Was meint eigentlich «Kulturdialog»? 1998

Was meint eigentlich «Kulturdialog»?

Umgang mit einem Wort

Der «Umgang» war eine katholische Tradition; er war eine Prozession über Land, bei der man einige Stationen machte, sang und betete, einige Gedanken mitbekam, um beim Weiterwandern darüber nachzudenken. Da ging es nicht um Systematik im modernen oder gar sogenannt wissenschaftlichen Sinn. Es ging ums Umkreisen und damit ums Einkreisen.

Ich möchte auf einem persönlichen Hintergrund schreiben. Was ich selbst erfahren habe, versuche ich selbstkritisch darzustellen und auch zu hinterfragen. Früher nannte man so etwas unwissenschaftlich. Es durfte bei Analysen ein man, aber kein ich geben. Ich erachte solches heute als Kultur-Heuchelei.

Wer über Jahrzehnte hinweg einen «Dialog mit Afrika» versucht hat, kommt unweigerlich zu Fragen wie: «Mit wem wird dieser Dialog geführt und über was und wozu denn eigentlich?» Aber schon lange vor solchen Fragen kommt die Feststellung, dass «Dialoge» meistens Podiumsgespräche oder Einladungen zu einem Auftritt mit einer afrikanischen, einer lateinamerikanischen oder einer anderen fremdländischen Band sind - ich denke an Guggenmusik.

Bei den Podiumsgesprächen - eine sehr intellektuelle Form - beteiligen sich Aufgeschlossene, die fragen möchten und kaum wissen, was sie fragen könnten. Bei der Musik ist es meist eine Flucht in ein Gefühl oder in eine eingebildete Kultur, etwa so wie das Erleben eines Requiems mit Orgelbegleitung zum Dies irae. Beim Podium muss eine Person aus dem Süden mit dabei sein, wobei das Kriterium in der Regel eine gewisse Deutschkenntnis ist. Meistens ist es (so nimmt man an) gut, wenn wenigstens ein Gegenüber fremd, schwarz oder gemischt ist: der Alibi-Neger. Bei der Musik ist die ganze Beurteilung noch fragwürdiger.

Ich habe deshalb Podiumsgespräche aufgegeben, und zu Kultur-Konzerten gehe ich nicht mehr um der Kultur willen.

 

I. Einkreisung des Begriffs

1. «Dialog» ist ursprünglich ans Wort und somit an Sätze gebunden. Schon hier beginnt die Schwierigkeit: Wer hat das erste und wer das letzte Wort? Wer zuerst redet, schafft und besetzt ein Feld, jeder Satz gibt schon eine Stimmung und ein Thema vor - und kreiert bereits entweder Zustimmung oder Widerstand. Die Vorgabe ist gegeben, der Dialog vorgespurt.

Beide oder alle Seiten könnten ihre Meinungen oder Thesen schriftlich abfassen und sie zu Beginn gegenseitig austauschen. Doch habe ich selten - eigentlich nie - so etwas erlebt. Voraus geht oftmals ein Referat. Somit entsteht kein Dialog, sondern eine Diskussion.

 

Sprache engt ein

2. Mit Sätzen kann nur eins nach dem anderen ausgesprochen werden, und so scheint plötzlich alles aneinandergereiht, kommt schrittweise, nach und nach daher. Das Leben und die Gefühle sind anders; sie existieren aus lauter Überlagerungen und Gleichzeitigkeiten. Meistens müsste mehreres gleichzeitig oder parallel gesagt werden, doch solches lässt die Sprache nicht zu. Musiker und Malerinnen haben es - wenigstens von den Schreibenden und Redenden aus gesehen - leichter im Umgang mit Raum und Zeit und mit Formen der Gleichzeitigkeit (Synchronizität). Die Sprache engt ein, vor allem, wenn sie Vortrag ist. Bereits das geschriebene Wort vermag besser, Stimmungen zu erzeugen. Deshalb erzielt das Lesen einer Kurzgeschichte oder eines Romans mehr Wirkung. Das mündliche Vortragen von Gedichten kommt der Musik schon ziemlich nahe. Nur schade, dass Gedichte nicht öfters genutzt werden.

3. In welcher Sprache wird dieser Dialog geführt? Meistens in Englisch oder Französisch. Wenn es vielleicht eine deutsche Übersetzung gibt, dann ist alles verzögert, gesiebt und distanziert. Deshalb, behaupte ich, kann es selten einen Dialog geben. In der Schweiz laufen solche Dialoge oftmals anders ab, weil zwei Sprachen sich meist gleich zu gleich gegenüberstehen. Jeder Beteiligte ist jederzeit in ein Über- und Umsetzen einbezogen. Vielleicht sind Menschen mit nur einer Sprache gar nicht zu einem Kulturdialog ermächtigt. Übersetzen hat viel mit Bevormundung zu tun und manche Ähnlichkeit mit der kolonialen Behandlung der Kultur.

4. Da ich Erfahrung mit drei Sprachen habe, muss ich daran erinnern, dass sie wohl über-setzbar sind, aber als Sprache anders vorgehen.

Das Deutsche ist eher analytisch, geht den Dingen auf den Grund, bohrt, bringt auf den Punkt, will klare Schlüsse und hat dich am Ende wie bei einem Urteil in der Zange. Das Vorher und das Drumherum sind dann abgeschüttelt und verloren. Das Französische umkreist die Dinge, schafft Stimmungen, geht auf Ein-drücke aus, die ein Gefühl vermitteln. Es muss daher gar nicht so stark Argumente einbringen, als vielmehr am Strick ziehen, der den Atem nimmt, oder den Knoten wieder öffnen, wobei alle auf schnaufen. Wie manchmal habe ich nach guten Argumenten bei französischer Literatur gesucht, mit Faszination gelesen, aber als ich «es» übersetzen wollte, verflog im Deutschen das, was ich als klares Argument erhofft hatte. Stimmungen sind kaum übersetzbar.

Mit dem Englischen ist es abermals anders. Es ist direkter, daher etwas ehrlicher, ohne zuviel Gefühl, weniger aufs Persönliche gerichtet. Mit nur einem Artikel geht es stets um den Menschen, nicht um Mann und Frau oder Kind. It's just man. Fast schon juristisch. Oder dominieren die Geldscheine?

 

Gegensätze, die es nicht gibt

5. Wieviele Dialoge habe ich erlebt, die nichts anderes waren als von den Anwesenden - sogar lustvoll - akzeptierte Beschimpfungen. Wir sässen stellvertretend da und liessen uns «Kolonialisten», «Diebe» und «Schurken» nennen. Es tat uns innerlich sogar gut, soweit waren wir in unserem Masochismus oder in einer Art von stellvertretender Busse gekommen. Wir liessen alles wie Kaskaden über uns ergehen und fügten am Ende gar bei: «Ja, recht habt ihr.» Aber es kann nichts der Realität Entsprechendes entstehen ohne Widerstand und Differenzierung. Das, was ich vor allem erlebt habe, waren sanfte Erpressungsversuche von der anderen Seite. Es wurde dialogisiert, um schliesslich mehr Entwicklungsgelder, Schuldenerlass oder höhere Preise zu erhalten.

6. Beim sogenannten Dialog gingen wir meistens von einem Gegensatz aus, den es so nicht gibt. Nicht alle «anderen Menschen» sind gut, und «wir» waren niemals so mächtig, dass WIR geradezu ALLES gemacht hätten! Also, sogar im Negativen wäre dies eine unmögliche Überdimension und somit undifferenziert und in sich falsch. Im Grunde kann niemand einem anderen die Kultur stehlen. Selbst die Unterdrückung hat zwei Seiten. «Wir Europäer» gibt es so wenig wie «die Afrikaner» oder «die Lateinamerikaner». Es gab auf beiden Seiten sowohl Kollaborateure des Bösen als auch Wohlgesinnte. «Die Missionare» gab es so wenig wie «den deutschen Kolonisator». Es gibt höchstens Grundgerüste, denen Menschen in ihrer Zeit und ihren Kontexten folgten.

7. Der unmöglichste aller Gegensätze war dieser Nord-Süd-Kontrast. Wir alle verfielen immer wieder in die Geographie, statt uns um die Sozialgeschichte zu kümmern. Andererseits hätte die Erfahrung uns klar zeigen können, dass hinter diesem Gegensatz mehr als Kultur sein müsste. Der sog. Süden war nicht primär ein Kulturproblem, sondern eine ökonomische Vernachlässigung. Wer jedoch die südeuropäischen Länder Portugal, Spanien, Griechenland und das südliche Italien anschaut, merkt bald, dass diese Länder eher zur Dritten Welt gehören. Vor allem wird hier Ungerechtigkeit stärker wahrgenommen, weil der Kontrast herausfordernder wirkt.

8. Noch unangenehmer tönt «Kulturdialog mit der Dritten Welt». Wer kann denn die Welt einfach in eins, zwei, drei und vier einteilen? An der Hilflosigkeit der Sprache haben wir alle immer wieder gelitten und haben bis heute keine neuen Begriffe kreiert. Gut, es gab die verrückte Realität des Kalten Kriegs mit Ost und West und einer Welt, die dazwischen kam und mit diesem Dazwischen Politik machte, wirtschaftliche Interessen gegeneinander ausspielte und gar einen neuen Kultur-Teil schuf. Das gehört der Geschichte an. Was tun wir heute? Wie nennen wir heute Tatsachen beim Namen und mit welchem Wort?

 

Es geht um Macht und Ökonomie

9. Die Dialog-Vorgänge der letzten 25 Jahre könnten wir ehrlicher wohl als Bargaining bezeichnen; auch das mag Teil eines Dialogs sein, aber mehr nicht. War alles bis anhin ein Wort-Abtausch, ein Handel gar, eine bewusst-unbewusste Vortäuschung? Der Eindruck und sogar bittere Nachgeschmack bleibt: Es ging nicht um Kultur-Verständnis, sondern um mehr (Hilfs- oder Sühne-)Geld.

10. Die (Wir) Linken (entwicklungspolitisch Engagierten) waren stark kulturfeindlich. Lange ging es uns um Klassenkampf. Dialog war ein langsam im Umbruch entstandenes Ersatzwort. Uns ging es - und zu einem Teil mit Recht! - um bessere Lebensbedingungen für alle Menschen, und diese Lebensbedingungen definierten wir meist und zuerst mit Geld. Es sollten soviel Prozentsätze an Entwicklungshilfe budgetiert werden, es sollte soviel hier an Spenden eingebracht werden; man rief nach gerechten Preisen (obwohl niemand «gerecht» anders als mit «ethnozentrischen» Preisen definieren konnte); Gutwillige forderten Rohstoffabkommen und sahen nicht, wie «die anderen» längst einen doppelten Markt errichtet hatten. Als alles nicht mehr ging, fanden wir zum «Kulturdialog», was einer Verschleierung und somit einem gefährlichen Begriff gleichkam. Würden wir doch zugeben, dass es noch immer um Ohnmacht und Ökonomie geht.

 

Vision einer «Kultur danach»

11. Zu einer gewissen Kulturfeindlichkeit kam stets die Furcht hinzu, der europäische Kolonialismus habe alles Ursprüngliche zerstört. Wenn schon ein Dialog, dann sollte zuerst das betroffene Kulturgebiet zum Urzustand zurückkehren, um dann später sich kulturell abzugrenzen und damit erst dialogisieren zu können. Als wir zu dialogisieren begannen, wollten wir die «echte und wahre» Kultur, also nicht die kolonisierte, aber auch nicht die missionierte. So schlössen wir das Christentum in Afrika aus, aber waren viel weniger kritisch dem Islam gegenüber. Gehen wir nun nach Daten (vor dem westlichen Kolonialismus) vor oder nach Idealen, nach dem Ursprünglichen und Indigenen?

12. Nie wurden wir klug über Kultur damals und Kultur danach. Unser Dialog lief ab, als ob es erst wieder eine Kultur nach - sie betreffenden - Kulturen der Befreiung gäbe. Die «Kultur danach» war unsere Vision. Sie war eine eurozentrische Sehnsucht. Diese andere Kultur war unser Traum, anders denken, Dinge anders angehen zu können, Geschichte anders erscheinen zu lassen. Kulturdialog hat etwas Missionarisches an sich: andere aufzuwecken, in den Kampf einer gemeinsamen Kultur einzustimmen, mitzuziehen, um zu einer grossen Einheit zu kommen.

 

II. Stichwörter zum Grundsätzlichen

1. Alle Menschen haben gemeinsame Träume und Ängste, Hoffnungen oder Erwartungen von Frieden, Glück, Liebe und Wohlsein. Jede menschliche Gesellschaft ist aus Männern, Frauen und Kindern zusammengesetzt, und diese werden gleich geboren, sterben eines Tages und hoffen dazwischen, etwas von diesem Leben gemessen zu können. Leben und Tod sind die zwei Grundsäulen jeder Kultur. Alle Menschen versuchen weltweit und an jedem Ort dem Leben Sinn zu geben, es in etwas einzubetten, das Befriedigung gibt. Alle sind jedoch auch mit dem Tod konfrontiert. Ausgehend von diesen Grundpfeilern ist bloss das Dazwischen verschieden.

 

Parallelen vom Napf zum Himalaya

2. Es gibt Auffassungs- und Benehmensweisen, die gewissen Völkern in bestimmten Kontexten oder Agrarkulturen eigen sind, sie haben nichts an und für sich mit Afrika, Asien oder der Karibik zu tun. Sie werden vielmehr von der Arbeit oder Tätigkeit bzw. deren Mitteln und Instrumenten geprägt. So habe ich entdecken können, dass Schweizerinnen und Schweizer, die noch im Alpengebiet (z.B. um den Berg Napf herum) leben, einfachen Bauern in vielen afrikanischen Gegenden, im Himalayagebiet oder auch in den Anden nicht nur sehr ähnlich sind, sondern sich mit ihnen auch sofort verständigen können. Umgekehrt werden diese Kulturen und Denkmuster von den «eigenen» Leuten in der Stadt oder in Industriebetrieben kaum verstanden. Allen Bergbauern der Welt ist eine gewisse schamanistische und/oder magische Denkweise gemeinsam. Sie sehen die Dinge auf einer anderen Kausalebene (ich denke etwa an Wetterregeln) als moderne Menschen in der Stadt. Oft erschien mir der Dialog zwischen Stadt und Land bei uns schwieriger zu sein als ein solches Verständnis über Kontinente hinweg.

3. Wir stellen ähnliche, wenn nicht gar gleiche Einstellungen weltweit verteilt fest, wenn es um den Dialog im religiösen oder kirchlichen, aber erst recht in dem damit zusammenhängenden politischen Bereich geht. Was Chinesen heute etwa für sich als ihr Eigenes beanspruchen, können manche Katholiken in Berggebieten sehr wohl nachfühlen. Die Tradition war an diesen Orten eher patriarchal, monarchisch, absolutistisch, mit restlosem Gehorsam und vollem Vertrauen den Ältesten gegenüber; Opfer müssten gebracht werden, und jede/r stand im Dienst von etwas Grossem, wenn es um Staat und/oder Kirche ging. Das Individuum hatte voll und ganz zurückzutreten. Es handelt sich also um ein anderes Verständnis von Religion und Staat und von der damit zusammenhängenden Kultur. Es läuft etwas Ähnliches wie zur Zeit Napoleons ab, als es in der Schweiz zum Kulturkampf kam - auch in diesem Zusammenhang taucht das Wort «Kultur» auf. Es ging um das Ende eines sakralen Königtums oder Kaisertums, eines göttlichen Herrschers von China, Japan, Russland, Frankreich usw. und der noch immer nachwirkenden Kulte. Es ging um eine Trennung von Kirche und Staat. Es ging um Menschwerdung, d.h. Entsakralisierungen von Menschen und Macht.

 

Falsche Unterscheidungen von Gut und Böse

4. Jede Kultur entwickelt Spannungen unter den Beteiligten; jede Kultur kennt Reiche und Mächtige, Arme und Hilflose. Es gibt keine Kultur, die sozial gerecht wäre und keine Spannungen kennen würde; jede Gesellschaft trägt in sich das Gegenüber von Arm und Reich oder mindestens von ganz und weniger Mächtigen. Vieles scheint eher mit Macht oder Machtverhältnissen zu tun zu haben als mit Kultur direkt. Und dass es bei Kulturgesprächen sofort zum Problem der inneren Einmischung kommt, wird rasch begreiflich. Hier geht es um Machtfragen, Machtkämpfe und Prozesse langsamer Machtverteilung. Der Kulturdialog soll letztlich die Machtlosen er- und bemächtigen, es geht um empowerment.

5. Wir haben eine Tendenz entwickelt, alle Armen und Unterdrückten als gut zu bezeichnen. Selbst wenn es Betrug und Grausamkeit unter den einst Kolonisierten gab (und gibt), waren die Dialogisierenden stets bereit, solches als Folge des Kolonialismus zu bezeichnen. Im Grunde haben wir zu lange im Kulturdialog unterschwellig eine aus falsch verstandener marxistische Philosophie eingeschlichene Gut-und-Bös-Unterscheidung aufkommen lassen. Wir nahmen also an, dass der Arme auch der Gute und dass jeder Reiche böse ist oder sein muss. Wir haben mit mystischen Begriffen Verwirrung geschaffen, etwa mit «das Volk», «das Proletariat», «die Armen», «die Basis» etc. In anderen Worten: Wir haben personifiziert, wo es doch um Grundlagen oder Schichtungen gegangen wäre. Wir haben Tendenzen zu rasch auf einzelne Menschen übertragen. Wenn etwa von bestimmten Tendenzen im Islam gesprochen wurde, hiess das noch lange nicht, jeder einzelne Muslim sei so.

6. Zu stark gingen wir von einem stabilen Begriff von Volk, von unten, von Basis oder Menschen an der Peripherie aus, die noch gut und unverdorben seien; die ein automatisch wirkendes Urteilsgefühl von Gut und Böse hätten. Wir gingen von einem Begriff aus, der im Hinterland, in den Wäldern und Bergen noch gute und unverdorbene Kulturen annahm. Wohl zu lange waren wir Opfer solcher Haltungen und Denkweisen. Wir trennten die Guten von den Bösen. Die Schiedsrichter waren wir mit unserer Ideologie. Dass es zum Beispiel in Südafrika Weisse gab, liessen wir im sogenannten «afrikanischen» Kontext weg. Afrika, so nahmen wir an, darf keine Weissen haben. Darf Afrika aber Araber haben? Was ist an der Ostküste mit Indern und vielleicht gar ehemaligen Indonesiern? So sind wir heute noch ohnmächtig, wenn Simbabwes Präsident von lndigenisation redet und darunter bloss Schwarze meint, dabei sogar die verschiedenen Vor-Bantu-Völker weglässt und sich auch nicht die Frage stellt, wann denn die Zulu-Völker, also die Ndebele, nach der Gegend von Bulawayo kamen. So lässt sich höchstens eine Ein-Teilung, jedoch kein Dialog machen.

 

Jedes Volk ist multikulturell

7. Jedes Volk ist eine Mischung verschiedener Kulturen und per se multikulturell. Falls dem nicht so ist, haben wir es mit Rasse oder Klan zu tun. Tribalismus ist für uns ein erweiterter Grossfamilienbegriff, wo eigentlich alle miteinander verwandt und gleichen Blutes sind. Das kann uns auch das Alte Testament lehren: Da waren zuerst 12 Stämme, aus denen langsam und über den Umweg Ägypten ein Volk wurde. Selbst bei der Rückwanderung durch die Wüste müsste noch manches tribalistische Element verbrannt werden. Für mich ist daher ein Volk automatisch das, was wir heute mit einem Spezialwort ausdrücken und uns vorgaukeln, es komme etwas Neues. Das Wort heisst «multi-kulturell». Wenn ein Volk nicht multikulturell ist, dann existiert es gar nicht. Volkswerdung ist für mich mit Nationenwerdung (nation building) verwandt.

8. Der kamerunische Sänger und Dichter Francis Bebey hat schon Ende der siebziger Jahre stolz bei Dialogveranstaltungen behauptet, dass er kulturell mehr als jeder Europäer sei. Schon sprachlich habe er «beide Seiten» in sich, weil er neben dem Französischen und Englischen mindestens zwei kamerunische Sprachen beherrsche. Jeder Afrikaner und jede Afrikanerin habe Europa als zweite Seite oder Hälfte in sich, denn der Kolonialismus habe es so gewollt und auch erwirkt. Zum Politischen hinzu kommen Schule und Kirche: Alle haben europäische Kultur vermittelt - wohl gar mehr als zuhause. Diese sei der afrikanischen Schicht, die der Europäer nicht habe, eingeprägt worden. Für Bebey, wie auch für den Literaturnobelpreisträger aus Nigeria, Wole Soyinka, geht es nicht um zwei Gegensätze, sondern um die Akzeptanz der anderen Seite. Es ginge - so mehrere Literaten und Künstlerinnen - grundsätzlich um Respekt und Ehrfurcht als Anfang oder als Ausgangspunkt. Der Europäer sollte sich etwas Afrikanisches einprägen lassen.

9. Auch jede Opposition nimmt grosse Teile der Hauptkultur auf. Wir stehen daher in einem dauernden Hin und Her zwischen Macht- und Subkultur, zwischen Staatsoder offizieller Kultur und Volkskultur. Was denn ist Opposition? Eine Gegenkultur. Da Demokratie eine Opposition braucht, ist ihre Kultur eine Streitkultur. Diese Sicht einzubringen ist unbedingt notwendig, um nicht zu leicht in Kulturklischees unterzugehen.

 

III. Schluss-Gedanken

1. Wir sprechen immer von und mit einer Kultur, die aus einer Vermischung verschiedener Kulturen entstanden ist und tagtäglich weiter sich mischt. Kultur ist ein Fluss und stets im Fluss. Kultur ist ein komplexes Gebilde, aus dem ich zwar einzelne Elemente loslösen kann, aber damit mir selbst wieder einen Teil einfange. Ja, bei jeder Entnahme entstehen sofort zwei andere Kulturen.

2. Wenn dem so ist, ist dann Dialog überhaupt das treffende Wort, oder müsste es nicht eher heissen, dass wir über Kultur(en) zu reden beginnen. Lange haben wir nur über Ökonomie mit all ihren Gesichtern geredet. Werden in Zukunft Literatur, Malerei oder Musik genauso ernst genommen wie Kabinettsberichte und Analysen der Weltbank?

3. Kultur hat Grenzen und gleichzeitig keine. Kultur steht in einem Raum und gleichzeitig strahlt sie in andere Räume hinein. Kultur ist eine bestimmte Erscheinung einer Zeit und lebt von Vergangenheit und Zukunft. Für die einen ist die Vergangenheit der wichtigste Teil der Kultur, für andere macht die Vision der Zukunft die Kultur aus.

4. Selbst schon in der eigenen Familie gibt es Missverständnisse. Vielleicht sind sie es, um die es auch ausser Hauses, unter Nachbarn und anderen Menschen geht. Es wäre an der Zeit, eine Kulturgeschichte des Missverständnisses zu schreiben.

5. Das Nebeneinander muss viel ernster genommen werden. Auf engstem Raum leben wir alle mit verschiedenen Kultur-Teilen, die stets eine vorübergehende Kultur ausmachen. Täglich gehen überall, in jeder Familie und in jedem Hinterhof, in jedem Land oder Erdteil, Kulturen ineinander und auseinander, trennen sich und verschmelzen neu. Es kommt zu Konvergenz, Konkurrenz und Konflikt. Es entsteht Ordnung, aber auch Chaos. Die Chaos-Theorien müssten nicht nur für den Weltraum, sondern erst recht für Kulturräume angewendet werden.

6. Seien wir weder zimperlich noch wehleidig: Dasselbe geschieht mit Mehrheit und Minderheit. Auch diese heben sich immer wieder auf. Die Minderheit ist mächtiger als sie denkt. Sie ärgert die Mehrheit, verfügt über Druckmittel auf diese Mehrheit, bis diese genug davon hat. (Ein Beispiel ist die Politik in Grossbritannien, wo die Opposition nach einiger Zeit immer wieder an die Macht gelangt.)

7. Ein wichtiger Grund-Satz lautet: Du bist das, was du am anderen nicht verstehen willst. Du bist wirklich das, was du versteckst und wofür du Ausreden brauchst. Dialog ist oftmals Vertuschung, statt Öffnung viel eher Verschlüsselung. Aus lauter Furcht, deinem Bösen in die Augen blicken zu müssen, machst du es zur fremden Kultur.

 

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Al Imfeld©    Neue Wege    1998    Heft 6