Europa – Afrika: ein schwarzes Trauerspiel

Europa – Afrika: ein schwarzes Trauerspiel.

Wird Mali zum Vietnam der Franzosen?

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Ein Referat beim Forum für Ethik und Ökologie Luzern

RomeroHaus 19. Februar 2013

 

 

1. Teil

Eine grossräumige Einführung

 

Der Kontinent Afrika wurde auf vielseitige Weise und in immer anderen Varianten kolonisiert: von den Mächtigen Europas und Arabiens, vom Christentum und dem Islam. Neben den negativen entstehen auch positive Bande; selbst der Geknechtete und Unterworfene gleicht sich nach und nach seinem Eroberer an; beide bleiben auf immer verknüpft. Da gibt es kein Entrinnen; beide Seiten werden für immer etwas vom anderen mit sich und in sich haben.

 

Es gibt die vollständige Loslösung oder Abkoppelung nicht.

Einmal mitgegangen bedeutet immer mitgehangen.

 

Schon ein vor dem Kolonialismus liegendes lang sich hinziehendes Ereignis hat eine Verbundenheit mit den drei Kontinenten geschaffen, nämlich die Sklaverei. Araber jagten Sklaven im Inneren des Kontinents  über 500 Jahre hinweg.

Zuerst vom östlichen Teil Afrikas aus. Daraus entstand die Suahelikultur, eine Handels- und Sklavenkultur. Seit dem 9. Jahrhundert wurden Sklaven nach dem Nahen und Fernen Osten von Bagamoyo, Sansibar, Pemba du Mombasa aus verkauft. Mühsam und beschwerlich wurden schwarze Männer bis tief ins Innere, zu den grossen Seen im Grabenbruch gejagt und an die Küste getrieben. Man nannte sie Pagen; es waren Männer, die durchwegs kastriert wurden. So kamen Schwarze an alle Kalifen und Imane, aber sogar an den chinesischen Kaiserhof. Man hat ein schriftliches Zeugnis aus dem 11. Jahrhundert, das besagt, dass der Kaiser zur Umsorge der Frauen und Gärten 8 schwarze Pagen besitze.

 

Schwarzafrikanische Menschen lebten längst auf allen Kontinenten.

 

Ab dem 15. Jahrhundert, nach den Entdeckung der Neuen Welt und dem Aufbau der Plantagen in der Karibik, später in Brasilien und den Südstaaten der USA wurden von der Westküste Afrikas Sklaven als Zwangsarbeiter verschifft. Im Inneren Afrikas liessen die arabischen Sklavenjäger keine Europäer zu, und so konnten Europäer Afrika und seine Menschen erst nach 1870 langsam kennen. An der Verschiffung der Sklaven waren Dänen, Holländer, Franzosen, Briten, Spanier und Portugiesen beteiligt. Das Geld kam von Schweizer Banken in Neuchatel, Genf und St. Gallen, neben einigen britischen und französischen Banken. Schon daraus erkennen wir leicht, wie verknüpft Arabien, Europa und Afrika waren. Selbst vom Gemeinen und Bösen bleibt stets etwas hängen und zurück. Wir alle sind in Schuld, aber auch in der Sühne, miteinander verbunden.

 

Wer wagt nach all diesen historischen Vorgängen zu behaupten, die Afrikaner seien uns ganz fremd?

Schon die  Vögel, die jährlich hin und herfliegen zwischen Europa und Afrika, verbinden beide Kontinente.

Auch die alten Höhlenmalereien von Südfrankreich bis Südafrika haben einen eindeutigen Bezug, bereits vor etwa 30'000 Jahren.

Sogar Winde und Sand, der Harmattan und der rötliche Wüstensand, verbinden beide Kontinente.

 

Auf solchem Hintergrund ist es lächerlich, zu behaupten, Afrika hätte mit Europa nichts zu tun. Europa  kann Afrika niemals mehr hinter sich lassen. Desto stupider kommen da die Schengener Kreise daher, die zur Grundlage nehmen, Schwarze kämen zuletzt an die Reihe. Selbst wenn man die horrende Unterstellung machen würde, Schwarzafrikaner seien weniger zivilisiert oder kultiviert oder seien dem Europäer ganz fremd, muss und darf man behaupten, dass Afrikas Rückständigkeit mit dem europäischen und arabischen Barbarismus zu tun hat. Wir verstossen daher unseren Schatten. Wir verhalten uns psychopathologisch und brauchen eine Therapie.

 

 

2. Teil.

Mali als ein Beispiel von einstiger Weltweite,

die im Laufe der Geschichte kleinkariert wurde

 

Mali ist der Name eines der ersten Grossreiche auf dem afrikanischen Kontinent. Es entstand im 11. Jahrhundert, löste das Gana-Reich (der eigentliche und ursprünglichste Begriff ist Gana und nicht Ghana) ab und gewann in der ganzen Sahelzone Macht. Der Krüppel Sundjata (gest. 1255) wurde zum Islam bekehrt, als er ein grosses Licht vor sich sah, aufstand,  gehen konnte und danach mit dem heiligen Schein das Riesenreich Mali aufzubauen vermochte, vom heutigen Ghana bis zum Tschadsee. Sein Optimismus und sein Elan waren unerschöpflich und enorm, daher ist er im Sufismus längst zu einem Ab-Gott geworden. Ein Nachfolger von Sundjata, Abubakaris II., versuchte 1303, den Atlantischen Ozean zu erforschen und wollte wissen, ob die Welt am Atlantischen Ozean endet. Um das zu erfahren, schickte er eine ganze Flotte von bestens ausgerüsteten 200 Schiffen aus; von dieser Expedition kehrte niemand und nichts zurück. Abubakaris gab nicht auf und schickte nach bester Vorbereitung 2000 Schiffe, die Hälfte davon mit Lebensmitteln und Wasser beladen, aus. Der Kaiser war mit dabei. Auch diese wagemutige Operation blieb ohne jeglichen Erfolg. Ob schon damals zu Beginn des 14. Jh.s Amerika von Afrikanern angefahren wurde? Wir wissen es bis heute nicht.

Ein nachfolgender Kaiser, Mansa Kankan Musa (1312-1355), begab sich 1324 auf die grösste je aus Afrika heraus unternommene islamische Wallfahrt, auf den sog. Hadj, mit einheimisch gezüchteten Pferden und zwei Tonnen Gold in Stangen und Staub. Der Tarik es Sudan schreibt: „Mit insgesamt 60'000 Gläubigen und Bedienten.“ Das viele Gold löste in Ägypten den ersten Währungssturz der Geschichte aus. Wiederum Tarik:   „Dieser Mann goss eine Woge von Grosszügigkeit über Kairo.“ In Arabien tauschte er die Pferde gegen Kamele um. Auf der Rückkehr kaufte Musa alle Gelehrten, Dichter und Musiker jener Zeit im islamischen Raum zusammen. So entstand ein islamisches Gelehrten- und Kulturzentrum von Timbuktu, die grösste Universität der damaligen Zeit.

Mali zerfiel in viele kleinere immer neue Kalifate. Das Malireich trug viel dazu bei, dass es langsam den Islam afrikanisierte, ihn mehr dem sufitischen Geist zuführte, der von den schiitischen wie sunnitischen Richtungen tief verachtet wird, ja, sogar als unislamisch und volkstümlich abgeurteilt wird. So drangen durch die Wüste oder den ganzen Sahelstreifen vom Sudan bis Nordmali diese Dschihadisten ein, Eiferer Gottes, Fanatiker auf der einen Seite, aber andererseits geht es ihnen um Macht. Die neuen Missionare der fundamentalistischen Scharia kommen meist aus der Wüste. Es gab ganz ähnliche Ereignisse im Urchristentum mit den radikalen Mönchen in der Sudanwüste auf Stelen. Sie alle verachteten das Fleisch und die Welt; wohl gerade deshalb wurden sie zu Verächtern von  Menschen, zynisch und grausam. Alle gelangten in den Wahn, dass sie Gott retten müssten. Wer im Kopf und im Wahnglauben soweit kommt, kehrt alles um und löst alles auf - selbst Religion, Mensch und Gott.

Dieses alte Mali hat mit dem heutigen nur den Namen gemeinsam: es leben aber Nachfahren jener Zeit weiter, die heutige sture Elite von Keita, Traore, Toure, Cisse oder Diarra.

 

Diese etwas vergreisten Männer haben dank der französischen Protektion gelebt und überlebt; schon in der Kolonialzeit haben sich die Franzosen auf diese Familien abgestützt. Diese Clans haben die Politik seit der Unabhängigkeit weiterhin bestimmt. Sie wurden nie entkolonisiert.

 

 

3. Teil

Ströme des Islam

 

Malis Oberschicht wurde im 13. Jahrhundert islamisiert. Da der Koran nicht zulässt, dass ein Muslim Sklave wird, verhielt sich die regierende Kaste des damaligen Grossreichs sehr pragmatisch, indem sie bloss einzelne Bauern mit Pferdezucht und keine Armen der Unterschicht zum Islam zuliess. So gab es eine breite Sklavenschicht. Wer sich wehren oder schützen wollte, wanderte entweder weg, wie wohl die bekannten Dogon (heute mit etwa 5% von Malis Bevölkerung) in die Felsklüfte von Bandiagara im Osten des Landes. Andere hingegen stiegen auf, indem sie sich auf afrikanische Weise islamisieren liessen. Solches wäre mit einem strikten Islam kaum möglich gewesen, also nahmen die Menschen eine afrikanische Mischung, die ihnen der Sufismus gewährte. Und so entwickelte sich im Umfeld vom heutigen Mali der am meisten afrikanisierte Islam, tolerant, integrativ und anpassungsfähig, volksnah mit Heiligen und Engeln, angepasst mit Bruderschaften und internen Wallfahrten, also gute Mittel, um immer wieder eine Einheit zu zementieren.

 

So blieb es bis zur Kolonialzeit, als die Franzosen die Querzone des Soudan français errichteten; so wurde die ganze Sahelzone vom Sudan bis Mali benannt. Damit entstand eine geschützte Migrationsroute von Ost gegen West. Nach dem 2. Weltkrieg kamen so die saudiarabischen Wahhabiten (strikte Scharia, Verschleierung der Frau, stark anti-westlich) auch bis Mali und begannen sofort, den afrikanischen Islam lächerlich zu machen; sie nannten ihn Islam noir. Dazwischen kam dann ein weiterer Islam, der grüne von Gaddafi. Mehr und mehr Spannungen kamen hoch, ohne dass die Kolonialmacht und der Westen davon viel mitbekamen. Man kannte sich ohnehin im Islam nicht aus. Den Franzosen waren die Sufisten wegen ihrer Anpassungsfähigkeit recht.

 

Seit der Unabhängigkeit stieg der Einfluss von Saudiarabien dauernd, weil viel Petrogeld in die von Europa karg gehaltene Staatskaste floss. Ein gefährliches Doppelleben der Mächtigen entwickelte sich. Was 1960 als laizistischer Staat begann, geriet mehr und mehr ab 1990 in das Gewirr verschiedener islamischer Strömungen.

 

4.Teil

Die ausgetricksten Tuareg

 

Mali mit der antiken Stadt Timbuktu war das Land, wo der Sahara-Wüstenhandel mit Salz und Gewürzen, mit Häuten und Trockenfleisch, mit Schmuck und Stoffen alles auf Kamelen von Norden nach Süden stattfand. Tuareg und einige Berberstämme beherrschten diesen Handel aus Arabien über Ägypten und Maghreb durch die grosse Wüste nach Süden. Sie entwickelten im Laufe der Zeit eine erstaunliche Härte und Anpassungsfähigkeit.

Doch dann kam die Zeit des französischen Kolonialismus, der diesen Handel in Beschlag oder unter Kontrolle nahm, im Laufe der Weiterentwicklung ersetzte der Lastwagen die Kamele der Tuareg, und das Uran liess strikte französische militärische Kontrollen der Gegend entstehen. All diese Entwicklungen entrissen den Tuareg mehr und mehr Handels- und Bewegungsfreiheit. Sie gerieten in schwere Krisen, die sie erstarren und stur werden liessen. Was die westliche Ethnologie als Tugend hinstellte, war im Grunde eine mentale Blockade.

Die Aussenwelt betrachtete sie als zähe Wüstenwanderer, nicht sesshaft, die mythischen Sahara-Durchquerer, mit allen geheimen Wasserquellen vertraut; aber sie waren nirgends sesshaft und deshalb hatten sie kein Recht auf Land. Erst nach und nach, wie es schien, widerwillig nur, begannen sie zwischen Wüstendurchquerung und einer gewissen Sesshaftigkeit einen Kompromiss zu machen. Doch zornig über die Vergangenheit und dass nicht alles so blieb, wie es scheinbar war, wollten sie auch ein Land. Aus einer Vorstellung, die eher vage und stark mythisch war, forderten sie ohne jegliche traditionelle Titel Land im Norden von Tschad, Niger und Mali. Das führte zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den neu entstandenen Nationalregierungen und der lokalen Bevölkerung. Es gibt also schon seit 1960 einen zermürbenden Kleinkrieg.

Niemand ging auf ihre schwierige Lage ein; im Gegenteil, Ethnologie mystifizierte sie.

In der Kolonialzeit herrschte innerhalb der Frankophonie Freizügigkeit. Der Maghreb, die Sahara und die Sahelzone waren französische Kolonien. Mit der scheinbaren Unabhängigkeit fielen Berber und Tuareg, als ein Teil von ihnen, durch alle Maschen. Sie befanden sich im Niemandsland.

Sie fanden in Gaddafi einen listenreichen Verbündeten. Er stellte seine Armee hauptsächlich aus Tuareg zusammen; gleichzeitig führte er an den Übergängen zu Tschad, Niger und Mali einen dauernden Kleinkrieg – genau für wen, liess er offen. Denn Gaddafi gab sich auch als „grosszügiger Freund“ Afrikas. Als er 2011 fiel, zerfiel mit ihm das ganze Gebilde. Die grössten Leidtragenden waren die Tuareg, denn sie hatten Angst, nach der Libyen - Befreiung verfolgt zu werden, also wichen sie nach Nordmali aus. Islamische Radikale versprachen sofort, auf ihrer Seite zu stehen. Erneut verrechneten sich die Tuareg und durchschauten das gemeine Spiel zu spät. Ein Tuaregstaat entstand, doch die Tuareg wurden von Islamisten, Gangstern und Schmugglern, verwilderten Religiösen und Psychopathen, Drogenhändlern und Kriminellen, die von Lösegeld jeglicher Art leben, missbraucht, übers Ohr gehauen, Sadismus und Masochismus ausgesetzt und das alles versteckt unter dem islamischen Mäntelchen einer radikalen Scharia.

 

 

5. Teil

Die Rolle Frankreichs

 

„Für etwas waren schliesslich die Kolonien da und gut für uns,“ sagte ein französischer Offizier zur Verteidigung der Anwesenheit der französischen Truppen in den allermeisten frankophonen Ländern auch nach der Unabhängigkeit.

Die Franzosen entliessen zwar zähneknirschend ihre Kolonien in die Unabhängigkeit; doch sie blieben – fast versteckt – im Hintergrund und kontrollierten das nun nationale Militär und die Rohstoffe zwischen Sahel und Sahara. Schon längst war im Norden der Länder Mauretanien, Burkina Faso, Mali, Niger und Tschad der Zutritt privater Personen strikt verboten; wie es hiess: „Aus Sicherheitsgründen“.

Andererseits redete sich Frankreich stets heraus, dass die Nationalstaaten unfähig seien, ihre Territorien zu schützen. Frankreich spielte nicht nur ein gefährliches, sondern auch ein gemeines, beinahe rassistisches Spiel, weil es ging, ohne zu gehen. Vom Versteck aus klagte es die scheinbar Verlassenen der Unfähigkeit an.

Die französische Vortäuschung und Heuchelei hat Geschichte. Die Franzosen versprachen den Afrikanern stets, aus ihnen langsam Franzosen zu machen. Sie wollten sie bloss aus der Rückständigkeit herausholen, um sie schlussendlich nach Paris zu bringen. So gab es tatsächlich einige Männer, die es schafften und sogar im  französischen Parlament sassen: Senghor oder Houphouet - Boigny. Leopold Senghor, ein Mitbegründer der Négritude, ein grosser Dichter, späterer Präsident Senegals, schaffte es gar, ein Mitglied der Académie française zu werden. 

Es stand bis vor kurzem (und einige Spuren gibt es bis heute) in den Schulbüchern der frankophonen Kolonien: „Unsere Vorfahren waren Gallier.“ Kein Wunder, dass diese Afrikaner nach ihren Roots Ausschau halten möchten und zu uns nach Europa durchstossen. Die ganze Wanderbewegung hat noch immer mit solchen Mythen aus der Kolonialzeit zu tun.

Frankreich hat während der Kolonialzeit einen Teil seiner Armee aus Afrikanern rekrutiert. Besonderen Bekanntheitsgrad erreichten die senegalesischen Schützen und Füsiliere. Sie standen in der Befreiungsarmee Frankreichs, im Widerstand; sie operierten im Indochina- Krieg; viele Schwarze waren 1954 in Dien Bien Phu, der vernichtenden Niederlage der Franzosen in Vietnam, mit dabei. Dort sahen sie, wie französische Arroganz und absolute Fehleinschätzung des Viet Minh zum Sieg der Kolonisierten führte. Daraus erwuchs bei den Afrikanern der Mut: Diese Franzosen sind schlagbar; sie sind keine Götter.

Die Franzosen hatten nie die Fähigkeit, ihre Kolonisierten richtig und respektvoll einzuschätzen. Ich denke an das NON von Guinea 1958 oder an den Algerienkrieg. Die Franzosen standen und stehen bis heute stets auf der falschen Seite: Von Kaiser Bokasa, ZAR, und Bongo Ondimba, Gabun bis zu Gnasingbé, Togo oder Gbagbo, Elfenbeinküste. Nie steht Paris auf Seite des Volkes; stets stützt es die Veralteten und Korrupten, wobei die ganze Bestechung in der Kolonialzeit begann, und der Kolonialist eine Kultur aufbaute, aus der es bis heute kein Entfliehen mehr gab; man schmeichelte und schmierte; man liess ihn doppelzüngig sprechen, solange die Worte Demokratie oder Wahlen benutzt wurden.

Paris ging stets mit seiner Gross-Industrie, die in Händen einiger weniger Familien Frankreichs liegt, zusammen. Nie wurde etwas in der Frankophonie unterstützt, das einmal hätte zur Konkurrenz werden können. So war die gesamte Entwicklungszusammenarbeit total korrupt und gar nie zum Nutzen Afrikas.

Paris betrieb innerhalb der EU kontinuierlich eine Landwirtschaftspolitik, die Afrika schadete und die dortigen Bauern langsam in den Konkurs oder zum Verleider brachte. Man setzte alle Überschüsse in Afrika ab und ruinierte damit die Preise der einheimischen Bauern. Selbst den in der Sahelzone üblichen Baumwollanbau kontrollierte eine französische Staatsfirma total und drückte die Bauern wie Zitronen aus.

Noch etwas: Die Franzosen haben kaum je ein positives Verhältnis zum Islam gefunden. Über Klischees kamen sie nie hinaus, obwohl es einige gute Islamkenner im Land gab. Man gab sich zwar säkular, aber man spielte Religionen gegeneinander aus. Eine verheerende Spätfolge war der Bürgerkrieg an der Elfenbeinküste, denn die französische Kolonialverwaltung hatte den islamischen Norden nie einbezogen und laufend diskriminiert.

 

 

6. Teil

Sahara und Sahel sind keine Staaten

 

 

Wenn vom Krieg in Mali gesprochen wird, ist das eigentlich inkorrekt, denn dieser Konflikt kennt die nationale Grenze nicht, da die Wüste höchstens kartographisch erfasst, aber nie von einem Staat regiert oder verwaltet wurde. Es existieren kaum Infrastruktur, Strassen, höchstens ein paar kleine Militärflughäfen. Erst mit dem Aufkommen der Handys und nun auch mit Satellitentelefon kann diese Wüste über grosse Distanzen verbunden werden. Bis vor kurzem war eine Orientierung riskant; erst mit dem GPS kann sie einigermassen sicher durchquert werden.

Doch es gibt Leben in der Wüste; es gibt immer wieder kleine Oasen. Man findet selbst an einigen Orten Wasser. Die Tuareg besassen eine 2000 Jahre alte Tradition des Durchquerens der Sahara; sie hatten eine eigentliche Kultur der Wüste entwickelt. Das Wissen wurde von Generation zu Generation weitervermittelt. Doch auch diese Weisheit zerbröselt seit 1950.

 

Eine andere minimale, kaum definierbare Bevölkerungsgruppe kann man als religiöse und materielle Wilderer bezeichnen. Es sind Abenteurer, Mystiker und eine eigene Art von Extremsportler, Künstler des Überlebens. Es sind alle auf ihre Art Fundamentalisten und Extremisten, Wahnsinnige und für den Normalmenschen etwas geisteskrank oder verrückt.

Ich denke bereits an die Wüstenväter des Urchristentums, die in die ägyptisch-sudanesische Wüste zogen, körperverachtend, auf Stelen stehend, immer wieder von Halluzinationen befallen und von ganzen Scharen von Teufeln und bösen Geistern bedroht, gegen die sie kämpften.

 

Ich denke an die Mahadisten, radikale Derwische im Sudan, die im 19. Jh. den Briten als Kolonisatoren übel zusetzten. Die Lage ist beinahe mit der von Mali heute vergleichbar. Da erschien der Endzeitprophet Mahdi (+1885), der nicht nur den sofortigen Himmel für die Kämpfer als auch ein baldiges Ende der Welt versprach. Wie wild gingen diese Mahadisten auf den kolonisierenden Briten los. Es kam zum Anglo-Sudan Krieg 1881-1899, auch als Sudanese Mahdist War bekannt, ein grausames Gemetzel mit schlussendlich 30'000 toten Sudanesen und etwas über 700 Toten bei den Briten. Hier hat Winston Churchill gnadenlos bei der Schlacht von Abera, im April 1898, rücksichtslos mit neuen Kanonen über den Nil in das Mahadi-Heer schiessen lassen. Kanonen gegen Pfeile war das grausame Missverhältnis.

 

Ähnlich heute: aus diesem Band der Wüste von Mauretanien bis in den Sudan kommen die kaum fassbaren und verallgemeinernd benannte Al-Kaida, etwa die Tora Bora oder die Ansar al-Din (Norden Malis), Al Shabab (Somalia), MUJAO (eine mauretanische Abspaltung) oder auch die nigerianischen Boko Haram, alle auch als Jihadisten bezeichnet, aufgeheizt, scheinbar – wie sie meinen – geläutert, im Kampf gegen das Böse, grausam, arrogant. Bei diesen Fanatikern oder „Spinnern“ kommt keine normale Armee an, d.h. solche religiös oder wie auch immer geprägte Menschen werden niemals und durch keinen Krieg ausgerottet. Sie bringen nicht einmal eine solidarische Einheit mit den afrikanischen Sufisten zustande, denn diese sind eher mystisch und träumerisch. Zwischen afrikanischem Sufitum und sunnitisch orientierten Sekten, incl. den Aleviten oder gar Wahabiten, wird es keine Harmonie geben.

Daraus können wir folgern, dieser Wüstenkrieg ist mit nichts mit dem Krieg in Afghanistan zu vergleichen. Aber auch nicht mit Vietnam, denn hier ging es wesentlich um die Entkolonisierung eines ganzen, aber geteilten Landes.

 

 

7. Teil

Ohne Briten

 

Ich wage zu sagen, dass dies kein europäischer Krieg ist. Es ist letztlich eine Angelegenheit der Franzosen mit der von ihr gehätschelten Oberschicht der frankophonen Staatsoberhäupter Westafrikas.

Ich wies bereits darauf hin, dass in alle frankophonen Ländern Westafrikas die Franzosen auch nach der Unabhängigkeit 1960 offen oder versteckt anwesend blieben, jedoch nie in eine Neuordnung eingriffen.

Frankreich hielt bis heute die Exkolonien an der Leine.

Ich wies ebenfalls darauf hin, dass die Wüsten- und Sahelzone eine französische Freizone ohne Zugang für andere ist. Hier liegen ihre jetzigen und zukünftigen Bodenschätze, von Öl, Erdgas, Uran und andere.

Ich wies ferner darauf hin, dass die kleinen korrupten Staatsspitzen, von Mali bis Kongo-Brazzaville, Togo, Gabun oder Benin, von der Elfenbeinküste bis zum Teil von Kamerun und Senegal nur dank Frankreich überlebten und nie von einem Nationalvolk gestützt wurde, sodass bei den kleinsten Unruhen Frankreich über sie den Schutz legt.

 

Ein Nation-building fand in der Frankophonie nirgends statt. Vielleicht wird sich seit des gut organisierten und erfolgreichen Volksaufstands gegen eine 3. Wiederwahl von Präsident Abdoulaye Wade im Senegal 2012 etwas ändern.

 

Und so ist dieser Krieg sowohl ein französischer als auch der frankophonen Oberschicht, die sich noch immer nach Paris ausrichtet und kolonial abhängig geblieben ist.

 

Daher wird Grossbritannien auf keinen Fall eingreifen und mithelfen. Selbst eine NATO würde einen Eingriff kaum wagen, es sei denn, Frankreich würde massiven Druck auflegen. Die Briten sagen hinter vorgehobener Hand: That is your business.

 

Da hilft auch die alte, vom Afghanistankrieg sattsam bekannte Phrasologie von „Mali intervention also secures Europe“ (Prof. Zaki Laïdi, Paris in FT 17.2.13) wenig.

 

 

8. Teil

Neues internationales Recht schaffen

 

Dieser sog. Malikrieg zeigt also letztlich, dass es fast ein Krieg der Vergangenheit ist, eine Sonder-Chimäre. Es hätte 2013 gar nie soweit kommen dürfen, hätten Franzosen zusammen mit ihren Lakaien so weiter-gehandelt wie vor dem 2. Weltkrieg, dem Höhepunkt des Kolonialismus.
Frankreich muss zu seiner Rechtfertigung dauernd auf das 19. Jh. zurückgreifen.

Man kann einfach nicht bei den 1885-6 in Berlin festgelegten Grenzen beharren; diese wurden nicht bloss per Lineal, sondern auch nach puren europäischen Interessen gezogen.

Eine echte Entkolonisierung muss das Tabu dieser Grenzen aufgreifen.

 

Zumal es Grenzen sind, die keine Rücksicht auf Pastoralisten (oder wie man immer noch sagt: Nomaden) nehmen. Die Peul oder die Fulani haben Weiderechte. Wo sind diese heute festgehalten? Es kommt daher zu grausamen Auseinandersetzungen wie in Rwanda/Burundi oder in Nordnigeria. Dasselbe gilt für die Berbervölker, wovon die Tuareg ein Teil sind. Längst hätte Frankreich, zusammen mit der UNO, aber auch im Verbund der Exkolonisatoren aus Europa, sich der Berber und Tuareg politisch annehmen müssen, um zu einer Lösung ihrer berechtigten Forderungen nach Anerkennung und Respekt, nach den ihnen geziemenden Rechten und vielleicht einen eigenen Staat am Rande der Sahara von Mauretanien über Nord- Mali nach Niger bis nach Nord- Tschad zu gewähren. Es ist geradezu lächerlich, einem Volk wie den Tuareg dauernd Grenzverletzungen vorzuwerfen.

Man hätte daher ein Recht für sie entwickeln müssen. Vorerst ein Recht der Durchquerung und Überquerung von künstlich geschaffenen Nationalgrenzen, die ohnehin eine Fiktion waren, würde schon manches bringen.

 

Weil die Welt ihnen nichts zugestand, keinen Respekt jemals zollte, muss es nicht überraschen, dass sie auf trickreiche Verführer hereinfallen. Weltweit haben wir gleiche Probleme:

Minderheiten, die verachtet werden, rechtlos sind, gedemütigt, lassen sich leicht um den Finger wickeln und werden Opfer von Populisten.

 

Ab und zu kommt es mir vor, dass wir hier im Westen viel von Völker- und Menschenrecht reden, doch dabei die Randständigen, Minderheiten, andere Agrarkulturen usw. nicht nur übersehen, sondern bewusst am Rand lassen.

Es entstehen bloss dauernd neue Vorschriften und Gesetze gegen sie. All das schafft Wut und Aggression.

 

 

9. Teil

Die EU und Afrika

 

Nach vielen Umkreisungen komme ich endlich auf die EU. Afrikas Menschen könnten leicht sagen: „Wenn uns etwas tief enttäuscht, dann sind es die Europäer.“ Warum?

Verschiedene europäische Länder haben den Kontinent unter sich aufgeteilt und ziemlich menschenverachtend eingegriffen. Sie nahmen – dem Zeitgeist entsprechend – an, dass Afrika weder Kultur noch Religion, weder eine Agrarkultur noch Wissen über ihre Böden, weder eine Zivilisation noch Anstand besässen. Daher musste man Afrikas Menschen zivilisieren und missionieren und auf allen Ebenen bekehren. Wozu?

Wenn ich historisch zurückschaue, begreife ich, wie grausam viele Kolonialherren und auch Missionare waren, und wie man in Schulen den Stock schwang und schlug. Der Grimm ist fassbar und verständlich. Das haben mehrere afrikanische Schriftsteller aufgearbeitet; es begann mit dem Kameruner Mongo Beti oder dem Nigerianer Chinua Achebe. Dennoch zuckten Kolonialisten und Missionare die Schulter und meinten: „Nicht wahr.“ oder „Masslos übertrieben!“ oder  „Aus Frust heraus, weil sie es in der Schule nicht geschafft haben.“

Man liess sie auswendig lernen; lehrte sie nie das Nachdenken und Vernetzen, nur das Rezitieren. Man nahm voll und ganz den europäischen Stoff und nichts Eigenes. Die Schule bedeutete eine totale Entfremdung. Die Betroffenen wurden nie Europäer, sondern Entwurzelte. Statt sie zu bekehren, brachten wir Europäer sie durcheinander. Ihre Werte fielen daher auseinander.

Und als auch die Afrikaner unabhängig werden wollten, meinte man, sie seien noch nicht reif. Als Guinea 1958 bei einer Abstimmung NON sagte, wurde Frankreich derart böse, dass es sofort alles abzog, incl. die Bürostühle oder für den Bau geplante Bahnschienen und –schwellen.

Man liess kein Geld zurück. Staaten mussten mit Null-Kapital beginnen. Und von Kolonialisten gemachte Anleihen mussten von den neuen Staaten hoch verzinst abgeliefert werden. Französische Kolonien zahlten bis vor kurzem nicht eigene  Schulden, sondern Zinsen für Kolonialanleihen zurück.

Dann entstand nach und nach die EU, die sich als etwas Neues verstand und alle Verpflichtungen der kolonialen Vergangenheit hinter sich lassen wollte.

Man schuf heuchlerisch die AKP, also die exkolonialen Länder in Afrika, Karibik und im Pazifik. Doch nimmt man diese Abkommen unter die Lupe, sind es Formen des Freihandels für EU Multis und die EU Landwirtschaft.

Was jedoch die Afrikaner an der EU am meisten ärgert, ist, das Schengen- Abkommen mit der radikalen Begrenzung für Afrika. Ausgerechnet die ehemalig Kolonialisierten, denen so viel versprochen wurde (wie man sie unterstützen und nach Europa holen wollte) müssen nun mit Restriktionen rechnen. Das beleidigt tief. Ist eine Faust ins Gesicht. Man nennt das die postkoloniale Beleidigung. Für Afrikas Menschen bedeutet dies: juristisch geschickt zurechtgezimmert, um Rassismus  zu verharmlosen und scheinbar nicht zu spüren.

Insgesamt ist die EU Afrika gegenüber nicht nur herablassend, sondern rassistisch. Die EU hat gegenüber ihren einstigen Kolonien noch kein anständiges Verhalten gefunden.

 

 

10. Teil

Die Faszination der Chinesen

 

Auf diesem Hintergrund verstehe ich Afrikas Länder, dass sie auf China zugreifen und China mehr als dem Westen vertrauen. Einige gute Gründe:

  1. China ist direkter und liegt dem afrikanischen Tauschhandel besser, denn letztlich vertraut der Afrikaner dem Geld nicht. Er liebt es zwar und wünscht sich viel davon, doch er hat keine Erfahrung, wie damit umzugehen ist.
  2. Geld verschwindet rasch, denn es muss mit der Grossfamilie geteilt werden; es bringt Konflikte und ist eine permanente Ursache von Korruption.
  3. Bei den Chinesen geht es vereinfacht gesagt um etwas Sichtbares: Wir  geben euch Infrastruktur, bauen Strassen und Eisenbahnen, Sportstadien und Universitäten und ihr gebt uns dafür eure Rohstoffe, die ihr momentan ohnehin nicht selbst zu Tage bringen könnt.
  4. Die Chinesen sind selbst vor Ort und arbeiten schwer, ganz im Gegensatz zu den kolonialen Europäern. Sie leben unter sich in sog. Chinatowns, mischen sich kaum in Lokales ein.
  5. Die Chinesen bringen Billigprodukte, die sich selbst Arme leisten können. So bekommen auch diese etwas in die Hand und sie hoffen, dass Besseres später folgen wird. Dem Afrikaner ermöglicht selbst Billigware einen ersten Schritt in die Türe des vom ihm erträumten Wohlstands.

 

 

11. Teil

Nachdenkliches und Hintergründiges zum Schluss

 

  1. Wir haben im Umgang mit Afrika ganz generell unsere Sprache unter die Lupe zu nehmen. Nur mit erneuertem Wortschatz entsteht nach und nach eine neue Denkweise.
  2. Schon beim langwierigen Unabhängigkeitskampf nannten die meisten Europäer die berechtigten Forderungen „kommunistisch“ und diejenigen, die dafür kämpften, waren „Terroristen“. Heute heisst es allzu rasch „terroristisch“. Wir sollten im Umgang mit Afrika heute sehr vorsichtig sein, das Wort Terror oder Terrorismus in den Mund zu nehmen. Es mögen Wut, aber auch Rachegedanken sein; beide sind teilweise berechtigt. Sie sind meist nichts anderes als versteckte Anklagen an uns Westler. Wir sollten noch vorsichtiger mit dem Begriff Islamisten oder Jihadisten sein, den nur ganz wenige Tuareg oder Berber sind extrem; jemand, der sich laufend an Natur, Klima, Wassermenge usw. anpassen muss, wägt eher ab, als dass er extrem wird. Doch schauen wir die Berichterstattung in unseren Medien an. Das Ganze wird als ein Krieg gegen extreme Islamisten dargestellt. Plötzlich sind alle in den Städten, die die Franzosen einnehmen, Islamisten und Terroristen. Pars pro toto...
  3. Noch heute sind die allermeisten Nachrichten Out of Africa manipuliert. In diesem momentanen sog. Mali-Krieg berichtet letztlich Frankreichs Armee; Journalisten haben keinen Zugang (unter dem Vorwand, dass es lebensgefährlich sei).
  4. Die französischen Soldaten haben von Islam keine Ahnung. Dafür haben sie gar keine Ausbildung – ausser einem Schlagwort: Terror. Sie werden jeden Extremismus al-Kaida in die Schuhe schieben. Dabei mögen die Bösewichte – wie bereits aus Entführungen bestens bekannt – Raubritter, Plünderer, Gangster und Kriminelle, Drogenhändler und Waffenschieber sein; sie mögen Religion bloss vorgeben und nutzen auch bei der lokalen Bevölkerung existierende Klischees und missbrauchen sie.
  5. Viele der gemeldeten (auch kulturellen) Greueltaten passen eher ins Bild von Kriminellen. Vielleicht werden sie bewusst als Gerüchte verbreitet, um die Soldaten und die Bevölkerung abzuschrecken. Schauergeschichten als eine Form des Krieges. Wir wissen bereits, dass die Zerstörungen von Timbuktu bewusst übertrieben wurden, auch wenn sie ohne Zweifel schlimm bleiben. Noch schlimmer ist Krieg mit bewusst gehaltener Unwissenheit und einem Kopf voll mit Klischees. Heute muss auch der Soldat – genauso wie der Missionar – wissen, mit wem er es zu tun hat, damit er auch unterscheiden und abwägen kann.
  6. Vorsicht vor afrikanischen Soldaten – auch wenn sie zur UN Truppe gehören. Eine Solidarität existiert nicht. Sie besitzen keine andere Motivation ausser etwas Sold und ein Leben mit Frauen und Bier. Alle UN Einsätze auf dem afrikanischen Kontinent waren bis anhin eine moralische Katastrophe und keine Friedensmissionen. Die afrikanischen Soldaten vergewaltigten und plünderten; zum Frieden trugen sie nichts bei. Nicht erstaunlich, dass dieser Kriegsjob in Afrikas Ländern sehr begehrt ist. – Ich möchte noch anmerken, dass die treusten und tapfersten Soldaten Westafrikas bislang die Kinder waren.
  7. Kein Wunder, dass die Franzosen den Krieg lieber allein als zusammen mit andern führen. Unter der malischen Armee gibt es keine Einheit – ausser dem Vorurteil, dass alle, die etwas weiss sind, böse Tuareg seien und erschossen gehören. Das ist auch der Grund, weshalb sogar aus der Hauptstadt Bamako die Tuareg und Asiaten geflohen sind.
  8. Da wird von französischer Seite behauptet, sie würden sich rasch zurückziehen und schon bald werde die Normalität einkehren. Nach all dem hier Skizzierten sollte klar sein, dass die Normalität das Problem war und bleiben wird. Jetzt wurde mit diesem Krieg alles durcheinander gewürfelt und definitiv in die Unruhe gebracht. Jetzt braucht es kleine Schritte und positive Zeichen.
  9. Es besteht die Gefahr eines Drohnenkriegs. Aber täuschen wir uns nicht, ein solcher Krieg ist noch unmoralischer, denn wen greift man an und wen trifft man? Kein Gericht kommt mehr dazwischen. Es wird einfach aus Vorurteilen heraus oder aufgrund falscher, klischeehafter Urteile blind getötet.

10. Was ich annehme, ist ein kommendes Raubrittertum. Die Wüste eignet sich bestens dazu. Man kann diese Unsicherheit mit Gangstern, Schmugglern, Drogenhändlern und Waffenschiebern, Abenteurern und Verbrechern nicht Guerillakrieg nennen. Es heisst jetzt zwar, die Islamisten würden untertauchen, um einen verbissenen Kleinkrieg (sowohl in NZZ und TA am 11.2.13) zu führen. Generell sind das Wilderer und keine Krieger; wir haben zu unterscheiden und andere Formen und Worte als Krieg zu suchen.

11. Zum Schluss. Ein Grundprinzip der Ethik zwischen Völkern und Kulturen heisst, die Sprache, Geschichte und Religion der anderen oder des Gegenüber verstehen, sich in andere Verhaltensweisen einfühlen können oder auch ihre Seite wahrnehmen und respektieren. Die anderen sind nicht einfach böse und gegen uns. Europäer haben sich mehr in Afrikaner hineinzudenken, aber auch umgekehrt. Ohne diese Grundlage konnte bis heute gar kein Dialog entstehen. Wir haben sowohl aneinander vorbei gelebt als auch geredet. Das Wort Dialog wird dauernd missbraucht.

12. Nochmals zum Schluss möchte ich eine ernste Frage stellen. Braucht eine heutige Armee bloss Strategen? Vor Beginn jeden Kriegs kommt Ethik ins Spiel. Und Ethik besteht aus einer Einsichtnahme in Vernetzungen und Zusammenhänge. Schon auf dieser Grundlage gab es bis heute kaum je einen gerechtfertigten Krieg. Hier versagt selbst die UNO permanent, denn diese balanciert nur Interessen, wobei die Mächtigsten das Sagen haben.

 

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Al Imfeld©, Zürich/Luzern 19.2.2013