Ein biologischer Schweizer oder eine Bio-Schweizerin?

Ein biologischer Schweizer oder eine Bio-Schweizerin?

Sind diese Leute dumm, die nun einen biologischen Schweizer züchten? Kaum. Sind sie neidisch oder tendenziös verwirrt, dass nicht ihr Mädchen bei der Auswahl zur Miss Schweiz dran kam? Haben ihnen die verschiedenen Schönheiten auf dem Fernsehschirm den Kopf verdreht? Sind es Rassisten, die behaupten und schreiben: „Whitney Toyloy ist biologisch gesehen keine Schweizerin“. Nein, ich glaube auch nicht, das wäre zu viel Ehre diesen Menschen mit einer solchen Behauptung zugestanden. Übertreiben wir also nicht. „Beruhige dich!“ Kurz und gut: Man sagt im Alltag vieles, so nebenbei, aus einer Frust heraus, meint etwas anderes, als was man genau sagt. Das Leben und die Sprache sind nun einmal kompliziert und verwirrend.

Ich greife etwas auf Geschichte und Geschichten zurück, um zu zeigen, dass viele zum härtesten Wort greifen, damit man eine darunter liegende und meist versteckte Botschaft doch noch etwas hört. Würden diese scheinbar politisch geprägten Menschen einfach sagen: „Ich mag sie nicht“, dann wäre das in Ordnung. Denn Gott hat Vielfalt geschaffen, damit die vielen verschiedenen Menschen eine Auswahl haben. Stellt euch vor, alle wären gleich, was gäbe das für eine Raubtierjagd auf Mädchen.

Gehen wir auf Distanz, das heisst zurück in der Geschichte. Früher war es bei uns in der Innerschweiz der Gegensatz zwischen Rot und Schwarz, noch tiefer ging der Kontrast Berner gegen Luzerner. Ja, es sollte keine Mischehen zwischen Bernern und Luzernern geben. Der Pfarrer warnte davor von der Kanzel herab. Mischehen waren zuerst schwere, dann mit der Zeit leichte Sünde. Dasselbe galt zwischen liberal und konservativ. Wir haben dafür ein Symbol im Gasthof Löwen in Grossdietwil, ein Zentrum im Sonderbundskrieg. Auch damals zerschlugen sich Schweizer die Köpfe. Heute lächeln wir darüber und sagen tief innerlich – jeder für sich auf seine Weise – „wie dumm doch unsere Vorfahren waren“. Oder denken wir an die Trennung in Willisauland und Willisaustadt, die endlich ihr Ende fand. Wir lachen heute darüber, dass die Menschen damals meinten, es ginge um Himmel oder Hölle.

Als mein Grossvater ins Luzernische von Lungern wegen des Stausees auswandern musste, nahm man diesen Chifferli nicht an, denn er war weder Rot noch Schwarz, weil er von Obwalden kam. Die Gründerkantone der Schweiz wurden damals als Älplerkantone verachtet, die Menschen von dort galten als Nomaden, weil sie zur Alp zogen.

Und als mein Vater eine Liberale eines Grossbauern 1934 heiratete, gab es sowohl Familien- als auch regionalen Zoff. Diese Vermischungen galten als gefährlich und deshalb machte man sie wider-göttlich. Stellt euch das vor. Hätte es damals schon eine Missenwahl gegeben, es wären zwei gewesen, genauso wie zwei Käsereien oder zwei Musiken im Dorf.

Man wollte „unter sich sein“; vermischen mit „anderen“ war verpönt; es war gegen den Willen Gottes oder gegen das Himmelreich, sagten die Menschen in ihrer Beschränktheit.

Und heute kehrt das einfach umgekehrt im Wort „kein biologischer Schweizer“ zurück.

Ich gehe auf die nächste Ebene. Nehmen wir einmal die Schweiz vor. Erstens ist sie langsam und mühsam entstanden oder geworden. Zweitens haben wir noch heute viele Kantone, die sich einst von den anderen absetzten. Wir Luzerner mochten am Progymnasium Rebstein die St. Galler nicht. Die Zürcher, die mit der frechen Schnorre, nahmen wir gerade noch an, weil es so wenige waren. Was soll da nun „schweizerisch“ an uns gewesen sein. Wir dachten kantonal. Doch sobald ich zuhause war, identifizierte ich mich mit dem Hinterland. Über Luzern spotteten wir, genau gleich wie über Bern, denn die kamen von oben und aussen und beuteten uns aus; auf jedenfall verstanden sie die Näpfler nicht.

Ich komme also auf das Wesentliche zurück: Eine Schweiz gab es nie biologisch. Eine dümmere Behauptung kann eigentlich nur jemand machen, der oder die nichts über die Schweiz weiss. Die Schweiz ist durch Jahrhunderte hindurch entstanden, historisch und nicht biologisch. Auf unserem Hintergrund gibt es die Kelten und Gallier, die das Gold des Napf wie wild geschürft haben und magische Traditionen hinterliessen; gibt es Reste der Römer, die über den Napf nach Norden zogen und etwas im Laufe der Geschichte auch bei uns hinterlassen haben; gibt es selbst Nordafrikaner, denken wir an unsere Kirchenheiligen wie Mauritius aus der thebäischen Legion; da gab es wohl auch einige Pilger, die auf dem Sankt-Jakob-Pilgerweg hängen geblieben sind; auf jedenfall die Linde (in ihren Schuhen) eingeführt haben..

Im Osten der Schweiz haben wir die Kultur der Walser, aber sogar Einflüsse der Sarazenen. Das Rheintal war eine wichtige Handelsroute, etwa der Fugger.

Ich könnte Beispiele an Beispiele reihen. Doch es genügt, um jeglichen Biologismus als Dummheit stehen zu lassen.

Multikulti, das ist ein Wort, das bestimmte Menschen ärgert. Sie mögen ein anderes Wort wählen, aber ich habe eben darauf hingewiesen, wie manche Kultur diese Schweiz gemacht hat und weiterhin machen wird, denn die Schweiz steht doch nicht am kulturellen Ende, Oder sollen wir das Sennkäppi zu unserem Wappen erklären? Oder etwa einen Traktor, doch dann welchen? Den von Aebi oder Bühler oder gar den Schilter? Vielleicht das Willisauer Ringli mit dem von Hug oder mit Oulevay?

Es wird doch klar, unser Wesen ist die Vielfalt (das multi-); man kann es auch den Föderalismus nennen. Der Schweizer muss auf dieser Ebene seine Identität suchen, nicht im Blut. Ich kann daher zum Ende sagen: „Gottlob ist Whitney Toyloy biologisch gesehen keine Schweizerin.“ Und wer behauptet: „Eine Miss Schweiz soll nicht multikulti sein“, der verlegt die Missenwahl zukünftig in den engsten Familienkreis (doch auch da ist nach neuesten genetischen Forschungen, die Klarheit seltener als angenommen gegeben).

 

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Al Imfeld, 20. Okt. 2008