Die letzten 10 Jahre: Bauen als materielle Anlage; die kommenden Jahre: Bauen als Sinngebung 1980

Die letzten 10 Jahre: Bauen als materielle Anlage; 
die kommenden Jahre: Bauen als Sinngebung


In der Kulturgeschichte steht jedes Haus wie ein Denkmal der jeweils herrschenden Lebensphilosophie da. So hat jede Zeit ihre Stadt und damit ihre Architektur. Jeder Baustil reflektiert sowohl die Visionen als auch Desillusionen einer Epoche, die Grundwerte (etwa «Civitas Dei») als auch die Sorgen (Fort, Luftschutzkeller) einer Zeit, kurz: das Weltbild. Vom Bauen kann auf die Vorstellung des Kosmos geschlossen werden. Jedes Haus ist ein Indiz der Lebensinterpretation.

Was kann uns eine Rückschau über die letzten zehn oder zwanzig Jahre zeigen? Vielleicht fehlt uns der genügende Abstand, um mit einigem Anstand diesen Zustand als Abbilder einer Welt zu zeigen, in der wir alle immer noch engagiert leben. Wenn ich es trotzdem versuche, so wird es ein möglicher Versuch der Deutung sein. Wenn ich im folgenden einige Feststellungen sowohl über die Schweiz als auch die letzten zehn hinter uns liegenden Jahre mache, dann muss man sich bewusst sein, dass wir weder eine Insel (räumlich) sind noch mit dem Rhythmus von zehn Jahren (zeitlich) leben. Die Schweiz ist ein Teil eines Ganzen und daher auch architektonisch kein Sonderfall. Gleichzeitig leben wir in einem Kontinuum oder nehmen teil an einem Prozess. Da gibt es die von uns so sehr geliebten Einschnitte eher selten. Dennoch versuche ich, einige Feststellungen zu machen und damit Trends zu signalisieren.

 


Erste Feststellung mit Fragen

Welches Wertsystem auch immer angelegt wird und von welchen Kriterien ein Beobachter ausgehen mag, er wird feststellen, dass in der Schweiz alles und jedes gefunden werden kann. Vor allem bieten die letzten Jahre eine solche Vielfalt, dass von einer Kombination der Widersprüche gesprochen werden muss. Ist das die Architektur der Demokratie oder ist es die Anarchie der Orientierungslosigkeit? Oder ist es das sich manifestierende Bewusstsein, dass Neues gefunden werden muss und man allgemein auf der Suche ist? Manifestieren vielleicht die letzten Jahre das Ende eines Wahns und sind es Abbilder von einem Übergang? Werden spätere Generationen die sechziger und siebziger Jahre als hilfloses Tasten im Dunkeln oder als ein Übernehmen, von wo immer es etwas gab, bezeichnen? Ich würde meinen, unsere Architektur ist schlicht und einfach das Abbild vom Supermarkt, wo alles und dasselbe unter vielen Branchenmarken zu haben ist. Das ist unser Begriff von Freiheit. Die Wahl ist statt ins Qualitative restlos aufs Quantitative übertragen. Alternative heisst hier bloss die Auswahl aus Waschpulvern, die sich in der Werbung alle weisser als weiss propagieren.

 


Zweite Feststellung mit Fragen

Die Architektur der letzten Jahre gibt sich gern als demokratisch aus. Planer und Architekten, Politiker und Wirtschaftsmagnaten seufzen, dass bald alles vor das Volk müsse und dass es vor lauter Vorschriften, die aufgrund des demokratischen Systems eingeführt werden, nur noch wenig Freiheit in der Architektur gebe. Dennoch weiss der Analytiker, dass man nicht von einer Architektur der Demokratie sprechen darf. Diese gibt es bis heute kaum, denn unter Demokratie kann vieles - sicher aber nicht bloss Abstimmungen und Vorschriften - verstanden werden. Es ist nicht Demokratie im echten Verständnis, sondern die freie Marktwirtschaft mit dem gnadenlosen Wettbewerbsprinzip, um das es geht. Die Architektur der letzten Jahre ist eine des Kapitalismus. Es geht nicht so sehr um Konzepte und um Ideen als vielmehr um Prestige und Geldanlage. Die Investitionen werden z.T. auf sehr herausfordernde Weise (Strassenbau, Atomkraftwerke, Geschäftsgebäude, Villensiedlungen) vorgenommen. Der Geldgeber setzt meist ein fait accompli, das oft selbst Behörden machtlos lässt. Althäuser wurden abgerissen. Protest und Hausbesetzungen (ein Phänomen der letzten Jahre) fruchteten wenig. Sie wurden aber meist im nachhinein zum demokratischen Alibi hochstilisiert. Solange solche Bürgerproteste fast nichts erreichen, sind sie zwar den Mächtigen unangenehm, aber dennoch - im nachhinein - für diese eine sehr gut brauchbare Legitimation für ihr «demokratisches Vorgehen». Die Spannungen nehmen zu. Denn mehr und mehr Bürger erwachen. Nachdem all das Gebaute als demokratisch ausgegeben wird, sind sie gewillt, den Begriff zu testen und mehr mit Wirklichkeit denn mit juristischer Spitzfindigkeit und Wortklauberei zu füllen. Wird also die Polarisierung zunehmen und Bauen mehr und mehr zur Macht-Manifestation werden?

 


Dritte Feststellung mit Fragen

Die siebziger Jahre waren immer noch vom global Village des kanadischen Medienspezialisten McLuhan geprägt. Dieses Weltdorf ist nach amerikanischer Auffassung ein Symbol der Demokratie, wo jeder auf der ganzen Welt das gleiche kaufen und haben, bauen und besitzen kann. Dieses Weltdorf-Verständnis manifestiert sich etwa bei Mövenpick, Hilton, McDonald, Kentucky Fried Chicken, Churasco, Coca-Cola- und Jeans- Kultur. Die grosse Einheit wird über multinationale Firmen, Banken und Versicherungen bewerkstelligt. Sie planen zentral und universal. Überall dasselbe - unter dem Vorwand der Gleichheit. Dieser Trend hielt in den letzten Jahren unaufhaltsam an. So wurden lokal wichtige «Beizen» (cf. in Zürich der «Pfauen») in diese Welt-Kultur integriert. Dasselbe kann sowohl von Geschäftszentren, «Modissa » in der Zürcher Bahnhofstrasse oder Textilzentrum in Oerlikon, als auch bei Universitäts- und Spitalneubauten (cf. Irchel und Höngg; Luzern, Zürich, Basel oder Bern mit ihren Spital- und/ oder Schwesternhausbauten) gesagt werden. Alles sind Bauten gegen den Menschen. Man kann sie Resozialisierungsanstalten für das global Village nennen. In demselben Stil ordnen sich denn auch Schulhäuser und Kantonsschulen ein. Im Grunde wären sie alle unter den Begriff von «modernen Gefängnissen», wo Wächter und Ab-Wärte (Wärter) wichtiger als die Menschen, die darin arbeiten und leben müssen, sind, einzuordnen. Mir kommen sie soziologisch analysiert genauso vor wie die allen offensichtliche, fast kafkaeske Vorgehensweise in Luzern, wo im November 1979 die Stadtgärtnerei in einem Park alle Bäume unter dem Vorwand, sie seien ideal für Homosexuelle, fällt. Man «lichtet» also derart, dass alles kontrollierbar wird. Minderheiten kennt man nicht; die Mehrheit ist die Wahrheit; die Mehrheit muss missionarisch abgesichert werden. Die Vertreter des global Village haben das Geld. Sie bauen ihr Dorf - überall dasselbe. So kommt es billiger. Es wird standardisiert, serialisiert und sterilisiert.

 


Vierte Feststellung mit Fragen

Da viele der neuen Bauten kaum Wärme und selten ein Daheim bieten, flieht der moderne Mensch, wo immer er kann. So haben denn die Sublimationsformen zugenommen. Tausende stehen auf den Wartelisten für einen frei werdenden Schrebergarten. Millionen fahren über das Wochenende mit dem Auto irgendwohin ins «Grüne» oder einfach zur «Erholung». Mehr und mehr Menschen glauben, eine Ferienwohnung nötig zu haben. Tourismus ist eines der bestflorierenden Geschäfte geworden. Andere, die es zahlen können, bauen auf dem Land. Die letzten zehn Jahre haben uns wie nach der Ebbe der Landflucht die Flut von Familienhäuschen auf dem Land gebracht. Aber dieser Trend ist nicht echt. Auch er ist manipuliert. Er ist ein neues Geschäft. Eine neue Anlage. So ist es in den siebziger Jahren bestimmt kein echtes Grün. Es bleibt bei Plastik. So kann der Plastikbaum und das künstliche Grün überall hingezaubert werden, denn mit Technologie ist schliesslich alles machbar. Der Trend aufs Land führte vorerst noch nicht zu einem tieferen Verständnis von Land und Natur. Er blieb oberflächlich - so wie das Bauen. Das Denken von direkten Kausalketten und von input Output existiert weiter. Erst vereinzelt erheben sich Stimmen, die von zirkulären Prozessen und Denkweisen sprechen. In unserer Architektur ist jedoch davon noch kaum etwas zu spüren. Ob jetzt eine «grüne Bewegung» ernster Art einsetzt? Die «grüne Welle» der letzten zehn Jahre hat uns leider das Grün kaputtgemacht, weil es oberflächlich und kommerziell (spekulativ) war. Wir haben daher die grünen Flächen überbaut, versaut, zersiedelt, verboxt und einen crewcut- Rasen mit künstlichem Grün (denn das echte Grün ertrugen wir nicht!) aufgerollt. Müssten wir nach einer solchen Phase nicht - wie etwa in Tansania - von der Zersiedlung zum Dorf (Gemeinschaft, ujamaa) zurückfinden? Es genügt nicht, wie vom Gestell unserer Mietskasernen herunter die Boxen zu nehmen und sie in die Landschaft zu stellen. Aber können wir noch integrativ denken? Haben all die vergangenen Medienmassagen uns noch Sinn für Systemdenken oder gar Ökosysteme gelassen? Was ist grün? Was ist ein Dorf wirklich? Solche Grundsatzfragen blieben aus.

 


Fünfte Feststellung mit Fragen

Wie in der Politik (besonders deutlich und allen einsichtig bei der Entwicklungshilfe) so auch in der Architektur geht man nur noch an Projekte heran und steigt nicht in Prozesse ein. Es wird daher etwas hingelegt, eine Anlage getätigt, ein Betrieb errichtet, aber kaum ein Haus gebaut. Viele Architekten von heute haben keine Ahnung mehr von einem Haus. Das Haus ist in der gesamten menschlichen Tradition ein Lebenssystem. Heute ist es jedoch meist bloss noch ein Objekt, mit dem einer verdient und über andere (Mieter) gebietet. Es wird auf Spekulation hin gebaut und nicht um Grundbedürfnisse zu befriedigen. Daher ist die moderne Wohnung für die meisten auch nicht ein Daheim, sondern nur noch eine Unterkunft. Deshalb wird die Wohnung auch genau gleich wie ein Hotelzimmer konzipiert. Sind wir nicht immer noch mitten im Wohnmaschinenkonzept? Ist es nicht vergleichbar der Landwirtschaft, die mit moderner Wissenschaft und Technologie meint, gegen alle Natur vorgehen zu können? Wird nicht die grosse Aufgabe in Zukunft darin liegen, mit Menschen zusammen und unter Einbezug der Natur, der Umwelt und sozialer Systeme zu bauen? Müssen wir nicht wie bei den Tieren von der Käfighaltung des Menschen wegkommen?

 


Sechste Feststellung mit Fragen

Es gibt Versuche, aus diesem Teufelskreis auszubrechen: etwa die italienische Schule (Snozzi, Botta, Reinhart, Reichlin). Aber viele dieser Experimente bleiben im Ästhetischen stecken. Bauen ist mehr. Zudem wird zuviel rückwaÅNrts geschaut. Vielleicht ist das zur Neubesinnung berechtigt und sogar notwendig. Traditionen müssen ernst genommen werden, aber sie können niemals kopiert werden. Trotz all den kritischen Anmerkungen muss ich betonen, dass wir in dieser Welt leben und dass weder Flucht noch Nostalgie unsere Probleme lösen hilft. Unsere Welt von heute muss ernst genommen werden. Die Herausforderung liegt dort, dass wir ganzheitlich - auch in der Architektur - Probleme angehen, Prozesse entstehen lassen, Meinungen und vor allem Menschen mit einbeziehen. Das scheint mir das Grundproblem zu sein. Bauen soll ein Teil des Lebens und eine Form der Sinngebung werden. Es geht nicht um Restaurieren, sondern um Regenerieren; nicht um Überbauen, sondern Bebauen (wie in der Landwirtschaft); nicht um Immobilien, sondern um Menschen; statt Kosmetik Kosmos; statt Konsum Lebensgenuss; statt verbetonierte Träume des Proletariats Leitbilder einer neuen Welt, in der es sich leben lässt. Hier hat die Architektur der achtziger Jahre ihren Beitrag zu leisten. Dazu muss jedoch der Architekt genauso wie der Priester vom Himmel herunterkommen und mit Menschen zusammenleben und zusammen planen. Wie eine Art von Gruppendynamiker muss er seine Kunst so verstehen, die Sinngebungsprozesse, die sich im Bauen manifestieren, einleitet.


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Al Imfeld© Werk, Bauen + Wohnen [Schweizer Ausgabe] 1980 Heft 1/2