Die spanischen Nüssli sind kolonial

Die Erdnuss enthält letztlich die Zusammenfassung der ganzen südlichen Agrargeschichte. Zudem ist sie ein wichtiger Teil der Kolonialgeschichte.

 

Sie hat gleich zwei Kontinente zur Mutter, d.h. die genetische Urpflanze (Wildling) findet sich sowohl in Afrika als auch in Südamerika. Somit kann man von zwei grossen Stämmen ausgehen. Die Spanier fanden den einen Zweig in Südamerika und versuchten, diesen weiter zu züchten; man nennt das, aus dem Wildling eine Kulturpflanze machen. Von daher stammt der Name vom spanischen Nüssli. Die Franzosen übernahmen es und "führten" es im Senegal "ein", obwohl es da bereits mindestens vier starke Arten von der Erdnuss gab. Die Kolonialfranzosen nahmen sich keine Zeit, diese afrikanischen Erdnüsse mitzunehmen und sie auf weitere Sorten hin zu domestizieren. Somit kann die senegalesische Erdnuss als kolonial bezeichnet werden.

 

Warum übersahen die Franzosen oder Engländer diese groundnut oder peanut auf dem afrikanischen Kontinent?

 

Wir müssen den damaligen geistigen Hintergrund der Europäer oder den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts in Betracht ziehen. Das heisst, man nahm allgemein an, dass Afrika keine Geschichte hatte und erst durch die Kolonialisten und Missionare langsam aus der evolutionären Entwicklung in die Phase der Kindheit trat. Das hiess also, dass man nicht nach etwas suchte, von dem man zum vornherein annahm, dass es eine afrikanische Pflanzenzucht nicht geben konnte. Naiv gingen diese Europäer auf diesen Kontinent; hatten kaum Ahnung oder gar bestimmte Vorkenntnisse. Es ging hier um raschen Handelsprofit.

 

Interessant ist, dass die Briten in Ghana auf eine tief verwurzelte Peanut-Tradition stiessen. Schon seit dem Mali-Reich im 13. Jahrhundert war die Peanut in der Goldküste (heute Ghana) ein  Grundnahrungsmittel der Armen. Das hat sich bis heute gehalten und wird in der weltbekannten ghanaischen Peanut-Suppe genossen. Sie ist sogar ein Symbol der Ashanti-Religion geworden. - Doch viel besser als die Franzosen waren auch die Briten nicht, denn sie nahmen an, dass die ghanaische Peanut aus Indien komme und wohl in der Zeit des Malireichs eingeführt worden sei, denn auch für die Briten war ganz klar, dass es keine Pflanzenzucht oder Pflanzenpflege vor ihrem Erscheinen gegeben hatte. Und somit hat die Wissenschaft der Pflanzenzüchtung selbstverständlich einen Ursprungsort in Indien angenommen. Die Archäologie und die Genetik haben neue Tore der Erkenntnis geöffnet. Für manche jedoch ziemlich viel Verwirrung ins Ganze gebracht, da man in den Lehrbüchern bis heute diese neuen historischen Grundlagen und das Hin und Her nicht erfasst hat.

 

Wichtig für den weiteren Aufschluss der Erdnuss-Geschichte ist die Bambara Erdnuss. Diese ist heimisch am Nigerfluss östlich von Mopti (in Mali) und ist vor allem hoch angesehen bei den Dogon, einem bis anhin sehr mysteriösen Volk. Die Dogon wurden höchst wahrscheinlich im Malireich verfolgt, weil sie sich nicht in eine Einheit einzwängen liessen. Bei der Flucht nach Süden nahmen sie die Erdnuss mit und züchteten sie weiter.

 

Zurückkommend nach Senegal, das bis heute marktmässig eine zentrale Rolle der Erdnüsse einnimmt. Schon vor der kolonialen Erdnuss kannte es eine lange und gepflegte Tradition unter dem Volk der Serer, das die ganze Trockensavanne genial bebaute. Sie wussten, dass 1. diese Pflanze Stickstoff bindend und somit den Boden befruchtend ist und 2. dieses kriechende Gewächs den Boden abdeckt und somit gegen den Wind von der Wüste her vor Erosion schützt. Sie haben dazwischen immer wieder - sozusagen als Verstärkung - Akazien wachsen lassen, die ebenfalls stickstoffbindend sind, dazu schattenspendend und den Winden Stirn bieten (daher sehen sie so verkrüppelt oder gebrochen aus).

 

Da kamen die kolonialen Experten (bis heute), die nur auf  Ertragssteigerung aus waren, die diese verkrüppelten Bäume fällten, um grosse Erdnussmonokulturen zu errichten; die Erdnuss wurde in die Plantagenwirtschaft aufgenommen. Bei der Erdnussernte entstanden dann diese, von den Einheimischen stolz so genannten "Pyramiden der Armen".

 

Die Franzosen hatten Glück, indem sie eine islamisch sufistische Bruderschaft gewinnen konnten, die die gesamte Pflege der Erdnussfelder und das Ernten übernahm.

 

Senegal ist etwa 90% "islamisch", d.h. es ist die typisch afrikanische Form des Sufismus, der von den Hochformen des Islam nicht nur verachtet, sondern auch als unislamisch bezeichnet wird. Der Sufismus verstand es den Afrikanern den Islam attraktiv zu machen, indem er sie einerseits ins grosse Netz der islamischen Weltgemeinschaft schützend aufnahm, anderseits es gleichzeitig zuliess, dass afrikanische Traditionen weiterleben konnten. Der Sufismus kennt Bruderschaften, die in manchen Dingen dem mittelalterlichen Zunftwesen zu vergleichen sind.  An der Spitze steht eine starke geistliche Persönlichkeit.

 

So vermochten die Franzosen die Mouriden im Senegal für die Erdnussproduktion zu gewinnen. Ihr damaliger Führer Amadou Bamba entwickelte eine eigene Erdnusstheologie, die einer Erdnussmystik gleichkommt.  Ausbezahlt wurde an den geistlichen Führer, der begann das "Mekka Afrikas" in Touba, 120 km von der Hauptstadt Dakar entfernt, zu bauen. Er vermochte die etwa 2 Millionen Anhänger zu Sparsamkeit und Profitstreben zu animieren.

Nach dem 2. Weltkrieg stieg ein Teil der Mouriden in die Auto-Mechanik ein.

 

Sie schufen sich zum Glück ein zweites Bein und vermochten, nach der Mechanisierung im Erdnussanbau zu überleben; so dominieren sie heute den gesamten Busverkehr und die Lastwagen. Touba ist nicht nur eine Mosche sondern wohl auch die grösste Autowerkstatt in Westafrika.

 

Heute liegt die gesamte Erdnusskultur in Krise. Der Vorteil des kolonialen Protektionismus geht vorüber. Die Konkurrenz von anderen Speiseölen (bei uns Raps) ist grausam. Zudem hat die koloniale Grosswirtschaft die Böden ausgelaugt.

 

Senegals Spanische Nüsschen liegen in einem Todeskampf.

Sie wurden ein Opfer der kolonialen Landwirtschaft. Das Spanische Nüssli  muss eine ghanaische Verwandlung in die Peanut finden.

 

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Al Imfeld 

Veröffentlicht in gekürzter Fassung AG Zeitung Dezember 2013