Eine Woche in Ho Chi Minh Ville 1988

«Es sind nicht immer nur die bösen Vietnamesen»
Eine Woche in Ho Chi Minh Ville

Im früheren Saigon, der heutigen Ho Chi Minh Ville/City (kurz HCMC genannt), befindet sich im ehemaligen bundesdeutschen Botschaftsgebäude das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR). Der Zentralsitz für Vietnam liegt jedoch in Hanoi wie alles in einem zentralistischen Staat weit weg vom Ort der Handlung. 1’000 Kilometer weiter südlich, am Exit-Punkt der Auswanderer, hetzt ein einziger Aussenstehender, einsam und allein, zwischen Flughafen und Telex im Hotel, zwischen Office mit 17 Angestellten und Behörden in der Stadt hin und her. Er lebt als fast einziger Ausländer nicht in einem Hotel und hat auf dem Gelände der ehemaligen Botschaft einen Bauernhof zur Selbstversorgung eingerichtet. Es ist der Schweizer Eugen Birrer. Er hat schon die Heimschaffung der Freiheitskämpfer und Flüchtlinge aus Moçambique nach Zimbabwe logistisch betreut; dann in Somalia mitgeholfen, dass die Verteilung der Lebensmittel an die Flüchtlinge ohne grosse Verluste zum Klappen kam; auf den Philippinen bewirkt, dass Millionen von Dollars eingespart werden konnten, während Hilfe an die Armen und Flüchtlinge früher nur mit Schmieren der obersten Schichten möglich war. Seit Februar 1986 wurde ihm vom UNHCR die nicht leichte Aufgabe der praktischen Durchführung des ODP (Orderly Departure Program) für die staatlich genehmigte Ausreise und Zusammenführung der Amerasians anvertraut. Birrer ist Mitglied der SMB-Immenseer und der wohl einzige Leser der «Neuen Wege» in Vietnam («Jede Nummer lese ich sofort nach Eintreffen von A bis Z, sag' das der Redaktion!»).
Um in den ganzen vietnamesischen Wirrwarr, aber auch in die tendenziös gehandhabte Berichterstattung über Boat People etwas Einblick zu erhalten, habe ich mich vom 19. bis 26. November 1987 bei Eugen Birrer umgesehen. Der folgende Bericht ist persönlich und literarisch. Ich schreibe dies, da die Angestellten, sei es beim UNHCR oder beim IKRK, vor der Zentrale in Genf zittern und weil von dort aus mit ihnen wie mit Kindern umgegangen wird. So lassen diese Institutionen durch eine zentralistische, kontrollierte und ja nie kritische Berichterstattung uns alle nicht an der harten Wirklichkeit teilhaben. Mehr und mehr werden aus Werken im Dienst der Menschheit Zentralen der Geheimpolitik, statt Solidarität wird die Intrige gezeugt, statt Verbundenheit Isolation, statt Einbezug Ausschluss. Sie machen sich mitschuldig an entstehenden Klischees und damit auch an emotionaler oder gar rassistischer Abwehr gegen Menschen auf der Flucht und in Not. Der persönliche Einblick erst erweckt Verständnis und Sympathie. Einblick ist das beste Mittel gegen die gefährlichen Sündenbockgeschichten. Er legt Menschliches offen und gibt damit die Grundlage zu einem sinnvollen und heilsamen Handeln. A. I.

 

19. November 1987:
antikommunistische Emotionen

Die Air France, die einzige Fluglinie, die den Flughafen Tan Son Nhat von HCMC anfliegt, wird alle restlichen Plätze mit Ausreisenden aus Vietnam füllen. Rest der 220 Abschiednehmenden wird mit einer vietnamesischen Tupelew mit Extraerlaubnis nach Bangkok geflogen. Mit der AF 174 war ein Vertreter der US-Botschaft in Thailand eingeflogen, um in einem diplomatischen Zwischenraum (UNHCR-Gelände sozusagen) allen nach den USA Ausreisenden nochmals verschiedene Beteuerungen (dass sie gesund sind, dass Alleinstehende auch nicht verheiratet sind, dass sie nicht lügen) abzunehmen und sie die meist dicke Akte am Schluss zweimal unterschreiben zu lassen. Er wird dann im Erstklassabteil des gleichen Flugzeugs nach Bangkok zurückgehen.

Birrer hat mit seinem Büro alles fast pedantisch vorbereitet; es darf keine Schwierigkeiten geben, da das Flugzeug nach etwa drei Stunden Aufenthalt genau um 16:25 Uhr gnadenlos weiterfliegt. In drei Schachteln lagern die Akten in alphabetischer Reihenfolge, und alle Betroffenen tragen Namensschild und Aktennummer. Alles läuft reibungslos ab. Fast zwei Drittel werden nicht in die USA weiterreisen: sie werden also hier nicht «abgenommen», sondern erst in Bangkok von der ICM (eine private Weltorganisation für Migration, mit Sitz in Genf) in Empfang genommen und dann - wie es ICM’s Aufgabe ist - auf die entsprechenden Flüge nach Australien, Neuseeland oder Kanada gebracht. Diese Organisation scheint ziemlich mächtig und eigenwillig zu sein. Birrer und die vietnamesischen Funktionäre des Aussenamtes und der Migration fürchten sie und klagen sie an, zu sehr von Gefühlen des Antikommunismus geleitet zu sein, zu sehr auf seiten der USA zu stehen und ausserhalb diplomatischer Vereinbarungen immer wieder mit neuen Schikanen dazwischen zukommen.

Bereits am Morgen kamen in Bussen die Ausreisenden mit etwa 10 bis 15 Verwandten (dafür brauchte es eine Erlaubnis) auf den Flughafen. Dann folgten diese langen und schmerzlichen Augenblicke des Abschieds: Hektik, Aufregung, ein Durcheinanderreden, das immer lauter wird, eine letzte Foto, dann das Einchecken und von der Flughafenterrasse nochmals das Zurufen von weitem . . . Letzte Worte; wann wird man sich ihrer wieder erinnern? Birrer geht bis in das Flugzeug mit. Ein Ausreisender sitzt im Rollstuhl; ein anderer, 95jährig, ist so gebrechlich, dass er gestützt und geleitet werden muss. Ich möchte wissen, was sie fühlen und wozu sie diesen beschwerlichen Exodus auf sich nehmen.

Das Flugzeug hat auch einige auswärtige Zeitungen mitgebracht, die Birrer in seinem Diplomatengepäck verstaut. In Vietnam findet man nirgends ein ausländisches Presseerzeugnis zum Kaufen. Am Abend lesen wir also begierig Zeitungen.

Plötzlich schiesst Birrer wie von einer Wespe gestochen hoch und wirft mir die «Bangkok Post» hin: «Lies diese arroganten Phrasen von Henry Kissinger! Er muss immer noch auf die Vietnamesen einen Zorn oder gar Hass haben. Und das soll ein Staatsmann sein!» Kissinger hat das MiA (wie in den USA, so lebt hier alles von Abkürzungen: MiA steht für missing in action, betrifft also vermisste Soldaten in Vietnam) kritisiert. Dieses Programm wurde 1987 ausgehandelt. Den Vietnamesen wird für die Suche nach den Vermissten eine Spesenentschädigung bezahlt. Das macht Kissinger wild. Er ist gegen jede Hilfe an Vietnam. Zitat: «Humanistische Rücksichten Vietnam gegenüber sind ein Euphemismus für wirtschaftliche Hilfe» und: «Ich finde es beleidigend, dass wir ,diesen' noch Geld für Menschen geben müssen!» Ja: «Vietnam schuldet uns das, und es müsste es ohnehin tun.» Birrer kommentiert: «Die Amis haben offensichtlich vergessen, dass sie diesen Krieg verloren haben. Aus Wut haben sie am Ende noch soviel als möglich zerstört, warfen fünf Kilogramm Bomben auf jeden Quadratmeter im Süden ab und zahlten keine Wiedergutmachung. So haben wir hier die Lage, die der Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg vergleichbar ist, als niemand Wiederaufbauhilfe leistete und man sich an den Schulden gütlich tat.» Nun werde dramatisiert und die ganze Welt emotionalisiert. Alles gehe auf Kosten des bösen Kommunismus. In diesen unsachlichen Kontext werde auch die Auswanderungs- und Flüchtlingsfrage gestellt. Es werde einfach verschwiegen, dass Vietnam 62 Millionen Einwohner habe und ein Grossteil der Bevölkerung arbeitslos sei. Haben wir die europäische Geschichte des letzten und vorletzten Jahrhunderts vergessen? Damals mussten aus Armut und Elend Millionen nach den USA, nach Lateinamerika, Kanada und Australien auswandern.

 

20. November: dramatisierte Boat People

Wir besuchen im einstigen Widerstandsgebiet von Cu Chi mit 300 Kilometer unterirdischen Tunnels ein kambodschanisches Flüchtlingslager, das vom UNHCR betreut wird. Wir werden von einem früheren Kämpfer begleitet, und da draussen kommt ein weiterer dazu. Sie sind rundlich geworden und hätten heute in diesen Tunnels keine Chance der Fortbewegung mehr. Sie leuchten wie Monde und zeigen uns stolz dieses Stück Heroengeschichte. Heute sitzen beide in ihren Büros, einer im Immigrationsdienst, der andere im Aussenamt, beide vor Aktenbergen, einem neuen Tunnelsystem. Beide verstehen sich mit Birrer sehr gut und beide versuchen, auch mein Verständnis zu gewinnen. Vietnam möchte sich öffnen und aus den Tunnels heraus, aber es gelingt ihm nicht oder nur schwer. Die Menschen hier fühlen sich missverstanden und verschaukelt, missbraucht und verleumdet. Die Isolation seit 1975, dem Kriegsende, hat alle tief geprägt. Beide Funktionäre sind voller Verständnis, dass die Menschen weg wollen, da «wir kein Geld für den Fortschritt» haben. Bloss die Dramatisierung mit den Boat People ärgert sie. Vor allem auch deshalb, weil diese zu Märtyrern des Kommunismus gemacht werden. «Es kommen doch auch Leute zu euch in Europa aus Afrika, und wer sagt da, dass die vor dem Kommunismus geflohen sind?» fragt mich Papa Nen.

 

21. November: Machtspielchen mit Impfungen und AIDS-Test

Ein Telex, der wie üblich den Umweg über die Zentrale in Hanoi machen muss, ärgert Birrer. Aus Australien kommt ein Tadel. Zwei vietnamesische Auswanderer seien nicht eingetroffen. Ob sie die Pläne aufgegeben hätten? Was war geschehen? Am 26. Oktober sandte ICM, Bangkok, kurz vor dem Wegflug einen Telex, dass sie für diese zwei den Weiterflug nach Canberra nicht buchen könnten. So müsste man sie in HCMC zurückhalten. Birrer hörte nichts mehr. Nun zeigt sich, dass ICM die Australier nicht benachrichtigt hatte und die Familien vergebens warten liess. So etwas passiere beständig, sagt Birrer traurig: «Fehler können alle machen, aber hier werden sie zum Alltag.» Und böse fährt er weiter: «An Menschen wird nicht gedacht. Nur an Fälle. Stell Dir vor, diese haben hier alles aufgegeben gehabt. Wohin wollten sie nach dem Abschied am Flughafen zurück? Sie vernahmen es nämlich erst da. Und seither? Wenn ich nicht beständig aufsitze, geschieht nichts. Vor Januar ist kein Platz mehr frei im Flugzeug. Zudem geht's ins neue Jahr, somit müssen Impfungen und viel weiteres Drum und Dran wiederholt werden.»

Schon sind wir beim nächsten Thema: Impfungen. Birrer muss sich aussprechen: «Was diese ICM nicht alles impft. Verantwortungslos. Wie Ungeziefer und nicht wie Menschen werden diese Migranten behandelt. Hier müsste einer endlich Einhalt gebieten. Vor der Abreise werden alle hier geimpft. Bei der Ankunft in Bangkok impft ICM alle nochmals, so wie wenn eine vietnamesische Impfung nichts wert wäre. Dann vor der Wegreise in Thailand wiederum. Bei der Ankunft im Gastland wird wieder geimpft. Für jede Impfung kassiert ICM 20 Dollar; schliesslich wird aber alles dem Einwanderer berechnet, denn dieser muss alles zurückzahlen. Nichts wird ihm geschenkt.»

Es geht zum nächsten heissen Thema. Ab 1. Dezember verlangt die USA, dass jeder Einwanderer den AIDS-Test gemacht hat. «Das weiss ICM. Aber bis zum heutigen Datum hat es noch nichts unternommen und organisiert. Das wird wieder ein willkommenes Verzögerungsmittel werden: denn ich darf dann niemanden ohne diesen Test aus Vietnam herauslassen.» Birrer ahnt, was hier gespielt wird: «ICM will verhindern, dass Vietnam Apparate bekommt, um diesen Test hier selbst machen zu können. Sie trauen niemandem hier in Vietnam. Sie wollen, dass Blut genommen und nach Bangkok zur Analyse geschickt wird. Und so spielt man Machtspielchen auf dem Buckel armer Menschen.»

 

22. November: der Traum vom Luxus

Es ist Sonntag. In einem scheinbar kommunistischen Land kann ich seit morgens vier Uhr das Läuten von Kirchenglocken hören. Niemand stört das hier. Genauso wenig wie werktags, wenn dreimal der Angelus geläutet wird.

Wir fahren zum Supermarkt im Quartier. Ein moderner Tempel des Konsums. Unglaublich, so etwas in einem armen Land zu sehen. Dreistöckig. Eine riesige Haupthalle und rundlich - wie Flügel - von zwei Galeriegebäuden flankiert. Alles scheint hier zu lustwandeln und das sichtbare Paradies zu geniessen. Honda-Motorräder ziehen besonders an. Die gesamte Elektronik aus Japan lässt von einer neuen Welt träumen. TV-Geräte de Luxe. Kinder vor Computerspielzeugen. Jemand sagt: «Wenn du draussen bist, kannst du all das haben.» Eine perfide Verführung.

Abends fahren wir ins Zentrum der Stadt und sitzen auf der Terrasse des Hotel Rex. Unten auf dem Square findet ein einmaliges, fast sinnloses Schauspiel statt. Jugendliche fahren mit ihren neuen ausländischen Fahrrädern und Motorrollern im Kreis herum - ohne Unterlass. Wie eine buddhistische Gebetsmühle. Ein Karussell. Der Square-Kreis ist nämlich geschlossen: niemand ist vorn, niemand hinten, einfach alles im Fluss, im Kreis herum, ohne Ende. Eine jugendliche Schau. Posieren in HCMC. Natürlich ist jeder Besitzer männlich, und hinten auf dem Sozius sitzt «sein Mädchen». Die Jugend einer besseren Schicht demonstriert ihren Luxus. - Und wie kommt das aus dem Ausland hierher? Vietnam besitzt keine Devisen mehr. Einfach. Von den Ausgewanderten, die klanmässig ihre Verwandten unterstützen und statt der alten Care-Pakete eine Honda oder eine Raleigh schicken lassen. Vietnams grösste Entwicklungshilfe kommt von den Vietnamesen selbst.

Selbst die Polizei schaut zu. Niemand kommt mehr über die Strasse. Und das Benzin, das hier rationiert ist, wird ins Blaue gefahren . . .

Umgekehrt hat die Polizei alle bettelnden Kinder im Zentrum festgenommen und in ein altes Kinderheim gesperrt. Es flog nämlich gestern eine Sondermaschine mit Journalisten ein, die heute nach Kambodscha weiterreisten, um dort einen Teil des militärischen Abzugs der Vietnamesen zu sehen. Die Luxusjugend durften sie also gestern Abend sehen, aber die bettelnde Jugend wird verwahrt, bis die Journalisten weg sind.

 

23. November: Scharlatan-Missionare auf «Cap Anamur III»

Die Isolation hat Vietnam sehr geschadet. Die Menschen können nicht vergleichen, sondern bloss eine abstrakte Welt draussen kritiklos bewundern. - Vor allem in dieser Stadt und im Süden wirkt der Glamour der USA Ende der sechziger Jahre nach. Es ist so, dass wer einst diese Konsumgüter sah und sie auch schon ein bisschen kosten konnte, sie nie mehr vergisst und sie in der Distanz glorifiziert. Die Menschen sind hier ungemein fleissig, aber es wird nicht für den Aufbau im eigenen Land gearbeitet; alles dient der Vorbereitung auf den Konsum-Himmel. Hier erlebe ich, dass es mehrere Arten von Flucht gibt.

Birrer gibt mir einen Bericht über «das Rettungsschiff, Cap Anamur IIP» zu lesen. Er wolle beim Mittagessen darauf eingehen. Beim Lunch ging es sofort los. Natürlich hätte er nichts gegen Rupert Neudeck und Bernhard Kouchner, die beiden Organisatoren, wenn diese Menschen retten wollten. Aber dass auf ihrem Schiff Fernsehteams sässen und alles wie in einem isolierten Schauspiel gefilmt und dadurch verstellt werde; oder dass die genauen Positionsmeldungen über Radiostationen erfolgten, damit die Menschen genau in ihre Richtung losfahren könnten . . . Und selbst das, meint er, ginge ja noch, wenn damit nicht ein Volk von 62 Millionen in ein falsches Licht gestellt und seine zaghafte Öffnung hintertrieben würden, weil so etwas eben auch am Nationalstolz - welcher Ideologie auch immer man angehöre - rühre. Birrer ist zornig und böse über solche Vereinfachungen. «Das ist ein Skandal, weil es Schau ist. Das ist keine Hilfe, weil es viel mehr verzerrt als heilt.» Er fragt mich, ob ich Neudeck nicht anraten könne, mit dem gleichen Boot um Afrika herumzufahren, um zu schauen, ob er dann nicht auch bei entsprechender Information 786 Afrikaner aus dem Meer fischen könne. Es wird ein langes Essen. Die Siesta entfällt.

Es gebe viele Feinheiten, und dort beginne die Kunst des Helfens. Zuerst müsse jemand verstehen lernen und nicht wie ein Tolpatsch von aussen hereintrampen, ohne zu wissen, was sich vielleicht schon tut . . . Birrer ereifert sich, weil er weiss, wie schwer und heikel Hilfe eben ist. Mit den Flüchtlingen werde heute primitive Politik gemacht und sie würden zu Opfern, genau wie die Hungernden in Afrika. «Als Mitglied einer Missionsgesellschaft weiss ich gut genug, was Missionieren sein kann. Ich wollte davon weg und entdecke heute, dass wir Tausende von Scharlatan-Missionaren haben - von Kissinger bis Neudeck. Es tut mir leid, auch hier würde es Unterschiede zu machen geben. Aber nimm doch diese Eindrücke nach Hause mit. Sag allen: ,Seht doch Vietnam nicht einfach rot und kommunistisch.'»

Den ganzen Tag hetzt Birrer herum, von Büro zu Büro, er telefoniert, fährt zum Telexen ins Hotel, und überall halten ihn Leute an und fragen, wann ihr Fall dran käme, andere erkundigen sich, wie sie auf das ODP kämen. Er muss ihnen sagen, dass etwa 700'000 Namen im Computer sind und dass bei den jetzigen Transportbedingungen und den spärlichen Plätzen nur etwa 1’000 Menschen pro Monat weg können.

 

24. November: eine neue Schikane

Um halb sieben holt mich Birrer im Hotel ab und fährt zum Flughafen, wo bereits die ersten Gruppen warten. Heute fliegen 206 ODP-Leute weg. Mit drei gecharterten Tupelew-Maschinen. Um 10 Uhr müssen zwei Maschinen gestartet sein, damit die «Australier» den Anschluss in Bangkok kriegen, denn Thailand erlaubt nicht, dass solche Emigranten mehr als drei Stunden im Transit warten. Die erste Maschine hätte schon um 8 Uhr fliegen sollen. Doch Thailand meldet, dass wegen einer Flugdemonstration zur Vorbereitung des Geburtstags des Königs bis 11 Uhr der Flughafen gesperrt sei. Birrer muss das Letzte an Logistik einsetzen, fährt selbst mit nach Bangkok und ist am Nachmittag um 5 Uhr bereits wieder im Büro hier. Glücklich, dass dieses Mal alles geklappt hat, aber nur weil er mitging.

Doch am Abend kommt ein Tiefschlag. Wir fahren ins Kulong-Hotel zu Telex und Nachtessen. Ein Telex bringt Birrer in Rage. ICM meldet kalt, dass auf den Flügen vom 12. und 19. November Verdächtige mit Netzhautentzündung (Conjunctivitis) gewesen seien; bis diese (harmlose) Augenkrankheit von Vietnam kontrolliert werden könne, seien alle Flüge mit Ausreisenden für die nächsten Wochen gestoppt. Das hätte ein amerikanischer Health Official angeordnet. So kurzfristig, denn übermorgen sind 200 zum Abflug herbestellt. Was soll Birrer jetzt im ganzen Land noch abberichten? Und was geschieht mit diesen Menschen, die alles hinter sich lassen? Diese Krankheit gehört nicht zu den aufgelisteten, deren Kontrolle das Immigrationsbüro verlangt. Und wer ist dieser Gesundheitsbeamte, und woher nimmt er diese Kompetenz? Für Birrer ist es sofort klar, das ist eine neue Schikane.

 

25. November: Menschenrechtsverletzungen in Vietnam - durch die USA

Er informiert am frühen Morgen den vietnamesischen Partner. Birrer muss an zehn Orten gleichzeitig sein. Er bringt es fertig, dass bis Mittag tatsächlich auf menschliche Weise die Tragödie verkraftet werden kann. Inzwischen kennt er vom vietnamesischen Aussenministerium auch schon die Vermutung über den Grund dieser Stopp-Aktion. Wieder einmal ein Racheakt. Eine Delegation habe in den letzten Tagen wegen des AIDSTests verhandelt und hätte darauf bestanden, dass dieser in Vietnam durchgeführt würde. ICM hätte nicht nachgeben wollen und schliesslich gesagt: «Gut, dann wird er halt zweimal gemacht!» Eine Reaktion darauf war offensichtlich diese Lächerlichkeit mit der Conjunctivitis. «Und da heisst es immer wieder, Vietnam verhindere die Ausreise! Es ist einfach nicht so. Viel schlimmer als jedes politische System ist diese verdammte Bürokratie. Da heisst es im Westen, es gibt keine Plätze für Einwanderer, ohne dass wir sie zu Verfolgten des Kommunismus stempeln. Sind wir so weit, kommt der lächerliche Papierkrieg. Diese und jene Vorschrift. Immer wieder Verzögerungen. Stell Dir nun vor, mindestens 1’200 Menschen kommen vor Weihnachten nicht mehr weg - nicht wegen den bösen Vietnamesen, nein, wegen menschlicher Verletzlichkeit, Machtgelüsten, Gerangel in internationalen Organisationen, unfähigen Hilfskräften, trägen Repräsentanten, etc. Da sitze ich in HCMC. Und die in Hanoi? Möglichst weit weg vom Tatort, um ja nie etwas falsch zu machen, um die Promotion nicht zu verhindern.»

ODP ist ein international vereinbartes Programm. Es ist eine Form der Familienzusammenführung. Auch die Schweiz müsste noch etwa 150 Menschen aufnehmen. Aber es geschieht nichts. Oder es wird sogar gegen ihre Aufnahme prozessiert (wie jüngst wegen eines Falls in Cham, wo zwei Söhne ihren kranken Vater mit vollem Recht in die Schweiz bringen wollten). Birrer ärgert sich, dass auch in der Schweiz Vietnam nur als kommunistisches Land und im Zusammenhang mit politischen Verfolgungen gesehen werde. «Vietnam hat einen grausamen Krieg hinter sich, und es hat ihn nicht gewollt. Heute tut der Westen so scheinheilig und kommt daher mit Laos und Kambodscha und dem Imperialismus der Vietnamesen. Es ist fast hoffnungslos, endlich sachlich zu werden.»

Am Abend erwartet ihn im Hotel eine Bürgerrechtsgruppe aus den USA, die irgendeinen Fall gefunden hat. Aber auch diese Gruppe sieht bloss ihren Fall und nichts weiter. Sie will keine Zusammenhänge begreifen. Sie will Publizität, und daher ist diese Gruppe auch mit Anwalt und Videofilmer fürs Privatfernsehen da. Birrer versucht, geduldig zu sein und geht zuerst mal vom Grundsätzlichen aus: «Die Menschenrechte beginnen nicht nur und erst mit Ihrem Einzelfall. Menschenrechte werden auch mit Eurem amerikanischen Boykott und Euren Gesetzen verletzt. Durch den Wirtschaftsboykott nach der USA-Niederlage wurden auch Menschenrechte verletzt . . . . Klar, hier in Vietnam ist manches nicht gut, aber wir könnten mehr tun, wenn wir mindestens die Splitter in unseren Augen auch sehen würden. Die Scheinheiligkeit verunmöglicht eine langwierige Form der Vermenschlichung.»

Da ich morgen wegfahre, trinken wir zusammen noch eine Flasche nachgemachten französischen Cognac. Draussen vor dem Hotel wird eine vietnamesische Soap Opera gefilmt. Sie sieht genauso wie eine amerikanische aus. Von Sozialismus merken wir da nicht viel. Und dass wir um 11 Uhr ins Bett müssen, hat nicht so sehr mit Ausgangssperre für Fremde, sondern mit Mangel an Elektrizität zu tun. Dieses Vietnam ist voller Widersprüche, aber bestimmt nicht das, was uns sehr oft vorgeredet wird.

 

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Al Imfeld©   Neue Wege    1988 Heft 1