Energie vitale oder Lebensfreude?

Energie vitale oder Lebensfreude?

Man mag ja sogar mit verschiedenen Begriffen dasselbe meinen; zwischen deutsch und französisch ist klar, dass selbst wenn ein Wort in beiden Sprachen gleich geschrieben wird, liegen die Klänge (le ton) Welten auseinander und der Inhalt kann ein ganz anderer sein.

Noch einmal anders verhält es sich, wenn ein Begriff durch einen Wissenschaftsbereich klar definiert zu sein scheint, dann kann man diesen nicht einfach übernehmen und etwas anderes – wie unterstellt – meinen. So etwas muss schon begründet werden.

Ein solch schillernder Begriff ist das französische Wort animism. Für frankophone Autoren und Forscher sind und bleiben Bantu-Afrikaner bis heute Animisten. Selbst in der Statistik werden sie als solche aufgeführt. Im deutschen Sprachraum wäre es nicht nur verpönt sondern beleidigend, diesen Begriff zu benutzen. Vielleicht hat es etwas mit sprachlicher Korrektheit zu tun.

Warum packt mich Beklemmnis? Nach einigen religionswissenschaftlichen und theologischen Wörterbüchern in deutsch steh in allen ungefähr Folgendes:

Animismus wird die Weltanschauung der niederen Naturvölker genannt, nach welchem alle Dinge als beseelt gelten, wobei also alles Wirken und Geschehen in der Natur von innewohnenden Elementargeistern und Dämonen abgeleitet wird.

Der Begriff geht auf den deutschen Mediziner G.E. Stahl (1660-1734) zurück.

Ein anderer verdächtiger Begriff ist Vitalismus. Vielleicht haben die Franzosen mit Henri Bergson eine andere Tradition oder ein uns abgehendes Denk-Umfeld. Der Begriff kam in die französische Afrikanistik durch Placide Tempels, L.V. Thomas , Marcel Griaule oder J.C. Froelich mit seinem Reader von 1964 rund um Animisme.

  • Nun erscheint im Mai 2010 von der Belgierin Lilyan Kesteloot, Introduction aux religions d’Afrique, worin Afrikas religiöse Wesen der Animismus und Force Vital sind: L’Animisme: Un Pan- Vitalisme dynamique. (Das also noch 2010!)


Fast alle diese frankophonen Autoren greifen ganz bewusst auf den britischen Anthropologen E.B. Tylor (1832-1917) und auf sein Hauptwerk Primitive Culture (1871) zurück. Tylor gilt als Begründer der Kulturanthropologie. Für ihn beginnt Religion (man beachte den evolutionären Ansatz) mit Mythologie und Magie. Es fehlt Metaphysik; man geht davon aus, dass die unmittelbare Natur selbst beseelt ist. Diese Beseelung muss hinter dem Hintergrund der damaligen Mode für Spiritismus begriffen werden.

Dieser Oxford Autor kam erst spät in den frankophonen Raum und er kam erst, als Tylor im anglophonen Bereich bloss noch historischen Wert besass; seine Theorie über und seine Erklärungen des Animismus gelten als einseitig und nahe dem Rassistischen, passen nicht in den Banturaum. Tylor übersah die afrikanische Ahnenverehrung.

Der Begriff animisme passte in die französische Denk- und Arbeitsweise hinein; scheinbar sehen die Franzosen vom evolutionistischen und spiritistischen Unterton weg und haben ihn scheinbar in einen mystischen und holistischen Kontext gestellt. Die frankophonen Anthropologen waren vielmehr Mythenforscher, gingen ganzheitlich vor, suchten stets nach Ontologien und Kosmologien; da half eben der Begriff Animismus.

Nach Tylors Deutung sind die Welt und der Kosmos insgesamt von gutmeinenden (benevolent) und maliziösen (malevolent) Geistern ohne eine Hierarchie bevölkert. Scheinbar erweitern die Franzosen diese Annahme zur Vorstellung: Die Menschen erklären mit Hilfe dieser Geister Glück und Unglück, die dauernd weltweit geschehen. Geister, die mehr fürs Grosse und andere, die innerhalb der Sippe aktiv sind. Diese Geister haben Einfluss auf alles Lebende – und selbst auf Räume und Steine, wenn man etwa von sakralen oder Kraft-Räumen spricht. Diese Geister beeinflussen auch Tiere und Pflanzen, denn alles ist beseelt und energiegeladen. Ja, man vergesse nicht, dass auch umgekehrt Tiere und Pflanzen beseelt sind und ihre eigenen Geister haben.

So etwas passte ins Konzept frankophoner Vorstellung, immer auf dem Weg zum Ganzen und alles Umfassenden; ganz anders als die anglophonen Forscher und Ethnologen, die einfach – fast bescheiden - gewissen Aspekten nachgingen, ganz gemäss der Einstellung von divide et impera. Ihr beliebtes Forschungsgebiet waren Zauberei, Hexerei und Magie oder aber Landrechte und Chieftum.

Die Deutschen standen den Frankophonen näher. Einerseits waren viele von ihnen geniale Linguisten, aber auch in diesem Bereich haben sie aus ihren Vorstellungen heraus manche, leider, bis heute überlebenden Kategorien und Einteilungen geschaffen. Im deutschen Sprachraum dominierten – wie auch bei den Belgiern – die Missionare die Forschung; zum Predigen brauchten sie eine gute Übersetzung der Bibel; im Bereich der Religion gingen sie eher dem Irr- oder Abglauben nach; es konnte doch nicht sein, dass es im dunklen Afrika eine Religion gab.

Die Franzosen waren mit ihrem Vorgehen Religion viel näher als die Deutschen, Engländer und Amerikaner. Den Belgiern - wie Tempels und Kesteloot - ging es nicht anders. Die anderen haben den Begriff Schamanismus erweitert.


Fünf in Zukunft zu beachtende Gegebenheiten

  1. Auf Grund dieser Gegebenheiten wird es einem seriösen Scholar schwierig gemacht, einfach unkritisch und durchmischt Studien aus Frankreich, Grossbritannien, Deutschland, Belgien und USA zu zitieren. Alle klassischen Studien, vom Deutschen E. Dammann bis zum Briten Edward E. Evans-Pritchard sind vorgespurt und nicht schlüssig. Wir haben solches heute einfach zur Kenntnis zu nehmen, ohne dass wir nun Besserwisser sein wollen. Wir alle – auch die Wissenschaftler – sind vom Zeitgeist eingenommen und einer kontinental und linguistisch verschiedenen Kulturvorstellung beeinflusst und sozialisiert.
    Es ist ausserordentlich gefährlich, weiterhin zum Nachweis einer Hypothese rein additiv vorzugehen. Alle Quellen müssen beim Zitieren gewichtet, geortet und in den entsprechenden historischen, kulturellen (incl. agrikulturellen) und sozialen Kontext plaziert werden.
     
  2. Es fällt erst heute auf, dass Ethnologie/Anthropologie die wichtigste Grundlage der Bevölkerung vernachlässigten, resp. gar nicht zur Kenntnis nahmen, nämlich Landwirtschaft und Agrargeschichte.

    Wenn ich zwei Beispiele aus dem Jahr 2010 anführe, wird dieser Zustand schockierend klar. Einerseits die oben erwähnte Kesteloot - Studie und den grossen Ausstellungskatalog, der im Juni zum 50jährigen Jubiläum der kongolesischen, resp. anderen afrikanischen Unabhängigkeiten in Brüssel eröffneten GEO-Graphics. Man ruft nach einer neuen pluralistischen Geographie, aber vergisst die fünfzigtausendjährige Agrargeschichte vollständig. Es geht heute nicht mehr, Peul, Serer und Dogon oder Fang und Manding a-historisch nebeneinanderzustellen. Grundsätzlich besitzen Fischer ein anderes Kulturverhalten als Hirten oder Pastoralisten, anders auch als Hackbauern oder Waldfeldbauern. Flüchtlinge wie Dogon oder Luo mischen sich entweder mit der ansässigen Bevölkerung oder schotten sich anderseits ab und überhöhen ihre Vergangenheit und Herkunft. Es entstehen immer wieder neue Mythologien; nichts bleibt auf immer fest.
     
  3. Die Beeinflussung der zwei Weltreligionen, die Afrika auf ihre Seite ziehen möchten, verursachen schon durch den Kontakt, aber auch aus einem Defensmechanismus heraus, neue Religionselemente. Zwei gute Beispiele sind Schöpfungsberichte und Eschatologie. Das traditionelle Afrika kannte keinen Weltuntergang. Auch die Schöpfung stand wohl kaum derart im Interesse, wie es einige Forscher glauben machen wollen. Ich halte die meisten ethnologisch aufgezeichneten Schöpfungserzählungen als Projektionen. Ein Beispiel kann uns der Deutsche Leo Frobenius sein. Er bereitete grosse Trinkfeste und hörte Nächte hindurch auf Mythen und Schöpfungserzählungen. Heute weiss man, dass Afrikaner schon aus Anstand und Entgegenkommen ihm das erzählten, was er hören wollte. Man suggeriert ferner den Gläubigen oder den Menschen, dass ein zivilisiertes Volk eine Schöpfungsgeschichte besitzen oder die Welt endlich sein müsse. All das kommt scheinbar an und erklärt die in den letzten 50 Jahren entstandenen neuen Kirchen und Religionen – schätzungsweise an die zehntausend.
     
  4. In aller Bescheidenheit und auch mit sehr viel Ehrfurcht können wir feststellen, dass anthropologische Forscher einfach zu rasch auf eine Überhöhung der von ihnen studierten oder erforschten Gegebenheiten tendieren. Sie schlossen das Volk aus; missachteten Folklore und waren zu schnell bereit, etwas als Aberglaube abzutun. Sie suchten stets nach dem Reinen und Vollkommenen (welches eben durchs Volk besudelt wird), und dem Ursprünglichen und schnitten das, was sie als Auswuchs oder Überbordung bezeichneten, weg. Die Forscher der Religion glaubten sich als einzige, die kompetent waren, um zu urteilten über das, was wahr und gut sei; natürlich konnte solches niemals das Volk sein. Ich komme fast zur Annahme, dass diese Forscher sich fast wie Rom verhielten: Sie dekretierten, was der Glaube eines Volks ist und wie er unveränderlich so zu bleiben habe, um die Echtheit nicht zu verlieren. (Aus einer Machtfrage machten sie eine der Religion.)
     
  5. Erst langsam kommen wir zur Einsicht, dass Afrikas Wesen die Mischung, die Mischkultur (genauso wie in der Landwirtschaft) ist. Man ist offen, nimmt auf, stösst aber auch ab. Das ist ein osmotischer Vorgang.
    Viele haben diese Vorgänge nie begriffen. Weil es sich um Afrika handelt, kommt man mit dem tendenziösen Begriff synkretistisch daher, unterstellt dann, dass diese Afrikaner, weil sie nichts haben, hier und dort etwas auflesen, es meist gar nicht begreifen, aber dennoch sich mit diesen fremden Federn schmücken. Das Phänomen taucht immer mehr auch unter Intellektuellen und Puristen bei uns auf, die mit aller Verachtung gegen multi-kulturell sind. Mischung hat keinen guten Ruf in der Religion, doch es gibt keine Religion, die ohne Einflüsse und ohne Borgung von anderen ist. Religion nimmt vom Volk Elemente auf und gibt ihnen eine andere Deutung, setzt sie in einen anderen Zusammenhang. Selbst wenn es eine Offenbarung von oben oder irgendwo von aussen gibt, nichts ist einmalig, denn Worte und Sätze werden in ein bereits existierendes Volk mit Tradition und Geschichte, mit entsprechender Sprache und Assoziationen gestellt. Frech könnte ich sagen, dass bereits die Offenbarung synkretistisch (s. oben) ist.

 

 

Summa summarum

Selbst in der Religionswissenschaft kann niemand mehr eingleisig forschen oder nachdenken. Immer sollten mindestens zwei Ebenen vorhanden sein. Zurück zum Anfang. Man kann zwar bestimmte Begriffe in einen andern Kontext stellen, doch wenn sie schwer vorbelastet sind, wird kein Forscher sie reinwaschen können. Ein solcher Begriff im Zusammenhang ist Animismus. Die Franzosen täten gut daran, nicht mehr in Afrika Animisten zu zählen.

 

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Al Imfeld©, Juni 2010