Alte Missionsmethoden 1987

Dossier : "Schweiz ohne Armee" – eine prophetische oder kontraproduktive Initiative?
Alte Missionsmethoden


Im eigentlichen Sinn des Wortes bin ich gegenüber GSoA sehr zurückhaltend. Ich halte ein machtvolles und kämpferisches Auffahren mit dieser grossartigen Idee in diesem Augenblick der Geschichte für kontraproduktiv. Das hier Angestrebte hat selbstverständlich meine volle Unterstützung, aber ich halte nichts von einer Volksabstimmung über Werte und Ideen. Da bin ich als Mitglied einer Missionsgesellschaft ein gebranntes Kind. Ob eine derartige Abstimmung nicht dem Wahn verpflichtet ist, über eine demokratische Methode (im Gegensatz zur früheren Schwert-Methode) andere zu bekehren? Ich kann nicht mehr an «Bewusstseinsbildung» auf dem Wege einer Volksabstimmung glauben.

Sobald ich nämlich eine «Idee» einer Partei oder Gruppe zuteile, wird das kreative Spinnen, ein weiteres Assoziieren und das in immer weitere Dimensionen Auswachsen gestoppt, weil die«Idee» von da an klar lokalisierbar wird, sofort identifizierbar mit etwas vielleicht sehr Unvollkommenem und vergleichbar mit etwas, mit dem sie vielleicht wenig zutun hat. Es geht dann plötzlich gar nicht mehr um die «Idee» (Friedenspolitik, keine Armee), sondern um eine Maske der betreffenden Gruppe oder Partei, die nun die «Idee» vertritt. Wie im menschlichen Bereich verständlich, kann eine solche Gruppe immer leicht abgekanzelt werden. Die «Idee» erstickt daher unter dem Geröll bestimmter Gruppierungen. Auf jeden Fall wird sie gewaltig eingeschränkt, verkleinert und frühzeitig versteinert.

Gerade eine so hehre Idee wie eine Schweiz ohne Armee und eine neue Friedenspolitik muss zuerst von unten, im Kleinen, langsam, geduldig und in immer neuen Vernetzungen und Verflechtungen wachsen. So wie Efeu: andere Ideen in sich mit aufnehmen; hier sich anschliessen, dort sich differenzieren... Gerade in dieser historischen Konstellation hat diese Idee im Tiefsten viele Sympathisanten, da die meisten Menschen spüren: So geht es nicht mehr weiter; oder das Kriegshandwerk hat uns Menschen selbst überholt und hat sich längst verselbständigt; oder Militär ist nirgends etwas Gutes - selbst in der Schweiz nicht... Aber durchs klare Formulieren und Aussprechen in einer Initiative erschrecke ich die an sich bereiten Menschen. Die Klarheit ist zu direkt. Daher kann sie gar nicht förderlich sein.

Da ist mir die ebenfalls lancierte«Schweizer Friedensinitiative» sympathischer, da sie weniger konkret wirkt und durch die Formulierungen manches zum Weiterentwickeln offenhält. GSoA kommt mir wie eine Abkürzung des Weges vor: ein Erzwingen wollen der schönen Endzeit wiederum sehr ähnlich dem Handeln früherer Christen, die durch eine rasche Bekehrung aller Menschen Gottes Endzeit herbei zwingen wollten.

Die Realität ist für die Gutgesinnten enttäuschend. Sind da unsere Initiativen meist nichts mehr als Not-Schreie? Und wird es so begreiflich, dass es deren viele gibt und dass sie gar nicht mehr politisch als echte Initiativen und strategisch als Kampf wahrgenommen werden können? Denn kann ich im politischen Feld gleichzeitig viele ähnliche Initiativen durchkämpfen? Gerade wenn wir noch so wenige sind: Zersplittern wir uns nicht, frustrieren uns gegenseitig selbst, lösen die Kräfte in Schwachpunkte auf und tun der «Idee» den Dienst, den ihr die Gegner wünschen?

Der moderne Linke hat kaum Verständnis (auch wenn er in Worten das Gegenteil beteuert) für ein indirektes Vorgehen, ein stilles Arbeiten im Verborgenen und unten an der Basis. Im Schnellschuss- genauso wie in der Werbung -müssen Kampagnen über Kampagnen gemacht werden. Mit Bewusstseinsbildung hat all das nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun!

Tragischerweise hat es sehr viel mit Selbstzerfleischung zu tun. Ideen und Ideale haben mit Wahrheit zu tun, und diese Wahrheit ist leider in unserer konkreten Geschichte der grösste Menschenfresser und Kindlimörder.

Tragischerweise wagt der Linke nicht, Ja zu sagen zur condition humaine, die bedingt, abhängig, verknüpft, vielseitig und vieldeutig ist. Immer möchte er, sich selbst verleugnend, das Absolute. Und dieses ist wie die Wahrheit für die Menschen selbst zerstörend. Auch der Engagierte muss daher endlich loskommen vom ewigen Entweder-Oder.

Eine neue Friedenspolitik hat mit dem Sowohl-als-auch zu tun, wo Vielfalt und Minderheiten genau soviel zählen wie das auf keinen Fall mehr wünschenswerte absolute Mehr. Eine Welt, in der nicht alles sofort absolut und klar ist, wünsche ich mir. Darin ginge es nicht ums Abschaffen, sondern um neue Sinngebungen: zum Beispiel auch für die Armee.

Humorvoll zum Schluss: Was würde mit dem Schweizermann geschehen, wenn er keine Armee mehr hätte? Es zeigt sich, dass mit der Schule die Erziehung noch lange nicht abgeschlossen ist. Früher sollten die Männer eine Zeitlang ins Kloster gehen und Mönche werden; andere wurden in die Wüste oder in Wälder gesandt. Das Militär hat vieles davon säkularisiert. Die Abschaffung der Armee jedoch löst nichts und bringt nichts Positives zurück.

Ich bin der Überzeugung, wer um das Alles-oder-nichts kämpft, wird dabei an allen Fronten verlieren. Zudem schadet der Mensch sich dabei, weil er sich in Monomanie verkrüppelt. Lächeln und nicht Ernst nehmen sind ab und zu gefährlichere Waffen.


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Al Imfeld© Neue Wege 1987 Heft 6