feldweg, das Denken als Weg neologistisch vorzeichnet.

(Bitte, einschnaufen!)

 

Der Katholizismus von Rwanda-Burundi war ein verkrampfter und verlogener, engstirnig, borniert. Er besass keine Kraft, Hutu und Tutsi einander näher zu bringen. Dieser Katholizismus war auf Seite der Hutu, der Hackbauern. Die Tutsi als Viehzüchter wurden als stolz - im verächtlichen Sinn - betrachtet.

 

Friedens- und Versöhnungsarbeit gab es bis vor kurzem kaum.

 

Die Schule war wie die Kirche,

und beiden fehlte jeglicher Horizont, und so blieb es auch.

 

Und so fehlt Rwanda-Burundi eine Spiritualität des Zusammenlebens zweier Agrarkulturen.

 

 

Zwei unmögliche Staaten

 

Rwanda-Burundi war einst ungetrennt Teil der Kolonie von Deutsch Ostafrika. Nach dem 1. Weltkrieg mussten die Deutschen alle Kolonien räumen.

 

Rwanda-Burundi wurde vom Völkerbund 1920 den Belgiern als Mandatsgebiet übergeben und der Verwaltung des Kongo unterstellt.

 

Nach der sog. Unabhängigkeit ging's los mit Säuberungen und Morden, mit Putschen und ab und zu sog. demokratischen Wahlen.

Kein Wunder, dass Unabhängigkeit nichts als offenen und versteckten Bürgerkrieg brachte. 1988 wurden etwa 50'000 - meist Hutu - umgebracht. 50'000 und mehr (andere, vor allem die Tansanier, die die Bürde tragen,  reden von 63'000).

 

1993-2003 offener Bürgerkrieg. Gleichzeitig Genozid und Bruderkrieg in Rwanda. Später wollten die Menschen zwar Frieden schliessen, aber die Regierungen verhandelten nie über die zu Grunde liegenden Probleme.

Langfristig gehören diese zwei sog. Nationen zusammen; müssen die Verfassung ändern; haben dringendst ein Agrarrecht zu entwickeln.

 

Die ganze Welt forderte Demokratie, doch weder die Burunder noch die Rwander haben je eine Idee von Demokratie  (weder von den Deutschen und erst recht nicht von den Belgiern) mitbekommen. So wie die unentwirrbare Lage auch heute ist, kann nur ein Diktator das Ganze vorderhand zusammenhalten.

 

Tönt es nicht etwas unglaublich,

wenn die Schweiz glaubt, "von humanitär über friedensfördernd bis demokratisierend" EZA zu betreiben?

 

Ob man anstandshalber darf oder nicht:

Da gibt's nichts anderes als zuerst einmal die Probleme offen auf den Tisch zu legen.

 

Zu was erzieht man etwa in Schulen die Kinder?

Lernen wird zur Augenwischerei.

 

 

Ewige Grenzschwierigkeiten

 

Einst ging es zum Teil friedlich ineinander über, wenigstens solange die Tutsi die Kühe frei weiden lassen konnten.

 

Ich erinnere jedoch an unsere Mischkultur im Napfgebiet: Gnad Gott, wenn die Kuh des Nachbarn auf unserer Seite ein Gräschen abschleckte... Es gab Streit.

 

Und stellt euch nun die Lage in Rwanda-Burundi vor. Natürlich begannen die Hutu zu zäunen, vor allem auch dann, als Gemüse angebaut wurde. Da ist die alte Freizügigkeit des Viehs zu Ende. Da muss es Streit geben.

 

Das ist die Grundlage des ewigen Zwistes heute in diesen zwei Ländern.

 

Und schon wiederum stehen wir vor ernsthaften Fragen von Strukturveränderungen. Ohne AUCH ETWAS VON DIESEN wirken unsere Hilfen wie Pflaster; sind Abbild der Ohnmacht oder gar der Blindheit.

Wir haben die Pflicht, Druck auszuüben.

Da kann es kein SVP - Prinzip der Nichteinmischung geben.

 

Wenn schon, dann schon. Hilfe ist entweder Einmischung oder Pflästerchen.

Dann bauen wir gleich zu den tierischen auch menschliche Schlachthöfe hinzu.

 

 

Etwas zynisch

 

Lange Jahre gab es einen schweizerischen Honorarkonsul in der Hauptstadt Bujumbura. Ein Künstler, der überall nur Harmonie sah und sie auch malte.

 

Aber tun wir nicht aus etwas Distanz Ähnliches.

Ja, Burundi ist ein schönes Land;

mit liebenswürdigen Menschen,

aber man hat ihnen das Brett vor den Augen wegzunehmen.

 

Das was ich euch nun zu sagen versuchte,

muss dort in die Schulen hineinkommen,

um eine neue Generation heranzuziehen.

 

Geld allein reicht nicht mehr;

dazu muss Denken, Nachdenklichkeit plus Druck kommen!

Wir können nicht anstelle von Kuhfladen Vergissmeinnichte pflanzen.

 

 

Zum Trost

eure Arbeit, euer Projekt versucht es,

ihr geht vernetzt vor.

Doch seid mutig (er),

selbst wenn man euch heimschickt.

Das würde erst recht beweisen: Ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen.

Entwickeln beginnt, mit Grenzen auf dem Papier und im Kopf abzubauen, um zu einem anderen Zusammenleben zu kommen.

 

Entwickeln bedeutet auch testen; etwas Heikles wagen.

Entwickeln heisst aufbrechen in eine menschlichere Welt.

 

&&&

 

Al Imfeld