Schwache und heikle Stellen afrikanischer Wirtschaft(en) 2006

Schwache und heikle Stellen afrikanischer Wirtschaft(en)


Einführung zum Grossen und Ganzen

Wie jede Wirtschaft besteht auch die afrikanische aus einem ganzen Netz von Fäden. Es wäre fatal, einen Punkt oder Aspekt allein herauszugreifen. Manchmal fragt man sich, warum Ökonomen nicht vernetzter denken

und mit Schlagwörtern von Sparen bis Privatisierung, von Rohstoffpreis bis gar Grenzöffnung um sich werfen - wie immer wieder bei der Weltbank und erst recht beim IWF (= die Währung, die blind macht) geschehen. Jede Wirtschaft wurzelt in einer zu ihr passenden, aber auch von ihr dauernd geschaffenen Kultur oder Zivilisation, die nicht von heute auf morgen abgestreift oder überstülpt werden kann. Man darf scheinbar Vergangenes nicht als primitiv bezeichnen; und ebenso wenig sollte der Entwickler meinen, die ökonomische Evolution ziele einfachhin nach oben.

Es ist wohl auch fatal, dass - wie es der IWF tut - zuviel auf Währung geachtet und zwischen Keynes und Chicago hin und her gewechselt wird. Die Geld- und Währungsfrage betrifft in 50 von 54 afrikanischen Staaten höchstens 8 bis 10% der Wirtschaft. Wann lernt der IWF Mischrechnungen? Wann endlich entwickelt Ökonomie Analysen einer Tauschwirtschaft? Da waren die Ethnologen bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts weiter, als Marcel Maus die Abhandlung Die Gabe schrieb.

Es ist wirklich fatal, wie ein IWF von einem Nationalstaat ausgeht, bevor das Nation-building wirklich einsetzt. Er trägt mit seinen Massnahmen zur dauernden Zerstörung oder illegitimen Einmischung in diesen schwierigen Prozess auf dem Weg zum Nationalstaat bei. Wir befinden uns noch immer in einem Dazwischen, zwischen Kolonie und Nation.

Es ist mehr als fatal, ja rührt ans Kriminelle, wie Kultur und Religion in der Ökonomie vernachlässigt werden. Das wurde konsequent übersehen, denn man gibt sich aufgeklärt (und wirft gerade etwa dem Islam vor, diese Aufklärung verpasst zu haben).

Im Folgenden versuche ich, thesenhaft auf die vernetzten Details hinzuweisen, bewege mich also etwas weg von der Makroökonomie, der z.B. bei der Weltbank viel zu viel Gewicht gegeben wird. Ich versuche, vom hohen Ross der ökonomischen Dogmatik bei uns im Westen herunterzukommen und gängige Ansichten im Rückspiegel anzuschauen. Ich will nicht behaupten, nur meine Sicht sei wichtig; ich will lediglich betonen: Schaut auch das einmal an!

Ich versuche, einen äusserst komplexen ökonomischen Makrokosmos zu umkreisen. Ich gehe nicht logisch vor. Das Aufgeführte ist nicht wertend gemeint. Nicht immer kommt das Wichtigere zuerst; denn vielleicht gibt es gar kein einzelnes «Wichtig».

Ich versuche, Dinge beim Namen zu nennen. Man werfe mir nicht gleich Herabwürdigung oder Rassismus vor. Ich gebe es zu, es sind alles heikle Schwachstellen. Ich weise auch darauf hin, dass ich Tendenzen aufzeige, und räume damit ein, dass es Ausnahmen gibt.

 

Zum ökonomischen Grundalphabet

1. Mehr als eine Aufklärung braucht es eine industrielle Revolution. Afrika muss systematisch industrialisiert werden. Andere Denkformen und veränderte Einstellungen werden auf dem afrikanischen Kontinent aus dem Umgang mit praktischen, nützlichen oder technischen Dingen erfolgen. Ohne Industrialisierung wird darum auch keine tiefgehende ökonomische Veränderung stattfinden.

2. Landwirtschaft, der Primärsektor, kann nicht auf immer Afrikas Basis sein. Welche landwirtschaftlichen Produkte wollen und können denn afrikanische Länder nach dem Westen exportieren? Baumwolle, Bananen oder Erdnüsse und Zucker? Selbst wenn alle Zollschranken fallen, wird Afrika den landwirtschaftlichen Markt des Westens kaum ritzen. Es fehlt an Tradition, an konstanten Mengen, an Kontinuität und verlässlicher Qualität. So wie die Lage Afrikas sich heute zeigt, könnten sowohl die EU als auch die USA ruhig sagen: «Gut, wir öffnen.» Man käme dadurch auf den Boden der Realität und hinein in einen vielleicht wohl tuenden Wettbewerb.

3. Afrikas Bauern denken immer noch in Kategorien des Tauschhandels, wo beide Partner nicht das Gleiche, sondern Entsprechendes tauschen und etwas für sie Nützliches erhalten. Die Afrikaner spüren es längst, aber wollen es logisch nicht einsehen, dass direkter Rohstoffexport kein Kapital bringt. Da kommt man besser auf den Tausch zurück. Oder man steigt in eine erste Verarbeitung ein (einsetzende Industrialisierung), um den Rohstoffen Wertzuwachs (added value) zu verleihen.

4. Landwirtschaftlicher Export muss rasch vor sich gehen können, muss marktflexibel sein oder neuen Verhaltensweisen sich anpassen, d.h. wendig sein. Dazu fehlt in Afrika die Infrastruktur. Weder sind die neuen oder jungen Nationen flexibel, noch als Handelseinheit gross genug, um in einem internationalen Markt bestehen zu können. Hierfür würde es wohl zwei Dinge brauchen: grössere Einheiten (übernational) und Ausgleichslager. Doch entsteht da sofort ein Problem, weil all diese Staaten im Nation-building-Prozess befindlich und finanzschwach sind.

5. Es fehlen Strassen und Bahnen, um landwirtschaftliche Güter entweder zum Hafen oder zum Flugplatz zu bringen. Bereits diese Infrastruktur macht landwirtschaftlichen Export niemals wettbewerbsfähig. Afrikas Transportkosten sind viel zu hoch. Afrikas Güter sind stets zu spät. Seit der Unabhängigkeit in den 1960er Jahren wurde auf dem gesamten Transportsektor kaum mehr etwas Innovatives oder Konstruktives getan. Die Regierungen hatten kein Verständnis für die Errichtung eines permanenten Unterhaltsystems. Afrikas Strassen sind ein Pothole Horror.

6. Es fehlt die Elektrifizierung, die heute die Grundlage jeder Landwirtschaft ist, denn ohne Tiefkühlung sind weder Export noch Selbstversorgung möglich. Die Tiefkühltruhe und der Kühlschrank kommen vor - oder parallel zu - einer Modernisierung der Landwirtschaft. Auf dem Land fehlen Post, Telefon, Radio und Fernsehen, fehlen auch Kino und Theater, Tanzlokale und Bars. Kirchen allein wären monokulturell und somit bloss ein Beitrag zum undemokratischen Denken und Verhalten. Selbst die Frauenfrage, resp. die Verbesserung der Lage der Frau ist mit Elektrifizierung eng verknüpft. Man denke bloss an den Aufwand des Holzsammelns. Anstatt ganz abstrakt um das Kyotoprogramm würde man sich besser um eine Elektrifizierung Afrikas Sorgen machen und ans Werk gehen.

Illustration von Malangatana Valente Ngwenia, Mosambik, aus: Die Fledermaus und der Himmel, SJW 1779, 1987

7. Die afrikanische Wasserwirtschaft ist bis anhin an zwei Punkten gescheitert:

  1. Durch die vielen NGO’s wurden überall massenweise Brunnen gegraben und man spaltete Dörfer, weil es plötzlich mehrere Brunnen - z.B. schwedische und schweizerische - mit stets anderen Brands gab. Eine Grossplanung gab es nicht. Man grub so viele Brunnen, dass in der Sahel der Grundwasserspiegel nach und nach sank. Wir stehen heute vor einer neuen Austrocknung.
     
  2. Europäische Idealisten bekämpften zu Hause Wasserkraftwerke und übertrugen nun ihre Vorstellung auf Afrika. Anstatt an Konzepten und Umsiedlungen kreativ mitzuwirken, halfen sie mit, die Bevölkerung zu spalten. Die NGO’s hätten als Mittler bei diesen Staudammbauten auftreten sollen. Doch die Helfer waren zu moralisch und handelten nach gut und böse, eine schlechte ökonomische Grundhaltung.

Zwei weitere Punkte müssen angeführt werden:

  1. Eine landwirtschaftliche Bewässerung wurde weder methodisch noch sozial ausgeglichen aufgebaut. Viel Wasser wurde verschwendet, nicht fair zwischen Haushalt und Landwirtschaft aufgeteilt. Wasser wurde unter Bauern zum Spaltelement.
     
  2. Über Pipeline-Systeme oder längere Bodenleitungen - wie bei Öl oder Erdgas - dachten die Entwickler zu wenig nach, weil sie bloss ihr gegenwärtiges Projekt sahen.

8. Es gibt in vielen Teilen Afrikas - von Angola bis Elfenbeinküste, am Horn von Afrika, im Inneren des Kongo, rund um das Zwischenseengebiet - nur eine Ökonomie, die funktioniert: die Kriegswirtschaft, darin eingeschlossen Kinder- und Waffenhandel, Aufrüstung und Jobs für Soldaten. Fast der einzige Ort, wo es Bargeld gibt, ist beim Militär. Wie schwierig eine Ab- oder Umrüstung ist, zeigte Mosambik: Wie können Soldaten entlassen werden, wenn es daneben keine funktionierende Wirtschaft gibt? Man sah das in Angola, wo viele weiterhin den Krieg wollten, bloss um einen Job zu haben. An solches gilt es bei sog. Friedensverhandlungen zu denken. Man kann leicht «Frieden» rufen, aber er kommt erst mit einem ökonomischen Konzept.

9. Es wird in letzter Zeit viel von good governance als Grundlage eines wirtschaftlichen Aufbaus geschrieben. Zugegeben, das politische Klima eines Landes ist zentral für jede Wirtschaft. Selbst im Krieg und bei total korrupten Strukturen wird gewirtschaftet, natürlich entsteht eine Schwarzwirtschaft. Wir haben uns damit einfach abzufinden, aber es hilft wenig, immer wieder die «good governance»-Ideologie zu wiederholen. Es muss etwas dazwischen geben, eben das Informelle, um aus dem Elend herauszukommen. Zwei wesentliche Fragen bleiben im Raum stehen, nämlich: wie viel wird informell belassen und was hilft, um auch den Ärmsten etwas zukommen zu lassen?

10. Falls wirklich zu wenig Hilfe durchkommt, müssen entweder die Hilfswerke die Funktion des Protests in Zukunft als Teil der Hilfe übernehmen, und das heisst: Es gibt keine a-politische Projekt-Hilfe mehr, sie muss wie ein Mahnmal sein. - Aber es kommt sehr oft auch vor, dass die versprochenen Gelder aus dem Westen oder von der UNO gar nie ausbezahlt werden, weil die entsprechenden Projekte fehlen. Was bedeutet das? Wer wird hier zum Vermittler?

11. Eine lobende Feststellung muss gemacht werden: Es gibt auf dem Kontinent doch ein paar Staaten, wo guter Wille regiert und ein respektabler Ansatz zu good governance vorhanden ist, aber man dennoch nicht über die Schwelle des Elends oder der Verarmung hinwegkommt. Selbst die Financial Times (FT) gibt zu (3. August 2005), dass Tanzania und Ghana «have done most things right but remain mired in poverty». In ähnlicher Lage scheinen Botswana und Mauritius zu sein. Wie überschreitet ein Staat die Schwelle der Armut? Was hilft da good governance? Es weist alles darauf hin, dass andere Faktoren dazukommen müssen. Welche?

 

Mehr Gegenseitigkeit

12. Vor dem globalen Export sollte Afrikas Binnenmarkt entwickelt werden. Ein nachbarschaftliches Planen muss auf dem Kontinent ansetzen und es darf nicht länger bloss die Ausrichtung auf den Westen im Vordergrund stehen. Nur so findet letztlich der Fortgang der Entkolonialisierung statt.

13. Auch Afrika muss intern seine Grenzen öffnen. Es sollten langsam Wirtschaftsunionen in Gang gesetzt werden. Politische Grenzbereinigungen sind undenkbar; die Ideologie des Nation-building verhindert es. Eine Öffnung ist nur auf wirtschaftlichem Hintergrund möglich. Afrikas 54 Staaten haben zusammen gut 12’000 Handelshindernisse; an den Abbau dieser sinnlosen Hemmnisse muss systematisch herangegangen werden.

14. Natürlich sollte endlich auch der postkoloniale Westen sich an eine doppelte Öffnungspolitik sowohl für Waren als auch für Menschen machen. Der Westen muss Grenzen gegenüber Afrika (allgemein) mehr und klarer öffnen. Schliesslich waren heutige EU-Länder die einstigen Kolonisatoren und sie tragen immer noch Verantwortung. Man nimmt sich nicht einfach auf der Berlinerkonferenz 1885/86 «für immer» die Kolonien und vergisst sie später, weil sich das Unrecht nicht lohnte. Afrika liegt durch diesen Vorgang, aber auch durch die Einführung der Schulen - in Europa. Was das heisst, muss endlich politisch debattiert werden.

15. Die Kolonialisten vereint mit den Missionaren brachten Afrika ein westliches Schulsystem. Damit haben die meisten Afrikaner Kulturen Europas und Afrikas in sich. Der frankophone Dichter und Sänger Francis Bebey wie auch der anglophone Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka schreiben und singen: «Ich bin beides / Europäer und Afrikaner / bin mehr als jeder Europäer / habe zwei Kulturen / ganz und intim / in mir.» Schulen und Kirchen, Wissen und Gesundheit sind westlich orientiert und auch nach der Unabhängigkeit kaum entkolonialisiert worden. Im Gegensatz zum afrikanischen Islam ist das afrikanische Christentum weitgehend abendländisch geprägt. Es dient einem sozialen Aufstieg, damit leider auch einem Ausstieg aus dem Engagement für die afrikanische Erneuerung, hat also die Tendenz zum brain-drain.

 

Geld, das grosse Geheimnis

16. Der Umgang mit Geld wirft afrikanische Menschen dauernd ausser Rand und Band.

  • Erstens glauben sie weder an Zinsen noch an Rückzahlung; man hat so eine Vorstellung von langsamer Verstrahlung, Nivellierung und Verbrauch. Vom Tauschrecht her denken sie eher an ein Pfand.
     
  • Zweitens sind sie mit Buchhaltung hilflos überfordert; man gibt aus und ist dazu moralisch verpflichtet, wenn ein Verwandter z.B. Schuldgeld benötigt oder krank wird, heiratet oder stirbt. Buchhaltung und Abrechnungen begreift der afrikanische Mensch selten und vollzieht solche Vorgänge bloss, weil der Geldgeber es so will.
     
  • Sie vermögen sich ein verpflichtendes Jahresbudget nicht vorzustellen: Warum soll Geld an ein Jahr mit Datum gebunden sein?
     
  • Warum darf man nicht überziehen, wenn doch Geld da ist?
     
  • Die Folge ist, dass neue Buchhaltungssysteme für Afrika gefunden oder entwickelt werden müssen. Vielleicht kann man an ein Splitting denken: strikte gebundenes Geld und etwas freier verfügbares Geld; Familiengeld wird quasi als Sozialleistung in bestimmten Prozentsätzen hinzugefügt, etc. Ein Alles oder Nichts ist sinnlos.

17. Afrikas männliche Wirtschaftsleute und/oder ökonomische Eliten lieben Konferenzen, endlose Palaver, stellen unrealistische Forderungen mit wenig Bezug zur Wirklichkeit, streiten etwa um Patentrechte, obwohl keine anstehen und noch lange keine anstehen werden. Ähnlich verhält es sich mit Zöllen oder mit dem Öffnen der Märkte: Meist wird um des Prinzips willen, jedoch nicht mit einem Bezug zu einer Wirklichkeit verhandelt und gefeilscht. Wo es ernst gilt, stehen Multinationale Firmen oder TNCs dahinter, und Afrika dient als Vorwand. Afrikas Eliten sind Konferenzgänger geworden, um ein einst verfasstes Papier wieder und wieder zu präsentieren. Viele leben vom Per-diem-Geld. Die internationalen Organisationen und Hilfswerke zahlen den Angestellten gut gemeint, aber aus falschem Sozialempfinden zu hohe Löhne und haben dadurch eine interne soziale Diskrepanz kreiert.

18. Afrikaner müssten schrittweise dahin kommen, im eigenen Lande zu investieren. Momentan fliesst fast alles Geld der reichen Oberschicht auf Banken im Ausland, wo es dann ruht. Um Investitionen im eigenen Land zu ermöglichen, müssen unbedingt die Vorschriften und Formulare reduziert werden, damit auch der Zeitaufwand von einem Jahr auf einen Monat. Begreifen denn die Verwaltungen nicht, dass gerade bei Geld Zeit zentral ist?

19. Afrikanische Wirtschaft benötigt massenweise Kleinkredite, die die Grossbanken nicht gewähren. Das auf dem Kontinent existierende Bankensystem ist (mit Ausnahme von Südafrika) ein reines Parasitenphänomen oder eine Form von Offshore-Banking, nicht aber dem Kontinent dienlich. Modell könnte das westafrikanische Tontine sein, ein rotierendes Spar- und Kreditsystem unter Frauen.

20. Ein Wort zur Sparwut oder Sparmanie. The savings glut ist eine Krankheit und eine politische Manipulation; sie hat weder mit späteren Generationen noch mit Schuldenfreiheit zu tun. Ein Staat ohne Schulden spart nur für andere (Afrika z.B. für die EU und die USA, gibt sogar FT zu) - oder er ist ein Staat, der still steht. Schulden werden für die Zukunft gemacht. Man beginnt etwas auf Kredit, man verändert auf Kredit, und hofft, dieses Wagnis zahle sich aus.

 

Etwas ökonomische Kulturanalyse

21. Der unfassbare Wandel der letzten 100 Jahre warf Afrikas Menschen ausser Rand und Band; sie gaben die alten Werte teilweise auf und versuchten neue zu kopieren, ohne deren Sinn zu verstehen. Das traditionelle Wissen wurde entweder lächerlich gemacht oder - wie etwa das Palaver - überhöht und mythologisiert: Beides zerstörte die früheren Grundlagen und Verhaltensweisen. Man hätte auf diesem Wissen und den Traditionen aufbauen können, doch es fehlten Lehrer und Zeit, es fehlten vor allem auf westlicher (kolonialer) Seite eine positive Einstellung oder ein mitfühlendes Eindenken. Da der Europäer annahm, dass alles Afrikanische primitiv und hinterwäldlerisch sei, besass er niemals den Willen, sich dafür - wie er es sah - herabzulassen. Die Folge davon ist, dass der Afrikaner sein altes Verhältnis gegenüber der Natur verlor, und die Konsequenz für heute heisst, dass er kaum Verständnis für ökologische Probleme hat.

22. Es kam so weit, dass die meisten Afrikaner (vor allem die Männer) Vorgänge kopieren oder nachahmen, ohne sie selbst zu analysieren. Sie lernen auswendig und wiederholen das Memorierte (ab und zu beinahe beängstigend) mechanisch. (Deshalb, sagt ein französischer Leutnant, wäre der Afrikaner der ideale Soldat.) Sie handeln wie religiöse Fundamentalisten und sagen einfach: «So wurde uns gelehrt» oder: «So steht es geschrieben.» Solche Einstellungen haben verheerende Auswirkungen auf das Handwerk. Diese mentale Disposition oder dieses Klima bewirken, dass alle studieren und Papiere (Zeugnisse) haben wollen. Daraufhin geht man in ein Büro, in die Bürokratie und Verwaltung. Man kennt wenig Automechaniker; wenn schon, dann als Wärter an der Tankstelle. Eigentlich will niemand Handwerker sein.

23. Der kolonial bedingte Kulturwandel führte zu einer Verachtung manueller Arbeit. Man bekommt ab und zu den Eindruck, Afrikas Entwicklung beginne mit der Dienstleistung. Da sie entweder zu Sklaven- oder - in der Kolonialzeit - zu Zwangsarbeit gezwungen wurden, bedeutet für Afrikaner Freiheit die Befreiung von der Handarbeit und eine symbolische Rückkehr zum «Reinen». Alles, was schmutzig macht, wird gemieden - und wenn es schon getan werden muss, dann soll es die Frau verrichten. Folge davon ist: Alle wollen studieren und in die Stadt ziehen, um in die Verwaltung abwandern.

 

Philosophie, Ethik, Spiritualität und neues Brauchtum

24. Wahrscheinlich weiss niemand, was Armut ist und woher sie rührt. Viele übersehen gar, dass es eine positive Armut in der christlichen Tradition gibt. Die Mönche waren zu einem Gelübde der Armut verpflichtet. Diese Armut beinhaltete einen wichtigen Kern: Man hatte nichts zum Vererben; nichts gehörte einer Person allein. - Es gab einen schrecklichen Übergang zwischen Armut und Elend. Meist meinen wir heute Elend, wenn von Armut gesprochen wird. Es gibt nämlich eine Armut, die, gemeinsam ertragen, ertragbar wird. Beispiel: Die Armut in den Bergen ist schwerwiegend, jedoch nicht zum Verzweifeln, weil es mehrere sind, die zusammenstehen. Elende haben wir eher in den Städten, wo sich keiner mehr um Verarmung kümmert. Elend zeigt sich in Verschmutzung und im Liegen-und-Gehen-Lassen, was in die Selbstverachtung hineinführt.

25. Mehr Stolz und Selbstbewusstsein, Würde und Vertrauen gewährt Hilfe nicht. Man bettelt sich in andere Welten hinein, ist dort jedoch höchstens entweder ein Schosshündchen oder ein Schlosshund. Bettelnde lügen sich dauernd etwas vor und ruinieren damit ihre Würde nach und nach, bis es nicht mehr geht und sie bloss noch als Wracks vegetieren. Schliesslich beschimpft man den Spender und gleich danach fällt man in Schuldgefühle. Langsam werden beide Seiten nervös und mehr und mehr schizophren. Das ist das Feld der Hilfe, wenn man es nicht rigide kontrolliert. Betteln ist und bleibt Entwürdigung beider Seiten: Der Bettler schämt sich und der Spender schämt sich ebenfalls, weil er ob der Ohnmacht seiner Gabe ein schlechtes Gewissen erhält. Was will man auf solchen Grundlagen aufbauen?

26. Wir Westlichen betreiben zu sehr einen Kult der Nettigkeiten (cult of niceness). Wir tun etwas und tun letztlich nichts oder alles bleibt an der Oberfläche haften. Das bedeutet Hilfe in die Luft hinaus: Aid to the Unaccountable; im Schweizerischen würde man das die Göttibatzenwirtschaft nennen. Selbst Geschenke müssen gesteuert werden, d.h. geplant, begleitet, überwacht, evaluiert. Regierungen müssen strikte kontrolliert werden; lassen sie das nicht zu, muss das ein Ende der Hilfe bedeuten.

 

Pointierte Schluss-Punkte

Auf Grund des beschriebenen Hintergrundes komme ich zu etwas überhöhten Schlussfolgerungen und zu einer Checkliste, vielleicht sind es eher Tendenzen und Neigungen, die mitten in einem verwirrenden Tableau zwischen Vergangenheit und Heute stehen:

  • Afrikas Bauern denken und handeln anders als unsere; sie sind Verwalter von Land; die Arbeit macht die Frau.
     
  • Afrikas Handwerker verhalten sich nicht wie die unseren; sie sind Familien-bezogen; man kennt keine Tradition von Gilden und Zünften; höchstens islamische Bruderschaften, die sich fast mystisch entweder der Erdnuss oder den Lastwagen verschrieben haben.
     
  • Afrika kennt den Arbeiter in unserem Sinne nicht; er ist eher ein Wanderarbeiter; Kontinuität ist für ihn eine Qual; Abwechslung muss her.
     
  • Afrika gibt einem aktiven Unternehmer wenig Raum, denn sofort ist die Verwandtschaft da und will einen Teil haben.
     
  • Afrika kennt die Einzelinitiative nur als Ausnahme; man macht, was andere auch tun; man will nicht auffallen, um nicht herauszufordern oder ein Gleichgewicht zu stören.
     
  • Afrikas Menschen sind Nachfolger, Kopierer, aber selten erfinderisch und kaum variantenreich. Der Schriftsteller Mongo Beti sagte: «Nicht einmal die Not macht in Afrika erfinderisch.»
     
  • Afrikas Menschen sind Befehlsempfänger und gute Diener wohl dank des Kolonialismus geblieben; sie sind treu, schätzen den Patron, stehen zu ihm, ziehen ihn einem Verwandten vor. Im modernen Arbeitsprozess schätzen sie den aussen stehenden Boss; er ist gegenüber Verwandten ihr Schutz.
     
  • Sie sind Ausführende und handeln dementsprechend; sie planen kaum, da ihnen schon sprachlich ein (indogermanisches) Futurum fehlt; Fünfjahrespläne sind Papiere - mehr nicht; man setzt (leider) selten bei eins an.
     
  • Vernetzungen existieren im Familienverbund; darüber hinaus greifende Verbindungen (z.B. Genossenschaft) gibt es nicht oder sie stiften Verwirrung; noch immer gibt eine hierarchische Orientierung im Kopf den Ton an; auf der gleichen Ebene kommt es dauernd zu Kompetenzüberschreitungen.
     
  • Mit-Beteiligung und ein Miteinander überhaupt sind über die Verwandtschaft hinweg meist zum Scheitern verurteilt.

 

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Al Imfeld©    Neue Wege    2006    Heft 2