Mission universal - historisch betrachtet

Mission in die Universalgeschichte gestellt

  1. Stell dir vor, diese Welt gibt es seit Jahrmillionen.
    Was soll Mission in dieser Welt eigentlich?
    Ist sie eine sonderbare Spezies? Eine Sternschnuppe oder ein Meteorit?
     
  2. Stell dir vor, seit etwa 1 Million Jahren gibt es den homo erectus.
    Wo war während dieser sehr langen Zeit dieser Gott, den wir meinen und heute glauben? Warum liess er die Menschen allein und teilte sich nicht mit? Warum kommt er so spät mit seiner Offenbarung, die für alle gültig und sogar seligmachend sein soll?  
     
  3. Stell dir vor, als die christliche Zeitrechnung begann, gab es bereits mehrere Weltreligionen oder Spiritualitäten oder Ordnungssysteme, etwa Schamanismus, Taoismus, Buddhismus oder Konfuzianismus.
    Was gab das Anrecht auf „Welt“ und welche Welt? War nicht stets mit „Welt“ ein Anspruch auf mehr als dort in jener Gegend, wo die Religion entstand, gegeben. Heisst das nicht in sich schon, dass es zu Mission kam und somit zu direkter oder sanfter Eroberung?
     
  4. Stell dir vor, da offenbart sich ein Volks-Gott einem Mose(s) unterwegs mit Stammesangehörigen in der Wüste und verspricht ihm ein Land, wo Milch und Honig fliessen und an dem die Nachbarn oder Fremde nicht teilhaben sollen.
    Sollte etwa da wie in einem Experiment ein Gottesstaat en miniature ausprobiert und sollten hierfür entsprechende Hl. Schriften als Unterlage geschaffen werden?
     
  5. Stell dir vor, da hinein kommt nun einer, der sagt, dass dieses alles zu einem Ende kommt und etwas Neues, ein neuer Himmel und eine neue Erde, entsteht. Und dieses Neue sei Er und seine Botschaft. Jesus predigte und lebte Offenheit und durchkreuzte jeglichen Juridismus.
    Sein Erfolg blieb trotz seiner Grösse minimal. Schon früh ging es von Jerusalem nach Antiochien weg.
     
  6. Stell dir vor, da trat ein Paulus aufs Podest, ein Doppelbürger, jüdisch-römisch, der in die damalige Welt, d.h. ins Römerreich hinauszog und die jüdisch-jesuanische Tradition zu predigen wagte. Es kam zu schweren Verfolgungen und Massakern.
    Paulus schuf in diesem Römer-Reich kleine Gemeinden, die meistens aus Sklaven bestanden. Denen kam seine Botschaft als befreiend vor. Sie brauchten Wurzeln und übernahmen daher das jüdische Alte Testament als Botschaften der Wegweisung, des prophetischen Versprechens, und sie selbst lebten nun in der Zeit des Übergangs, hin zur Erfüllung.
     
  7. Stell dir vor, die geglaubte oder vorgestellte Apokalypse kam nicht und man musste sie dauernd auf später verschieben.
    Die Urchristen glaubten an eine Naherwartung. Apokalyptische Literatur war zeitgemäss und beeinflusste den Glauben. Man brauchte nur zu warten und sich in dieser Zeit aufs Ende vorzubereiten. Daher waren Askese, Opfer und Qualen wichtig und wirkten reinigend.
     
  8. Stell dir vor, in der langen Zwischenzeit wurde die Welt eine andere; sie ging nicht unter im geglaubten Sinn, aber sie veränderte sich drastisch und z.T. katastrophal.
    Das Judentum blieb in sich gekehrt und bekehrte sich nicht.
    Das Römerreich zog in den Norden zu den Germanen und Kelten.
    Im Nahen Osten hatten die Lehren von Mani und Zoroaster, beide körperfeindlich und dualistisch, starken Einfluss. Ein Konzil jagte das andere, um den echten christlichen Glauben immer mehr auszuformulieren und in Dogmen zu definieren.
     
  9. Stell dir vor, mitten im Zerfall des Römerreichs übernahm Byzanz mit einem Kaiser Konstantin (306-337), der historisch betrachtet nicht einmal Christ sondern Machtpragmatiker war.
    Vom Glauben an die Inkarnation ging der Schwerpunkt über zu einem Herrscher-Gott.
     
  10. Stell dir vor, Konstantin der Grosse liess sich – aber nur der Legende nach – beim Tod taufen, nachdem er ein neues Weltreich aufgebaut hatte. Darin wollte er die neue Religion, das Christentum, integriert als Staatskirche haben.
    Sehr bald kam es zu massiven Abspaltungen, die nicht mehr nach Rom, sondern Byzanz ausgerichtet waren; es entstanden die orthodoxen Kirchen, alle dem Kaiser oder Monarchen unterstellt. Die Idee der Grossreiche unter einem Gott, das Staatskirchentum, kam grossräumig auf.
     
  11. Stell dir vor, als die Völkerwanderung im 4. und 5. Jh. das Römerreich und das Christentum erschütterte, ging selbst auf dem religiösen Gebiet alles durcheinander.
    Das Christentum war ein Wildwuchs geworden.
     
  12. Stell dir vor, mitten in all diesen historischen Turbulenzen erhielt das Christentum neue Religionsnachbarn und veränderte sich kontextuell im Feld neuer Völker und Gläubiger fundamental. Neue Lehren und Anpassungen an die Zeit mussten gefunden werden.
    Zum Missionieren war der Glaube zu konfus; man musste sich selbst erneuern.
     
  13. Stell dir vor, in dieser römischen Endzeit und der vor sich gehenden Völkerwanderung, musste es eine Erneuerungsbewegung geben. Die Iren mit einer keltischen Klosterkultur und Benedikt von Nursia mit der Gründung des Benediktinerordens
    - Benedikt von Nursia (um 480-547) mit der Gründung des Benediktinerordens, der mit ora et labora eine neue Spiritualität ins Abendland brachte.
    - Die irischen Missionare zogen ab dem 5. Jh. nach Germanien aus. Sie entfalteten den benediktinischen Geist und errichteten an zentralen Punkten grosse Klöster.
     
  14. Stell dir vor, weil das Christentum im Nahen Osten derart dualistisch zerstritten, esoterisch konfus, aber auch korrupt geworden war, musste etwas zur Erneuerung hereinbrechen. Es war ab dem 7. Jh. der Islam, der Altes und Neues Testament und mittelöstliches Gedankengut aufnahm, mit Neuem verband, den Nomaden anpasste, erstaunlich raschen Erfolg hatte und ebenfalls zur Weltreligion wurde.
     
  15. Stell dir vor, dass es nun 3 monotheistische Religionen gab; jede mit einem Hl. Buch. Ans erste, das Alte, vermochten sich die Christen mit dem Neuen Testament anzupassen; mit dem dritten kamen sie nicht mehr zurecht. Hatte das Christentum sich aufs Latein abgestützt, so wurde Arabisch die neue – auch Welt- Sprache.
     
  16. Stell dir vor, das alles ging unserem scheinbaren Selbstverständnis von Mission voraus. Dann kam die Reformation, die zur Folge hatte, dass Christen einander zu bekehren begannen, entweder mit Gewalt oder auch einfach durch Besetzung des Landes durch einen Fürsten als Hoheitsmacht, der seinem Volk den Glauben auf-befahl (cuius regio eius religio). Das war Mission damals.
     
  17. Stell dir vor, dass mit den Entdeckungsreisen oder der Schiffahrt nach Asien auch eine Form von Mission vor sich ging. Schliesslich geschah diese Zeit der sog. Entdeckungen nicht aus purem wissenschaftlichem sondern viel mehr aus politisch-wirtschaftlichem Interesse. Missionare sollten diese „entdeckten“ Territorien absichern, also missionieren.
     
  18. Stell dir vor, dann kam die Kolonialzeit, bei der ein Kolonisator immer in der zugeteilten Kolonie auch seinen Glauben haben wollte. Das machte Herrschaft leichter, dachte man. Im Hinterkopf glaubten noch alle: In meinem Gebiet bestimme ich den Glauben, denn das schafft Einheit.
    So kamen die Briten mit der Anglikanischen Kirche und missionierten. Die Franzosen, Portugiesen und Belgier kamen mit dem Katholizismus. Die Deutschen brachten den Protestantismus mit. Die Kolonialisten überliessen sehr geschickt den Missionaren Kirchen, Schulen und Kliniken. Und sie glaubten, sie stünden in Diensten Gottes.

 

Schlussfolgerungen
aus diesem stichwortartigen Blick in die Geschichte

  1. Eine Idee der Missionierung wie wir sie heute in den Köpfen haben, setzt frühestens mit der Weltumsegelung und Welt- Entdeckung ein. Es ging auch damals viel mehr um eine politisch-ökonomische Absicherung, zumal in der feudalen Gesellschaft nach dem Prinzip „Wem das Gebiet gehört, der bestimmt seine Religion“.
     
  2. Erst mit der Zeit setzte die heute in Kirchen gängige Welt-Interpretation als globale Aufgabe des westlichen Christentums ein.
     
  3. Die heutige Interpretation stimmt – ohne dass sie es merkt – noch sehr stark mit dem Zeitgeist des Kolonialismus überein.
     
  4. Wenn ich sage, dass Mission beendet ist, dann meine ich jegliche kolonialistische Implikation. Alle Kirchen müssen mit einer radikalen Entkolonisierung beginnen.
     
  5. Es hat im Laufe der Geschichte verschiedene Varianten von Mission gegeben; eine geografische ist heute definitiv überholt.
     
  6. Genauso ist überholt die Idee einer systematisch vorbereiteten Bekehrung aus anderen Religionen.
     
  7. Zeugnis geben, ist nicht gleich der alten Missionsidee.
     
  8. Voneinander lernen oder sich beeinflussen lassen, gehört zum zwischenmenschlichen Interesse.
     
  9. Das A und O muss heute heissen: Respekt allen Religionen gegenüber.
     
  10. Eine isolierte und reine, eine wahre und nur gute Religion kann es in einer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr geben.

Wir stehen daher an einem historischen Wendepunkt.
In diesem Sinn ist MISSION BEENDET.

Danke.

&&&

Al Imfeld©, 17. Juni 2012

Für die Buch-Vernissage in der Wasserkirche, Zürich

Mission beendet
Nachdenkliches zur religiösen Eroberung der Welt
ISBN 978-3-7272-1353-3