Nigerias Religionen und Theologien 1988

Nigerias Religionen und Theologien
Notizen auf einer Studienreise


Vom 8. Februar bis zum 8. März 1988 habe ich an verschiedenen nigerianischen Universitäten Vorlesungen über die 20'000 jährige Agrargeschichte Afrikas gehalten. Da es in diesem Land eine reichhaltige Presse gibt, habe ich jeden Tag mindestens vier Zeitungen gelesen. Dazu kamen die vier wöchentlichen Nachrichtenmagazine und die Fernsehnachrichten. Ich habe das Material in meinem Tagebuch verarbeitet. Daraus entnehme ich die Passagen, die mit Religion und Theologie, mit Glauben und Sehnsüchten, mit Ethik und Moral zu tun haben. A.I.


Firmendienst statt Gottesdienst

Frau Kern, die Hausmutter vom Berger Camp, teilt mir mit, dass die zwei Pfarrer der evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Lagos mich unbedingt treffen möchten.

Es war während des Weizsäcker-Besuchs in Nigeria. Am Tag zuvor hatte der Präsident der BRD deutsche Schulen, auf deren Gelände auch die Kirche steht, besucht. Die Firma Berger Nigeria Ltd., eine Tocher der deutschen Baufirma Berger-Bilfinger, die in diesem Land mit ihren Bauprojekten fast allgegenwärtig ist, hat vor dem Besuch die Zufahrtsstrassen neu geteert, aber auch noch das Gelände mit Schule, Kirche, Lehrerwohnungen und Sportanlagen staatsbesuchswürdig gemacht. Diese Firma hat eine eigene Infrastruktur im Staat aufgebaut. Da klappt alles. Und so kommt selbst der nigerianische Staat, wenn er etwas sicher haben will, zu Berger: vom Privatflugzeug bis zum Ess-Container für einen Staatsempfang. Auch ich habe teilweise im Berger Camp gewohnt, weil es das beste Hotel von Lagos ist. Zudem läuft hier einfach alles durch. Eine Kommunikationszentrale.

So kam denn eben auch die Nachricht von meiner Anwesenheit in das Pfarrhaus. Nur widerwillig ging ich hin. Mit solchen Ghetto-Kirchen will ich eigentlich nichts zu tun haben! Aber welch eine Überraschung: Ich treffe Pfarrer Rudolf Weckerling, 75jährig, aus Berlin, der hier eine Vertretung angenommen hat. Pfarrer Weckerling kennt die «Neuen Wege» und ist ein Treund vieler aus diesem Kreis. Er hat in den 70er Jahren ein Buch mit Persönlichkeiten des gewaltlosen Widerstands veröffentlicht. Wir haben viele gemeinsame Freunde. Sein Bedürfnis war es, inmitten dieser Einsamkeit mit einem Gleichgesinnten zu plaudern. Seit über einem Jahr suche die Gemeinde einen Pfarrer. Schon glaubten sie, einen gefunden zu haben. Er kam und ging nach zwei Monaten etwa wieder weg. Er hatte entdecken müssen, dass er in einer Kirche angestellt wurde, die von den grossen deutschen Industriefirmen dirigiert wird: eine «corporate church».

Diese Firmen würden zwar alles für das Äussere der Kirche und der Schule tun, von der geringsten Reparatur bis zur Gestaltung der Gärten, vom Kühlschrank bis zum Frühstücksspeck. Sie sagten: «Wir tun doch alles. Da hat es ein Pfarrer zweifellos schön!» Aber die Firmen(-Vertreter) wünschen sich für diese Dienste auch die ihnen passende Predigt. Sie nehmen Einfluss auf die Gottesdienstgestaltung. Schwarze wollen sie nicht im Gottesdienst haben; denn es sei eine deutsche Kirche. Als der neue Pfarrer etwas über soziale Gerechtigkeit predigte, murrten sie. Und als er erst noch am kommenden Sonntag auf Südafrika Bezug nahm, liessen sie ihn klipp und klar wissen: «Wir wollen deutsche Predigten und keine Afrikapolitik!» - Nun sei er vorübergehend mit einer Praktikantin, Frau Pfarrerin Freyja Eberding, noch bis Ende Mai da. «Mich müssen sie halt hinnehmen. Viele kommen nicht in den Gottesdienst.» Der Katholik komme gelegentlich von Ibadan, sei ein deutscher Weisser Vater und predige so, dass alle sagen: «Er predigt ewige Wahrheiten.»

Die Deutschen kommen nach Nigeria, um zu krampfen und Geld zu verdienen. Von ihrem Job wissen sie alles und vom Land interessiert sie nichts. Aber: «Sobald diese fleissigen Arbeiter zuhause sind, geben sie sich als Afrikaspezialisten aus und erzählen von Dingen, die sie weder gesehen noch erlebt haben. So ist es!»

Pfarrer Weckerling wird traurig und fragt zaghaft: «Ist das, was ich und andere Pfarrer entweder tun müssen oder mit der Zeit von sich aus tun, noch Gottesdienst - oder sind wir ein nebensächlicher Teil der Freizeitbeschäftigung?» Firmendienst statt Gottesdienst? Eine Kirche im Dienste der Interessen statt Apostolat/Mission an den Peripherien, an denen, die am Rande sind, um sie mit dem Zentrum zu verbinden und an ihm teilnehmen zu lassen?

 

Fragwürdige Traditions-Kirchen

Während meines Aufenthaltes tritt in Ibadan die anglikanische Synode zu einer - wie es in der gesamten Presse heisst - «sehr heiklen Wahl» eines neuen Vorsitzenden der Bischöfe zusammen. Am Sonntag sagt der anglikanische Dekan von Odogbolu entrüstet: «Und in diese wichtige Wahl bringen nun ein paar Idioten noch die Frauenfrage hinein!» Es wurde nämlich die Frage nach der Weihe der Frau für das Priesteramt gestellt. Ein Freund aus der «besseren Mittelschicht» hatte mich in den anglikanischen Gottesdienst mitgenommen. Ich kann Euch sagen: Selbst in England könntet Ihr so etwas nicht mehr erleben! Wer Kirche, wie sie zu Beginn des Jahrhunderts war, historisch-museal erleben will, komme hierher oder nach Lagos in einen anglikanischen Gottesdienst. Saint Saviours, die Kirche im besten Viertel von Lagos, hat ebenfalls keinen Kaplan mehr, weil diese Gläubigen wie die deutschen unbedingt einen nach ihrer Fasson haben wollten.

Eine Woche später bin ich bei Katholiken. Erneut habe ich Pech. Ich werde gar wütend über einen derart vorkonziliaren Gottesdienst. Ein Bekannter in Nsukka erklärt mir die Lage so: «Das sind alles Geschäftsleute und Intellektuelle. Die wollen das so. Die lieben nämlich Geschichte. Und als das Konzil kam, kam auch die Unabhängigkeit. Diese galt als Signal dafür, dass hier kein Konzil oder jemand von aussen mehr bestimme. Sie wollten nun afrikanisch sein! Und – flugs - hielten sie am Status quo fest.» Ja, um afrikanisch zu sein, wird dieser Christ Kolonialist. Hier sieht jeder sofort, wie gefährlich das theologische Argument mit der Tradition ist. Gerade in diesem Land sah ich sowohl auf der Universität als auch bei den Kirchen und Religionen, dass Inkulturation die Anpassung an die ihnen in der (Kolonial-)Geschichte vorgenommene Assimilation ist. Wer das erlebt, der wird skeptisch einer Inkulturationstheologie gegenüber. Vor allem entdeckt er sehr bald, dass mit Tradition und Kultur sehr viel Fragwürdiges im christlichen Verständnis geschieht.

Zu dieser Zeit findet in der St. Leo's Church, Ikeja, im Mittelklasseort von Lagos, die katholische Bischofskonferenz statt. 35 Bischöfe tagen eine Woche lang. Das Resultat am Schluss ist eine Aufforderung an die Laien, in dieser Zeit der moralischen Korruption dennoch öffentliche Ämter anzunehmen und sich in den Dienst der Nation zu stellen. Die Katholiken seien in den öffentlichen Ämtern und in der Verwaltung untervertreten. Soll das ein Vorwurf an das jetzige System sein oder ein Aufruf zur wirklichen sozialen Verantwortung? Zu der Laienfrage gehört im Katholischen auch die Frauenfrage. Und so sagen die Bischöfe dazu Rührendes. Die Frauen sollten nämlich im Staat und in Ämtern vorerst Erfahrungen sammeln, um dann später auch in der Kirche einen Beitrag leisten zu können. Probleme werden verschoben; der Staat muss herhalten: Der könne doch nur profitieren vom «echten Potential der Frauen, von ihren wichtigen Beiträgen und den auch ihnen zugehörigen Plätzen im Aufbau der Nation». Maria wird als «Modell» hingestellt. Und Erzbischof Dr. Anthony Olubunmi Okogie von Lagos theologisiert so: «Die heutige Frau nehme sich an Maria ein Vorbild. Sie strebe nicht nach höheren Rollen als die, die Maria, die heilige Jungfrau und Gottesmutter, angenommen hat. Gerade in dieser Bescheidenheit ist sie gross geworden . . . Maria ist eine Mutter und keine Priesterin. Ihre spezifische Mission liegt im Bereich der mütterlichen Sorge und Liebe und nicht in der Hierarchie.»

 

Religiöse Business-Reiche

Am Samstagabend, 27. Februar, erscheint auf dem nationalen Fernsehnetz der amerikanische Fernsehprediger Jimmy Swaggart und predigt über die wahren Fundamente des Christentums, das wahrscheinlich die lächelnde US-Familie ist, keine Sexualsünden begeht, rein und keusch bleibt (ich kann die Zwischenbemerkung «marianisch» nicht lassen). Das ist unglaublich, aber es ist so: Selbst Nigeria sendet diese Schwarten und bekommt sie geschenkt, derweil Swaggart dabei Millionen verdient. Aber dass er auch jetzt noch gesendet wird, wo doch am 24. Februar in allen Zeitungen stand, Swaggart habe einen TV-Skandal verursacht? Sam Ogundogba, bei dem ich zu Gast bin und der neben seiner Grossdruckerei ein wichtiges Kirchenmitglied ist, meint dazu: «Das ist ein amerikanisches Problem. Er ging doch bloss mit einer Prostituierten. Bei uns wird von einer verheirateten Frau absolute Treue verlangt, aber der Mann der muss sich doch umschauen können, denn schliesslich sind wir Polygamisten.» Er verweist auf neue nigerianische Propheten, aber auch weltbekannte Musiker, die sich «grosse Scharen von Frauen» halten, was sie «nicht nur stark, sondern auch bekannt» mache.

Ja, da war am 22. Februar in «Newswatch» eine Titelgeschichte über den wiedergekommenen und unsterblichen Jesus, der aber doch am 17. Januar gestorben sei: Immanuel Olufunmilayo Odumosu, geb. 1914. Auch er war ein Schreiner oder Zimmermann gewesen und erhielt 1952 die Berufung. Er vermischte Koran und Bibel, Tradition und Puritanismus, Polygamie und Gemeinschaft. Er soll Tausende von Nachfolgern haben. Was nun das Wochenmagazin aufdeckt, ist erschreckend. Er führte in diesen Arbeitskommunen ein diktatorisches Regime. Alle Mitglieder müssten ohne Sexualität leben. Nur er, der Prophet, der «wahre Jesus», durfte sich alle Frauen nehmen, Kinder zeugen, «ein neues Arbeitsreich» aufbauen. Er forderte von allen Nachfolgern die absolute Trennung von «dieser Welt». «Sagen Sie mir, wie Sie das Leben der Menschen erneuern wollen, wenn Sie sie mit der alten, verdorbenen, korrupten, unkeuschen Welt sich mischen lassen?» Odumosu hat ein grosses religiöses Business-Reich mit Restaurants, Hühnerfarmen, Coiffeurshops und Pflanzen-Vermietung aufgebaut. Immer behauptete er, dass er unsterblich sei. Nun ist er tot. Dennoch, so schreibt das Magazin naiv überrascht, bleiben die Gläubigen bei der Stange; und selbst die Frauen würden nun nicht endlich ihre Freiheit suchen. Auch die Aufdeckungsgeschichte «Inside Jesu's Kingdom» wird ohne Wirkung bleiben.

Da Sam, der Drucker, im Industrieviertel lebt, ist er zum Nachbarn einer der grössten Wachstumskirchen Nigerias geworden. Vor einigen Jahren war da alles Moor und Sumpf, aber nun hat «Deeper Life» die «Christian Bible Mission», die wohl grösste Kirche Nigerias, ins Gelände hineingebaut. Jedoch mehr als das. Da Tausende und Abertausende dreimal wöchentlich hierherkommen und die Konzentration von Menschen enorm ist, hat diese Kirche einen eigenen Ordnungsdienst. Um die Kirche herum ist ein neues Geschäftsviertel entstanden. Verkehrsmässig unmöglich und laut. Dazu kommen die permanent mit Lautsprechern verstrahlten Botschaften. Doch die Leute scheint all das wenig zu stören. Es gibt Arbeit, Betrieb und Abwechslung.

Diese «Deeper Life» nutzt voll und ganz die moderne Elektronik. In der Kirche predigt entweder der «grosse Prediger» oder einer seiner «entflammten Diakone». Überall gibt es Kopfhörer. Die gesamte Fläche ist in 40 Sprachen eingeteilt. Jeder kann dann life und übersetzt den Prediger gleichzeitig hören. Pfingsten ist elektronisch verwirklicht: Gott spricht in allen Sprachen. Jeder versteht in seiner Sprache die Botschaft. Der Prediger beschäftigt so ein ganzes Heer von Übersetzern, die alle in bestem Business-Anzug da sind. Zur Kirche gehören aber auch Video, Kassetten und Platten. Selbst Musik ist eingebaut und auch diese sozusagen untertitelt. Betrieb. Leben. Stau. Chaos. Aber da aus dem ganzen Land Tausende kommen, fühlt sich jeder in eine wichtige Entwicklung miteinbezogen.

 

Warten auf Wunder

Das Volk ist verarmt und verelendet. Niemand hilft, und nichts kann in dieser ökonomischen Krise helfen. Daher wartet alles auf Wunder. Und in einer solchen Lage haben es ungehemmte Juju- Männer, Hellseher, Wunderheiler, Parapsychologen, Gurus, Marabuts und Propheten leicht, Tausende von Menschen an sich zu ziehen. Die Zeitungen sind täglich voll von Inseraten dieser Berufsklasse. Auf der Strasse gibt es Lotto-Professoren, die «wissenschaftliche Vorlesungen» über die Möglichkeiten des Gewinns halten. Voodoo und Wissenschaft werden gemischt. Juju wird teuer verkauft. Alles kennt und erzählt Geschichten über Erfolge von Fetischen, schwarzer Magie, Zauberei und Exorzisten. Schon die Presse offenbart es: In diesen gigantischen Grossstädten wie Lagos schafft sich der Betrogene selbst sein Tollhaus. Die einen nennen dies dann Fundamentalismus, andere Revivalismus, dritte «zurück zur Kultur der Vergangenheit», vierte Inkulturation, fünfte Amalgam oder Kulturmischung etc.

Einige - wohl naive Zweck-Optimisten - glauben an ein Wiedererwachen des religiösen Menschen. Unsinn! Das ist der Schrei der Armut. Das sind Zeichen der Verzweiflung. Gerade in einer Lage mit solchen Widersprüchen zwischen Arm und Reich färbt das auch auf die Inkarnation ab. Auch hier nehmen die Reichen rasch Gestalt an, kommen und nehmen selbst das Allerletzte. Sie haben es verstanden, den Glauben zu kapitalisieren. Immer läuft es gleich: privatisieren oder individualisieren, um dann zu monetarisieren. Was Lady Thatcher oder Grandseigneur Mitterrand tun, geschieht auch in den Religionen und Kirchen: Wenn entstaatlichen bloss privatisieren bedeutet, dann ist es stets der Ausverkauf von etwas Gemeinschaftlichem. Wenn Staat oder Religion (Kirche) sich so entwickeln, dass sie für die Mehrheit irrelevant werden, dann wird eine Veräusserung mit verheerenden Folgen für die ganze Zukunft zugelassen. Die Engagierten von heute sollten sich neue Gedanken machen, denn sowohl Verstaatlichung als auch Verkirchlichung sind endgültig vorbei. Es braucht neue Klammern des Gemeinsamen und der Gemeinschaft.

Am Tag vor meiner Ankunft muss ich den Beginn der «Wunder-Woche» im Stadion von Lagos verpasst haben. 200 Kirchen der Hauptstadt haben sich zu einer Woche der wunderbaren Heilung zusammengeschlossen. 50'000 Menschen fasst das Stadion. Schätzungsweise doppelt soviele waren gekommen. Dort, wo sonst Fussball gespielt wird, drängten sich Tausende, die an Krücken gingen oder aufs Augenlicht warteten. Wegen des Verkehrschaos kamen die Evangelisten und Heiler etwa drei Stunden zu spät: Kein Wunder war in diesem Verkehr mehr möglich! Die Zeitungen meldeten am Montag, dass «Lagos Miracle Explosion» etwa 20 Heilungen sich zu Buche schreiben kann. In der gleichen Nummer des «Guardian» mit der Wunder-Geschichte stand ebenfalls die Nachricht, dass die Spitäler überfüllt seien, obwohl es nur wenige Medikamente noch gebe; dass man sich für einen Platz voranmelden müsse; dass zuerst diejenigen genommen würden, die selbst bezahlten, denn es ginge nun um «economizing health».

 

«Fundamentalismus»

Sekten springen wie Pilze aus dem Boden, so ähnlich hiess es auch am Fernsehen in Maiduguri, im Norden Nigerias. Die Radikalisierung innerhalb des Islam nehme zu. Die Regierenden mahnen vor dem Fundamentalismus.

Wenn ich im «Club de Chad», dem exklusiven Club der Oberschicht Maiduguris, frage, was der Fundamentalismus sei, erhalte ich Antworten, die den Einfluss von Libyen und Iran bezeichnen und alles Kommunistische und Terroristische einschliessen. «Der wahre Muslim erträgt sein Schicksal in Gelduld», sagt mir der Iman. Er meint, es sei Fundamentalismus, wenn die Nomaden sich zu wehren beginnen, weil sie eingeschult und sesshaft gemacht werden; er bezeichnet es als Fundamentalismus, wenn sich Bauern gegen eine Güterzusammenlegung wehren, die «endlich eine rationale Produktion im Grossen» ermögliche.

Ich höre von Agrarsoziologen an der Fakultät, dass die in den letzten Jahren in der Presse beschriebenen Unruhen zwischen Christentum und Islam keine religiösen Auseinandersetzungen, sondern solche über Land und Geschäfte gewesen seien. Grauenhafte Gegensätze und unsägliche Armut verursachten Spannungen, führten zu Streit und Kleinkrieg und liessen die kleinen Leute diesen Kampf religiös, sogar apokalyptisch deuten. Das ist nicht Fundamentalismus: das sind Warn-Symbole mit der oftmals hilflosen Sprache und im unsicheren Handeln. Warum hat ausgerechnet der Wohlhabende so grosse Angst vor diesem Fundamentalismus? frage ich mich. Die Trägheit und Blindheit der Religionen und Kirchen vor der heutigen Lage ist viel problematischer als der Mischmasch des Alltags, bei dem noch etwas von Ganzheit vorhanden ist. Im Gegensatz zum puren Entweder-Oder oder zur verindividualisierten Geld-Anlage oder Seelen-Hilfe.

Von der Universität Ile-Ife fahre ich zum religiösen Zentrum der Yoruba: Oshogbo. Eigentlich bin ich genauso betroffen wie nach dem Besuch anglikanischer oder katholischer Gottesdienste. Ich finde das alles museal und dazu erst noch entfremdet, vereinsamt und verfälscht, da doch die traditionelle Religion einen wahren Bezug zum damaligen Leben und System hatte. Einfach losgelöst von all dem wirkt diese traditionelle afrikanische Religion lächerlich. Man kann doch Religionen nicht konservieren! Wenn ich heute die Yoruba im Alltag von Lagos, Oyo oder Ondo sehe und weiss, welchen Machteinfluss sie ausüben, dass sie zu den grössten Geschäftsleuten gehören, Geld im Ausland haben, Mercedes fahren, ein Doppelleben (ich meine das nicht unbedingt negativ) führen, dann hätte die alte Religion mitgehen müssen . . . Ja, vielleicht ist sie auch mitgegangen und daher dieses Doppelgesichtige der Yoruba heute; daher ihre Kraft und Macht im Alltag; daher vielleicht konnte der Kolonialismus sie nicht brechen; daher ihre Künstler, Musiker und Literaten (Wole Soyinka ist einer der ihren). Was ist aber in Oshogbo etwa mit der österreichischen Mit-Priesterin Wenger oder dem früheren Uli Beier und seiner Künstlergemeinschaft anwesend oder los? Nichts anderes als ein gewisses Verständnis von Ethnologie oder Religion. Etwas von der Vorstellung, die Tradition oder die Vergangenheit könne festgehalten und erneuert werden. Oshogbo ist wie die Bundeslade, die Bibel oder der Koran. Alle würden in sich heute nicht mehr viel bedeuten, hätten nicht Menschen sie als Herausforderung zu stets neuen Sinn-Deutungen ihrer Zeit genommen.

Im Norden sind die Spannungen gross. Die Zeitungen schreiben unisono von Religionskrieg. Zu denken gibt mir folgende Verordnung: «Alle religiösen Aktivitäten ausser dem Moschee-Besuch am Freitag und dem Kirchgang am Sonntag sind vorübergehend verboten.» Der Alltag und sein Leben sind also keine religiösen Tätigkeiten mehr. Ist Religion bloss noch Institution und Ritual? Wenn das kirchliche wie weltliche Obrigkeiten so sehen und aussprechen, beginnt sich das einfache Volk aufzulehnen. Die religiöse Tätigkeit der Versöhnung, des Ausgleichs, der Toleranz oder der Gerechtigkeit muss im Alltag geschehen. Das vermissen die Armen und Bedrängten, die Unterdrückten und Vergessenen. Sie alle wehren sich vage, verschwommen oder gar wirr, aber das sollte von Theologen und Politikern nicht so hochnäsig mit Fundamentalismus abgetan werden.

 

&&&


Al Imfeld©   Neue Wege    1988  Heft 5