Vom Verschwinden der Engel und ihrer verdächtigen Rückkehr 2002

Vom Verschwinden der Engel und ihrer verdächtigen Rückkehr

 

Religionswissenschaftliche Reflexion

1. Religionswissenschaftler stellen fest, dass Engel primär und wohl wesentlich zu den drei monotheistischen Religionen gehören. Falls Gott wirklich der Andere und Absolute ist, kann er gar nicht an die Menschen herantreten, weil er derart verschieden, ja, der absolute Kontrast zu ihnen ist. Gott und die Menschen benötigen Zwischenwesen und Vermittler. Das wird wohl der ursprüngliche Sinn der Engel gewesen sein. Der Islam betonte die Absolutheit Allahs so stark, dass Vermittler zwischen ihm und Menschen selbstverständlich waren. Wie hätte dieser Gott sich Menschen offenbaren können ausser durch Engel? So wurde der Koran vom Erzengel Gabriel entweder diktiert oder surenweise überreicht. Im Christentum wurde die Menschwerdung Gottes durch Engel sowohl angezeigt als auch seine Auferstehung von Engeln begleitet. Auch hier spielte Gabriel als Verkünder eine zentrale Rolle. Im Judentum verhielt es sich ähnlich, wenn auch weniger theologisiert. Jahwe erschien den zentralen Gestalten in allen Arten von Verkleidungen, die später als Engel gedeutet wurden.

2. Afrikanische Religionen und zu grossen Teilen auch die chinesische oder die japanische Kultur benötigen kaum Engel, weil bei ihnen die Ahnenverehrung sehr stark ist. Vermittler sind Ahnengeister. Was anderorts mit Engeln erklärt wird, erscheint in diesen Traditionen als eine Intervention von (Ahnen-)- Geistern. Sie sind genauso reichhaltig und vielschichtig wie in der christlichen Volkstradition die Engel.

Ob nun real existierende Naturreligionen oder ihnen nachfolgende Religionen Engel ins Spiel bringen, sie werden von kritischen Zeitgenossen wohl allzu leicht ins Feld der Esoterik abgeschoben. Notwendig ist die Verbindung zwischen Ahnen, armen Seelen, Erdgeistern und Engeln wohl nicht. Doch auch der Katholizismus kennt diese Verschmelzungen von Ahnen- resp. Arme-Seelen-Verehrung und Engelglauben. Dazu kommt in solcher Konstellation ein neues Engelselement, denn solange arme Seelen nicht ganz erlöst sind, können sie kaum eine Schutz-Funktion wahrnehmen. Der Katholizismus hat eine sehr ausgeklügelte Angelologie entwickelt. Warum?

3. Gerade die vielen Volkselemente weltweit manifestieren, dass Engel älter als alle Religionen sein könnten. Das behaupten sogar Rudolf Steiner und seine Anhänger und Nachfolger (Anthroposophen) oder prononciert die Wiener Volkskundlerin Waltraud Hutter. Ihr Schluss lautet daher logischerweise, was schon lange da war und existent vor aller Religion, werde weiterleben, auch wenn Theologinnen und Wissenschaftler nicht mehr an Engel glauben. Religionswissenschaftler wagen heute die Behauptung, dass Engel vor allen offiziellen Religionen wirksam, begleitend und vermittelnd da waren. Besonders die Idee der Begleitung und des Schutzes geht weiter als aufs Erste Testament - insbesondere auf Tobias oder eine wunderbare Errettung im Buch Daniel - zurück. Bevor Engel in Heilige Bücher kamen, waren sie lebendig im Volk.

Hans Memling: Musizierende Engel, um 1490 (in: Uwe Wolff, Das grosse Buch der Engel, Freiburg-Basel- Wien, 1994, S. 87).

4. Als eine (eigenartige) Form des Weiterlebens sehen amerikanische Volkswissenschaftler die Verwandlung der Engel in moderner Technologie. Viele Weltraumfiguren in den Science Fiction-Filmen seien «modernisierte» Engel, nimmt Malcolm Godwin (Designer, Künstler und Autor von Angels) an. Im amerikanischen Fortschrittsglauben mutieren begreiflicherweise auch Engel; aus ihnen werden alle Arten und Formen von UFO’s.

5. Im analytischen Rückblick fällt noch etwas auf: Engel sind in Patriarchatsgesellschaften stark vertreten; dort, wo Gott gefürchtet wird, weil er strafend, rächend, sogar eifersüchtig und böswillig einfährt. Gott ist in der Sicht einiger Menschen gar ungerecht. Im Christentum müsste mit dem Kommen Jesu in die Welt die Notwendigkeit der Engel eigentlich entfallen. Aber wir kennen dieses Phänomen eines christlichen Paternalismus sehr wohl, vor allem in kolonisierten Gegenden, etwa in Afrika, wo bestimmte Intellektuelle annehmen, der jüdische und christliche Gott habe das Land ungerecht verteilt. Zudem ärgern sich schwarze Intellektuelle darüber, dass dieser Gott weiss ist. In solcher Lage sei es gut, ätherische Engel dazwischen zu haben. Engel sind immer zart, mitfühlend und strahlen Geborgenheit und Sicherheit aus. Statt Gott schützt daher lieber ein Schutzengel die leidgeprüften Menschen.

Paul Klee: Engel, noch tastend, 1939 (in: Wolff, a.a.O. S.126).

6. Bei vielen Völkern und Menschen des Ostens wie des Südens kann der Chief oder der Mächtige gar nicht direkt an Menschen oder Untergebene herantreten. Die Indirektheit hält bis heute - auch in Regierungskreisen - an. Die Begegnung zwischen Herrscher und gewöhnlichen Menschen ist immer vermittelt. Dafür braucht es Boten oder Kräfte, die dazwischen agieren. Engel sind solche Wesen des Dazwischen und des Hin-und-Her. Wann immer Gott übermächtig und von Menschen zu weit weg oder gar im Abseits ist, braucht es diese Engel als Boten dazwischen. Im Volksglauben ist es sinnvoll und logisch anzunehmen, dass es jemand braucht, der Gebete zu Gott trägt. Engel wurden daher Gebetsträger, die Fürbitten von Menschen zu Gott bringen. Im Buch Hiob gibt es den Hinweis, dass ein Engel für einen Kranken Fürbitte bei Gott einlegt.

7. Im Christlichen unterstützte der Glaube an die Gottebenbildlichkeit des Menschen die Engelslehre. Falls Gott ein Geist und voll und ganz geistig ist, wie soll man ebenbildlich sein? Engelwesen vermochten eine Lösung zu geben. Die einfachen Menschen dachten: Wenn schon Engel ohne Körper sind und wir sie dennoch wahrnehmen, so auf einer höheren Ebene Gott erst recht. Es gab ferner eine fühlbare Erklärung für das Gott-gegenüber-Sein. Engel sind Vorstellungs- und Erklärungsversuche; sie sind eine Form von Volkstheologie.

8. Trotz Ebenbildlichkeit bleibt der Engel ein Geist. Im Alten Testament wird mehrfach auf den «Geist vom Herrn» hingewiesen. Der ruach oder das pneuma ist beim gewöhnlichen Menschen nicht vorstellbar; da hilft die Brücke eines Engels. Nach dem Volksglauben zuerst und dann erst nach der Angelologie sind Engel von Gott geschaffen, sie sind personal und geistig aktiv, jedoch an keinen Leib gebunden; und das wird volkstümlich einfach mit Geist umschrieben. Das Volk braucht nicht die langen Erwägungen eines Thomas von Aquin, was denn diese Materielosigkeit sei und bedeute.

9. Vielleicht hat das Engelsphänomen einen Zusammenhang mit dem Element Licht. Wir wissen, wie wichtig Licht ist und darüber hinaus, wie alle mittelöstlichen Religionen dauernd über einen Wesenszusammenhang zwischen Gott und Licht nachsinnen müssten, weil stets die Gefahr existierte, das Licht selbständig zu machen und zur Gottheit zu erklären. Um einen Ausweg zu finden, geschah es, dass Engel zu Lichterscheinungen gemacht wurden. Licht, das von Gott ausging; Licht, das zu Menschen wie ein Bote kam. Licht und Engel wurden geradezu eins.

10. Etwas von diesem uralten Licht und Reinheitsdilemma aus dem Zwischenstromland und aus Vorderindien spüren wir noch im Islam. Theologen meinten, es sei die Versuchung des Dualismus gewesen; noch früher war es der scheinbare Ausweg in den Polytheismus. Damit treffen wir wieder auf Punkt 1, den Monotheismus und seine Engel.

Schlussfolgerung:
Engel sind vielfältiger, als manche Wissenschaftler annehmen und zu erklären suchen. Das Phänomen der Engel - und das muss ein erster Schluss sein - kann nicht so leicht auf die Seite geschoben werden. «Etwas» wie Engel kann nicht 4’000 Jahre als Unsinn existiert haben. Vielleicht fallen heute bestimmte zeitbedingte Aspekte weg, aber es bleibt noch viel Platz für neue Deutungen oder Erklärungen.

 

Abendländische Präsenz der Engel

Seit der Aufklärung verschwanden die Engel bei den Theologen und Theologinnen immer mehr. Heute sind sie theologisch beinahe ausgestorben. Umso mehr rühren sie sich in der Esoterik, und zwar an allen Ecken und Enden. Selbst in der modernen Kunst nehmen sie eine wichtige Stellung ein. Am bekanntesten sind die Engel bei Paul Klee oder Marc Chagall und in den Duineser Elegien eines Rainer Maria Rilke (1875-1926). Immer wird betont, dass echte Dichtung und Malerei visionär seien und Einsichten gewähren könnten, die die Gegenwart noch nicht wahrnimmt. Also Engel als Vorahnungen, sozusagen Gleichnisse aus der Zukunft?

Anne Marie Fröhlich hat eine Anthologie über Engel in der Weltliteratur herausgegeben. Dazu kommt nun noch die eindrückliche Anthologie von Uwe Wolff. Beide Bände sind wahrlich ein Fundus nicht bloss literarischer Kreativität, sondern auch ein Anstoss zu einer philosophischen und theologischen Auseinandersetzung mit Engeln. Rilke z.B. wollte gegen die Tradition angehen. So beginnt eines der Gedichte mit «Jeder Engel ist schrecklich. Und dennoch, weh mir.» Sein «Argwohn Josephs» ist erneuerte und beste Theologie. «Er begriff. Und wie er jetzt die Blicke/recht erschrocken, zu dem Engel hob/ war der fort...»

Unter den Künstlern gab sich keiner so intensiv mit Engeln ab wie Paul Klee. Anders als etwa Georges Rouault, Ernst Barlach, Max Beckmann oder auch Marc Chagall setzte Klee (gest. 1940) sich mit der Mehrdimensionalität der Wirklichkeit auseinander. Weniger bekannt ist, dass Klee gleichzeitig versuchte, etwas von einer «zwielichtigen Zeit» festzuhalten. Bekannt ist sein Satz: « Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.» Am bekanntesten ist die Darstellung «Angelus Novus»: Ein Engel sieht aus, als wäre er drauf und dran sich zu entfernen; er starrt auf etwas, die Augen aufgerissen, den Mund offen, die Flügel ausgespannt, sein Gesicht der Vergangenheit zugewandt. Klee hat mehrere andere Engelsbilder komponiert: «Hoher Wächter», «Wachsamer Engel», «Armer Engel», «Todesengel» oder auch «Engel, noch tastend». Wo sind die Theologen, die so suchend vorgehen?

In der neusten Zeit werden schwebende Schutzengel, freche und fesche Engel zum Motiv der Künstlerin Niki de Saint Phalle (gest. 2002). Sie betont, dass sowohl ihre Kunst als auch ihre Engel «für’s Volk» seien.

Engel und ihre Chöre stehen bis in die neueste Zeit im Hintergrund musikalischer Kompositionen. Vor allem beliebt waren Sanctus-Kompositionen. Engel sind überall, auch in den Jazz eingedrungen.

Aus der Theologie jedoch verflogen die Engel, dafür nimmt sich ihrer die Tiefenpsychologie seit S. Freud und C. G. Jung an. Sind etwa Engel als Freudsche Sexualsymbole oder Jungsche Archetypen einfach Wesen, für die es früher kein anderes Zuhause als die Religion und somit die Theologie gab?

Die Angelus-Glocken für den Englischen Gruss sind verstummt. Läuteten sie einst dreimal täglich, so sind sie nun höchstens noch auf 11 Uhr am hellichten Tag verbannt. Langsam verschwinden sie, weil der Angelus zu viele Menschen stören könnte. Keine Engel musizieren mehr in Kirchen, denn die Cherubime haben keinen Nachwuchs. Karl Barth, sogar Paul Tillich und Karl Rahner haben sich als letzte bedeutungsvolle Theologen noch an die Engelslehre herangewagt. Tillich meint, sie seien «keine eigenständigen Wesen, sondern Strukturen, durch die das Sein seine Möglichkeiten zum Ausdruck bringt». Engel und Dämonen seien «gültige Symbole, in denen die wirklichen Dimensionen des Seins wahrhaft erfahren werden». Unbeholfen, abstrakt, mit Hilfe selbst der Sprache verdrängt, was soll da das Volk begreifen? Es liest von Engeln in den Hl. Schriften, also muss es sie doch geben, oder etwa nicht?

Der gefallene Engel Luzifer von William Blake, dargestellt als strahlender Träger des Lichts (in: Wolff, a.a.O. S. 39).

Katholiken und Katholikinnen sollten übrigens nicht vergessen, dass in der Messe die Präfation dazu auffordert, in den Gesang der Engel einzustimmen, und dass das Sanctus das Lied ist, um mit dem Lob der Engel vor Gottes Thron eins zu sein, und dass im Hochgebet noch immer die Formel steht: «Deine heiligen Engel mögen dieses Opfer auf deinen himmlischen Altar emportragen vor das Angesicht deiner göttlichen Majestät.»

Martin Luther kümmerte sich mehr um den Teufel als um die Engel, betonte nicht nur Paul Tillich immer wieder in seinen Vorlesungen. Niemand dürfe vergessen, dass dieser Teufel ein gefallener Engel sei. Aber auch Luther habe betont, dass zahlenmässig die himmlischen Mächte den teuflischen Kräften überlegen seien. Wo zwanzig Teufel aufträten, sagt Luther, da stünden gewiss einhundert Engel, sonst wäre es auf Erden gar nicht auszuhalten.

 

Was könnten denn Engel heute sein?

Keines der etwa 50 Engelbücher, die ich in den letzten 10 Jahren durchschnüffelte und z.T. seriös studierte, vermochte mir eine moderne Lebensweise mit Engeln vorzuzeichnen; sie gaben Erklärungen aus dem Schatz der Vergangenheit. Die Theologie hat ihre liebe Not mit den Engeln. Am leichtesten gehen Dichter und Zeichner, Maler und Schriftsteller mit Engeln um. Auch ich versuche hilflos ein paar Stichworte für neue Ahnungen und Gestaltungen anzubieten:

Engel sind wohl etwas im menschlichen Leben, das direkt nicht fassbar ist, etwas Zeichenhaftes, ein Vorgang, der mit gewöhnlichen Worten nicht erklärt werden kann. Ich habe selbst zwei Kurzgeschichten mit Engeln geschrieben und da ich aus einer Arme-Seelen-Kultur stamme, weiss ich ganz genau, wann mich eine arme Seele anstösst oder ein Engel über mir auftaucht und ich glücklich bin. Arme Seelen können Furcht einjagen, Engel kaum, sie erzeugen Wohlwollen und Zufriedenheit. Wenn du in einer Gegend plötzlich Glück empfindest, was ist das? Sind Engel also Zeichen oder Vor-Boten göttlicher Anwesenheit?

Walter Benjamin, der im Besitz von Klees «Angelus Novus» war, sah in diesem Bild die Ahnung der auf ihn zukommenden Zeitgeschichte; diese kindliche Bildhaftigkeit vermochte eben mehr zu zeigen als rationalistisches Analysieren. Benjamin wusste jedoch, dass es beides braucht: zum Grübeln Worte, zum Ahnen ein Bild, und dieses Bild kann «der Engel der Geschichte» sein. So wie es ein geheimes Selbst gibt, existiert auch ein versteckter Vorgang der Geschichte, wo sozusagen Zeit und Raum aufgehoben sind. Benjamin schreibt u.a. zum Klee-Bild: «Dieser Sturm treibt ihn (den Engel) unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.»

Woher kommen innere Stimmen und Ahnungen? Wenn irgend etwas oder jemand warnt oder fast hörbar sagt: «Geh weg von hier!», und ein paar Sekunden später die Lawine in die Tiefe donnert und du verschont wurdest, was war <das>? Sind Engel innere Stimmen, die hinweisen oder warnen? Viele Menschen erzählen davon, wie sie gewarnt worden seien: «Tu' das nicht!»

Viele behaupten, einen Schutzengel zu haben. Im heutigen Verkehr sind sie wahrlich notwendig. Ebenfalls in der Hektik des heutigen Berufslebens. Selbst am Fernsehen stelle ich fest, es sind ältere und mittelalterliche Menschen, die sich an ihren Schutzengel erinnern; oder es sind Mütter, die bald Grossmütter werden, die zum Schutzengel für die Grosskinder flehen. Was geschieht eigentlich dabei?

Was bedeutet das «geflügelte Wort» in der Literatur? Gibt es beim Schreiben Eingebungen? Ist das mit Tiefenpsychologie zu erklären? Ist aber diese nicht einfach das Instrument, um etwas Anwesendes hervorzuholen? Jeder Künstler und jede Schriftstellerin stellen fest, dass bei bestimmten Gelegenheiten er oder sie von anderer Hand geführt wird und eine andere Kraft mitwirkt. Etwas, das dieses Dazwischen überwinden hilft, um auf die andere Seite zu gelangen.

Immer wieder stellen wir etwas dazwischen fest, zwischen Körper und Seele, zwischen Himmel und Erde, zwischen dieser Welt und dem Kosmos. Ist es ein gewisses Fluidum, Engeln gleich? Ist etwa das neue Bewusstsein, das wir suchen und herbeiwünschen, mit Engeln verbunden? Ist dieses Bewusstsein ein erhöhtes oder kritisches Wissen auf dieser Zwischenebene, Engeln zu vergleichen? Ich behaupte nicht, Engel und Bewusstsein seien eins. Ich meine bloss dieses Dazwischen, das überbrückt werden muss, um an die Sache heranzukommen.

Andere meinen heute, die Engel seien Archetypen (im Sinne C. G. Jungs) oder mehr noch Boten, die vorher nicht ankommen konnten, weil der Aufhänger zu einem Assoziationsschema fehlte. Diese Engel wären demnach schlafend im Inneren, in der Seele, versteckte Mechanismen, die im Traum oder beim Betrachten einer Ausstellung zu wirken oder sich zu regen beginnen.

Wieder andere meinen eher, Engel seien Ausflüchte, billige Auswege oder gar Fluchtmanöver (im Sinne Klees), genau das, was Menschen unpolitisch macht. Das ist und war die dauernde Angst der politischen Linken. Kann es sein, dass Engel von Politik tatsächlich nichts halten? Gut, dann müsste man Politik und nicht Engel hinterfragen. Vielleicht ist die triviale Politik eben so trivial und beinahe sinnlos, weil sie diese Metaebene, das Feld der Engel, nicht berührt. Engel sind bestimmt kein Fluchtmotiv: Sie zittern inmitten all der tragischen Misserfolge, der menschlich verursachten Katastrophen. Vielleicht haben Klee und Benjamin genau das geahnt. Eventuell haben Engel viel mit Zittern, Schillern, Strahlen, Glimmern, Spiegeln, Aufleuchten oder Durchscheinen zu tun.

Ich habe also verschiedene Zeichen gefunden. Ob Engel vielleicht Hinweise sind - so wie das, was man im Zusammenhang mit Büchern oder Bildern erlebt, wenn beim Lesen oder Betrachten etwas aufleuchtet? Tangiert etwa die Assoziation beim Lesen und in der Kunstbetrachtung das alte Engelsphänomen? Bis ins späte Mittelalter konnte ja niemand vom Volk lesen; malen war auch nicht üblich. Seitdem Menschen also lesen können, sind Engel anders geworden. Beim Lesen scheinen plötzlich Szenen und Personen auf, die ganz klar vor Augen stehen und die Lesenden dem Gewöhnlichen entheben. Ähnliches passiert beim Betrachten von Symbolen und Bildern.

Diese Assoziationen kommen nahe ans Träumen und Spinnen heran, doch sie haben nichts mit Gott und dem Himmel (oder der Hölle) direkt zu tun. Liegt darin die Veränderung der Engel? Sind Engel Träumen vergleichbar? Liegen Engel auf der Ebene zwischen uns und dem Kosmos, vergleichbar und parallel zu unseren Träumen zwischen uns und dem Unbewussten? Irgendwo müssen sie ortbar sein; irgendwie müssen sie erklärbar sein.

Ich habe die alten schrecklichen Engel, die Kriegs- und Todesengel, die apokalyptischen Engel, bis jetzt gar nicht erwähnt. Wären bei diesen Grausamkeiten Engel-Chiffren nicht verdächtig? Ohne man würde dann wirklich den Mut haben, Engel wie ein Hieronymus Bosch wahrzunehmen und zu malen. Engelsforscher spüren sehr rasch, dass diese grausamen Engel sich auf einer anderen Stufe befinden, nämlich des Luzifer, des Teufels, des Bösen. Das Böse ist durch die ganze menschliche Geschichte hindurch ein Geheimnis gewesen und auch geblieben. Etwas, das nicht zu fassen und zu erklären ist, gehört in den Zwischenbereich der Schöpfung. Dorthin wurde also das Böse gesetzt. Da dieser Zwischenbereich bereits von Engeln besetzt war, hatten seit aller Urzeit die Deuter es nicht leicht. Heute jedoch ist nur eines etwas klarer geworden, nämlich, dass dieses Böse mitten unter uns ist und nicht im Zwischenbereich.

Muss, wer den Teufel (wie etwa Luther) akzeptiert, nicht auch die andere Seite, das Gute, die Engel, akzeptieren? Wesen, die vielleicht unsichtbar helfen, schützen, wohlwollend sind und Wellness ausstrahlen? War all das, was einst Kelten oder afrikanische Bantu im Raum spürten, auf das Dasein von Engeln zurückzuführen? Sind gute Konstellationen eine Form des Engelseins?

Gehörten Engel nicht wieder zur Spiritualität? Es gibt so viele Kräfte in dieser Welt, die niemand erklären kann. Einfach Engel als Fluchtphänomen zu deklarieren, hilft niemandem - vor allem nicht der Volksfrömmigkeit. Gewöhnliche Menschen brauchen Symbole, Bilder, Vorstellungen, Parabeln, Gleichnisse etc. Ich glaube, diese Funktion haben Engel über 2’000 Jahre erfüllt.

Könnte es sein, dass bei den theologischen Mechanismen des Abschiebens am Schluss nichts mehr von Engeln übrigbleibt? Nein, schreibt John Berger: «Es gibt überall Spuren der Engel» und sie seien mehr als bloss psychisch oder symbolisch. Engel wollen gesucht sein. Alfons Rosenberg, der heute beinahe vergessene Esoteriker und Freund von Hans Urs von Balthasar, schrieb in einem seiner regelmässigen Rundbriefe 1961: «Mit den Engeln verschwindet auch Gott.» Hatte er recht?

 Adam Elsheimer (fl610): Tobias und der Engel (in: Wolff, a.a.O., S. 144)).


Eine annotierte Bibliographie empfehlenswerter Engelbücher

Die hilfreichsten Bücher der letzten Jahre seien hier angeführt. Es geht also keineswegs um Vollständigkeit der Engelsliteratur (allein im deutschsprachigen Raum seit 1990 etwa 100 Titel), sondern um neuere und erhältliche Titel, die alle lesenswert sind.

  • Heinrich Krauss, Kleines Lexikon der Engel. Von Ariel bis Zebaoth. Verlag C. H. Beck, München 2001. Alles Wissenswerte über Herkunft und Entfaltung der Engel in Judentum, Christentum und Islam. Sehr hilfreich sind die Verzeichnisse aller Fundstellen über Engel sowohl in der Bibel als auch im Koran als Anhang.
     
  • Uwe Wolff, Alles über die gefallenen Engel. Aus dem Wörterbuch des Teufels. Kreuz Verlag, Stuttgart - Zürich 2002. Stichworte in alphabetischer Ordnung von Antichrist und Beelzebub über Fatima und S. Freud, Hexen und Luzifer, bis Poltergeister und Schwarze Messe, Teufelspakt und Zarathustra oder Zombies. Diese Art der Vorgehensweise macht das Buch spannend bis zum Schluss.
     
  • Heinrich Krauss, Die Engel. Überlieferung, Gestalt, Deutung. CH. Beck, München 2000. Knapp und präzise - wie es eben ein Jurist, Philosoph und Theologe vermag - wird Auskunft über Engel-Überlieferung gegeben. Interessant ist das Kapitel über «das Unbehagen der Theologen».
     
  • Rex Hauch, Hrsg., Engel - die unsichtbaren Boten. Berichte und Interviews über Begegnungen der seelischen Art. Aus dem Amerikanischen. Deutscher Taschenbuch Verlag, dtv 30488, München 1995. Jüdische und christliche Theologen, Naturwissenschafter und Psychologen etc. umkreisen von allen Seiten die Erscheinung der Engel. Ein echt amerikanischer Vorgang, unbeschwert von der gesamten historischen Auseinandersetzung; einfach so, wie es jetzt erlebt wird.
     
  • Uwe Wolff, Hrsg. Das grosse Buch der Engel. 3. Aufl. als Sonderausgabe bei Herder, Freiburg 2002. Ein prachtvoller Grossband mit Farbbildern und einem riesigen Schatz literarischer Texte nach Themen gruppiert: Erster Chor der Engel im Anfang; Zweiter Chor der Engel von Flügeln zugedeckt: Lieben und Leiden unter Engeln; Dritter Chor: Welt des Kindes (Schutzengel); Vierter Chor: Verwandlungen; Fünfter Chor: Natur; Sechster Chor: Die grosse Schau; Siebter Chor: Gottesstreiter; Achter Chor: Werden wie die Engel; Neunter Chor: Halleluja in Ewigkeit: Singen, Schauen, Jubeln.
     
  • Robert C. Smith, Schutzengel und Heilengel. Das wunderbare Wirken unsichtbarer Helfer. Heyne esoterisches Wissen. TB9728, München 1997. Was sind Engel? Führer und Beschützer, Liebende und Freunde, beruhigend und tröstend, präsent bei Übergängen.
     
  • Malcolm Godwin, Engel. Eine bedrohte Art. Aus dem Englischen. W. Heyne Verlag, München 1995. Ein reich illustrierter Band; Kunstgeschichte und etwas New Age-Theologie in einem. Engel sind hier Mittler zwischen Gott und Menschen.
     
  • Waltraud Hutter, Hrsg., Engel. Faszination und Geheimnis. Styria Verlag, Graz 2001. Wo finden wir Engel Vom Judentum zum Neuen Testament, in anderen Kulturen, im Mittelalter oder bei den Dichtern. Mit Hymnen, Gebeten und Liedern.
     
  • Michael Serres, Die Legende der Engel. Aus dem Französischen. Insel Verlag, Frankfurt 1995. Ein packender Bild- und Textband, von einem französischen Schriftsteller und Professor der Philosophie. Ein Beispiel, wie Kunst und Literatur eng mit Engeln zusammengehen. Ein Meditationsbuch, das zum Nach-Fragen Anlass gibt, und das wäre echte Meditation. Engel nehmen uns plötzlich in Tiefen hinab und über alle Höhen hinaus.
     
  • Sophy Burnham, Engel. Erfahrungen und Reflexionen. Aus dem Amerikanischen. Walter Verlag, Olten 1992. Dies ist ein exemplarisch esoterisches Buch. Die Amerikanerin hat mit 28 ein aussergewöhnliches Erlebnis und kommt auf eine Engelsdeutung. Sie kannte zuvor keine Engel, aber dann geht sie Spuren von Engeln nach, um damit auch uns eine Kulturgeschichte der Engel zu geben.
     
  • Ingrid Riedel, Engel der Wandlung. Die Engelbilder Paul Klees. Herder/Spektrum, Hardcover, Freiburg - Basel 2000. Meditative Texte, die mit Worten den Zeichnungen Klees folgen. Sie zeigen auch klar die Mischung von Tragik und Aufbruch, von Schönheit und Angst vor totaler Zerstörung, letztlich Wandlungsmöglichkeiten, die wohl das Phänomen Engel ausmachen.
     
  • Michael Debus/Günther Dellbrügger, Engel-Erfahrungen. Was Mensch und Engel füreinander bedeuten. Verlag Urachhaus, Stuttgart 1998. Bei Engeln kommt keiner heute um Rudolf Steiner herum. Hier ein erstaunliches, fast provozierendes Bändchen, das auf dem Satz von Paulus basiert: «Wisst ihr nicht, dass sich an uns sogar das Schicksal von Engeln entscheiden wird?» Debus kennt drei Sphären von Engeln: Gehen, Sprechen und Denken; ihnen zugeteilt sind Archai, Erzengel und Engel. Engel, Erzengel und Archai haben sich zurückgezogen und den Menschen für mündig erklärt.
     
  • Gisela Zimmermann, Ein Engel dir zur Seite. Von den stillen Begleitern auf unseren Wegen. Herder Verlag, Freiburg 2001. Da Engel scheinbar tot sind, sammelt die Religionspädagogin Zeugnisse, Geschichten und Gedichte, Grunderfahrungen u.a. von Max Frisch, Dorothée Solle, Anselm Grün oder Romano Guardini. Alle Kapitel sind überschrieben mit «Einen Engel wünsch ich dir -», gefolgt von Untertiteln.
     
  • Uwe Wolff, Breit aus die Flügel beide. Von den Engeln des Lebens. Reihe akzente. Herder, Freiburg 1998. Immer wieder versucht der Autor, Engeln auf die Spur zu kommen. Die Kapiteltitel sagen klar, um was es geht: Engel der Geburt, der Kindheit, der Jugend, der Liebe, der Berufung, des Kampfes, der Vollendung. Sehr viel Material aus Weltliteratur und Religionen.
     
  • Silver Ravenwolf, Die schützende Kraft der Engel im täglichen Leben. Aus dem Amerikanischen. Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/München 1999. Das ist definitiv ein esoterischer Leitfaden: Wie bringt man Engel wieder zum Beschützen der Menschen, wie nimmt man Kontakt auf mit Engeln? Dieser «praktische Leitfaden» enthält auch zahlreiche Übungen.
     
  • Raoul Schrott/Arnold Mario Dall'o, Das Geschlecht der Engel. Der Himmel der Heiligen. Ein Brevier. Hanser Verlag, München 2001. Eine ausserordentlich bibliophile Ausgabe: Literatur und Kunst (Dall'o) vereint im Dialog. Engel und Heilige erscheinen als Gegensatz, Kontrast und Lust. Zum Beispiel: «Wir sind nichts als von Engeln gedacht, und die Engel, sie existieren nur in unserem Denken; das ist unser Paradoxon, nicht das ihre.» Und: «Ich vertraue den Engeln, ohne auch nur im geringsten an sie zu glauben.» Oder: «Ein Engel ist nichts als die personifizierte Bedeutung der Fragen, die wir stellen.»
     
  • Sara Maitland, Ich und mein Engel. Vorwort von Dorothée Solle. Aus dem Englischen. Echter Verlag, Würzburg 1998. 19 Kurzgeschichten, hervorgegangen aus einer BBC-Sendereihe, erzählt von Maitland. Solle: «Willst uns doch nicht weismachen, Engel seien eine Art Privateigentum?»
     
  • Gottfried Knapp, Engel. Eine himmlische Komödie. Prestel Verlag, München 1995. Wer eine Übersicht der Engel in der abendländischen Kunst sucht, hat auch die farbigen Abbildungen in diesem Bildband des Kunstverlags Prestel. Die Engel waren bis vor kurzem überall in Kirchen und Klöstern, auf Bildstöcken und Schmuckstücken - beinahe allgegenwärtig.
     
  • Anne Marie Fröhlich, Hrsg., Engel. Texte aus der Weltliteratur. Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Zürich 1991. Engel haben wahrlich die Weltliteratur bereichert. In diesem Lesebuch die vielleicht besten Beispiele von Angelus Silesius bis Nikolaj Lesskow oder CF. Meyer bis Edgar Allan Poe etc.


Traum der heiligen drei Könige, um 1125 in der Kathedrale von Autun (in: Wolff, a.a.O., S. 187).

 

 


&&&


Al Imfeld©    Neue Wege    2002   Heft 11