Islam und Politik 1999

Islam und Politik


Vergleiche, um dem Islam das Einzigartige zu nehmen

Nach seinem strikten Selbstverständnis ist es klar: Der Islam kennt keine Trennung von Religion und Politik. In dieser Einstellung ist er dem Katholizismus um 1870 herum vergleichbar. Auch der damalige Katholizismus war verwirrt und wusste nicht, wie mit der Französischen Revolution und den neuen Demokratien umgehen. Die Dogmatisierung päpstlicher Lehrmeinungen war der Versuch, nach den gestürzten Kaisern und Königen wenigstens noch eine Autorität mit direktem Anschluss nach «oben» zu haben und weiterhin zu manifestieren, dass Gott der eigentliche Akteur oder Souffleur des «Welttheaters» sei. Das Volk hatte zu glauben und zu gehorchen, es besass weder eine theologische noch eine mitbestimmende Gestaltungskraft. Mit dem Wackeln des Feudalsystems geriet diese heile Welt jedoch ins Schleudern. Das scheint heute beim Islam genauso der Fall zu sein. Und wie es im Katholizismus Traditionalisten gibt, die behaupten, das Ende dieser absoluten Autoritäten sei die Ursache der Glaubenskrise, so auch im Islam.

Der Islam ist ein Feudalsystem. Feudalsysteme geraten in Krisen, sobald sie von anderen Systemen umgeben sind und es die Möglichkeit eines Vergleichs gibt. Dann werden aus Leibeigenen oder Mündeln teils aufgeklärte, teils verwirrte Menschen, nahe dem Zweifel und dem Unglauben, also moderne Bürgerinnen und Bürger.

Ich könnte auch zwei fernöstliche Systeme als Beispiele anführen: Das eine Beispiel wäre der japanische Schintoismus, der mit dem Schinto an der Spitze bis nach der Kriegsniederlage 1945 ein sakrales Gehorsams- und Militärsystem verkörperte, dann aber einen raschen Zerfall erlitt. Das andere Beispiel wäre der chinesische Konfuzianismus, der durch Maos Revolution radikal zerschlagen wurde. Beide, Schintoismus und Konfuzianismus, waren starke Feudalreligionen und gaben Millionen Menschen bis tief in unser Jahrhundert hinein Halt. Wird der autoritäre Kern zerschlagen, heisst das noch lange nicht, dass diese Feudalsysteme gänzlich tot sind. Klar ist jedoch, dass erst mit der Überwindung der feudalen Strukturen die Religionen an den Tag treten und zu Weltreligionen werden. Zuvor waren sie Feudalsysteme, vielleicht weithin verbreitet, aber keine Weltreligionen. Wie der Katholizismus zeigt, dauern solche Übergänge lange, weil die meisten Menschen nach der falschen Ursache für die tatsächliche oder vermeintliche Glaubenskrise suchen. Der Übergang von feudaler Religion zu Weltreligion heisst Anpassung, und das bedeutet Mischformen, die viel Unsicherheiten mit sich bringen.

Auch eine zweite Aufklärung passiert nicht einfach und überall gleich. Die französische oder die amerikanische Aufklärung sind Teil der Geschichte, die sich so niemals wiederholt. Eine Aufklärung im Islam hat ganz anders zu geschehen. Wie, das wissen wir noch nicht.

 

Die scheinbar islamische Urlehre

Es ist unglaublich und faszinierend, wie in den ersten Jahren dieser Islam wendig und anpassungsfähig war und wie er sowohl durch eine dynamische Spiritualität als auch eine breit blühende Folklore bereichert wurde. Alle waren stolz, dem Islam anzugehören. Diese Lebendigkeit steckte an und trieb Männer voller Begeisterung in kürzester Zeit in alle Welt, um diese für Allah oder den alleinigen Gott zu erobern. Am Anfang gab es keine Vorschriften; alle wussten, was diese Ergebenheit war.

Der Koran wurde erst unter Mohammeds drittem Nachfolger Uthman (644-656) zusammengestellt. Die Hadithe, die die Umma (Überlieferung) ausmachen, wurden im 9. Jahrhundert bereinigt. Als Kriterien galten, dass die Hadithe in den ersten zwei Jahrhunderten wirksam waren, dass sie auf Mohammed zurückgingen und mit seinem Leben oder seiner Familie eng zusammenhingen. Diese Hadithe waren so reich und breit geworden, dass sie durchforstet und als endgültig erklärt werden müssten.

Wie im Christentum folgte nach und nach die Zeit der Sicherung und Festlegung. Verantwortliche - Priester gab es keine - bekamen wohl Angst ob der kreativen Flut des Glaubens. Nach dem Dichterischen kam das Rechtliche an die Reihe. Spreu wurde vom Weizen geschieden. Mohammed (570-632) hätte auch in tausend Jahren nicht in so viele Fälle und Gegebenheiten verwickelt sein können, aber überall war er dabei. Es war sein Geist und seine Inspiration. Allah schwieg; alles konnte nur über die Vermittlung Mohammeds ablaufen: von den Sternen (Astronomie) bis zu den Zahlen (Mathematik).

Etwas Wichtiges kam allmählich hinzu: Aus dem Glauben war nun definitiv ein Machtsystem geworden. Mohammeds Nachfolger waren Kalifen. Es galt daher, gerechte Gesetze zu erlassen und damit die damalige Welt zu ordnen. Als die Zeit der Offenbarung endete, kam die Zeit des Rechts in Gang.

Nach dem 10. Jahrhundert haben wir einen Islam der Rechtsschulen. Die Theologie litt darunter - bis heute. Die Kalifen regierten, und so wurden Gesetze gemacht. Die Theologie war sehr stark Rechtsauslegung. Die vier grossen Rechtsschulen gehen auf Abu Hanifa (gest. 767), Malik Ibn Anas (gest. 795), Safii (gest. 820) und Ahmad Ibn Hanbai (gest. 855) zurück. Es wurde nie versucht, die vier Rechtsschulen zu vereinigen. Sie sind territorial, eine Durchmischung gibt es nicht, ein Wechsel bei Vorteilen ins andere System war nicht möglich. Erst die Islamisten, Fundamentalisten genannt, haben die Tendenz, sich, wo immer sie sind, auf Hanbai allein, der ein Puritaner war, zu berufen.

Das gesagt, muss sofort hinzugefügt werden, dass es eine gegensätzliche Kraft im Islam gab: die Sufiten. Sie waren offiziell nicht anerkannt und dennoch wirksam. Der Sufismus nahm die Kulturanpassung im Islam vor. Ohne die Möglichkeit zum Sufismus wäre der Islam in Schwarzafrika, aber auch in Indonesien wahrscheinlich zerbröselt. Das genaue Gegenteil wollen demgegenüber die heutigen Islamisten: Sie sind die neuen Kolonialisten des Islam, weil sie meinen, Allah sei arabisch, unanpassbar und unduldsam. Ich wage die Behauptung, dass der Sufismus den Islam zu einer Weltreligion hat werden lassen. Und eine zweite Behauptung: Zwar ist der Islam schwer vom Kolonialismus betroffen und verwundet, dennoch hat der Islam diesen Kolonialismus bei anderen genau so stark und traumatisch ausgeübt.

Wie schon am Anfang, als ein heftiger Kampf darüber entbrannte, ob Blutsverwandtschaft mit dem Propheten oder aktuelle Macht das Kriterium der Nachfolge sein sollte, beobachten wir heute einen Kampf um den ursprünglichen Propheten. Da jedoch die bereits Bekehrten genau zu wissen meinen, was dieser lehrte, lassen sie die Forschung nicht zu. Auch dazu haben wir Parallelen in der Religionsgeschichte.

 

Volksreligion oder Kolonialpolitik?

Mit dem letzten Jahrhundert begann die Welle der Demokratisierung. Da wollten auch die islamischen Staaten mit dabei sein. Zwar gibt es viele Formen der Demokratie. Aber eines bringt sie immer wieder an einen heiklen Punkt, und das ist die Minderheiten- und Sprachpolitik. Wir haben mit der Türkei ein Beispiel: Eine ehrliche Form der Demokratisierung begann, aber die Frage der Minderheiten und die der Sprachen blieben bis heute ungelöst. Stets - wie im Katholischen - bestand die Angst, ein in andere Sprachen übersetzter Koran würde das Arabische und damit den Zentralismus und die Macht schwächen. Dabei ging vergessen, dass ein Gott, der sich über Menschen offenbart, Irrtümer in Kauf nehmen muss oder gar will, dass mit den verschiedenen Sprachen neue Facetten in diese Offenbarung hineinkommen.

Der Islam wurde immer wieder zu einer Kolonialreligion. Gottlob gab es überall das Volk, das wohl mehr als Regierende die Kraft des Islam erkannte und lokale Variationen schuf. Was die Franzosen in ihrem Kulturkolonialismus taten, davon rückte auch der Islam nie ab. Die Grundsprache müsste das Hocharabische bleiben. Neue Traditionen - etwa aus Afrika - wurden kaum geduldet oder mindestens sehr abschätzig beurteilt.

Es ist interessant, hier einen doppelten Islam zu erkennen: einen religiösen und einen politischen, einen unnachgiebigen und einen voller Wandlungen und Anpassungen. Die Oberschicht hat ausgerechnet diese Wendigkeit stets verachtet. Das ist mit ein Grund, warum viele Schwarzafrikaner im Islam immer wieder etwas von Rassismus zu spüren glauben - wie etwa im Sudan und zusehends in Tansania mit einer Herrschaft, die von Sansibar kommt und an der selbst J. Nyerere scheiterte. Kolonialismus und Rassismus sind Brüder - auch im Islam.

 

Entkolonisierung vor Aufklärung

Der Islam war im Mittelalter, zur Zeit des noch allgegenwärtigen Feudalismus, eine Form der Welt, er fasste alles zu einer Welt (scheinbar) zusammen, genauso wie im Zweiten Testament die Forderung «Geht in alle Welt» verstanden wurde. Der wichtige Einschnitt kam jedoch mit der Loslösung der USA von Grossbritannien, also mit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten am 4. Juli 1776. Der Blickpunkt ist nicht so sehr die Aufklärung mit der Französischen Revolution, sondern die «Entkolonisierung», die mit den USA beginnt. Dieses Vorbild blieb auch im Westen unbemerkt. Wer hat denn schon die afrikanische Loslösung von den Kolonialregierungen in der Tradition der USA gesehen? Es war eine Tragödie, dass ausgerechnet in dieser wichtigen Entkolonisierungsphase der Kalte Krieg keine Hinweise auf die USA erlaubte. Dieser Kalte Krieg fegte bei den Kolonisierten alles aus dem Sinn, was seinen Ursprung in den USA hatte. Hier ging ein Modell der Erklärung für einen zentralen Vorgang in der islamischen Welt verloren. Und so stehen wir noch heute zu einseitig vor der Frage, wann denn die Aufklärung im Islam beginnt. Mit jeder Entkolonisierung setzt auch die Aufklärung ein, sofern nicht alles fundamentalistisch gedeutet wird.

Die islamischen Länder sahen sich aber allzu einseitig nur als Opfer des Kolonialismus und vergassen dabei, dass sie selbst auch Träger dieses kolonialen Systems waren:

  • Wo etwa die Franzosen und Engländer herausgeworfen wurden - wie in Nordafrika - haben die nachfolgenden Regime nicht wahrgenommen, dass die Zeit der Monarchien und Diktatoren mit dem französischen Kolonialismus vorbei war.
     
  • Islamische Historiker müssten sehen lernen, dass der Islam in Afrika die erste Schicht eines Kolonialismus bildete. Auf sein Kolonialsystem war das neue der Europäer aufgebaut, etwa in Nordnigeria, wo die Engländer bis in die fünfziger Jahre keine christlichen Missionare in die Gegend liessen.
     
  • Bevor die Europäer um 1850 herum in den afrikanischen Kontinent eindringen konnten, hatten die Araber - und mit ihnen der Islam - das Innere des Kontinents unter Kontrolle. Diese war keineswegs sehr menschlich. Die Menschen der unteren Volksschicht wurden sogar bewusst nicht islamisiert, um sie als Sklaven verkaufen zu können.

Gewiss, der Islam hat - wie jede andere Religion - einen Ursprung und dieser liegt in einer bestimmten Zeit. Niemand kann jedoch annehmen, die Themen und Probleme seien 1300 Jahre später genau dieselben. Der Islam hat für heute keine Politik entwickelt. Stets zu behaupten, er sei vom Kolonialismus daran verhindert worden, reicht als Entschuldigung nicht. Eine Zeitlang konnte sich der Islam an eine konfuse Form des Sozialismus anlehnen, aber das ging nicht lange gut, da die Fürsten ein sehr kapitalistisches Leben führten. Dem Volk selbst brachte der neue Name nichts. Das Öl hat den Islam leider noch stärker zum Kolonialisten werden lassen. Im nachhinein kann festgestellt werden, dass die OPEC und der Boykott von 1972 der Idee des Islam schrecklichen Schaden zugefügt haben. Öl ist die ganze Geschichte über ein Mittel des Kolonialismus gewesen.

 

Vom Mythos zur Geschichte

Bei der Machtfrage kommt es offen an den Tag, ob mythisch oder historisch gesprochen wird. Natürlich war «damals» (in ilio tempore), «am Anfang» (ab initio) Macht gut. Obwohl schon die ersten Kalifen ganz schön grausam mit der Macht umgingen, einander ermordeten oder bekriegten, war es «am Anfang», als Macht und Religion dasselbe waren, Allah dahinterstehen und alles absegnen müsste. So etwas ist möglich aus der Begeisterung einer neuen Religion und einem vorweggenommenen apokalyptischen Siegestaumel heraus. Solches geschah «am Anfang» bei allen Religionen. Das nennen wir, dem grossen Religionswissenschaftler Mircea Eliade folgend, die mythische Zeit. Diese ist zeitlos und braucht keine Daten. Sie ist heroisch und besitzt trotz vieler Grausamkeit etwas Sakrales oder einen heiligen Schrecken. Der Islam ist in seinem Verhältnis zur Macht zum grossen Teil im Mythos steckengeblieben. Selbst der Kolonialismus war nur eine mythische Übermacht, eine, die von aussen hinzu kam, der Sündenbock. Den (fast) göttlichen Eroberer und angezettelte Verschwörungen kannte der Islam seit Beginn. Da kann mir niemand weismachen, der Kolonialismus sei das Böse im Quadrat gewesen.

Wo es um Macht geht, gibt es Kämpfe, die sich nicht nur für oder gegen Allah, sondern auch für oder gegen Arme bzw. Reiche richten. Dem Islam ist es noch nicht gelungen, das Unterwerfen und Unterworfensein zu sehen und theologisch zu deuten. Der Islam hat den Moment einer theologischen Reflexion über die Macht verpasst, weil er immer meinte, die Welt werde bald ein Ende haben. In dieser Sicht war etwas Machtmissbrauch nicht so schlimm oder entschuldbar. Doch es kam und kam nicht, das Ende, und beim Warten verpasste der Islam seine theologische Neuorientierung. Seine Herrscher haben sich mit Allah identifiziert. Aufgeklärt wurde nicht. Der Islam hat sich der Macht gegenüber zu naiv verhalten, vielleicht weil er zu unkritisch an einer Theokratie festhielt.

Mythen folgen nicht der historischen Logik: Sie sind zeit- und auch raumlos. Sie spielen sich «in den Himmeln» und nicht auf Erden ab, also sind sie Mysterienspiele und nicht grausame und zynische Machtspiele in einer exakt datierbaren Zeit und an einem festlegbaren Ort, in einem genauen Kontext. Weil auch das irrationale Verhalten der Tyrannen mythisch blieb, hat der Islam es heute so schwer, sich dieser Wirklichkeit zu stellen, ohne sie als Schicksal zu akzeptieren. Nur für andere ist der Islam eine historische Macht, für sich selbst ist er noch immer bloss Allahs Werk und Schicksal.

 

«Wahrheit» versus Toleranz

Islamische Heere kamen daher und wenn Verteidigung sinnlos war, bekehrte sich der Gegner. Der Islam kennt das Verhandeln nicht; es wird verfügt. Wie jede Religion, die vom Hierarchischen und Mythischen herkommt, tut sich der Islam schwer mit Opposition und Konkurrenz. Seine Herrscher operieren auf der Ebene der Wahrheit. Somit können sie nicht nachgeben, meinen sie. Sie vertreten Allah auf Erden. Zu diskutieren gibt es nichts, denn Wahrheit ist Wahrheit, Offenbarung ist Offenbarung. Im Grunde gibt es bloss den für uns heute so scheinheiligen Ausweg, der heisst: «Ich bleibe bei der Wahrheit und wenn du etwas anderes tust, dann habe ich nie etwas davon gewusst.» Dass selbst der Koran eine geniale Mischung von Dichtung und Wahrheit ist, darüber dürfte endlich sachlich nachgedacht werden. Ich weiss als Katholik, was es mit dieser doppelten Wahrheit auf sich hat. Über sie wird nicht gesprochen. Sie ist ein Tabu, das den Konflikt zwischen Papst und Gläubigen ausmacht. Offiziell - das ist im Islam nie fassbar - kann es weder Dialog noch Toleranz geben. Und gibt es dieses trotzdem, dann ist das nicht der Islam. Genau diese Denk- und Redeweise lässt am Dialog verzweifeln. Katholizismus und Islam sind sich hier sehr ähnlich.

Genauso schwer tut sich der Islam der Schiiten und Sunniten mit Minderheiten. Die vielen Sprachen und Nationen haben Allah verwirrt, vor allem dann, wenn sie dem Islam angehörten. Spätestens hier hätte man Macht anders verstehen und Vielfalt respektieren müssen. Nationalstaat und Nationalismus haben die Umma aller Muslime als einer religiösen Gemeinschaft zersetzt. Jeder Nationalismus zerstört die Religion. Deshalb waren die Araber so enthusiastisch für eine UNO. Später, ab 1954, galt die Begeisterung der Bewegung der Blockfreien, dann dem islamischen Sozialismus, gefolgt von der OPEC als kapitalistischer Variante einer neuen Umma. Alles scheiterte an einer ehrlichen Analyse.

 

Der Vergleich kann ein Spiegel sein

Immer wird mit Recht betont, dass der Islam einmalig sei. Aber dennoch ist und bleibt er eine Religion, die Geschichte wird und selbst Geschichte macht. Jede Religion gibt sich mit Macht und Herrschaft ab. Somit hat jede Religion einen sehr menschlichen Teil. Bei allen. Religionen, die stark ihre Einmaligkeit betonen, ist ein Vergleichen gefährlich, da damit stets auch Fragen verbunden sind, wie etwa: Warum handelt dieser eine Gott an anderen Orten mit anderen Völkern anders? Vergleiche können zu Zweifeln führen. Das war der Grund, warum Religionswissenschaft selbst in diesem Jahrhundert nur versteckt hinter der Ethnologie entstehen und sich mühselig entwickeln konnte.

Der Vergleich ist der Beginn der Aufklärung. Der Islam reibt sich am Westen und dieser regt sich an ihm auf. Vielleicht ist das schon der Beginn einer anderen Aufklärung; denn einmal begonnen, geht diese nie zu Ende. Aber nicht nur der Westen versteht immer noch wenig vom Islam; beidseitig ist die Toleranzschwelle bedenklich hoch. Dennoch hat das Zusammenleben längst begonnen.

Keine Religion ist ohne Sinn. Den gilt es dauernd zu suchen. Keine Religion ist definitiv, sondern bloss ein Weg zum Allergrössten. Der Islam ist sehr apokalyptisch geprägt. Das verheissene Ende trat jedoch bis heute nicht ein. Dieses Stück braucht, wie es eine freche ägyptische Schriftstellerin sich ausdenkt, einen anderen Islam, «un autre islam». Das tönt harmlos, und dennoch ist es für Imame ein erschreckendes Wort.

Doch was vermag heute Religion im Verhältnis zu Politik, Herrschaft und Macht zu bewirken? Natürlich ist die Antwort am leichtesten zu geben, wenn beide gleichgesetzt werden: Religion beruht auf Herrschaft, und Herrschaft beruht auf Religion. Bald jedoch kommt die nächste Stufe, wo es heisst: Meine Macht ist deine und deine, Gott, du Allmächtiger, ist meine. Allen Ernstes, bei dieser Herrschaft heute, weltweit, müsste sich jeder Gott schämen, wenn Menschen sagen, Religion und Politik seien ein und dasselbe. Das war in ilio tempore möglich, aber auch nur für eine ganz kurze Zeit.

Der Islam muss nicht auf diese mythische Einheit von Macht und Religion stolz sein, sondern auf seine Spiritualität und auf seine Riten. Eine alte Streitfrage im Islam, ob der Mensch ohne Herrscher leben könne, ist heute leicht und logisch zu beantworten, falls es um Demokratie und ein Ernstnehmen der Menschen geht.

 

&&&


Al Imfeld©    Neue Wege     1999    Heft 9