Zu Rolf Germann-Gehrets Religionskritik : vom Stöhnen zur Nüchternheit 1992

Zu Rolf Germann-Gehrets Religionskritik : vom Stöhnen zur Nüchternheit


Vom Stöhnen zur Nüchternheit

1. Falls es keinen Gott gibt, was dann? Ich spreche es cool wie im amerikanischen Englisch aus. SO WHAT? Vielleicht hat die Meta-Physik nicht nur an einer falschen Achse von oben-unten angesetzt, sondern ist von einer falschen Physis ausgegangen. Alles von Einstein bis zu den Chaos-Theorien ist nicht aufgearbeitet.

Angenommen, es gäbe Gott nicht, dann müssten wir, nachdem wir scheinbar schon leben, dennoch weiter-leben. Wir müssten es aushalten. Dies wäre dann die condition humaine. Angenommen, es gäbe Gott nicht, wieso sollte das eine Tragödie sein oder Verzweiflung bedeuten? Wir könnten uns dennoch zwischenmenschlich, welt- und naturbezogen verhalten. Eine gewisse Selbstbestimmung würde stringenter. Braucht es zum Ethisch- oder Verantwortlich-Handeln einen Gott oder eine Strafandrohung?


Agnostischer Fundamentalismus?


2. Wer sich aussetzt, sollte nicht stöhnen oder gar still schreien, sondern sachlich bleiben, wirklich im Erkunden sich in der Schwebe lassen. Die mutige Hinterfragung setzt sich schrittweise ab und aus. Einen totalen Bruch kann es gar nie geben, denn der Mensch trägt die Tradition in sich und sie trägt ihn. 

Es gibt vieles zwischen Geschichte und Phantasie, zwischen Jesus und Marx, zwischen Glauben und Atheismus, aber auch zwischen Gott und Jesus, genauso wie zwischen Kritik und Staunen, zwischen Reflexion und Traum, zwischen Realem und Wahn, zwischen «kohärent» und «gebrochen» und selbst zwischen «rational» und «vorrational». Zu leicht wird auf Gegensätzen herumgehüpft.



3. Pathos und Radikalität bringen den Autor nahe an den Fundamentalismus; anders ausgedrückt, es gelingt ihm selten, die Linie zwischen Entweder-Oder zu verlassen. Er will stets auf Grund (fundamentum) kommen. Genauso wie Religion müsste Naturwissenschaft (so wie sie leibt und lebt) hinterfragt und auseinandergenommen werden. Sie ist in der abendländischen Tradition und im historischen Kontext das Gegen-Produkt von Religion. Statt zur Definition eines Begriffs sofort zum Gegenbegriff zu greifen, würde besser mit seinem Umfeld und seinen reichen Beziehungen operiert. Es käme dann eher zu Spannungen, Konstellationen und Andeutungen. Vielleicht verhelfen diese im schrittweisen Vorgehen besser zu Deutungen. Zwischen «endlich» und «unendlich» ist eine lange Zeit und steht viel Raum.


 

Wider den monomanen Angelpunkt der Potentaten und Päpste


4. Wie wäre es, wenn das Ganze mit Hilfsversuchen von mehreren Prinzipien erklärt würde? Warum muss denn letztlich immer wieder alles unter EINEM stehen? Liegt nicht dort eventuell der Grundfehler der gängigen Metaphysik, der Theologie, aber selbst der Naturwissenschaft? Warum einem archimedischen Punkt nachtrauern und nicht vom Bild eines Virus ausgehen, der überall einfallen und ein System verändern kann? Der Tropfen auf den heissen Stein ist mächtiger als der monomane Angelpunkt, der Potentaten und Päpste, Diktatoren und Macher entstehen lässt.


5. Für mich ist vieles auch noch wirklich, was für die Naturwissenschaft nicht wirklich ist. Selbst Glaube und Wahn, Zweifel und Phantasie gehören dazu. Sie gehören zur menschlichen Wirklichkeit, auch wenn sie mit einer bestimmten Methode unfassbar und vor allem nicht quantifizierbar sind. Warum muss von der Realität oder dem Objekt das Subjekt abgeschnitten oder ausgeschlossen werden? Erkennen wir darin nicht ein vielleicht tendenziöses Herrschaftsgehabe mit fatalen Auswirkungen?


6. Für mich ist vieles geschichtlich, was für Historiker (noch) nicht historisch ist. Geschichte wird von Menschen gemacht und von vielen anderen Kräften mitbewirkt. Den Quellen-Fetischismus mag ich nicht. Orale und kollektive Traditionen sind mir wichtig. Der Schwatz kleiner Leute ist ebenso geschichtsträchtig wie das Wort grosser Männer. Alle und alles zusammen machen Geschichte aus. Falls ich also historisch im traditionellen Sinn diesem Jesus kaum auf die Spur komme, existiert er dennoch in Erzählungen und Legenden, Frauengeschichten und Wundern, in diesen Auswirkungen von blindem und bewusstem, naivem und heroischem Glauben auf die Geschichte.


7. Selbst wenn ich davon ausgehe, dass am Anfang das Wort war, kann das in vielfältiger Weise da und wirksam gewesen sein. Als Wort der Weisheit, aber auch als Gerücht, als Mythos oder Rätsel, als Lied oder Flehruf. Hier liegt meiner Ansicht nach eine katastrophale Einengung vieler Religiöser vor, die als heiliges Wort bloss das der Stifter nehmen, ohne Einbettung in Tradition, ohne eine Anknüpfung und Fortsetzung, ohne nachhaltige Auswirkung auf Bilder und Assoziationen im Kopf. Eine (Hl.) Schrift ohne Tradition ist monokulturelle Zensur und Einengung. 


 

Viele Religionen bezeugen die Vielfalt der Welt

8. Ich gehe von Vielfalt, wie etwa verschiedenen Systemen aus, die gleichzeitig und nebeneinander existieren. Um diese Vielfalt zu bezeugen, muss sich auch ein Gott daran halten. Und ich glaube, er tat es. Warum hat er diesen menschgewordenen Jesus in vier verschiedenen Evangelien einfangen lassen? Warum liess er ihn auf das Alte Testament der Juden folgen; warum führte er ihn in Mohammed fort? Immer noch unverstanden bis heute. Es muss viele Religionen geben, um diese existierende Vielfalt zu bezeugen, aber auch, um ein echtes Abbild dieser Art von so geschaffener oder gewordener Welt zu sein.


9. Ich war in den sechziger Jahren in den USA aktiv mit dabei, als die Gott-ist-tot- Theologie entstand. Was wir meinten, war das Ende eines weissen, eurozentrischen, patriarchalen, chauvinistischen, an westliche Philosophien gebundenen, monokausalen und rationalen Gottes; eines Gottes, der Farbige und Frauen, Minderheiten und scheinbar Kranke (Homosexuelle) sich gefügig machte; eines Gottes auch, der von Theologen in schleimscheisserischer Sprache, dummen Klischees und sentimentalen Bildern sich verstecken liess. Diese Theologen, die dem Wort scheinbar so eminente Bedeutung beimassen, verrieten ihren Gott mit der Sprache; andere taten dasselbe mit falschen Festen, Liturgien und Prunk.


10. Zum Fragmentarischen gehört auch, was viele Propheten offenbarten und immer wieder beifügten: dass zu vielen gesprochen wurde und immer wieder eine Vertiefung oder Akzentsetzung stattfand. Das gehört essentiell zur Geschichte. Vielleicht gehört das wesentlich auch zu Jesus: andere in seinem Namen sprechen zu lassen, vor und nach ihm. Immer, wenn das Herz erwärmt wird, spricht er (vielleicht) mit und ist er (wie ich glaube) mitten unter den Menschen. Falls es eine Offenbarung gibt, kann diese bloss fragmentarisch sein, muss sie durch die ganze Geschichte hindurch dauern, stets neu beginnen, trauern und zweifeln, am Vergänglichen verzweifeln, sich neu fassen. Ich sehe weniger Allgemeingültigkeiten als Zeichen und Symbole, An-Deutungen und An-Regungen. Ein fragmentarischer Glaube steht über der Wahrheit.

 

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Al Imfeld©    Neue Wege    1992    Heft 9