Was dem Menschen fremd ist 1986

Was dem Menschen fremd ist
Ein falsch eingeordneter Begriff wird heimgebracht

In der Entwicklungsarbeit erfahren wir zusehends, dass Entwickeln dem Gleichmachen nahekommt, dass aber trotz aller Angleichung oder Gleichmacherei die Entfremdung zunimmt. Irgend etwas kann daher mit unserer Vorstellung von der Fremdheit nicht stimmen.

Je näher uns die ganze Welt gekommen und je bekannter sie uns geworden ist, umso mehr nimmt eine scheinbare Angst vor dem Fremden und auch der Überfremdung zu. «Nichts ist dem Menschen mehr fremd», heisst es in der modernen Kommunikations- und Konsumgesellschaft. Dennoch scheint die Be-Lastung des Fremden zum Dauerproblem zu werden.

Ich versuche im folgenden, diesen Begriff «fremd» ein wenig auszuleuchten und in Umkreisungen zum Kern vorzustossen. Ich werde das in Form von Thesen tun und die alte Tradition von Betrachtungspunkten aufnehmen. Ich lege sozusagen die Finger auf die Tasten und gebe verschiedene Themen an, die jeder und jede innerlich und meditativ weiterspielen können.

 


Wir sind auf dieser Erde als Fremdlinge daheim

Durch die gesamte mittelalterliche Betrachtungs- und Predigtliteratur geht ein Thema: dass der Mensch auf dieser Welt ein Fremdling ist. Er ist hier zwar daheim, aber nur vorübergehend. Sein Daheim ist erst die gesamte erlöste Welt. Als Fremdling pilgert er über diese Erde hin, stets begleitet von der «communio sanctorum», der «Gemeinschaft der Heiligen». Die Kirche als Haus Gottes ist ein Vorort seines permanenten Daheimseins. Das Vor-Erlebnis, dass jeder Fremde auch Pilger und Suchender ist, macht ihm den Fremden zum Nächsten.

Wir haben es hier mit einer Spiritualität zu tun, die fähig war, den Begriff des Fremden zu ver-klären. Zu dieser Zeit entsprach wohl unserem heutigen Begriff vom Fremden der des Ungläubigen und Abgefallenen. Die Christen des Mittelalters erfreuen sich der Fremden: Diese bringen Kunde und Abwechslung; jene stellen sich aber emotional gegen Juden, Mohammedaner und Ketzer.

Das zeigt uns, dass nicht Fremdheit an sich Angst erzeugt. Die Fremdheit ist manipulierbar, bestimmbar und daher machbar.

 


Der Mensch braucht die Fremde, um erwachsen zu werden

Es war lange Zeit geradezu eine Art Mannbarkeitsritual: Wer erwachsen und weise sein wollte, der müsste sein Brot eine Zeitlang in der Fremde gegessen haben. Oder, nach einer Handwerkslehre zogen die Burschen in die Fremde, auf die Walz - was einer säkularisierten Form der Wallfahrt und Pilgerschaft gleichkam.

Und heute? Nirgends ist das Brot mehr fremd; standardisiert haben wir heute weltweit Brot und Wein, respektive Mc Donald und Coca Cola. Im fernsten Touristenhotel kannst du heute Bratwurst und Rösti essen, Guiness oder Cardinal trinken und - so sogar die Werbung in einem Bett von Möbel Pfister schlafen. Und seitdem das alles möglich ist, reden Politiker von fremden Menschen als Verursachern der Überfremdung.

 


Der Mensch sucht in der Fremde das Fremde

Aus Reisebeschreibungen geht eines klar hervor, alles, was der Tourist aus seiner Welt kennt, ist in der Fremde/Ferne keines Blickes wert. Stellen Sie sich vor, der Reisende aus Zürich würde Rio de Janeiro so wie Zürich beschreiben und umgekehrt? Denoch müsste er es ehrlicherweise tun, denn Geschäftshäuser, Banken, Autos, Reklame, Smog sind in jeder Stadt - ob fern oder nah - die gleichen. Aber, um seine Reise zu rechtfertigen, sucht dieser Reisende entweder das Exotische oder das Marginale.

Die Suche nach dem ganz Anderen ist heute vorbei, denn das Material ist überall dasselbe: Wir haben die Welt gleich gemacht. Die neue Zivilisation ist unsere Zivilisation - mit der einen Ausnahme vielleicht: Zuhause ist sie uns selbstverständlich, in der Fremde wird sie zur Karikatur oder zum Schrecken.

Es sieht so aus, dass die Vernichtung des ganz Anderen zwei Reaktionen erzeugt hat: einerseits eine Nostalgie und andererseits eine Wut oder einen inneren Hass - das Museum und den Fremdenhass. Was wir heute in der Dritten Welt sehen, ist unser Gesicht, unsere Kopie und Fratze.

 


Fremd muss nicht wirklich oder die Wirklichkeit sein

Ich glaube, dass es das Fremde nicht an sich gibt, sondern nur die Enttäuschung darüber, dass die Welt nicht mehr nach meinem Bild gemacht ist.

Unsere Vorstellungen, Einbildungen, Phantasien oder Klischees stimmen nicht einmal mehr mit dem Anfang der Wirklichkeit überein; sie wurden nicht aufgearbeitet und hinken weit, nicht nur hinter dem rationalen Urteil, sondern auch dem echten Gefühl nach.

Fremd ist, was nicht meinem Bild entspricht; fremd wird, was meinen Wahn enttäuscht.

 


Fremd ist die Dissonanz zwischen Ich und Welt

«Fremd» ist ein Relationsbegriff und hat mit Beziehungen zu tun. Ein Mensch «fremdet», bedeutet im Dialekt, dass er Schwierigkeiten hat mit mitmenschlichen Beziehungen und sich daher beschämt zurückzieht.

Wer bloss noch sein Ich kennen will und sucht, nur Ich meint und nur von Ich redet, nur noch Ich sein eigen nennt, dessen Ich wird zur Wucherpflanze, die die ganze Welt erobert. Ein massloses Wachsen des Ich hat erst diese Kategorie von Fremdheit erzeugt, die wir heute mit dem Begriff wohl meinen.

Alles, was sich mit diesem Ich nicht deckt, ist draussen und in keinem Bezug mehr zum Andern. Nicht-integriert heisst bezugslos - eine Ich-Insel.

Fremd hat daher sehr viel mit falschen Verhältnissen zu Gott, Mann, Frau, Familie, Nachbarn, Gemeinde, Kanton, Staat, Abendland, Westen und Welt zu tun. «Fremd» ist ein Signalwort für gestörte Bezüge zu Mit-Mensch und Natur.

 


Heimisch ist jemand dort, wo ein Bezugsnetz Orientierung und Erinnerung zu geben vermag

Einsam ist der, der keine Bezüge kennt und nirgends integriert ist. Ich bin dort zuhause oder daheim, wo ich Mit-Menschen kenne, ihre Sprache verstehe und spreche, Erinnerungen und Assoziationen habe und wo ich intuitiv weiss, welches mein Platz ist und wie ich mich in meiner Rolle zu verhalten habe. Wer sich isoliert oder durch äussere Faktoren (Bauweise, Besitztum, Recht) isoliert wird, wird nicht nur einsam, sondern selbst in seinem eigenen Zuhause ein Fremder. Es geht in die Richtung, die Karl Valentin so angibt: «Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.» Fremd ist etwas, das nicht andere einem antun, sondern das man sich grundsätzlich selbst ein-bildet - und vielleicht dann auf andere projiziert.

 


Das zerstückelte und unzusammenhängende Ewig-Neue ent-fremdet uns.

Selbst in der Kunst ist es so: Eine neue Musik oder eine neue Malerei ist am Anfang fremd. Durch ein Wieder-hören, Wieder-sehen, Wieder-kommen und Wieder-finden familiarisieren wir uns selbst mit dem, was anfänglich als ent-artet erscheint. Wir gewöhnen uns an etwas; es wird uns bekannt.

Sobald alles ohne Bezug nacheinander abläuft und nebeneinander steht, oder Neues Neues ablöst - wie in den heutigen Medien - , verlieren wir das Bezugsmass. Es ist wichtig, dass Ereignisse und Menschen in ein Ganzes eingeordnet werden können und Teil eines Ganzen sind oder werden. Was wir heute einen geschichtslosen Menschen nennen, ist auch ein entfremdeter Mensch. Selbst Erinnerungen (das «damals» oder «in ilio tempore») sind wichtige Bezugspunkte. Wir aber sind zu Pointillisten geworden, haben keine Assoziationen mehr. Und da viel zu viel und immer wieder anderes, scheinbar Neues auf uns einprellt, ist jeder verwirrt. Wir sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr und nennen ihn fremd:Wir kennen bloss noch Bäume, aber nicht mehr den Wald; oder lauter Bantustans statt Südafrika; Schwarze und Weisse separat statt Menschen. Vielleicht ist es das, was wir heute als «fremd» bezeichnen. Wir alle sind bloss vereinzelte Blätter und sehen den Baum, zu dem die Blätter wesentlich gehören, nicht mehr; selbst von einer gemeinsamen Wurzel wissen wir nichts mehr. Das ist der Unterschied zwischen dem Nachrichten-Menschen und dem geschichtsbewussten Menschen. Fremdheit hat mit Geschichts- und Ganzheitsverlust zu tun.

 


Mit der Zunahme an Besitz und Nationalstaatlichkeit wuchs das Fremde

Die westliche Geschichte zeigt, dass mit zunehmendem Besitzdenken und der Vermehrung der Nationalstaaten Fremdheit als Empfinden stark gewachsen ist. Plötzlich wurde das Daheimsein mit Besitztum assoziiert. Alle ausserhalb des eigenen Besitz-Geheges waren Fremde, wenn sie nicht über Besitz zu Nachbarn wurden.

Genauso verhält es sich mit dem Zunehmen unabhängiger Nationalstaaten. Die Pilgerschaft nahm ab. Jeder Nachbar wurde zu einem potentiellen Angreifer und Feind. Aus dem Pilger wurde ein Front-Soldat.

Je reicher ein Land ist, desto mehr wird über Fremde geredet und gerichtet, desto zynischer werden Fremde um-sorgt. Braucht man dieses Auf- Fremde-Herabsehen-Können als Erfolgsbestätigung? Ist der Fremde letztlich eine Kategorie der kapitalistischen Gesellschaft? Könnte der Fremde über mehr Internationalismus wieder verschwinden?

 

 

Selbst der Gegner ist nicht fremd, denn wir wissen alles über ihn

Warum soll uns der Gegner fremd sein, haben wir über ihn doch selbst das Letzte ausspioniert und überwachen wir ihn dauernd per Satellit?

«Fremd» wird emotional hergerichtet, gepflegt und aufgebauscht. «Fremd» ist eine Waffe in der psychologischen Kriegführung geworden. Der Gegner wird systematisch verketzert und entfremdet: Jemand, den man sich vom Leibe halten möchte, wird zum Fremden erklärt, und damit beansprucht man das Recht, sich von ihm zu entfremden, ihn zu degradieren oder herabzusetzen. Der heutige Begriff «fremd» hat mit Herabsetzung und dadurch mit Gruppierungen wie Rasse, Klasse, Kaste und Klan zu tun. Daher wiederum die Bezugsqualitäten: Aufstieg und Abstieg, drinnen oder draussen, wir gegen sie. Fremd wird daher der/ die/das, der/die/das mir oder uns nicht passt. All das ist zwar einem nicht fremd, aber bewusst setzen sich Menschen voneinander ab: eine Kriegführung. Aber ob das heute noch als Klassenkampf bezeichnet werden kann, da die meisten gar nicht mehr wissen, was eine Klasse ist und zu welcher sie gehören würden oder wollen? Sehr oft kommt einem Analytiker das alles als chaotischer In-Group- Kampf vor. Die moderne Dauerberieselung der Medien hat alle vereinzelt und isoliert, sodass die Kategorie der Klasse ein Relikt aus der Zeit der Bürgerlichkeit ist, als es diese noch klar gab. In unserer Konsumgesellschaft existieren neue Fronten: Eigenes (das heisst Besitz) gegen Fremdes.

 


«Fremd» ist zur Chiffre eines permanenten Besitz- und Machtkampfes geworden

Es scheint immer klarer zu werden, dass «fremd» eine politische Manipulationskategorie ist, eine Form psychologischsozialer Kriegführung. Das Fremde wird politisch gemacht auf Kosten der vielen Kleinen, die mehr vom Kuchen möchten, mit Hilfe von Presse und öffentlicher Meinung, mit Hilfe von Religion und Ideologie, Parteien und Verbänden. Das kann genauso gut der Gewerkschaftsbund wie der Immobilienverband sein. Die Fronten sind fliessend, denn wer auch nur weniges erreicht hat, der hat etwas gegen andere zu verteidigen. Rechts und links haben ihre Stereotypen und beide verstehen mit Entfremdung zu operieren und umzugehen.

 


Politische Fremdheit quält jeden und macht sogar glauben, Politik beschäftige sich zuviel mit Fremden

Wenn Menschen als Bürger im heutigen Staat trotz aller demokratischen Salbaderei keinen Einblick in Besitztum und keine wirtschaftliche Beteiligung erhalten, wenn selbst die Milizarmee alles unter Geheimhaltung stellt oder sogar Wissenschaftler zu Verbündeten der Lobbyisten werden, kann es keine Transparenz und daher auch keine reale Demokratie mehr geben. Selbst die Presse kommt nicht mehr hinter die Hintergründe. Jedes Herumfragen kann unter Geheimnisverrat fallen. So wird uns langsam alles entfremdet und fremd. Politik ist selbst in unserem sich mit Superlativen demokratisch nennenden Land zum Spiel einiger weniger geworden.

Diese wenigen bleiben im Hintergrund, wo sie froh über die neue Kategorie des Fremden und der Überfremdung zu sein scheinen. Sie steuern den Kampf bewusst auf dieses Schlachtfeld hin. Dem Kleinen und Ohnmächtigen wird permanent suggeriert, er sei unten und machtlos, weil es da andere gebe, eben Fremde, die das alles verhinderten. Die ewigen Verlierer werden wie Sisyphus oder Don Quijote zur Verfolgung einer Chimäre eingesetzt.

Dem Macht- und Besitzlosen wird zur Kenntnis gebracht, dass die gnädigen Herren vorerst - solange es so viele Asylbewerber, Sozialfälle oder Fremde gebe - keine Zeit für die Nächsten hätten. Wiederum stehen wir vor der Tatsache, dass es gar nicht um Fremdheit und Fremde geht, sondern dass diese Worte die Realität eines Machtkampfes verschleiern. Die Masche des Fremden ist der des Antikommunismus ähnlich, wenn nicht gleich.

 


«Fremd» ist ein Symbol im Identifikationsbereich und ein Gradmesser faschistischer Tendenzen in Staat und Kirche

Stossen wir endlich in den sozio-kulturellen Bereich vor, so entdecken wir auch hier ganz klar, dass «fremd» gemacht wird, wer nicht am patriotischen Ritual teilnimmt, das stets eine Tendenz auf eindeutigen Faschismus hin hat. Da gibt es die Schützenvereine, Turnvereine, Theatervereine, die Blechmusik, das nationale Ballet, den Offiziers- und Unteroffiziersverein, und sogar die Feuerwehr und die Samariter können geschlossene Institutionen werden. Zu all diesen Wir- Gruppen gehören Fahnen, Farben, Symbole, Rituale und eine gewisse Kunst (Musik und Denkmäler). Sehr stark hängt dieses «Vereinswesen» mit der Pflege des Nationalstaates zusammen. Und so gab es denn auch in der Schweiz in den letzten 100 Jahren erhebliche Spannungen, da sich vor allem die Katholiken nicht über diese Vereine ausglätten Hessen. Es war ein Kampf im Übergang vom religiös auserwählten Volk zum stolzen Nationalstaat.

Fremd ist, wer sich nicht angleicht. Fremd wird, wer nicht dasselbe wie all die anderen anzieht. Aber dieses Fremde wird postuliert - meist nicht einmal von einer Mehrheit. Wiederum stellen wir fest, die Fremdheit ist ein Ausschliessungsprozess unliebsamer Elemente. Wiederum muss betont werden, dass Fremdes nicht sozio-kulturell an sich ist, sondern gemacht wird: politisch, Massen- oder schichten-kämpferisch. Es gehört zu Kriegführung und Machtkampf.

 


Fremd ist das Resultat falscher Reinheits- und Einheitsvorstellungen

Die grossen Fremd-Macher sind die Religionen, Parteien, Schulen, Vereine, das Militär und die Wissenschaft. Mit ihnen verbündet ist meist das gesamte Medienwesen, das sich zwar als Abbild bezeichnet, jedoch den Reinen und Integrierten viel leichter Zutritt gewährt und damit ein Missionarspodest ermöglicht.

Die Religionen helfen immer wieder mit, ein total irreales Konzept einer heilen Welt, einer einen und auch reinen Welt zu erzeugen. Ja keine Mischehen, kein Einlassen mit Fremden - sie könnten Ja Irr-Gläubige sein und den reinen Glauben verderben. Alles sollte Rom unterstellt oder in der Partei der Einheit sein. Etwas ganz besonderes zu sein, rein, auserwählt, nicht gleich wie andere, besser: das schafft Fremde.

 


Fremd werden viele, wenn das Denken monokausal ist

Alles soll und darf bloss einen Grund haben, obwohl es doch nichts unter Menschen und im sozialen Feld gibt, das nur einen einzigen Grund hat. Die Religion ist zwar immer mehr und umfassender, als sie Priester und Theologen vermitteln oder deuten. So gibt es vier Evangelien, die Jesus und seine Lehre darzustellen versuchen; oder es gibt einen drei-einen Gott, um Ihn ja nie ganz zu erfassen und zu begreifen. Genauso fatal ist es, wenn Goethe dahin missdeutet wird, dass es nur eine Seele in der Brust geben dürfe; es lässt sich mit zwei, drei und mehr Seelen in der Brust leben, wenn man dahin erzogen, eingeübt und gefördert wird.

 


Mit zunehmender Ruhe und Ordnung wächst die Zahl der Fremden

Die Dienerin der Religion und Politik ist die Juristerei. Die heutige Rechtswissenschaft hat auf monotheistischen, monokausalen und monokulturellen Böden eine Welt von Ruhe und Ordnung produziert, in der es den Pilger und Nomaden, den Anarchisten und Oppositionellen nicht mehr geben soll. Alles muss «eingebürgert» werden. Wer nicht mitmacht, ist fremd und entfremdet zusehends. Bloss noch die Burger und Bürger haben volles Anrecht auf Heim-Privilegien. Der Grossteil passt nicht ins Schema und wird an den Rand gedrängt - wird fremd. Es braucht für alles Ausweise und Papiere, Pässe und Identitätskarten. Alles wird abgegrenzt und eingeteilt, und an jeder Grenze ist der Ausweislose kein Mensch mehr - bloss noch ein Fremder. Diese perfide Ent-Fremdung wird mit dem Recht gerechtfertigt und legitimiert. Recht war stets da, um die Verbrechen der Reinen, Echten, Einen und Rechten zu legitimieren. Alle, die draussen sind, sind fremd, und die Zahl der Fremden wächst mit Hilfe des Rechts.

Auf all diesen Rechtspapieren ist der Mensch zuerst einmal eine Nummer und dann ein Bild in einem. Speicher. Jede Nummer macht jemanden namenlos, ohne Stammbaum und Wurzel. Schon deshalb müssen Papiere Aggressivität fördern. Das Recht der Besitzenden ist eine der tiefsten Ursachen zunehmender Kriminalität.

Bestimmt braucht der Mensch Mass und Moral, auch Worte, um diese Normen auszudrücken. Der gängige Begriff der Fremdheit aber misst die Distanz und addiert alle Fäden eines zerrissenen Netzes, statt das Netz - wie das einer Spinne mit einem klaren Zentrum - als Ganzes zu sehen. Genausowenig wie «fremd» ist «Überfremdung» messbar oder quantifizierbar. Die Definition durch das Recht muss schon deshalb Falschmünzerei sein, und Parteien, die sich auf dieses berufen, kleben sich an gnadenlosen Formalitäten fest, statt Mit-Menschen auf den Grund zu gehen.

 


Wachsende Fremdenfeindlichkeit ist ein Produkt totalitärer, absolutistischer und in jedem Falle undemokratischer Bestrebungen und Bewegungen

Wo es bloss noch gut und bös, entweder-oder, drinnen und draussen gibt; wo alles ein-deutig sein muss, monokausal erklärbar und reduzierbar, da ist die Gefahr, alles «andere» als «fremd» klar abzusetzen, latent vorhanden. Da werden Rassismus und Apartheid gefördert; da halten Pass-Gesetze Einzug.

 


Überfremdung ist ein kolonialer Begriff

Auf diesem Hintergrund muss nun genauso radikal der Begriff der Überfremdung auseinandergenommen werden:

Überfremdung ist ein sehr vager Begriff. Kultursoziologisch gibt er die grössten Rätsel auf, denn er entstammt nicht der Realität, sondern der Einbildung, nicht der Ratio, sondern der Emotion. Selbst wenn der Begriff noch geortet werden könnte, so kaum das «Über» in Bezug auf Fremdheit. Warum?

Jede Kultur ist eine Palette (man kann es auch ein Püree nennen) von eingebürgerten, eingekauften und nachgeahmten Dingen und Werten. Das Wesen einer Kultur ist ihre Mischung. So werden denn selbst sogenannte typische Produkte ihrem Ursprung nach zu Importen: der Mais in der Bantukultur, der Espresso, der Tee, das meiste bei unserem Essen, oder unser Auto, selbst die Musik und die Sprache. . . Unser geistiges Leben ist ein amorphes Durcheinander. Dennoch will plötzlich eine bestimmte Schicht das Eindeutige, fordert sie die unerbittliche Konsequenz. Hans Magnus Enzensberger sagt: «Je mürber die eigene Identität, desto dringender das Verlangen nach Eindeutigkeit.»

Was auffällt und einem zu denken gibt: Die Warner vor der Überfremdung reden kaum von fremden Waren, fremdem Geld und fremden Konsumgütern; nur der fremde Mensch passt ihnen nicht. Überall in der Produktewerbung werden Abwechslung und Vielfalt postuliert; sie gehören wesentlich zum freien Wettbewerb; bloss bei den Menschen muss alles gleich und angeglichen sein: nur weiss, nur rein, nur völkisch, nur Ruhe und Ordnung. Wenn diese Pseudo-Kämpfer ehrlich wären, müssten sie bei der materiellen Kultur ansetzen von den McDonalds und den Blue Jeans bis zum TV und zum Jazz, vom Kaugummi bis . . . Ja, bis wohin? Denn alles ist entstanden und wurde von Menschen übernommen, verbreitet, integriert, erneut verändert, akkulturiert und inkulturiert.

Interessant scheint die Beobachtung zu sein, dass ein Produkt, das einen klaren Besitzer hat, patentiert ist und gehandelt wird, nicht in die Kategorie der Überfremdung, sondern des freien Wettbewerbs fällt. Da der Mensch anscheinend nicht in dieses Dogma des freien Wettbewerbs und Freihandels fällt, ist er ein Störefried. Und wieder kommen wir zum Kern dieser eigenartigen Sache mit Fremdheit und Überfremdung.

Warum sollen ganze TV-Serien und Oscar-Filme, Welteroberer wie multinationale Firmen, AKWs und Giftmischer nicht gefährlicher als etwa arme Schlucker aus der Dritten Welt sein?

Wir sollten nicht mit gefälschten Begriffen und Falsch-Werten - wie dem der Überfremdung - verschleiernd uns umnebeln. Es wäre ehrlicher, die Sache beim Namen zu nennen. Es geht nämlich gar nicht um Ängste und Furcht im primären Bereich, sondern um Interessen von bestimmten privilegierten Gruppen. Genauso wie beim Lobbying geht es auch im Bereich der Überfremdungs-Stürmer zu: Sie sagen das eine, und meinen etwas anderes. Unsere Privilegierten wollen Menschen aus der Dritten Welt oder ärmeren Gegenden nicht; sie wollen nicht teilen, keinen Anteil geben, keine Partner, keine neue Weltwirtschaftsordnung, genausowenig wie eine neue Informationsordnung. Sie wollen weiterhin Raub und Betrug und Übervorteilung zu ihren Gunsten. Deshalb wird das Almosen gefördert. Haben wir es erlebt, dass reiche Menschen uns überfremden könnten? Ein reicher Fussballer oder Tennisspieler, ein Bankier oder Immobilienhengst können sich stets einbürgern, ohne dass aus der Gemeinde Widerspruch wegen Überfremdung kommt.

Das sind die Realitäten. Sie müssen uns zu denken geben. Es braucht gar keine Kulturphilosophie zu «fremd» und «Überfremdung» - bloss eine neue Deutung (aus unserer Zeit heraus) des Klassen- und Machtkampfes. Dass dem so ist, zeigt etwa die Einbürgerung kritischer Menschen wie Schriftsteller und Künstler, die Fragen stellen, Opposition wahrnehmen und echte Demokraten sind: Da hat das Establishment Be-Denken, das heisst sein «Denken» besteht aus Abwehrgefühlen. Wer denkt und kritisch ist, ist ein Nestbeschmutzer und daher ein Fremder - und fremd soll er bleiben! Es sei jedoch sofort gewarnt: Dieser Krankheit erliegt jeder, der etwas besitzt oder äusserlich erreicht hat. Deshalb trifft sich so leicht der Arbeiter mit dem Bankier, daher gehen Kolonialismus und Rassismus so leicht ineinander über: ersterer mehr beim Reichen, letzterer als Gefahr beim Kleinen und Armen. Daher verbreiten sich unter der schweizerischen Arbeiterschaft so rasch und grausam der Rassismus und der sogenannte Fremdenhass, und deshalb spielt die Klammer der Gewerkschaft genauso schlecht wie die Klammer des Christentums.

Wie in der Ökologie müsste inskünftig auch in diesem Bereich gedacht und gehandelt werden: Nicht auf Distanzen kommt es an, sondern aufs Einbeziehen in die Mitwelt. Der «Fremde» ist genauso ein diskriminierender Begriff wie in der Ökologie der «Schädling», das «Ungeziefer» oder das «Unkraut». Nur durch Vernetzung und Einbezug können diese Fehl-Kategorien aus der Überwelt der Privilegierten und Eroberer eliminiert werden. Hier kommt die Grenze westlichen Denkens und Handelns besonders deutlich an den Tag. Es muss uns zur Sorge werden, wieder mehrdimensional, das heisst in Verbindungen, Beziehungen, Verknüpfungen oder Vernetzungen zu denken, dialektisch übers Kreuz, quer und widersprüchlich. Nur so fangen wir Realität ein. So gestalten wir wieder eine lebbare Gesellschaft. Nicht durch Ausschliessen, sondern durch Einschliessen; endlich auf Menschen bezogen und nicht auf Besitz und Konsumgüter; nicht auf Handel, sondern auf die Kunst der Lebensgestaltung.

Wissen allein genügt nicht; wichtiger ist das Teilen und Anteil geben und nehmen. Schicksalsgemeinschaften in einem Öko-Sozialsystem zu bilden, ist die Aufgabe der Gegenwart, um Zukunft im humanistischen Sinn zu schaffen. Frei-Sinn und Frei-Handel bewirken so etwas nicht mehr; noch weniger der Rechtsstaat mit Ruhe und Ordnung. Niemand findet Identität beim Rückwärtsgehen in Welten hinein, die es nie weder rein noch vertraut gab. Jede neue Identität kommt nur in der Konfrontation zustande, und eigen wird nur das, was einer als eigen erkämpft und sich integriert. Identität hängt mit Identifikation zusammen, sie bedeutet letztlich ein Ja- oder Nein-Sagen zu sozialen Wirklichkeiten. Genauso wie der Mann die Frau und die Frau den Mann sucht, muss der Mensch das Andere suchen, damit er zum Menschen wird.

Überfremdung ist ein kolonialer Begriff: nach einer Unabhängigkeitserklärung rächt sich der Kolonialist durch die Erklärung der Fremdheit. Vor Überfremdung fürchtet sich bloss der Besitzende; wer nichts besitzt, ist überall zuhause. Das muss zu denken geben.

 

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Al Imfeld©    Neue Wege 1986   Heft 7-8