Afrikanischer Kreuzweg 1987

Afrikanischer Kreuzweg


Der Kreuzweg hat in der mittelalterlichen Volksfrömmigkeit eine Schlüsselrolle eingenommen. Er war visualisierte und dramatisierte Meditation, eine Form der Spiritualität, die von den Franziskanerbrüdern und -Schwestern beim damals religiös vernachlässigten Volk verbreitet wurde. Er blieb zusammen mit dem Rosenkranzgebet eine Art der Vor-Führung des Lebens und Leidensweges Jesu. Damals gab es das Buch der Bücher erst in Klöstern und an Kathedralen. Die meisten Kirchen besässen keine Heilige Schrift. Das Volk konnte nicht lesen und schreiben. Die 15 Geheimnisse des Rosenkranzes fassten das Leben Jesu zusammen. Die 14 Kreuzwegstationen waren anfänglich die von den Bettelmönchen fürs Volk dargestellte Kreuzesmystik; sie bildeten einen idealen Einstieg in eine dem Volk angepasste Meditation.
Mit Rosenkranz und Kreuzweg wurde eine neue Form der Spiritualität aufs Land getragen. Der Kreuzweg bot viele Möglichkeiten der spirituellen und kreativen Veranschaulichung und Verwirklichung. Er konnte privat abgeschritten und gebetet, aber auch gemeinsam in der Gemeinde dramatisiert werden. Mit diesem Kreuzweg beschäftigten sich Maler, Bildhauer und (erste) Raumgestalter. Sakrallandschaften entstanden. Gedichte und Kompositionen waren seine Früchte. Als Strassentheater konnten in 14 Szenen ganze Grossstädte einbezogen werden. Langsam wurde er zum Ersatz der Kreuzzüge und später zu einem neuen Weg der Minnezeit auf der Suche nach dem Gral. Er war eine Klein- Wallfahrt oder gar eine Vorform des Bergsteigens. Rosenkranz und Kreuzweg blieben bis in die neuste Zeit hinein beim katholischen Volk auf dem Land sehr populär. Eine Zeitlang haben sich intellektuelle Theologen darüber lustig gemacht und diese Volksfrömmigkeit ab beschämend abgetan. Eine oftmals zu rationale Erneuerung hat solche Formen der Meditation liegengelassen und nicht weitergeführt. Dabei wäre ab ein Beispiel die Kombination von Kreuzweg und Ostermarsch nicht nur leicht herzustellen, sondern wohl auch ein Weg, um Spiritualität und Politik miteinander zu verbinden, gerade weil der mittelalterliche Kreuzweg letztlich eine starke Kritik an der Politik der Grossen war.
Am Deutschen Katholikentag 1986 in Aachen wollte die «Kirche von unten» diesen Kreuzweg neu mit Sinn aufleben lassen. Ich versuchte mit diesem Mittel, Afrikas Leiden, die wahrlich ein Kreuzweg sind, vor Augen und ins Gemüt zu bringen und zwei bis anhin parallel abgeschrittene Kreuzwege ineinanderlaufen zu lassen. Ich habe moderne Dichter Afrikas aufgenommen und sie persönlich weitergeführt. Die Verschmelzung beginnt bereits beim Dichten.
A.I.


1. Station: Stets verdächtig

«Ich trotte dem Bürgersteig entlang
Geh' neben einer Dame
die nimmt die Tasche
auf die andere Seite
sieht mich mit den Augen an
die reden deutlich:
,Haha, dich kenn ich
in deinen feinen Kleidern
darunter schlägt ein Dienerherz!'»


So beginnt der Südafrikaner M.O. Mtshali sein Gedicht «Verdächtig»1.


Immer verdächtig
keinem wird mehr getraut
vor allem nicht
DEN SCHWARZEN!

Stets verdächtig:
die sind faul und schmutzig,
diebisch und dumm,
unterentwickelt
auch heute noch
DIE SCHWARZEN!

 

2. Station: Handreiche?

Efua Theodora Sutherland aus Ghana klagt2:

«Nimm diese Hand, so sprach er
und hielt sie mir entgegen,
seine Hand.

In mir spannte sich alles.
Ich wollte sie ergreifen,
diese Hand.

Aber ich rief, bedenke,
du Ärmster, meine Farbe
ist dunkel.»

 

3. Station:
VERACHTUNG, immer nur Verachtung

Immer hat der Europäer, der Westler,
der Abendländer oder der Christ
auf die Schwarzen heruntergeschaut
und sie verachtet. . .

Nicht einmal - wie die Menschen der Südsee -
waren es edle Wilde.
Nein, faule, schmutzige Neger!

Was ist mit diesen Weissen los, fragte der 1974 ermordete Burundi-Priester?3

«Diejenigen, die ihre Kleinheit und Grösse vergassen,
sahen die Lage meines Volkes in falschem Licht,
Sie hielten mein Volk für zu tiefstehend, als dass es Liebe verdienen könnte.
Eine Liebe, die gibt und empfängt.
Voll gegenseitiger Achtung
...»

 

4. Station:
Nimmt Nächstenliebe den Schwarzen ernst?

Viele ehrlich um Hilfe suchende Afrikaner
haben Angst vor der christlichen Nächstenliebe.

Warum?

Meistens geht der Westler selbstverständlich davon aus,
dass er höher steht.
Er will seinen Nächsten hintennachziehen
und eine doppelte Bestätigung erhalten:
GROSS und GÜTIG zu sein.

Folge?

Sich entwickeln heisst weiss werden,
Entwickler machen weiss.
Gleich ist nur weiss zu weiss,
weise ist weiss!

Was ist der Afrikaner?

Einer, der aufholen muss,
hintennachrennen,
ein Entwicklungsobjekt,
einer, der Tropfen auffängt
vom Heruntertröpfeln!

Aber kein Nächster
im Sinne Jesu;
kein Genosse
im Sinne des Sozialismus.

 

5. Station: Was echter Glaube wäre

Michael Francis Dei-Anang aus Ghana dichtet4:

«Glaube ist ein Baum.
Er wächst
in der Wüste.

Glaube lebt
in der Hoffnung
vergeblich zuweilen
dass Gott den Regen schickt.

Glaube ist zärtliches Vertrauen
vergeblich zuweilen.»

 

6. Station: Würde ist nicht zu kaufen

Das Schlimmste,
was einem Volk
oder einem Menschen
geschehen kann,
ist der Verlust der Würde
und des Selbst-Respekts.

400 Jahre lang ist das in Afrika geschehen:

300 Jahre lang Sklavenjagd
für eine Neue Welt,
100 Jahre
für die Industrialisierung Europas
Und das alles scheinheilig
unter dem Mäntelchen von
Zivilisation,
Mission,
Lichtbringen und . . .

Und selbst heute geht die Degradierung weiter.
Schau zum Immigrationsschalter:
Schwarzsein ist verdächtig!
Blick auf die Strassen der Stadt:
Was soll ein Schwarzer hier?
Hat er Geld?
Er soll sich zuerst Würde erarbeiten!
Mit Entwicklung kaufen?!

 

7. Station: Afrika klagt

«Jung Afrikas Klage»5 heisst ein Gedicht von Chukude Osadebay, Nigeria:

«Ich bin halb verhungert;
ich bat um Brot und sie gaben mir Steine.
Ich habe Durst;
ich bat um Wasser und sie gaben mir Schlamm.
Das Pferd solle halt noch ein wenig warten,
die grünen Gräser würden ja bald wachsen,
sobald erst die Sahara Flüsse hätte.

Ich habe keine Führer;
die Anwärter verkauften mich für Brot.
Sie plappern und zanken,
ich bin schon taub von ihrem leeren Schwatz.

Ich sei so jung und noch zu unverständig,
den rechten Weg zum Ziel allein zu finden.
Ich wartete auf sie.
Jedoch umsonst.»

Noch immer hämmert und nagelt der Weisse,
schlägt mit seinen Befehlen Nägel ein,
nagelt mit seiner Arroganz, seinem Know how -
ganz aus dem Kontext genommen -
dass es für sie bloss ein Schein-Wissen ist,
ein Wissen mit Zinsen und Schulden,
ein Wissen, das wie eine Melkmaschine
das Kostbare absaugt . . .

 

8. Station: Kommt denn nie eine Entschuldigung?

Wenn ihr in Europa wüsstet,
wie wohl ein Wort der Entschuldigung täte?
We are sorry
wäre mehr als alle Kredite wert.
We are sorry
würde eine Wende bedeuten.
We are sorry
wäre ein Lächeln
so kostbar wie Balsam.

Jeder bei uns sagt:
«Ich war doch nicht mit dabei!»
oder:
«Das muss zuerst die Wissenschaft klären!»
Vielleicht waren es nur 50 Millionen
und nicht 80 Millionen Tote.
Aber ist das wichtig,
wenn es noch immer gleich in Südafrika weitergeht?

Noch immer aus vieler Munde:
«Wir haben recht!»
«Es gibt Recht!»
«Ruhe und Ordnung!»
Und das soll Afrika erst schaffen!
Es tut mir leid. I am sorry.
Schliesst ihr euch mir an:
WE - WE - WE ARE SORRY!

 

9. Station:
WARUM NEHMT IHR EUROPÄER
AFRIKA NICHT ERNST?

Immer wieder
nochmals und abermals
wurde ich in allen Teilen Afrikas

gross, direkt und still gefragt:

WARUM NEHMT IHR WEISSEN
UNS NICHT ERNST?

Wir gingen zur Schule,
wurden Christen,
gehen zur Kirche,
kleiden uns wie ihr,
trinken Coca Cola.

ABER IHR LACHT BLOSS ÜBER
UNS!

Was immer wir tun, ist falsch.
Einst sagtet ihr uns: folgt uns nach!
Wir taten's
und nun?
Ihr sagt,
wir seien dümmer, korrupter geworden,
unterentwickelt . . .

SPIELT IHR BLOSS MIT UNS?

Wir wollen nicht euer Geld,
denn ihr habt uns bloss damit gekauft.
Wir wollen Menschen und nicht
Handelsobjekte sein . . .

GEBT UNS UNSERE NAMEN WIEDER!

Wir wollen nicht Hilfe,
sondern menschlichen Stolz.
Dazu braucht es Anerkennung,
so etwas wie den verströmenden
Balsam von Wohlgerüchen.

GEBT UNS DAS RECHT
AUF UNSER SOSEIN ZURÜCK!

Und schaut nicht auf uns herunter . . .
lacht uns nicht aus . . .
macht keine Witze . . .
aber auch kein Theater,
denn auch wir sind MENSCHEN –

MENSCHEN GENAUSO WIE IHR!

Da braucht's nicht viel,
keine Wissenschaft und Ethnologie,
sondern bloss Verständnis, Sympathie:

Ja, genau das verschwenderische Öl der Magdalena,
denn jetzt
stinkt überall
das MISSTRAUEN,
es modert die VERACHTUNG.

 

10. Station: Modernes ECCE HOMO

Anders ist der Nächste in anderen Kulturen:
der Samariter kommt anders daher;
selbst die Salben riechen anders;
Veronika handelt wider unser Erwarten;
Simon von Cyrene, der Gastarbeiter,
war zuerst ein fremder Fötzel;
und selbst die Räuber sind uns fremd . . .

anders - fremd –
fremd - anders

Aber Menschen:
seht doch die Menschen:
Ecce Homo!

Auch Liebe, wenn sie echt ist, ist anders
und tanzt stets aus der Reihe.

 

11. Station:
Ein trauriges Bild aus Südafrika

«Fahrt im Todeswagen» überschreibt
M.O. Mtshali, Südafrika, sein Gedicht6:

«Sie fuhren mit
dem Todeswagen
zu ihrem Golgatha.-
drei Landstreicher
deren Papiere für das Reich des Cäsars
nicht in Ordnung waren.

Die Sonne
schrumpfte ihre Körper ein
in dem fahrenden Grab von der Luft
abgeschlossen wie Büchsenfisch.

Heiss ist uns!
Durstig sind wir!
Hungrig sind wir!

Der Centuno
in Apathie versunken
berührte ihre Zungen
mit der Spitze
einer Lanze:

,Schreit mich nicht an
zu Cäsar schreit.
Er ist es der
euch kreuzigt.'

Eine Frau kam
um ihre Gesichter zu waschen.
Sie brachte ein Tischtuch
voller Brot und Tee.

Wir sterben!

Der Centurio
wusch sich die Hände.»

 

12. Station:
Warum diese genauen Unterschiede?

Der kamerunische Dichter René Philombe klagt7:

«Warum mich fragen
ob ich aus Afrika bin
ob ich aus Amerika bin
ob ich aus Asien bin
ob ich aus Europa bin?
öffne mir Bruder! . . .

Warum mich fragen
nach der Lage meiner Nase
nach der Dicke meiner Lippen
nach der Farbe meiner Haut
nach dem Namen meiner Götter?
öffne mir, Bruder! . . .

Ich bin kein Schwarzer
ich bin kein Gelber
ich bin kein Weisser
ich bin nur ein Mensch,
öffne mir Bruder! ...»

 

13. Station: Aus afrikanischer Sicht

Du, Weisser, tust stets als ob:
gibst dich hier in Afrika als Samariter.
Doch die Geschichte hat uns gelehrt:
Du bist ein Wolf im Schafspelz.

Du, Weisser, willst immer was tun;
gibst dich in Afrika als Alles-Macher.
Doch uns gibst du die Geheimnisse nicht:
bloss die Ersatzteile als Entwicklung.

Du, Weisser, täuschst uns nicht mehr:
wir wissen doch längst,
dass die Räuber und Samariter
dieselben sind . . .

so wie wir wissen,
dass du, Weisser,
und wir, Afrikaner,
gut und böse in einem sind
und zusammen weitergehen müssen.

Du, Weisser, wisse:
der alte Kreuzweg ist für beide eine Sackgasse.
Du, Weisser, hast zuviel gehämmert,
wir, Afrikaner, zuviel geblutet,
und dabei haben beide das Menschsein verloren.

 

14. Station: Dazwischen

Schwarz und weiss
wir beide
stehen heute zwischen zwei Zivilisationen
da kann es kein billiges Entweder-oder mehr geben
auch keine Mitte
kein Verlangen
bloss ein Ja zum Dazwischen
Afrika auch in uns
und Europa in Afrikas Kopf und Herz.


  1. M.O. Mtshali, Sounds of a Cowhide Drum. Übersetzung von mir.
  2. Schwarzer Orpheus, dtv-Ausgabe, Nr. 1586.
  3. Michel Kayoya, Auf den Spuren des Vaters, Jugenddienst-Verlag, Wuppertal 1973.
  4. Schwarzer Orpheus, dtv.
  5. Schwarzer Orpheus, dtv.
  6. P. Horn, Kap der Guten Hoffnung, Athenäum Verlag, 1980.
  7. René Philombe, Bürgerklage. Unionsverlag, Zürich 1981.

 

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Al Imfeld©   Neue Wege   1987 Heft 4