Agrobusiness und Menschenrechte 1986

Agrobusiness und Menschenrechte


Idyllisch wird der Bauer als der liebste Mensch der Welt hingestellt. Und so wird das Thema «Landwirtschaft» oder «Agrobusiness und Menschenrechte» als «gesucht» kritisiert, ja als Provokation empfunden.

Warum jedoch gab es für Jahrhunderte einen engen Zusammenhang zwischen Plantagen und Sklaverei? Warum geschahen die bekanntesten Grausamkeiten der Kolonialzeit auf dem Lande und durch Bauern-Kolonialisten? In Kenya, Mozambik, Rhodesien, Südafrika, Vietnam, Sri Lanka, Argentinien, Brasilien, aber auch in den Südstaaten der USA kam es in der Kolonialzeit zu den grössten Verbrechen am Menschen auf dem Lande.

Gerade deshalb sollten wir in aller Ehrlichkeit der Frage nachgehen, ob vielleicht bestimmte Formen der Landwirtschaft es in sich haben, die Rechte des Menschen zu verschütten. Besteht ein Zusammenhang zwischen einer zunehmenden Verletzung der Menschenrechte und einer landwirtschaftlichen Produktionsweise, die transnational wurde und nach dem Leitbild des Weltdorfes bloss noch effizient und «business like» vorgeht? Je nachdem hätten wir Agrobusiness sowohl bei uns, als erst recht in Entwicklungsländern (wo solche Formen noch viel provokativer sind) kritischer zu beurteilen. A. I.

 

Vom Bauern zum Agrobusinessman

In den letzten 200 Jahren haben auf dem Lande Entwicklungen stattgefunden, die aus einem in Kosmos, Natur, Gemeinschaft und Dorf vernetzten Bauern einen isolierten und unter höchstem Wachstumszwang stehenden Agrarunternehmer gemacht haben. Das wird uns bewusst, wenn wir idealtypisch (überzeichnet) die drei Begriffe Bauer, Landwirt, Agrobusinessmann umschreiben:

  • Der Bauer wusste sich wie eine Spinne im Netz. Er war eingebettet in ein Ganzes. Er, seine Familie, seine Haustiere, das Land, der Garten, die Pflanzen, Obst und Gemüse, Wald und Beeren waren Teil (s)einer Welt. Auf alles müsste daher Rücksicht genommen werden; vieles vom Leben hatte mit Einfügen zu tun. Natürlich war das für den Einzelnen nicht immer nur Glück: Wer sich individualisieren wollte, geriet ganz schön in die Mühle seiner Um-Welt. Er galt sehr oft als ver-rückt und daher als gefährlich. In dieser Welt bestand die Verletzung der Menschenrechte vor allem in der Intoleranz. Sehr oft kam es zu Gleichschaltungen. Auch in dieser Welt war es nicht leicht, mit Vielfalt und Reichtum umzugehen.
     
  • Der Landwirt entstand aus dem untergehenden Feudalismus. Er empfand es vorerst als Befreiung, nicht länger den weltlichen und geistlichen Herren dienen und opfern zu müssen. Im Sog des Liberalismus wurde aus dem Bauern ein selbständiger Kleinunternehmer. Er übte auf dem Hof Macht aus und hatte es in seiner Hand, den Betrieb zu gestalten. Da griffen nicht mehr Gott, Geister, arme Seelen oder Heilige ein. Nein, er war es selbst! Es war seine Wirtschaft, und daher nannte er sich stolz Landwirt. Mehr und mehr vergass er sowohl die Umwelt als auch die grosse Welt. Er schaute nur noch auf den Ertrag. Diese zunehmende Verwirtschaftlichung liess viele Aspekte des Bauerntums untergehen. Nicht nur die Ganzheit erlitt Schaden, sondern der Bauer selbst: Er entmenschlichte sich. Parallel zur Verdinglichung der Umwelt ging diejenige des Menschen. Alles wurde zum rücksichtslosen Geschäft.
     
  • Der Agrobusinessman ist die Weiterführung dieser Trends bis zur Perfektion. Er handelt primär ohne Land und Menschen. Er setzt Kapital ein, um den für ihn primitiven Rohstoff zu bearbeiten, zu veredeln, mit Wertzuwachs zu versehen und weiter zu verkaufen. Nicht das Bebauen und Kultivieren sind wichtig, sondern das Organisieren, das Verbinden von Farm und Fabrik, das Management und das dauernde Rationalisieren (denn der Mensch ist für derartige Betriebe zu unberechenbar) bestimmen die neue Wirtschaftsweise. Es ist begreiflich, dass diese «Bauern» heute in Genossenschaften, Import- und Exportunternehmen und in der Veredelungsbranche sitzen. Diese «Bauern» sind die Tonangeber der Bauernverbände geworden. Hier dominieren die Kenntnisse der Juristen und Manager. Der Börsenbericht ist anstelle des Wetterberichts getreten. Es wird immer klarer getrennt: Privatleben vom Geschäft, Unternehmertum von der Politik. Man bildet sich ein, dass alles atomisiert sei und daher die Freiheit im Alleinlassen bestehe. Und dennoch ist die erfahrbare Wirklichkeit eine andere! Daher provozieren solche Menschen - ohne dass sie es wollen. Dem Gegenüber erscheinen sie im besten Fall als Zyniker. Ihre Sorge um Mensch und Land, aber auch um Staat und Gesellschaft ist nur eine Komponente des Privat-, jedoch nicht des Businesslebens. Deshalb hat Agrobusiness essentiell in sich
  1. etwas Menschenverachtendes,
  2. etwas Staatsfeindliches,
  3. etwas Natur- und Bodenzerstörerisches, und somit zutiefst
  4. etwas Kulturzersetzendes.

All das sind Folgen zu grosser Entfremdung (man ist nicht mehr verwurzelt im Boden oder in Dorf und Staat), fallengelassener Rücksichtnahme (man hat den Punkt für unabhängig erklärt) und einer grauenhaften Gleichmacherei (das Weltdorf - the global village - braucht nur noch eine Cola oder hybride Getreideart).

Kultur ist stets vielfältig (Agrarkultur genauso wie soziale Kultur). Wenn aus Kultur bloss noch Geschäft wird, ist das eine Verstümmelung, und das Produkt dieses Prozesses sind ebenfalls Verstümmelungen. Es erstaunt nicht, dass immer mehr von ökologischen, sozialen und psychologischen Schäden gesprochen werden muss. Einseitigkeit zerstört, auch sich selbst. Einseitigkeit ist grausam, eine Form von Folter und daher stets nahe der Verletzung von sozialen und menschlichen Rechten.

 


Agrobusiness am Beispiel Zucker

Da Agrobusiness mit Entfremdung zu tun hat, erstaunt es kaum, dass Agrobusiness nicht in Europa oder im Abendland, sondern in der Fremde verwirklicht wurde. Nach heutigen Geschichtskenntnissen sehen wir seinen Ursprung auf den Zuckerplantagen der Karibik und in Brasilien, aber auch in den Baumwollplantagen der Südstaaten. Agrobusiness entstand in Distanz, losgelöst von den eigenen Menschen und auch dem eigenen Land, der eigenen Kultur.

Ab dem 15. Jahrhundert entwickelte sich eine neue landwirtschaftliche Produktionsweise: Zuckerrohr stand am Anfang. Um dieses rationale Agrobusiness kühl und klar planen zu können, brauchte es Kolonien oder fremdes ausgelagertes Land. Die Einheimischen (Indianer) wurden vertrieben oder ausgemerzt. Nach dem grossen Clearing wurden Monokulturen angebaut. Es entstand die Plantagenkultur. Hierfür wurden Fremd-Arbeiter oder Sklaven geholt: Mit Bauern wäre all das nicht möglich gewesen. Zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte wurde versucht, aus der Farm eine Fabrik zu machen. Auf den Zuckerplantagen waren beide miteinander vereint. Das Aufeinanderabstimmen (Management) wurde zu einer neuen Kunst. Das mit einem ersten Wertzuwachs (added value) versehene Produkt wurde exportiert. Daraus entstand ein Dreieckshandel: Alkohol/ Ramsch/Waffen für Sklaven, die zur Zwangsarbeit auf Plantagen eingesetzt wurden, von denen der Rohrzucker nach Europa kam.

Am Beispiel der Zuckerplantagen mit den Sklaven wird der Zusammenhang von Agrobusiness und Entfremdung noch deutlicher. Agrobusiness brauchte Kolonien (Landraub), entfremdete Boden von den traditionellen Kulturen, holte entfremdete Menschen als Bauern- Arbeiter und exportierte fremde Kulturen in einen fremden Kontext. Dieses Agrobusiness begann also ohne Bezug, ohne Rücksicht, ohne Wurzeln.

Dass in derartigen Betrieben die Einheimischen nicht arbeiten wollten, wer verargt es ihnen? Also holte der Unternehmer statt der Indianer Schwarze aus Afrika. Aber auch im 19. Jahrhundert, zur Kolonialzeit, hatte man überall mit einheimischen Arbeitskräften Probleme: ob beim Teepflücken auf Ceylon oder bei den Arbeiten auf den Farmen, Ranchen und Plantagen in Rhodesien, Nyasaland, Kongo, Kenya, Angola oder Mozambik. Es müssten Menschen zum Arbeiten gezwungen werden. Der physische Zwang wurde sanft und schlau durch den der Steuer ersetzt. Es ist heilsam, diese Kette zu sehen, denn so geht sie weiter - bis in unsere Tage hinein. Und da ist es dann leicht, von Sachzwängen und nicht von Verletzungen von Menschenrechten zu reden.

 


Agrobusiness und transnationale Gesellschaften

In entwicklungspolitischen Kreisen werden Agrobusiness und transnationale Gesellschaften sehr oft gleichgesetzt: Die vorausgehenden Erklärungen vermögen zu zeigen, warum. Dennoch existiert ein Unterschied:

  • Agrobusiness ist eine Form der Handhabung von Land und Lebensmitteln, wo nicht mehr auf Grundbedürfnisse, Menschlichkeit oder Natürlichkeit, sondern nur auf Gewinnwachstum geschaut wird. Angeboten wird nicht das Notwendige, Nützliche oder Wesentliche (das sollen andere tun, denn man ist doch kein Wohltätigkeitsunternehmen!), sondern das Wachstum erzeugende Produkt, das den Profit ausmacht (interessant, dass das moderne Wachstum nichts mit Natur und Mensch, sondern bloss mit Geld zu tun hat). Nachfragende können nur diejenigen sein, die Geld haben. Deshalb sind Luxus-, Prestige- und Reizgüter zentraler als Brot. Inzwischen ist diese Entfremdung weltweit geschehen, und daher wird Agrobusiness überall heimisch. In Europa wurde aufgrund des Zweiten Weltkrieges dieser Eingriff möglich. Mit den Meliorationen und dem Gesundschrumpfen hielt Agrobusiness Einzug.
     
  • Die multinationale Firma (MNC oder TNC) ist essentiell aus dem Kolonialismus hervorgegangen. Sie geht auf die Niederlassung oder Filiale in der Kolonie zurück. Als die Kolonien unabhängig wurden, waren die Zweigniederlassungen nicht mehr im gleichen Nationalstaat. Die gleiche Firma war von nun an in mehreren Ländern tätig - transnational.

TNCs haben auch wesentlich mit Entfremdung zu tun: Sie wollen ja Fremde bleiben und sich nicht in den neuen Staat integrieren. Letztlich identifizieren sie sich nicht mit dem neuen Staat und somit auch nicht mit seinen Menschen. TNCs sind deshalb politische Reibungsflächen, Destabilisatoren, versteckte Feinde des «nation building». Sie mögen wohl für den Augenblick wirtschaftlich nützlich sein, aber in ihrer Distanz und Macht lähmen sie einheimische Initiativen, und das tangiert menschliche Entfaltung und Rechte. TNCs sind für die Betroffenen uneinsichtig, verwirrend und daher gefährlich, weil sie die lokalen Menschen über-steigen, über-fordern und jede Transparenz untergraben. Damit aber untergraben sie Demokratie, Mitbestimmung oder Mitbeteiligung.

Die koloniale Bedingtheit bringt es mit sich, dass Agrobusiness und TNCs eng miteinander verwandt und verbunden sind. Die Entkolonialisierung auf dieser Ebene hat überhaupt noch kaum eingesetzt. So gehören zu den klassischen transnationalen Agrobusiness-Firmen noch immer Unilever, Tate & Lyle, Brooke Bond (inzwischen von Unilever aufgekauft), Dalgety, Harrisons & Crosfield, Sime Darby und auch Grand Moulins de Paris oder BNS. Schon als noch unbewältigte koloniale Gebilde haben diese Multis sehr viel mit Menschenrechten zu tun. Ich bin überzeugt, dass diesem Aspekt in Zukunft von engagierten Kreisen sehr viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss.

 


Agrobusiness und Grösse

Agrobusiness und TNCs förderten den Gigantismus. Zu Beginn der Sechzigerjahre herrschte der Wahn, alles sei mit Grösse und Konzentration, mit Zentralismus und Dirigismus machbar. Diese Unternehmen halfen mit, die öffentliche Meinung zu prägen.

So ist es begreiflich, dass die jungen Staaten nicht mit Kleinem und den Kleinen starten wollten. Sie alle wollten Grösse. An Kleinarbeit dachten die von TNCs und Administrationen im kolonialen Gefüge geschulten Eliten nicht. Diese Arbeit überliessen sie weiterhin den Kirchen und privaten Hilfswerken. Es zeigt, warum sich TNCs und Agrobusiness so leicht mit den jungen Staaten vereinen konnten.

Der Vorreiter der Grösse war die Weltbank. Da diese im Entwicklungsprozess keine anderen Partner als die TNCs und das Agrobusiness fand, wurde in einer Weise entwickelt, die sich im nachhinein als ein totales Überfahren der ländlichen Menschen und der Natur erweist. Sie ermöglichte den Kolonisierten nach ihrer äusseren Befreiung keinen Weg, unten und bei sich anzufangen. So wurde die Weltbank mit ihrer Entwicklungsarbeit zur geradlinigen Fortsetzung des Kolonialismus, denn solche Grösse konnte ja gar nicht von innen kommen. Alle wollten Grossprojekte und haben den Gigantismus gefördert. Genauso war es in der Landwirtschaft: Ans Kleine wurde nicht mehr gedacht. Deshalb fand in Afrika nirgends eine echte Landreform statt. Die Plantagen und Farmen wurden einfach entweder verstaatlicht oder von einheimischen Neureichen übernommen. In der Landwirtschaft änderte sich äusserlich nichts. So ging etwa in Kenya, Malawi oder Zimbabwe koloniale Landwirtschaft ohne Bruch in Agrobusiness über.

Es entstanden überall grosse und komplexe Projekte: Grossfarmen, grosse Stauseen mit gigantischen Bewässerungsanlagen, Grossmühlen, Grossbäckereien. . . Die Regierenden und die sie Finanzierenden träumten von grünen und weissen Revolutionen. All das konnte nur das Agrobusiness tun. Auf diese Weise überfuhr man den kleinen Bauern, aber auch das Volk: Statt sie zu animieren, wurden Volk und Bauernstand ohnmächtig gemacht. Dazu kam, dass dieser Gigantismus im Trend der Zeit auch die Natur verachtete. Wiederum sehen wir, dass Agrobusiness Natur und Bauern schadet. Was sollte der Kleine noch tun? Er floh in die Stadt und in die Moderne. Der Kleinbauer wurde doch bloss belächelt.

All das und vieles mehr hat mit Menschenwürde und deshalb auch mit Menschenrechten zu tun. Ohne einzelne Menschen in solchen Unternehmen anzuklagen, geht es mir um den sozialethisch unzulässigen Sach-Zwang, den derartige Unternehmen auf Natur und Mensch ausüben. Man sollte nicht immer nur die Verletzung der Menschenrechte beklagen, ohne gleichzeitig nach den tieferen Ursachen zu bohren. Falls Grösse oder bestimmte agrarische Produktionsformen wirklich entfremden, entmachten, verdemütigen und kaum humane oder ökologische Interventionen zulassen, darf sich der Mensch nicht einfach damit abfinden, sondern er muss als ethisches Wesen dagegen Protest erheben und zum Aufstand aufrufen, um die Landwirtschaft wieder in den Dienst sowohl des Menschen als auch der Natur zu stellen.

 


Agrobusiness und Grüne Revolution

Den ganzen Komplex umkreisend und immer wieder auf neue Einengungen stossend, kommen wir nochmals auf die Grüne Revolution zurück. Norman Borlaug, der Züchter hybrider Weizensorten, erhielt zwar den Nobelpreis, heute jedoch wissen wir nicht, ob er nicht gleichzeitig vor ein Menschenrechtstribunal gestellt werden müsste. So komplex und so widersprüchlich ist das Ganze. Niemand zweifelt am guten Willen und an der enthusiastischen Forschungsweise eines Borlaug. Man zweifelt höchstens seit Mitte Juli 1985 ein bisschen an seinem Urteilsvermögen; denn damals zog er von Genf aus zusammen mit dem Ex-Präsidenten Jimmy Carter und dem japanischen Philanthropen Ryoichi Sasakawa nach Afrika, um (wie es in der «Financial Times» vom 12. August 1985 hiess) dorthin die Grüne Revolution und (FT am 16. August 1985) die Wissenschaft zu bringen. Glaubt er, mit kalter Wissenschaft das Hungerproblem lösen zu können? Stattdessen hätte er mindestens so ein Buch, wie das zur gleichen Zeit vom britischen Agronomen und Westafrika-Spezialisten Paul Richards veröffentlichte, lesen können, um zu erfahren, dass es unter Afrikas Bauern ein jahrhundertelanges und der Natur stets angepasstes Wissen gibt. Paul Richards dokumentiert in «Indigenous Agricultural Revolution» (Hutchinson, London 1985), wie zur Kolonialzeit manches in den britisch-westafrikanischen Landwirtschafts-Beratungsdiensten daneben ging, weil die Besserwisser nicht aufs Volk schauten. So hatten Westafrikaner ihre verschiedenen Arten von Baumwolle und von Reis längst selbst gezüchtet und erprobt. Weil man jedoch von Sorten aus der «zivilisierten Welt» (USA, Grossbritannien) ausging, verursachte der «Beratungsdienst» Katastrophen und kaum verkraftbare Verluste für die lokalen Kleinbauern. Richards vermag - wie einst Glaeser und Egger für die Usambara-Gegend in Tansania - zu zeigen, dass es eine machtvolle Populärwissenschaft gibt. Er schreibt fasziniert und überzeugend von «people's science and agrarian populism». Und selbst nach soviel Schmach glaubt Richards noch, dass mit diesem reichhaltig vorhandenen Populärwissen eine «Grüne Revolution von innen heraus» möglich ist (Kap. 6).

Borlaug oder Richards - das ist die alles entscheidende Frage. Nicht nur für die Lösung der Hungerfrage. Sie berührt auch die Würde des Menschen. Wir dürfen nicht länger blind sein und mit einer geistigen Dürre leben: Die Form der Landwirtschaft tangiert stets das Wesen des Menschen.

Und noch etwas. Technokraten gebrauchen stets das Wort «Revolution». Diese darf grün oder weiss, aber ja niemals sozial sein. Auch hier wiederum wird Agrobusiness missbraucht, um notwendige soziale Reformen, die die Würde von Mensch und Natur betreffen, zu verdrängen. Es ist ein menschliches Verbrechen, wie das Wort Revolution einerseits missbraucht und andererseits verketzert wird.

Zu den hybriden Sorten selbst ein paar Anmerkungen. Weil diese so sehr anders als die gewöhnlichen Sorten in einem bestimmten Milieu sind, verursachen sie dem sozialen Bereich vergleichbar - Spannungen. Hybride Sorten verlangen «egoistisch» viel mehr Wasser, Industriedünger und Pflanzenschutzmittel. Das macht sie enorm teuer, und daher lohnt sich ein Einsatz im Kleinen nicht. Hybride Sorten helfen mit, auch ein soziales Umfeld voller Gegensätze und damit Spannungen zu kreieren. Und das soll eines Nobelpreises wert sein? Hybride Sorten sind un-natürlich (ökologische Schäden unvermeidbar), un-menschlich (ohne Bezug zur Geschichte, Tradition und Kultur), un-sozial (provozieren Kontraste, schaffen Überschüsse), und damit sind sie auch un-friedlich.

Diese Form der Landwirtschaft türmt Berge von Überschüssen und menschlichen Problemen auf. Zynisch und kaltherzig geht es hier um Effizienz und Produktionssteigerung, niemals jedoch um das soziale Klima. Daher kann Agrobusiness in Zentralamerika oder auf bestimmten karibischen Inseln, aber auch so leicht in bestimmten Gegenden Brasiliens oder der Philippinen operieren. Dieses Agrobusiness braucht den lokalen Bezug ja gar nicht und damit auch letztlich die Menschen nicht. Es geht nicht mehr vom lokalen Boden oder vom Volk, auch nicht von den Bedürfnissen und den Armen aus. All das ist bloss noch Manövriermasse. In solchen Agroprozessen geht es nur um Produktions- und Profitsteigerung, nicht um Verteilung, Zuteilung, Mitteilung, Partizipation, Self-Reliance, Selbstversorgung. . . Deshalb sind auch bei uns - etwa in der Europäischen Gemeinschaft, aber sogar in der UdSSR, von den USA gar nicht zu reden! - die Verteilungsfragen nicht mehr zu lösen. Das Agrobusiness ist wie ein Geschwür zu einem Wucherprozess geworden. Es hat sich vom Menschen gelöst. Und wie soll nun der Mensch diesen Drachen wieder einfangen?

 


Schluss

Die heutige Landwirtschaft wurde, ohne dass der Mensch es wollte

  1. zum Zerstörer der Natur,
  2. zum Quäler der Tiere (mit all diesen Batterien etwa),
  3. zum Scheinmoralisten, der stets in Ungeziefer und Unkraut einteilt und
  4. dann als grosser Reiniger eingreift.


Warum soll der Mensch seine Welt davon ausnehmen? Immer mehr Feinde sieht er und immer mehr ist alles nur noch gut oder bös, West oder Ost. . .

Ich habe versucht zu warnen, denn wer keine Rücksicht auf Natur, Tiere, Pflanzen, Gestein, Luft oder Wasser nimmt, der wird eines Tages bestimmt dasselbe mit dem Menschen tun. Das Agrobusiness nimmt längst keine Rücksicht auf Menschen mehr, und gerade deshalb ist es Teil dieses grausamen Systems, das mehr und mehr die Menschenrechte tangiert und verletzt, zynisch negiert und sanft zum Folterer wird.

 


Literaturhinweis

Statt einer Besprechung möchte ich nun die Leser auffordern, weiterzulesen im Lamuv Taschenbuch, denn dort haben 1985 Volker Kasch, Ulrich Leffler, Peter Schmitz und Rainer Tetzlaff «Multis und Menschenrechte in der Dritten Welt» veröffentlicht. Und wer Englisch lesen kann, der sei nochmals auf Paul Richards Buch verwiesen.


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Al Imfeld© Neue Wege 1986 Heft 2