Die fruchtbare Widersprüchlichkeit des Katholizismus 2005

Die fruchtbare Widersprüchlichkeit des Katholizismus


Vielen Menschen erscheint der Katholizismus heute als verlogen oder heuchlerisch, als widersprüchlich oder populistisch. Der heutige Mensch kann manches nicht wissen und denkt viel zu geradlinig und direkt. Er weiss und versteht nicht - wie sollte er auch? -, dass der Katholizismus von heute ein Produkt der Geschichte und des Wandels ist. Ich decke im Folgenden mit einigen thesenförmigen Erklärungen diese phänomenologische Widersprüchlichkeit auf. A.I.


Im Katholischen ist nichts «ganz allein»

1. Der Katholizismus bejaht bis heute die mündliche Tradition. Das Buch allein oder nur Geschriebenes akzeptierte er nie. Es gibt für den Katholiken nichts ganz allein, auch den Papst nicht. Er kennt nicht ein Prinzip wie der Protestantismus, der sich auf «die Schrift allein» beruft. Katholizismus bedeutet schon dem Wort nach, mehrere Stränge des Glaubensgebäudes gleichzeitig und ineinander verstrickt zu akzeptieren: mündliche Überlieferung, Evangelien, Konzilien, Kirchenväter, Orden, Mystiker, ja sogar Frauen (sehr oft verborgen hinter dem Code Maria) und Laien. Rom oder der Papst allein ist aller Katholizität fremd.

2. Mit Nachdruck darf unterstrichen werden, dass im Katholischen auf allen Ebenen stets verschiedene Kulturen, Denkweisen, Kommunikationsformen, Traditionen und Verhaltensweisen aufeinander treffen, sich gegenseitig beeinflussen und kreuzen. Das ist katholisch und nicht etwas Unwürdiges. Das Katholische besteht im Leben dieses dauernden Widerspruchs. Überall steht der Gläubige dazwischen: zwischen oben und unten, zwischen hierarchisch und horizontal, zwischen Gott und Volk, zwischen Schrift und Oralität, zwischen Rom und Lokalem, zwischen Zentralismus und Basis, zwischen Vergangenem und Gegenwart, zwischen Dogma und Experiment, etc. Damit hat katholische Spiritualität zu leben.

3. Unter diesen Umständen müsste es zu dauernden Auseinandersetzungen kommen, zu Machtkämpfen und zur ewigen Tendenz, nur eins allein zu haben. Der Katholizismus besteht essentiell darin, dass nie eine einzige Kraft - nicht einmal der Papst - das exklusive Sagen hatte, hat und haben wird. Eigentlich besass der Papst im frühen Christentum bloss das Einberufungsrecht und den Vorsitz für Konzilien und Synoden; nur zusammen mit den Bischöfen durfte er verordnen. Heute hat die Kurie das Bischofsgremium ersetzt oder abgelöst. Dieser Vorgang ist fragwürdig.

4. Im Katholizismus stehen «dictum est» und «scriptum est» gleichwertig nebeneinander. So gibt es sowohl eine Buch- als auch eine orale Tradition. Je näher die Geschichte der Moderne kam, desto wichtiger wurde im Westen das Geschriebene. Dieser langsamen Abspaltung fiel selbst die Kurie in Rom zum Opfer, sie erlag der Versuchung, die Lage geschickt zu nutzen und mit Schriftlichem die Welt zu überschwemmen. Der Papst jedoch sitzt vor, strahlt aus, segnet urbi et orbi, neuerdings reist er. Primär schreibt der Papst nicht. Eine Reise sagt mehr aus als eine Enzyklika. Das verstehen selbst Katholiken kaum mehr; aber das Volk spürt es.

 

Das Volk macht Kirche aus

5. Im Katholischen treffen sich bis heute kontradiktorisch hierarchisches und horizontales Denken. Das Christentum war bis zur Reformation in allen Formen stark hierarchisch geprägt. Mit der Französischen Revolution kamen Menschenwürde und Menschenrechte aufs Tapet. Damit hatte der Protestantismus weniger Probleme, denn er war vorbereitet; nicht jedoch der Katholizismus, da der römische Papst und der französische König in Paris so eng verknüpft waren, dass Frankreich nicht nur Tochter, sondern auch Mutter der Kirche sein wollte. Die Kirche setzte sich mit der Aufklärung und der Französischen Revolution nicht auseinander, hielt «dogmatisch» an der falschen Seite fest und hat diesen Kulturkampfkomplex bis heute nicht überwunden. Seit über 200 Jahren verkrampft sich Rom mit dem Papst in einem überholten Feudalismus und hat seither laufend einen eigenartigen Zentralismus ausgebaut.

6. Niemand sollte den Unterschied zwischen Amtskirche und Volkskirche aus dem Auge lassen. Das Gesetzbuch und die Verwaltung - die es braucht - sind noch längst keine Kirche. Kirche macht das Volk aus. Dieses Volk ist keine Herde und will ernst genommen werden. Dieses Volk ist heute von Demokratie geprägt. Niemand, nicht einmal der Papst, kann behaupten, Gott habe keine Demokratie in der Kirche oder Gott habe keine Frauenpriester gewollt. Das sind primär Amtsfragen und keine dogmatisch-theologischen Schlüsse aus einer manipulierten göttlichen Fügung.

7. Religion (re-ligio) schliesst mit Gott zusammen und kümmert sich um Menschen: Sie vereint daher wesentlich das Volk; das Katholische müsste das erst recht tun, denn das Kommen zu den Menschen ist wohl der zentrale Inhalt der Menschwerdung. Bischöfe und Rom haben eine gewisse Führungsfunktion; sie sollten leuchten und Vorbilder sein. Die dauernden Machtkämpfe sind zwar menschlich, aber dürften nicht je länger desto mehr das Römische des Katholischen charakterisieren. Das Pendel kommt auch zum anderen Ausschlag: Die lateinamerikanische Basistheologie kann als solcher Versuch gedeutet werden; das gewöhnliche Volk sollte wieder mehr zu sagen haben, vergisst jedoch, dass jede isolierte Kraft nicht mehr katholisch ist.

 

Gott holt die Menschen in ihrem Kultur-Alltag ab, nicht in Rom

8. Katholizismus schliesst Volkstümliches und Esoterisches ein. Das Vorausgehende, auf dem das Christentum entstand, wurde stets stillschweigend eingebaut, umgeformt, anders oder weiter gedeutet. Wer dem abschätzig «heidnische Einflüsse» sagt, versteht weder etwas von Christentum noch von Geschichte, weder von menschlichem Kulturverhalten und schon ganz und gar nichts vom Katholischen. Menschwerdung findet immer wieder auf einem anderen Kulturboden statt und kann niemals das Vorhandene verstossen, denn das wäre Eroberung. Gott holt die Menschen in ihrem Kultur-Alltag und nicht in Rom ab. Der Katholizismus liess manches so weit als möglich offen und griff von oben höchstens ein, falls es zu einer anscheinenden Überbordung kam. - In den Missionen hatte der Missionar eine unglaubliche Freiheit; immer wieder hiess es etwa: «Wir sind hier in Afrika und nicht in Rom.» - Der chinesische Ritenstreit um die Anpassung der Eucharistie ging verheerend, nämlich römisch, aus.

Silvester an der Copacabana: Macumba- Anhänger/innen tanzen um das christliche Kreuzsymbol herum (Foto: Claus Meyer, Black Star).

9. Der Katholizismus war folglich kulturhistorisch eine gewaltige Kraft. Er liess Bilder und Legenden zu; er schuf permanent neue Folklore. All das geschah lokal, ohne «Rom», aus Kräften und Fantasien des gläubigen Volks, Rom schuf die zentralen Dogmen, das Kirchenvolk kreierte Legenden oder/und Mythen. Beide machen das Katholische aus.

10. Im Katholizismus wurde und wird vieles in der Schwebe gelassen, das hat System und kann positiv interpretiert werden. Nur wenn es zuviel Kontroverse oder gar Spannungen gab, griff die Kirche mit einem Konzil oder einer Enzyklika ein. Dogmatisierungen gab es vor allem in den ersten Jahrhunderten, um dieses Christliche zu definieren, z.B. gegenüber dem persisch-arianischen Dualismus, gegenüber Trinität und Monotheismus, Jesus als Sohn Gottes, etc. Die Scholastik arbeitete die Lehre weiter aus.

11. Die Unfehlbarkeit des Papstes ist kirchenhistorisch zu verstehen. Ihre Definition ist derart verschlüsselt und eingeschränkt, dass sie eher eine versteckte Täuschung der Gläubigen in einer kulturkämpferischen Phase war. Ich wage gar die Behauptung, dass die Unfehlbarkeit eher juristisch als lehrinhaltlich (dogmatisch) gemeint war. Dem Papst gehört schlicht und einfach der Vorsitz; er hat das Recht, die Agenda zu bestimmen.

 

Die Gläubigen sind Katholiken und keine Römer

12. Erst mit dem 19. Jahrhundert, ab 1870 und ganz typisch unter Papst Pius XII., begann Rom dauernd Stellung zu nehmen und geriet prompt zu einem Missverständnis im Rest der Welt. Der Papst leistete dem Irrglauben vielerorts Vorschub, dass jedes Papstwort Dogma sei. Ein Papst konnte traditionell nur gegen den Kaiser Stellung einnehmen. Auf den lokalen Ebenen wurden Erzbischöfe den mächtigen Fürsten zur Seite gesetzt; Bischöfe waren Administratoren und hatten niemals ein Lehramt inne. Das war ein Grund, warum die meisten Bischöfe Kirchenrechtler waren und immer noch sind; also keine Theologen. Für Kirchenrechtler war der Codex Iuris Canonici (Kirchliches Gesetzbuch) wichtiger als die Schrift. Mit dem 20. Jahrhundert geriet der Katholizismus aufgrund der historischen Entwicklung in die Krise: Wer zu allem was sagt und dabei inkompetent ist, verspielt jegliche Glaubwürdigkeit. Plötzlich erwarteten viele Menschen rund um den Erdball, Gläubige wie Andersgläubige, Stellungnahmen des Papstes und der Bischöfe. Dazu waren jedoch weder das Papsttum noch das Bischofsamt und zu allerletzt die Kurie befugt und kompetent. So kam es zum Luftblasenkatholizismus.

13. So erst entstand das zuerst polemisch verstandene «römisch-katholisch» - nun als selbst unter Katholiken mehr und mehr akzeptierte Bezeichnung. Die Gläubigen sind Katholiken, aber keine Römer! Soll etwa der Kongolese oder die Kongolesin «römisch» werden? So wie es verschiedene Formen der Demokratie gibt, so kann es genauso mit dem Katholischen sein. Der US-Katholizismus ist anders als der schweizerische; das jedoch bedeutet längst keine Spaltung. Diese Kirche hat (noch) nicht gelernt, mit Vielfalt und Verschiedenheit zu leben. Wie einer sog. Missionskirche das Multikulturelle so schwer fallen soll, kann nur ideologisch gedeutet werden, d.h. man führt von oben her nicht in diese Richtung. Vielleicht könnte etwas von Mekka gelernt werden: Dorthin pilgert man und holt Kraft, doch gehen von Mekka aus keine Lehrverordnungen. Vielleicht kann man das Ganze umkehren und sagen: Der Papst reist von Rom aus in die Welt. Weltweiter Katholizismus kann Menschen nicht in Rom abholen.

Eine Reise sagt mehr aus als eine Enzyklika: Johannes Paul II bei seinem Polenbesuch 1986 (Foto: Peter Turnley, Black Star).


14. Auch der Katholizismus sollte nie Geschichte als abgeschlossen betrachten. Das Christentum ging aus Jerusalem hinaus nach Damaskus und weiter nach Rom. - Es gibt Übergänge, d.h. man kann das Katholische besser «verteilen» und einiges auslagern. So wie es einst die grossen und stolzen Erzdiözesen gab, so könnte heute Ähnliches in Lateinamerika, Asien und vor allem Afrika entwickelt werden. Das tönt wohl sehr kontrovers. Warum? Rom vergass die entsprechenden Gestalten und Führer auszubilden. Heute müssten verschiedene Diözesen Bischöfe aus anderen Kontinenten erhalten. Wo ist denn eigentlich das Bruder- und Schwestersein im Katholischen, und wo sind die Nächsten?

 

Es gibt eine Machtergreifung der Kurie

15. Langsam fand still und heimlich eine innerkirchliche Umstrukturierung im Katholizismus statt; ich sage dem eine Machtergreifung von oben oder der Kurie im Vatikan. Dazu trug die moderne Kommunikation wesentlich bei. Bis um 1960 war jede Diözese (Verwaltungsbereich) praktisch autark. Wenn ein Bischof einen Priester exkommunizierte oder suspendierte, gab es keine Meldepflicht, weder nach Rom noch zu den Nachbardiözesen. Ein Priester konnte einfach wegreisen, etwa von Europa nach den USA. Am meisten entflohen solche Priester in die Mission: Wie ein männlicher Laie in die Fremdenlegion floh, ging ein Priester in die Mission.

16. Das Christentum - wie jede andere Religion - und somit auch der Katholizismus ist eine Zivilisation oder Kultur. Daneben ist der Papst höchstens eine Person oder ein Event im Ganzen. Einige meinen gar, alle Katholiken der Welt müssten Rom/Vatikan und Papst gleich wahrnehmen. Stellen Sie sich jedoch einen Katholiken aus dem Napfgebiet vor und stellen Sie diesen einem Yoruba aus Ibadan (Nigeria) gegenüber. Selbst als Houphouet-Boigny an der Elfenbeinküste die Basilika von Rom, den Petersdom, exakt (nur etwas grösser) in der Steppe oder Savanne von Yamousoukro nachbauen liess, hatte er bestimmt nicht Rom entführt.

17. Jede Diözese hatte - bis 1960 - ihre zum Teil sehr eigenwilligen Traditionen. Ich erwähne bloss die Bischofswahl in Chur oder die Aufgabe der Chorherren bei der Bischofswahl im früheren Bistum Basel und Lugano mit Sitz in Solothurn. Erst neuerdings will Rom den Bischof bestimmen. Eine falsche Unterwürfigkeit und ein verheerendes Missverständnis katholischer Tradition haben dazu geführt. Die Kodexrevision nach 1960 trieb alles in die Vereinheitlichung, denn Recht liebt Ausnahmen und Vielfalt nicht; Einheitsrecht gilt als Fortschritt der Zivilisation; da wollte Rom doch mithalten.

 

Es existiert ein Doppelsystem zwischen Weltkirche und Orden

18. Es existierte seit langem ein Doppelsystem zwischen Weltkirche mit Pfarrern und Orden mit Mönchen. Neben den Diözesen gab es die vielen Orden. Der Bischof hatte diesen nichts zu sagen und sich nicht einzumischen. Jeder Orden und jede Missionsgesellschaft hatten ihre Traditionen und eigenen Rechte. Kein Wunder, dass es beständig Reibereien gab; deshalb war es das Beste, einfach allen ihr Territorium und eine bestimmte Aufgabe zuzuteilen und sie machen zu lassen.

19. Selbst in den Missionen wurde das Territorium ganz genau einzelnen Gesellschaften und Orden zugeteilt. So missionierten nie im gleichen Gebiet - sagen wir - Jesuiten und Immenseer, irische oder baskische Gesellschaften und Marianhiller wie in Rhodesien (heute Simbabwe) zusammen. Sehr oft waren die Jesuiten das Zwischenglied: Anfänglich missionierten sie in ganz Rhodesien allein, dann holten sie sukzessive andere und teilten ihnen ein autonomes Gebiet zu. Missionsgesellschaften konnten für bestimmte Aufgaben Personal aus den verschiedensten Orden zuziehen. Die Jesuiten trugen meist zum Aufbau des Mittelschulwesens und der kleinen und grossen Seminare für Priesterausbildung bei. Die Missionsgesellschaften unterstanden der (de) Propaganda fide in Rom. Solange die Missionsgebiete nicht dem lokalen Klerus übergeben waren, hatte Rom direkt nichts zu sagen; die Jurisdiktion lag ausschliesslich bei der Propaganda fide.

20. Mit der Unabhängigkeit der einzelnen Kolonien wurden die Missionsgesellschaften den lokalen Kirchen übergeben. Darauf war man weder vorbereitet noch bestanden Traditionen. Rom nutzte diesen Moment und schlug massiv Kapital daraus. Obwohl es gerade umgekehrt hätte vor sich gehen können: Stets wurde «vom Aufbau einer lokalen Kirche» geredet; solches - soll es ernst genommen werden - schliesst Traditionen und Denkweisen vor Ort ein. - Was soll denn die alte Redeweise von der Kirche im Dorf? Nie hiess es die Kirche Roms!

 

Wer eine klare Linie von Rom verlangt, trägt zum Zentralismus bei

21. Seit den sechziger Jahren wird die katholische Kirche mehr und mehr zentralistisch. Es erscheint beinahe tragisch, dass mit einem Konzil der gewollten Erneuerung ein gewisser Formalismus, Zentralismus und Juridismus zunahmen. Fast gewinnt man den Eindruck: Man erneuerte das Recht und engte die Auslegung der Schrift ein. Dazu trugen viele Faktoren bei, der eine mehr, der andere weniger: Neben der Entkolonisierung und der unvorbereiteten Übergabe an einen schlecht ausgebildeten lokalen Klerus waren es nicht verwirklichte Ideen des Zweiten Vatikanischen Konzils, das zu jäh abgebrochen wurde, eine moderne Kommunikation, die ein ganz anderes Zusammenhalten als früher ermöglichte, andere Verwaltungsstrukturen zuliess, und, damit gegeben, die zunehmende Macht der römischen Kurie resp. der Verwaltung, die Schwäche der ab und zu fast arschkriechenden Bischöfe, die immer mehr von Rom abhängig gemacht wurden. Man sprach stets vom schwachen Klerus in den einstigen Missionsländern, doch noch schwächer waren die Bischöfe, vor allem nachdem ihnen auf einmal nicht bloss Kirchenrecht und Verwaltung, sondern geistige und geistliche Führung, Deutung der Schrift und der Zeit abverlangt wurden. Mit Mittelmass lässt sich Recht am besten aufrecht halten. Die Gläubigen denken zu wenig und lassen sich leiten. Da wird etwas vorgeschrieben und keiner fragt, ob diese Stellen überhaupt die Kompetenz haben, solches zu schreiben.

22. Damit geht der Wunsch einher, sofort alles von oben, d.h. von Rom bestätigt und abgesegnet zu erhalten. Die Erneuerer machen den grossen Fehler, dass sie alles autorisiert haben wollen, und werden daher ein kleines Rom. Ja, sie wollen Rom und fragen es und gucken auf jeden Wisch, statt den eigenen Weg zusammen mit lokalen Gruppen zu gehen. Ohne dass manche Erneuerer und/oder Experimentatoren es realisierten, wollten sie sofort den Segen für alles von oben haben. Das ist aber nicht katholische Praxis. Sehr oft liess diese Kirche einfach etwas geschehen und ablaufen und griff erst dann ein, wenn ein Kläger kam. Einst war der globale kirchliche Raum ein breites Experimentierfeld; damit war begreiflicherweise ab und zu etwas zu viel Durcheinander oder Verwirrung verbunden. - Alle, die heute eine klare Linie von Rom verlangen, tragen zum Zentralismus bei.

23. Es sei einmal an die Kopten oder an die mittelöstlichen Orthodoxen, die mit Rom im Frieden und somit einem an Varianten reichen Einklang stehen, erinnert. Hier hat also selbst Rom nach Jahrhunderten (vielleicht auch etwas weniger) nachgegeben und manches als katholisch akzeptiert, was anfänglich als häretisch hingestellt wurde, wie sogar die Stellung des Papstes, verheiratete Priester, eine vor-chalzedonische Lehre, andere Auffassungen vom Hl. Geist oder der Dreifaltigkeit... Was einst möglich, gängig und erlaubt wurde, kann auch heute angenommen und weiter entwickelt werden. Dieser Vorgang kann nun als Prinzip gelten.

 

Das Katholische muss vom Kirchenrecht wegkommen

24. Was nun macht das Katholische aus? Das kat'holon, das Umfassende, Umgreifende und eins in allem und alles in einem. Der oder die Gläubige hat einerseits die Wahl, andererseits hat er oder sie zu wissen, dass Rücksicht zentral ist. Nur Rücksicht schafft Ehrfurcht. Das Katholische muss vom Kirchenrecht wegkommen und den Sprung, zurück in die Religion, wagen. Es heisst, viel Römisches weniger ernst nehmen, dafür jedoch mehr auf die Welt unserer Nächsten ausserhalb des Abendlandes achten.

 

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Al Imfeld©    Neue Wege    2005    Heft 1