Wohin führt die «Brücke» nach 30 Jahren? 1985

Wohin führt die «Brücke» nach 30 Jahren?
Die Chance eines kleinen Hilfswerks


25 Jahre Entwicklungszusammenarbeit haben weltweit zu einer lähmenden Ernüchterung geführt. Wir stehen heute inmitten einer grossen Krise. Überall spriessen Armut und Hunger, Arbeitslosigkeit und Verschuldung wie Unkraut aus dem Boden und vermehren sich wie die Köpfe des abgeschlagenen Gorgonenhauptes oder sind so bedrohend fruchtbar wie das Drachenblut der Sage. Nach 25 Jahren Hilfe müssen wir genauso wie Lester Pearson, der ehemalige kanadische Premierminister, 1970, am Ende der ersten Entwicklungsdekade, feststellen: «Von Partnerschaft findet man kaum Ansätze. Von Dialog darf nicht einmal geredet werden. Im Gegenteil: Der Graben zwischen arm und reich wächst täglich.» Und ganz traurig, fast resigniert, hat der Ex-Premierminister von Jamaika und eine der führenden Stimmen für eine Neue Weltwirtschaftsordnung, Michael Manley, zu Beginn dieses Jahres gesagt: «Statt entwickelt haben wir verarmt.»


Statt entwickelt verarmt –
die neue Fragestellung

Viele ehrlich denkende Menschen fordern heute ein radikales Überdenken dieser Entwicklungshilfe. Irgend etwas kann an ihr nicht stimmen; denn wenn überall das Gegenteil vom Erwünschten herauskommt, muss über die Bücher gegangen und nach den Fehlern - oder gar den falschen Grundlagen - gefragt werden. Nur zu gern fliehen manche Humanisten in den Aktivismus, statt ab und zu bei der Reflexion und Meditation Zuflucht zu nehmen.

Wenn es kritisch um diese Entwicklungshilfe steht, heisst das noch lange nicht, dass wir sie deshalb sofort über Bord werfen müssten. Natürlich schütten bereits manche ehemals sehr engagierte Dritt-Welt-Theoretiker und solidarische Kämpfer dieses Kind der Entwicklung mit dem Bade aus. In Frankreich lächeln die vormals linken Denker und heutigen «neuen Philosophen» über ihren eigenen einstigen Wahn. Sie führen ihn - wie Pascal Brückners Buchtitel heisst - auf «das Schluchzen des weissen Mannes» zurück. Sie klagen die Entwicklungshilfe als eine Form der Flucht an: Was Engagierte hier bei uns nicht verwirklichen können, das projizieren sie in die Dritte Welt, probieren es dort aus und - so schreibt der französische Kritiker - «statt diese ehemaligen Kolonien und heutigen unabhängigen Staaten in den Weltmarkt zu integrieren, entfremden diese Dritt- Welt-Propagandisten die jungen Staaten. Sie helfen diesen Ländern nicht, denn der Realismus heutiger Wirtschaft und Politik lehrt uns, dass es nur ein Überleben im vollen Mitmachen mit westlicher Marktwirtschaft gibt.»

In England und den USA werden ähnliche Bücher veröffentlicht. Ein vehementer Kritiker der Entwicklungshilfe ist der in London lehrende Ökonom und unter der Regierung Thatcher zum Lord geschlagene P.T. Bauer. Sein letztes Buch «Realität und Rhetorik» lässt sich kurz so zusammenfassen: «Äussere Hilfe kann die erklärten Ziele nicht erreichen. Sie hat tiefgreifende schädliche politische und wirtschaftliche Ergebnisse.» Und: «Solche Hilfe ist für die Entwicklung nicht erforderlich. Sie hat mehr dazu beigetragen, die Entwicklung zu blockieren als sie zu fördern.»

Seit Mitte März dieses Jahres erregt in der Bundesrepublik das Buch «Tödliche Hilfe» von Brigitte Erler, zurückgetretene Referentin im Bonner Entwicklungsministerium und zukünftige Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International, Aufsehen. Sie hat ihren Bettel-Job als Beamtin in Bonn hingeworfen, weil sie mehr und mehr zur Überzeugung kam, dass unsere Hilfe nichts anderes als Verschleierung der wirklichen Verhältnisse zwischen arm und reich ist. Die Hilfe tue so, als ob bei uns guter Wille da wäre, aber letztlich ändere sich auch bei uns nichts - vor allem nichts am Egoismus, an der Gier und Profitsucht, an der Intoleranz und am schleichenden Rassismus, am politischen Gebaren und der wirtschaftlichen Arroganz. Würde es in diesen Bereichen auch nur ein bisschen tauen und keimen, wäre längst all unser Geld, das als Entwicklungshilfe gespendet wird, überflüssig. Nicht Geben, sondern weniger Nehmen, lautet sozusagen ihr Motto. Frau Erler ist im Gegensatz zu Pascal Bruckner und Lord Bauer keine chauvinistische Rechte und Lobsängerin der freien Marktwirtschaft geworden.

 


Der Sinn des Kleinen
ist seine Beweglichkeit

In diesem Kontext und auf dem gegenwärtigen Hintergrund der neuen Fragestellung muss das kleine Hilfswerk «Brücke der Bruderhilfe» gesehen werden. Ganz besonders eignet sich da eine Jubiläumsfeier. 30 Jahre Arbeit legitimieren noch nicht automatisch zum Weitermachen.

Es kann nach 30 Jahren sehr leicht zu Alterserscheinungen kommen, die sich bei jedem Hilfswerk in etwa folgenden drei Symptomen zeigen:

  • ein Hilfswerk wird eigengesetzlich und rechtfertigt seine Tätigkeit allein schon durch die Arbeitsjahre und die fliessenden Spendeneingänge;
     
  • jedes Werk institutionalisiert und bürokratisiert sich zusehends;
     
  • damit verbunden nehmen Risikobereitschaft und Experimentierfreudigkeit von Jahr zu Jahr ab.

In andern Worten: Man hat seinen Tramp, und selbst ohne grosses menschliches Zutun gibt es Anfragen und Arbeit genug. Genau in eine solche Lage darf ein kleines Hilfswerk nicht kommen. Auch mit dem Alter nicht. Der Sinn des Kleinen ist seine Beweglichkeit und leichte Veränderbarkeit.

Angenommen all das, was gegenwärtig auf die Entwicklungsarbeit einprellt, seien Warnsignale, dann muss es vorerst die Aufgabe des kleinen und somit beweglichen Hilfswerks sein, neue Modelle zu suchen, sie zu testen und die gemachten Erfahrungen an andere weiterzugeben. Heute ist es - genauso wie am Anfang - die Aufgabe der «Brücke», eine neue Brücke zu schlagen. Wenn die jetzige Hilfe wirklich so schlecht und verheerend ankommt, dann braucht es neue Wege der Überprüfung.

Diese Pionieraufgabe und Spurensuche traue ich «Brücke der Bruderhilfe» nicht nur zu, sondern erwarte ich geradezu von ihr, der Kleinen. Denn Kleine haben Macht. Das vermag ein Hilfswerkspartner von «Brücke», der «Christliche Friedensdienst» (CFD), zu zeigen. Ihn sollte «Brücke» sich zum Vorbild nehmen. Der CFD hat seine Projekte stets sehr bewusst gewählt und sie in einen Reibungsbezug zu uns in der Schweiz gebracht. Alle Projekte müssten beim CFD auch der Bewusstseinsarbeit dienen, müssten Zusammenhänge aufzeigen können und uns die eigene Verstrickung - oftmals bis zur Ohnmacht - fühlen lassen. Das hat genau die «administrativen Kosten» bedingt, die andere Hilfswerke vorschützen, um nicht zu sehr aufs schweizerische Parkett steigen zu müssen. Doch in die Zukunft hinein gibt es keinen anderen Weg echter Entwicklungsarbeit als den der Gegenseitigkeit: die «Brücke» trägt diesen Auftrag schon im Namen.

 


Morsche Brückenpfeiler
und falsches Missionsverständnis

Wenn die «Brücke» sowohl aus der Katholischen Arbeiterbewegung (KAB) als auch aus der schweizerischen Missionsbewegung (Missio) hervorgeht, dann hat sie in dieser Ortung und Verwurzelung wichtige Brückenpfeiler neu zu bauen. Denn manches an den alten Pfeilern ist morsch geworden:

  • Es ist erschreckend, wie bei Arbeitern Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ankommen. Wenn hier nicht sofort hart, systematisch und provokativ gearbeitet wird, muss das Wort «Bruder» im Namen des Hilfswerks immer mehr zum Hohn werden - genauso wie das Wort «christlich» oder «katholisch» in Partei und Vereinsbezeichnungen.
     
  • Es ist erschreckend, welcher Wahn in kleinen Köpfen von der Grösse und Vorbildlichkeit, von der Sauberkeit und dem Fleiss der Schweiz entsteht. Diese nationalistischen Gernegross-Vorstellungen haben natürlich mit Frieden und Entwicklung nichts mehr zu tun. Diese Kleinkariertheit rechtfertigt sich dann mit Neutralität, die sich rein erhält, indem sie nirgends mitmacht und scheinheilig vom schweizerischen Ersparten (ja, wenn die andern auch so sparen würden!) einen Groschen abgibt. Dieses Geld ist genauso schmutzig wie das der Banken.
     
  • Es ist erschreckend, wie über eine bestimmte Hilfeleistung mehr und mehr der Glaube an die Eigeninitiative anderer Völker zerstört wird und sich der Wahn einschleicht vor allem in Bezug auf Afrika -, dass nur wir und der Westen Afrika entwickeln und retten könnten. Das ist eine Beleidigung, denn gerade ein kleines Hilfswerk weiss, wie wenig wir letztlich tun und dass der Grossteil immer noch von den Betroffenen beigetragen wird. Diese Hilfe erzeugt einen gefährlichen Paternalismus.

Es ist erschreckend und wohl immer noch auf ein theologisches Missverständnis der Mission zurückzuführen, wenn alles Heil vom Westen kommen soll und wenn andere Religionen immer noch nicht ernstgenommen und sogar (offen oder versteckt) lächerlich gemacht werden. Ohne ernsthafte Ökumene innerhalb der Zerrissenheit von vielen hundert christlichen Kirchen (ohne Verzicht auch, sich immer noch provokativ als «katholisch» und damit als «besser» zu bezeichnen) und ohne eine neue Ökumene mit allen Religionen (inklusive der afrikanischen!) gibt es keine Rechtfertigung eines christlichen Hilfswerks. Denn eine der wesentlichen Ursachen der Unterentwicklung sind Zerrissenheit, Gespaltensein, Individualismus, punktuelles, selbstsicheres Eingreifen ohne eine Brücke zur Gemeinschaft, zum Ganzen oder zur wirklichen Integration.

Die Kritik, die heute von allen Seiten auf die Entwicklungshilfe sowohl der staatlichen als auch der privaten Werke zukommt, kann in zwei Punkten zusammengefasst werden:

  1. Entwicklungshilfe entstammt einer masslosen Selbstüberschätzung, arroganten Selbsteinschätzung und einem säkularisierten Missionsbegriff, der glaubt, alle andern zu unserer Konsum-Welt bekehren zu müssen.
     
  2. Entwicklungshilfe ist eine scheinheilige und verschleierte Form der Flucht. Da wir bei uns selbst ohnmächtig sind, tun wir etwas als Ersatz weit, weit weg in der sogenannten Dritten Welt. Diese Flucht kann aber auch anders gemeint sein: Statt weltwirtschaftliche, weltpolitische und kulturelle Beziehungen beharrlich zu verändern, beschränken wir uns aufs Geben und lassen langsam aber sicher den Rahmen der ganzen Unterentwicklung vergessen.

Es ergibt bei uns scheinbar viel Sinn, wenn wir immer wieder beteuern, Menschen zu helfen statt Strukturen zu verändern. Aber das ist wohl eine der gefährlichsten Aussagen, weil sie nicht nur doppeldeutig ist, sondern auf einem Emanzipationsbegriff fusst, der Freiheit als Isolation, Individualismus und totale Schubladisierung (z.B. hier der Einzelne, dort die Politik, die Wirtschaft, die Religion und irgendwo Strukturen) begreift. Die Häresie unserer Zeit muss klarer an den Pranger gestellt werden: Man hilft geknechteten oder abhängigen Menschen nicht langfristig, wenn nicht gleichzeitig Strukturen der Gesellschaft verändert werden. Der Rest ist ein Trostgeld und hat mit Entwicklungsarbeit nichts zu tun.

 


Beidseitig aus der Ohnmacht heraus

«Brücke der Bruderhilfe» hat sich aus ihren Wurzeln heraus selbst den Aufhänger gegeben. Im wirklichen Einbeziehen der katholischen Arbeiter in den Kosmos unserer Wirklichkeit liegt auch ein wesentlicher Teil zukünftiger Entwicklungsarbeit. Solidarität entsteht niemals nur im Geben von Geld, sondern auch im Miterleiden der Ängste und Unsicherheiten auf beiden Seiten, um so langsam zum Dialog und zur Partnerschaft zu kommen.

In aller Bescheidenheit müssen die Betroffenen ihre Stärken und Schwächen in der Gegenseite erfahren. Der Arbeiter hier muss genauso seine Abhängigkeit im Kleinen wie die der Arbeiter in den Entwicklungsländern vom Weltwirtschaftssystem sehen lernen. Mit dem Trost, hier sei alles besser, täuscht sich der kleine Mann über seine eigene Lage hinweg, und weil er ja zugleich Spender ist, erzeugt er statt Entwicklung Pharisäismus. Noch gefährlicher ist seine Hilfe, wenn er sie gibt, um die andere Seite zur Moderne, zu Fortschritt und Wachstum zu bekehren, während er auf unserer Seite bloss die freie Welt des Westens sieht und preist. Die Verstrickung aller und ihr Mitten-drin-Sein in der Falle zu begreifen, muss Teil einer zukünftigen Entwicklung werden. Dieses Ziel ist nicht mit Projekten in der Ferne allein zu erreichen. Dazu braucht es als notwendige Ergänzung (ja, als die andere Seite der Münze) Aktion und Arbeit hier. Echte Hilfe muss zur Auseinandersetzung führen. Ein Konflikt (und er ist Teil der Unterentwicklung) kann nicht konfliktfrei gelöst werden.

Das hat der CFD stets geglaubt und gelebt. Natürlich führt eine solche Arbeitsweise zu Spannungen. Alles wird dann hier bei uns - selbst von christlicher Seite - veranlasst, um solche Arbeit zu bremsen, bis zum Versuch, einem solchen Hilfswerk die Gemeinnützigkeit abzuerkennen und es Steuern zahlen zu lassen. (Und wo sind die Proteste und die Rückendeckungen der andern Hilfswerke?) Übrigens: Nur so kommt Scheinheiligkeit an den Tag.

Solch notwendige Aufklärungsarbeit kann kaum von einem Hilfswerk allein geleistet werden. Es kann jedoch derartige Informations-Projekte bei uns in der Schweiz finanzieren. Wir müssen wegkommen vom Irr-Glauben, jeder Rappen müsse in die Dritte Welt gelangen und alles andere sei «administrativer Aufwand» oder gar Verschwendung.

Gerade ein kleines Hilfswerk hat in dieser Beziehung mehr Freiheit. Und es soll sie nutzen! Dass es mit der Theorie vom Tropfen auf einen heissen Stein nicht immer stimmen kann, beweist mir die Angst, die Mächtige bekommen, sobald selbst ein einziger «Rufer in der Wüste» Unbequemes sagt und tut. Lasst uns lieber vom Tropfen zum Balsam oder Gewürz-Vergleich wechseln. Balsam auf eine Wunde wirkt Wunder. Ein Gewürz kann den Geschmack verändern; dazu braucht es nur eine kleine Dosis oder Brise.

Wir haben in der Schweiz dank der Herausforderung von Dritt-Welt-Gruppen schon früh gelernt, dass zum «Entwicklungsland Welt» auch das «Entwicklungsland Schweiz» gehört. Dennoch wurde diese Verflechtung wohl zu oft auf die leichte Schulter und bloss verbal genommen. Dass wir jedoch solche Zusammenhänge durchdacht und daran gearbeitet haben, entzieht uns der Kritik der «neuen Welle» aus Frankreich, Grossbritannien oder den USA. Die Hilfswerke begriffen sich immer auch als Teil ungerechter und ausbeuterischer Strukturen. Diese schwierige Arbeit muss mit neuem Elan angepackt, vertieft und weitergeführt werden. Wie sie mit Projekten auf beiden Seiten verbunden werden kann, darin liegt die neue Aufgabe, die Hilfswerken gestellt ist.

Wenn es heute in der Kritik heisst, die Entwicklungshilfe käme nicht an über Regierungsstellen und Verwaltungen, aber auch nicht über Gewerkschaften und Genossenschaften (weil diese in der Dritten Welt bereits einen privilegierten Platz einnähmen und sehr oft einen westlichen Standard hätten), aber auch nicht über Kirchen (weil die christlichen Kirchen meist entfremdete, wenn nicht sogar oftmals reaktionäre Gebilde seien), dann wird das alles nicht nur auf die Dritte Welt zutreffen, denn so einseitig kann nichts in dieser Welt sein. Vor allem wenn wir immer an die Rückseite jeder Münze denken, dann heisst das erst recht, dass an der Erneuerung all dieser Institutionen zuerst bei uns gedacht werden muss. Vielleicht hat deshalb die Kritikerin Brigitte Erler von der Entwicklunghilfe zu Amnesty International gewechselt.

Gerade heute, wo immer mehr und zu Recht von Vernetzung im ökologischen Bereich gesprochen und geschrieben wird, dürfen wir nicht vergessen, dass es genauso eine Vernetzung im internationalen Bereich gibt: positiv und negativ sind wir alle voneinander und miteinander abhängig.

 


Forderungen aus vernetzter Sicht

Ökologie und Friedensfragen haben ganz neue Aspekte in die Entwicklungsarbeit hineingebracht. Sie zeigen die fundamentale Bedeutung von Vernetzung, vom Ineinander zum Miteinander, von Austausch und Gegenseitigkeit. Sie fordern unsere bis anhin ausgeübte Einseitigkeit, Eingleisigkeit und Geradlinigkeit radikal heraus.

  • Aus dieser Sicht heraus muss sich auch das Kleine nicht mehr schämen und unbedingt grösser werden wollen, denn jeder Teil hat seine Bedeutung. Im Gegenteil, eine Grösse, die menschliche Masse übersteigt, wird zum Moloch oder Zerstörer.
     
  • Aus diesem neuen Denken heraus muss ein Hilfswerk mit allen Mitteln beitragen zum Auflösen des alten Front-Denkens, das zu kalten Kriegen zwischen Ost und West, Nord und Süd führt. Es gibt kein Entweder-Oder, sondern nur ein Sowohl-als-Auch: alles und jedes hat Platz und Sinn.
     
  • Aus diesem Denken heraus darf ein Hilfswerk auch niemals so tun, als könne es in Freiräumen handeln. Immer wieder betonen gerade kirchliche und private Hilfswerke, wie frei sie seien und wie sie an aller Macht vorbei an die Abhängigen herankämen. Das ist alles Augenwischerei. Im Netz der heutigen Strukturen gehört es ja zum Wesen der Unterentwicklung, dass die Menschen, denen wir zu helfen gedenken, abhängig, ausgebeutet und nicht mitbestimmend sind. Gerade deshalb geht ein Teil der Hilfe «verloren», weil auch sie an dieser Abhängigkeit nicht vorbeikommt und ihren Zoll zahlen muss.
     
  • Aus diesem Denken und diesen Einsichten heraus ist es immer wichtiger, weniger aus Mitleid heraus zu handeln und um so mehr Formen des Mitbestimmens, Mitredens und Mithelfens zu finden. Gerade deshalb soll sich ein kirchliches Hilfswerk nicht verklerikalisieren und verbehördlichen lassen. Auch sollte in katholischen Hilfswerken endlich besser auf die Laien und die Frauen geachtet werden, um diese Kräfte und Potentiale im Netz zu nutzen und nicht wie «falsche Schösslinge» am Baum verdorren zu lassen. Mitleid ist fruchtlos; die Herausforderung jeder Entwicklungsarbeit heisst Mitbestimmung, denn Entwicklung, positiv verstanden, heisst Emanzipationsprozesse einleiten.
     
  • Aus diesem neuen Denken heraus müssen wir einen realistischen Begriff der Nächstenliebe suchen. Es ist Unsinn, dass jeder mein Nächster ist, ohne ich entleere den Begriff total. Der Nächste beginnt mit dem Nachbar, und mit meinem Nachbar zusammen geht es weiter zum nächsten Nachbar. Deshalb auch ist eine Fern-Hilfe ohne die Praxis der Nachbarhilfe hohl und leer, denn nur aus der Erfahrung hier lerne ich, wo der «andere» getroffen oder betroffen ist. Da wir wohl so leicht über das Wort «Nächster» hinauskommen, greift es überhaupt nicht mehr und damit fällt der Fremde aus diesem Netz. Es gilt wirklich zu fragen, warum der Christ hier bei uns so enorme Schwierigkeiten mit dem Fremden und Anderen hat und sich so leicht tut mit dem Nächsten in Indien oder Peru. Oberflächlich geht es uns sehr leicht, Bruder und Nächster zu sagen, aber strukturell und tief innerlich bestimmen uns Blut und Boden, unchristlicher Nationalismus und Abendlandsgeist (was so etwas wie Klangeist oder unsere Form des Tribalismus ist).
     
  • Aus ehrlich vernetztem Denken heraus muss ein christliches Hilfswerk alles versuchen, um von der christlichen Seuche des Paternalismus und Assistenzialismus herauszuführen.
     
  • Aus diesem Denken heraus muss es zu einer anderen Einschätzung von Macht-Personen in unseren Hilfswerken kommen. Gerade in christlichen Kreisen glaubt man zu stark, dass alles über Kirchen oder Bischöfe und andere Kirchenoberhäupter laufen sollte. Die Kirche als Institution (und dazu gehören die Leitungen) ist Teil im Netz der Macht und will als Institution nicht primär den Status quo verändern, sondern ihn frisieren, um sagen zu können: «Schaut, es ist nicht so schlimm! Bitte, übertreibt nicht!» Jede Macht schützt sich begreiflicherweise. Die kirchliche hat die Tendenz des Einlullens, des Beschwichtigens, des faulen Kompromisses, der Übertünchung und der Verharmlosung. Das ist mit ein Grund unseres Misserfolges in der Entwicklungsarbeit: Wir haben die Herrschenden (die staatlichen wie die kirchlichen) so sehr miteinbezogen, dass sie zum Mühlstein am Hals wurden. Beide Kräfte haben an Emanzipationsprozessen gar kein Interesse; da ist ihnen Mitleid oder Hilfe lieber.
     
  • Aus diesen Einsichten heraus warne ich, ein Hilfswerk zu sehr den Bischöfen und Kirchenvorstehern zu überlassen und zuviele ihrer Gattung in leitenden oder mitbestimmenden Gremien zu haben. Sie werden bloss bremsen und immer wieder warnen, das oder jenes sei zu politisch oder auch zu wenig christlich. (Aus dem Netz-Denken heraus will ich auf keinen Fall ohne diese Mächte und Kräfte arbeiten, aber ich weiss sie in ihrer Funktion im Netz einzuschätzen. Um das geht es.) Zu oft haben christliche Hilfswerke den Bock zum Gärtner gemacht. Auch wenn es ein lieber Gärtner war, der nach dem verlorenen Schaf suchte.
     
  • Aus vernetztem Denken heraus muss dieser komplexe Begriff der Entwicklung immer neu gedeutet und Zeit und Raum angepasst werden. Entwicklung kann heissen, dass wir alle in einem Fluss oder Prozess drin stecken und es daher wenig Sinn ergibt, zurück zu rudern. Das hat nichts mit Opportunismus oder billigem Mitschwimmen zu tun, sondern sagt etwas gegen das in kirchlichen Kreisen immer wieder auftauchende Restaurationsdenken. Entwicklungshilfe hat nichts mit dem Zurückbringen einer einst heilen Welt zu tun, sondern bedeutet das Mitgestalten, von unten her, einer neuen, zukünftigen Welt. Es geht also nicht um die Rettung des Abendländischen und um die Erhaltung der alten hierarchischen Ordnung. Es geht um das Er-Fragen neuer Ordnungen und Möglichkeiten.
     
  • Aus diesem Denken heraus ist Entwicklungsarbeit unter gar keinen Umständen ein Kreuzzug, obwohl so manche Hilfswerke aus diesem Geiste heraus entweder entstanden sind («Adveniat» im Kleinen und «Allianz für den Fortschritt» im Grossen) oder arbeiten (alle, die Entwicklungsarbeit gegen den Kommunismus, gegen den Islam oder gegen Andersdenkende leisten). Es geht um mehr Gerechtigkeit und neue Formen des Zusammenlebens. Deshalb ist Entwicklung in sich und per se ökumenisch - und zwar auf allen Ebenen. Das jedoch bedeutet nicht, dass sie Konflikten ausweicht. Echte Entwicklungsarbeit geht nur zusammen mit einer Konfliktstrategie. Aber es ist im Kern nicht ein Ideen- Konflikt, sondern ein Macht-Konflikt. Entwicklung hat mit Entmachtung sowohl der Ohnmacht als auch und erst recht der Supermächte zu tun. Wir kommen auch in kirchlichen Kreisen nicht um diese Realität herum: Entwicklungsarbeit ist ein permanenter Macht-Kampf. Es geht um ein Weg von einseitiger Machtausübung und ein Hin zum Mitbestimmen, Mittragen, Mit-Teilen, Mit- Verantworten. . .


     
  • Aus diesen neuen Denkweisen heraus ergibt sich eine ganz andere Sicht des Projekts. Projekte, die keine Prozesse auslösen, haben nichts mit Entwicklung zu tun. Wir müssen uns ganz klar bewusst sein, dass heute viel zu vieles im Entwicklungsbereich oder in der sogenannten Entwicklungshilfe (schätzungsweise über 80 Prozent) Mitfinanzierung, Subventionen oder versteckte Kredite sind. Hilfswerke sind zu Pseudo-Kleinbanken geworden. Wer solche Gelder handhaben kann, ist eigentlich kein Armer mehr. Und wer immer sie erhält, wird damit zum Privilegierten. Und jeder Privilegierte schafft Spannung, Neid und soziale Probleme. Gerade die Kirchen haben das geschickt zu vertuschen verstanden.
     
  • Aus diesen Denkansätzen heraus sollte es Entwicklungsgelder nicht nur nicht ohne Eigenleistung, sondern auch nicht ohne die Verpflichtung des Weiterhelfens geben. So würden wir endlich ein Schneeballsystem auslösen. Jetzt befindet sich die Entwicklungshilfe immer noch in der Geradlinigkeit, und damit ändert sich auch nicht viel. Das Geld kommt an und kreiert im Grunde einen neuen Punkt der Unterentwicklung, gerade weil er immobil ist. Mit jedem Geldgeschenk entsteht ein einseitiger Vorteil, gerade weil es ja immer nur eine minimale Auswahl ist und nur ganz, ganz wenige dieses Glück haben. Hier geht es längst nicht mehr um das Prinzip vom Tropfen auf den heissen Stein, sondern um den Tropfen Gift aus der Flasche. (So provokativ es klingt: Die gefährlichsten Projekte im Augenblick sind die von oder für Genossenschaften und Gewerkschaften in der sogenannten Dritten Welt. Wenn Selbsthilfeorganisationen mit Geld von aussen aufgebaut und erhalten werden müssen, ist das Unsinn, Lug und Betrug. Warum, glaubt ihr denn, dass Genossenschaften in Afrika korrupt und erfolglos sind?)
     
  • Aus diesem Denken heraus begreift jeder langsam, warum Grossprojekte eben keine Entwicklungsprojekte sein können. Sie sind (natürlich unter Umständen auch berechtigte) Institutionalisierungen mit Konzentrationen und daher spezialisiert und kaum oder wenig emanzipiert. Die Selbsttäuschung mit solchen Projekten lebt in allen Kreisen, am meisten aber immer noch bei Bischöfen. Wie sollen Prozesse ausgehen, wenn gerade bei Grossprojekten Verwaltung, Abrechnung und Überwachung eine derart wichtige Rolle spielen (müssen)? Zur Verschleierung von Grossprojekten wird mehr und mehr die Aufteilung und Verteilung auf viele Hilfswerke versucht. Im Grund ist es reines Kalkül und bereits raffiniertes Ausspielen von Hilfe, wenn für ein Projekt 4 oder 5, ab und zu bis zu 12 und mehr Hilfsorganisationen beigezogen werden. Da jede Organisation einen anderen Entwicklungsbegriff zum Schwerpunkt hat und jede natürlich eine Abrechnung will und braucht, gibt es zwar das Abwägen und Eingehen auf formelle Fragen, aber jeder Dialog ist verunmöglicht, und ein Prozess des Miteinanders entsteht nicht. (Falls etwas Grosses wirklich unterstützt werden muss, weil es wirklich Existenzberechtigung hat, dann soll e i n Hilfswerk dazustehen und alles übernehmen!)

 


Fleischwerden des Geistes
und Brückenbau zwischen Generationen

Auf diesem Hintergrund kann «Brücke der Bruderhilfe» nur froh sein, dass sie klein ist. Sie soll es auch bleiben, aber mutiger im Experiment werden. Ein Hilfswerk - so haben wir gesehen - kann sich entweder zu wichtig oder zu wenig wichtig nehmen. Zu wichtig hat sich - gottlob die «Brücke» nie genommen. Sie ist zur Kleinheit gestanden, aber sie muss noch lernen, die Kleinheit als Chance und als Macht im Suchen nach mehr Gerechtigkeit in dieser Welt zu sehen. Man mag und muss wohl die heutige Entwicklungsarbeit kritisieren, aber dadurch verschwindet sie nicht, weil die Herausforderung der Ungerechtigkeit und Arroganz in Politik, Wirtschaft und Ideologien oder (ab und zu auch) in Kirchen bleiben. Es geht immer wieder um zwei Dinge: die Menschwerdung und das Gemeinschaftsleben. Es geht nicht um mehr Geld. Geld ist nur ein schwaches und meist fragwürdiges Mittel. Es geht um den Geist, aus dem andere Einstellungen und Denkweisen erwachsen, aufgrund derer anders am Leben partizipiert werden kann. Aus neuer Inkarnation und Partizipation sollen Gerechtigkeit und Frieden fliessen. An diesem Prozess hat Entwicklungsarbeit teil, und daran sollen sich christliche Hilfswerke beteiligen am Fleischwerden des Geistes und im Brückenbau zwischen Gegensätzen.


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Al Imfeld©   Neue Wege   1985 Heft 7