Hunger, wer bist du? 1985

Hunger, wer bist du?



Betrachtungspunkte zur Entpolitisierung des Hungers

Niemand bezweifelt, dass in Afrika Dürre und Hungersnot herrschen, aber ich bezweifle entschieden, dass diese erstmalig, einmalig und nur wetterbedingt sind. Für mich gehören Dürre, Trockenheit und klimatische Fluktuationen zum existentiellen Dasein in bestimmten afrikanischen Gegenden oder Gürteln (Sahel, Nordostafrika, Randzonen der Kalahari und im Grabenbruch). Wie die lange Geschichte klar zeigt, waren derartige Ökosysteme nur mit einer auf sie direkt bezogenen Spiritualität nutzbar. Aber wer es verstand, konnte aus diesen Gegenden ähnlich den Indianern Nordamerikas oder den Eskimos in der Antarktis « Wunder»-bares herauszaubern. Wer jedoch bloss noch mit Angebot und Nachfrage, Kosten und Nutzen, input und output, Wachstum und Ertragssteigerung an die Agri-Kultur herangeht, wird (auch) von der Natur bestraft. Was bei uns in der Schweiz und der Bundesrepublik an Public-Relation-Aktionen geschah, hat mit Bewusstseinsbildung nicht das geringste zu tun. Im Gegenteil, man kann damit leicht beweisen, welche Macht Medien haben, und sich darin sonnen, dass derartige Agitationssendungen sogar Millionen für die Armen und Verhungernden einbringen. Sie sind eine Gant oder eine Versteigerung des Elends oder Hungers, und mit dem finanziellen «Abfall» gibt man vor, Afrika zu helfen. Dieser Hunger ist jedoch das, was früher wenigstens noch unter Begriffen von Unterentwicklung, Armut, Verstädterung, Verelendung oder An-den-Rand-gedrängt-Sein lief. Heute wird alles verschleiert und unpolitisch. Kein Hunger wird hinterfragt. Es wird bloss noch gesammelt und gejammert. Dieser Hunger Afrikas hat mit Politik und Kultur, mit Wirtschaft und Macht zu tun. Aber all das kann und will kein Privatsender «berühren». Also bleibt der PR-Hunger. Bleibt aber auch der Erfolg des westlichen Sammelns. Und bleibt die Bestätigung: Eigentlich sind wir alle gut und lieb. Also weiter so. Ja nichts politisieren. Höchstens ein Schmunzeln im Hintergrund: gottlob hat der Sozialismus versagt: ausgetrocknet, verdorrt. Und nun, gottlob, brauchen sie alle UNS wieder, den «Blick am Sonntag», Radio 24, ARD, die Hilfswerke und unsere Spenden. Hunger wer bist du?
A.I.


Der neben dem Kenianer Ngugi wa Und die Söhne fragten. Thiong'o profilierteste Schriftsteller Ostafrikas, Meja Mwangi, arbeitet gegenwärtig an einem selbstkritischen Epos über «die Hölle des armen Mannes». Er las vor kurzem erste Teile daraus. Alle waren ob seiner Ehrlichkeit ergriffen. Er lässt in diesem Werk die Jugend der Zukunft auf unsere Zeit zurückblicken und ihre Väter (=uns) befragen:

Vater,
ist es wahr, dass man die Analphabeten belog
und die Armen betrog?
Und die Väter nickten,
und sagten: ja.
Und die Söhne fragten.
ist es auch wahr,
dass man den Hungernden den
letzten bissen wegnahm?
Und die Väter nickten
und sagten: ja.
. . .

Die Söhne waren verwirrt.
Vater,
wo warst du,
als all das geschah?

Die Väter weichen aus und sagen:
Mein Sohn,
Ich war da, irgendwo
aber ich war es nicht. . .


Die Alten versuchen, ihren Söhnen zu erklären, warum sie so naiv waren. Wegen ihrer Leichtgläubigkeit gegenüber Religion und Politik konnte man mit ihnen machen, was Interessierte wollten. Zur Grösse gehörte alles andere als Landwirtschaft. Zu Ruhm ward nie ein Bauer erkoren. Politiker wurde bloss der Bluffer. Meja Mwangi lässt den Grössenwahnsinn der Alten von der Jugend karikieren:

Mein Sohn,
sie erzählten uns unglaublich
dummes Zeug.
Man erzählte uns,
wir hätten den grössten Flughafen
südlich der Sahara,
wir hätten das schnellste Transportsystem
südlich der Sahara,
wir hätten das höchste Wirtschaftswachstum
südlich der Sahara.
. . .
Nie erzählte man uns,
dass dieses Afrika
ein hohler Kürbis voller Scheisse war
und wir nichts anderes als Maden darin.
. . .

Aber man hatte - wie Meja weiterfährt - uns alle jasagen und glauben gelernt:

Wer nach dem Warum fragt,
den trifft der Schlag.


Langsam werden alle zum Verlernen des Hinter-Fragens erzogen und sanft zum Jasagen gebracht.

 

Die Entfragung des Hungers

Hunger wird zu einem unfassbaren Sündenbock: überall und nirgends. Zahlen werden aufgeblasen: Ein Rennen um Rekorde findet statt wie wenn es um den Eintrag ins Guiness-Buch ginge. Der Hunger wird zum Wolken-Kratzer gemacht, so gross, dass eigentlich jeder ohnmächtig davor steht; ein bisschen spendet, sozusagen Weihwasser spritzt, damit irgendein Schicksal besser will. So wird dieser Hunger entfragt und entpolitisiert. Er ist weiter keine Sache der Menschen mehr, sondern der Götter. Die einen können daher zynisch sagen: «Der Hunger bringt den Menschen zu Gott zurück.» Andere leiten selbstverständlich eine Hungerkonferenz damit ein, dass sie «rein humanitärer und unter keinen Umständen politischer Art» sei.
Hunger, wer bist du?

Hunger wird immer mehr zum Wort für alles. Hunger «zieht ein». Hunger «erobert» Kontinente und Länder. Hungerzahlen steigen an. Täglich gibt es mehr Hungernde, obwohl die Produktion wächst. Hunger hier, Hunger dort. Hunger als Ohnmacht. Hunger aber auch als Spiel der Mächtigen. Hunger als Krankheit. Hunger als Epidemie, gegen die keine Impfung mehr hilft. Der Hunger ist so eigen-mächtig geworden, dass er gegen jede Hilfe resistent zu sein scheint. Hunger als Seuche im Alltag von Entwicklungsländern? Hunger einfach ein Name für das Unfassbare und Unfassliche im Zenit des sozialen Krebses?
Hunger, wer bist du?

«Ein Hungertoter ist ein Toter zuviel!»
Richtig.

Aber Eindruck scheint ein Toter dennoch kaum zu machen. Warum denn müssen es Hunderttausende und Millionen sein, bevor wir uns rühren? Wird deshalb so übertrieben, weil eine kleine Zahl nicht beeindruckt und kein Mitleid rührt? Es geht trocken durch die Presse, wenn von der FAO, der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft gemeldet wird, dass 24 Staaten mit rund 150 Millionen Menschen wegen Dürre und Trockenheit - am Verhungern sind. Das könnte zwar auch richtig verstanden werden. Nämlich so: Den Staaten, die auf der Hungerliste unbedingt erscheinen wollten, wurde nach eingehender UÅNberprüfung von der FAO das Prädikat «Hungerland» gewährt. Andere, die es laut FAO-Kriterien auch verdienen könnten, haben sich gar nicht darum beworben. In diesen 24 Ländern leben insgesamt 150 Millionen Menschen. Unter diesen werden laut Menschheitserfahrung Reiche und Regierende, Militärs und Beamte nie vom Hunger betroffen. In jedem Land gibt es zudem immer Gegenden, die nicht betroffen sind. Der Begriff einer Hungersnot sollte nicht an einen Staat geknüpft werden.
Hunger, wer bist du?

Oder vielleicht ist es doch sinnvoll - und viel relevanter, als bisher angenommen -, dass Hunger mit Nation in Zusammenhang gebracht wird. Vielleicht sagt es etwas mehr über die Ursache des Hungers aus? National-Ökonomie + National-Staat National-Hunger? Genauso wie es heisst: Dieses oder jenes Land (und nie eine Firma) exportiert oder importiert soundsoviel. So kann es jetzt auch heissen: Dieses oder jenes Land hungert. Und so wären es statt etwa 6 Millionen Betroffener 150 Millionen National-Bürger.
Hunger, wer bist du?


Beat Brechbühls Gedicht «Hunger» hat folgende dritte Strophe:

Hunger ist
die Politik
Aller.
Kein Einzelner aus-
geschlossen.


Aus anderer, positiver Sicht könnten die FAO-Zahlen auch heissen: Hungert einer im Staate X, dann hungern alle! Denn so ein Ärgernis lassen die National-Bürger von X nicht zu. Aber gäbe es dann noch Hunger?
Hunger, wer bist du?


Solidarisch und demokratisch sind anscheinend Hungernde von aussen gesehen; denn wir können sie alle in denselben Topf werfen. So werden aus vielleicht 50'000 wirklich Betroffenen im Norden von Burkina-Faso (ehemals Obervolta) 6,7 Millionen Hungerbedrohte im neuen «Lande der Unbestechlichen». Der Süden des Landes liegt jedoch nicht in der Sahel, ist reich und fruchtbar und vermöchte die gesamte Bevölkerung leicht zu ernähren. Aber warum sollen die Privilegierten des Südens an den Norden etwas abgeben - vor allem dann, wenn die Baumwolle flüssiges Kleingeld einbringt. und im Süden nicht nach Nahrung, sondern nach Video (auch) gehungert wird? Nicht etwa nach der Schule. Nein, man geht direkt ins 21. Jahrhundert: Lehrer sind mühselig, bestechlich und menschlich. Maschinell geht's besser, gibt Prestige, Video bringt das Paradies direkt ins Haus und lässt daher von Frankreich und den USA träumen.
Hunger, wer bist du?

 


Die Wüste wächst,
wo das Eigene verödet

Den bei uns am Fernsehen «gestellten» Hunger habe ich so auf all meinen vielen Afrika- und Asienreisen nicht gesehen. Ich sah schauderhafte Elendsviertel, Slums genannt, mit vielen Armen und Elenden, aber wie bei uns vor knapp hundert Jahren in Arbeiterelendsvierteln wird da gesoffen, gehurt, gespielt, gewettet, das Letzte eingesetzt. ohne zu wissen, für was; bloss zum Vergessen, oder um sich selbst zu täuschen und um sich eine Schein-Welt vorzumachen. Natürlich haben diese Menschen auch Hunger, aber es würde niemandem einfallen, dieses Elend als Hungersnot zu bezeichnen. Das sind Arbeitslose. Verlassene Frauen mit «illegitimen» Kindern; dazu kleine und grosse Gauchos, Gauner, Gaukler.
Hunger, wer bist du?

Brechbühls Gedicht hat diese Erfahrung in der siebten Strophe eingefangen:

Hunger
sind nicht die Bilder
im Fernsehen, nicht
die Rede eines Parlamentariers der
«dabei-war», nicht
die Gebete der Priester, Hunger
ist die einsame Verzweiflung
deines Körpers, Hunger
ist der Mord von Noface, Hunger
ist das Ersticken in
absoluter Freiheit –

Hunger, wer bist du?


Auf dem Land sah ich traditionell ausgesetzte Leichen, aber ich würde es nicht wagen zu behaupten, ich hätte je einen direkt Verhungerten tot am Boden gesehen. Ich sah wohl aufgeblähte Bäuche bei Kindern, die von der Fehlernährung stammen . . . Vor allem fiel mir auf, dass an vielen Orten auf dem Land eine Stimmung des Verleidens herrschte. Die jungen Männer: alle weg. Alte Männer: Sie sitzen und lungern herum. Frauen, die neben den Kindern auch die Äcker besorgen sollten . . . Schulen, die jeden, der in sie eintritt, zum Verlassen der Landwirtschaft und des Landes erziehen. Diese Dörfer gelten nicht als ROOTS; sie sind weder Grundlage der Wirtschaft noch Lebensbaum einer Nation. In allen Köpfen leben Paris, London, Moskau oder Washington als der Nabel der Welt. Resignation und/oder eine Orientierung auf die Fremde/Ferne hin lassen das Eigene veröden. Es wächst die Wüste, weil man den eigenen Boden als Wüste ansieht . . .
Hunger, wer bist du?

 


Es war einmal...

Einmal war es anders.

J.-M. Gibbai zeigt in seinem Buch «Guérisseurs et Magiciens du Sahel» (Ed. Anne-Marie Métaillé) eindrücklich, wie einst in dieser Gegend eine Kunst der Verwandlung blühte. Da gab es Magier und Mystiker, die «Wasser in Milch und Sand in Couscous» verwandeln konnten. Da lebten Eingeweihte, die so mit dem Ganzen vernetzt und eins waren, dass sie von innen heraus diese Welt zum Wohl aller, sowohl von Menschen und Tieren, als auch von Pflanzen und Mineralien, beherrschten. Gegenüber dieser «magischen» Macht ist alles moderne Knowhow ohnmächtig und irrelevant.
Hunger, wer bist du?


Vor kurzem meldete «Talking Drums» (Ghana), dass ein Mediziner im nordnigerianischen Spital Kaduna festgestellt habe: «In den letzten drei Jahren hat unter Jugendlichen Kwashiokor und unter Alten der Marasmus zugenommen. Beide Krankheiten sind nichts anderes als die zwei Seiten der gleichen Wirklichkeit: Protein-Mangel.» Ganz zynisch nimmt das Wochenmagazin die Nachricht zur Grundlage eines Kommentars: «Worüber die politische Wissenschaft immer noch rätselt und sich in tausend Hypothesen windet, weiss anscheinend die Medizin schon. Der regierenden Klasse Afrikas und vor allem den gegenwärtigen Präsidenten fehlt es an Protein. .» Der nigerianische Forscher stellt fest: «Das afrikanische Dorf stirbt an Marasmus, dem dumpfen Dahindösen und Herumlungern der Alten.»
Die Weisheit der Alten belebt nicht mehr die Welt der Jugend.
Hunger, wer bist du?

 


Verwirrspiel mit Zahlen

Ist es relevant zu wissen, an was Menschen sterben? Ist es nicht am einfachsten, die Ursache als Hunger zu bezeichnen?

Vor mir liegen drei Zeitungsausschnitte, deren jeder eine Dekade Abstand von dem anderen hat:

  • 1964: «Täglich sterben in Afrika über 10'000 Kinder». Grund: kein sauberes Wasser und einseitige Ernährung.
     
  • 1974: «Täglich verhungern Zehntausende Babys». Der Umweltforscher Eric Eckholm stellt fest, dass «an Unterernährung und Infektionskrankheiten weltweit täglich 35'000 Kleinkinder sterben».
     
  • 1984: «UNO: In Afrika verhungern jedes Jahr 5 Millionen Kinder». Der Grund ist ganz klar: Hunger.

Bitte, gehen Sie diese Zahlen sachlich durch. Es kommt doch immer auf dieselben hinaus, ob 1964, 1974 oder 1984. Von der Statistik her hat sich (leider) nichts verändert. Warum wurde dann aber nicht bereits 1964 mit der «Hungerkampagne des Jahrhunderts» eingesetzt?
Hunger, wer bist du?

Warum dieses Verwirrspiel mit Zahlen? Warum die plötzliche Dramatisierung einer seit Jahrzehnten vorhandenen stillen oder stillschweigend hingenommenen Katastrophe? Warum kann Hilfe nicht kontinuierlich sein? Warum muss sie auf- und niedergepeitscht werden.

Vielleicht wird doch mit Hunger Politik gemacht.

Auf jeden Fall kam dieser Hunger Reagan, Thatcher und Kohl gerade recht. Endlich brauchten sie nicht mehr mit politischen Gründen und Ursachen diesen Weltskandal abzuwehren. Schuld war nicht der Kapitalismus. Schlicht und einfach - ganz unideologisch - es ist halt die Hungersnot. Kein Regen, zu viele Kinder. Eine von zuviel Vieh weitergefressene Dürre. Von oben. Schicksal.


Wie Zentralamerika, so wird auch Afrika einäugig und naiv vereinfacht gesehen. Es gibt keine politischen, ökonomischen oder gar sozialen Ursachen des Hungers. Da hilft deshalb schon Nahrungsmittelhilfe - zumal die Lagerhäuser der USA und der EG übervoll sind und die Aufwände Milliarden kosten.

Natürlich ist das ganz und gar un-politisch.

«It's business . . . and, indeed, also in our interest», sagt in Washington Reagan an einer Pressekonferenz - ganz selbstverständlich und ohne einen einzigen Journalisten noch zu bewegen. Und kurz darauf sagt der US-Botschafter Robert Fritts in Ghana vor dem Presseclub: «We do not play politics with food, we send them purely as an aid.» Wer sagt denn noch, dass mit Nahrung politische Spiele gespielt würden? Man verfrachtet sie bloss noch - ohne Fragen. Hilfe für oder gegen den Hunger. Allein schon der Transport steigert das Bruttosozialprodukt.
Hunger, wer bist du?

 


Aushungern durch Computerisierung
und «Verteidigung»

Aus einem Brief, der 1945, nach dem Krieg, in Deutschland geschrieben wurde:

«Dieser nie endende Kampf ums Essen. Das Leben ohne Boden unter den Füssen! Wir möchten gern arbeiten und auch mal hungern, wussten wir nur wozu. Es gibt weder den versprochenen Frieden, noch Aufbau, nur neues Leid, grösseren Schmerz und noch mehr Hunger . . .»

Viele möchten heute gerne etwas arbeiten, um ein klein, klein wenig Geld für Nahrungsmittel zu erhalten. Die Chance jedoch, eine - selbst schlecht bezahlte - Arbeit zu finden, nimmt täglich ab.

Die Computerisierung wächst.
Hunger, wer bist du?


«Wir müssen sparen», so klagen die Reichen, die westlichen Parlamente. «Wir müssen sparen . . .» und - mir nichts dir nichts - bauen sie soziale Sicherungen ab. Armut und Hunger wachsen in den USA, in England und in der BRD. Aber kaum jemand wendet das Prinzip des Sparens bei Waffen und Rüstung an. Vielleicht können sich Ost und West den Luxus chauvinistischer Waffen noch leisten, aber dass dem Süden permanent die Verpflichtung, Verteidigung mittragen zu helfen, eingeredet wird, ist Zynismus. Eigentlich hat die Dritte Welt gar nichts mehr zu verteidigen: Ob von Kommunisten oder Kapitalisten - alles wird ihr von neuen und alten Kolonialisten abgenommen. Verteidigung fördert bloss das profitable Waffengeschäft. «Verteidigung» in Afrika heisst nichts anderes als Aushungern.

Aber wo es Profit gibt, stellt sich nie die Spar- und Hungerfrage. «Kein Profit - keine Nahrung! Das ist das wirkliche Verteilungsproblem», sagte 1982 George Wald, Nobelpreisträger für Biologie, vor dem Europäischen Parlament in Strassburg.
Hunger, wer bist du?

Generäle und Militärs hungern nie. Polizisten und Ordnungskräfte haben stets genug zu essen. Diese Berufe ziehen immer mehr junge Menschen in Afrika an. Das Land entvölkert sich, der Bauer stirbt aus, Polizei und Armee wachsen. Auf diesem Hintergrund ist niemand gegen Rüstung (und somit die Erhaltung des eigenen Arbeitsplatzes). Aber diese frisst alles Geld auf. Statt Mäuler zu stopfen, wird Molochen geopfert.
Hunger, wer bist du?

 

 

Hunger als Phänomen des Klassen-
und Rassenkampfes –
oder warum Südafrika nicht hungern kann

Auf der FAO-Hungerliste mit 24 afrikanischen Ländern fehlen zwei aus ganz verschiedenen Gründen: Südafrika und Niger.

Die Lage der Schwarzen in der Republik Südafrika ist genauso schlecht wie in anderen offiziell als Hungerländer deklarierten Staaten. Aber für die Weissen zählen die Schwarzen wenig. Obwohl von 25,5 Millionen Einwohnern 22 Millionen Schwarze sind, haben sie keine politischen Rechte. Sie sind keine «Bürger» Südafrikas und zählen daher nicht zum Staate Südafrika. Den Weissen geht es gut: Wohl war der Regen knapp, die Teuerung zieht an, eine Krise zeichnet sich ab, aber dennoch würde Südafrika niemals auf der Liste von Krisen- und Hunger-Ländern stehen wollen. Südafrika ist weiss und daher gut, gottgesegnet und auserwählt: Südafrika kann nicht hungern. Vielleicht in den Homelands, den populär genannten Bantustans, wo 15 Millionen auf 13 Prozent bereits ausgelaugten, versauerten und verkarsteten Landes leben sollen. Aber so heisst es wenn die Schwarzen nicht wollen und den Boden nicht wieder selbst fruchtbar machen, dann ist es ihre Schuld. Südafrika kennt den Hunger nicht, und die ihn erfahren, machen eben politisch nicht mit!
Hunger, wer bist du?

Über 1’000 Analysen von Hungersnöten aus den letzten zwei Jahrtausenden offenbaren klar, dass es bei jeder Hungersnot im gleichen Land oder am selben Ort Überschüsse und Überfluss gab. Es fehlte bloss an Geld. Hunger also ein Phänomen sozialer Spannungen, des Klassenkampfs, des Äusstossens von «Ungläubigen». Hunger eine Folge von Machtkampf, Klein-Krieg, Rassen- und Klassen-Diskriminierung.
Hunger, wer bist du?

Niger ist kein heiles Land, denn es befindet sich mehr als alle Nachbarländer sowohl in der Sahel als auch in der Sahara. Regen gibt es genausowenig wie anderswo. Dennoch befindet sich Niger nicht auf der Not-Liste. Die Regierung tut etwas für die Bauern und hat einen kreativen Eigenstolz. Sogar in islamischer Tradition und mit feudalen Strukturen scheint es möglich zu sein, Hunger zu vermeiden. Dennoch bleibt die Versuchung bestehen, sich als Hungerland in der Liste einzutragen.
Hunger, wer bist du?

 


Vom IWF und von anderen Monomanen

Entwicklung ist heute bei den Grossen und Mächtigen verdächtig; Katastrophen- und Nahrungsmittelhilfe haben es leichter. Soll in einer solchen Lage eine arme Regierung gegen den Strom schwimmen? Wenn es schon keine langfristige Entwicklungshilfe mehr gibt, zapfen die Regierungen der Sahel die Hungerhilfe an. Als weiterer Faktor kommt die Verschuldung hinzu. Der Internationale Währungsfonds IWF fordert Rückgang der Schulden. Es gibt für diese Länder keinen anderen Weg (weil glattweg alle anderen Reserven fehlen), als über Nahrungsmittelhilfe zu Devisen zu kommen.

Hungert der Staat oder das Volk? Die Frage kehrt schon wieder zurück!
Hunger, wer bist du?


Die respektable britische Hilfsorganisation Oxfam veröffentlichte im letzten Herbst eine Studie von Nigel Twose mit dem Titel «Cultivating Hunger». Dieser Report verwirft dezidiert, jedoch unpolemisch, die Auffassung, Afrikas Hunger stamme entweder von der Willkür des Wetters oder von der Überproduktion an Babys. Als eine der Hauptursachen werden die Programme des IWF zur Sanierung der Finanzen genannt. So wurde etwa Guinea Bissau zur Abtragung der Schulden eine Ausweitung der Erdnusskultur vorgeschlagen. Die Erdnüsse werden nach der EG exportiert und hier in Viehfutter umgewandelt. Da Guinea Bissau jedoch jetzt schon zu wenig Land für die Grundnahrungsmittel hat, kann die Folge der cash-crop-Ausweitung jeder erkennen.
Muss da noch gefragt werden: Hunger, wer bist du?


Aber da wir alle - auch die Gut-Gläubigen und Schein-Heiligen und nicht bloss der IWF - Kinder von Monokulturen, Monomanien, Monopolen und Monokausalitäten sind, färbt das auch auf den Alltag und auf unsere Taten ab. Es gibt immer neue Ursachen. Fast immer werden sie um der Wissenschaftlichkeit willen monokausal vorgebracht. Hungersnot wird verursacht «nur» wegen:

  • Bevölkerungsexplosion
  • Produktionsrückgang
  • Klima und zu wenig Regen
  • Kolonialismus
  • exportorientierter Wirtschaft
  • transnationaler Firmen (Multis)
  • Fortschrittsverweigerung
  • nicht modernisierter Landwirtschaft
  • zu wenig Dünger
  • zu wenig Geld
  • zu wenig Hilfe . . . etc.

Hunger, wer bist du?


Ferner sind wir tiefgeschädigte Moralisten mit Schuldgefühlen und Minderwertigkeitskomplexen: jede Kausalitätsfeststellung tendiert daher zur Schuldanklage. So ist unter uns das Fertigwerden mit dem Hunger zu etwas Ähnlichem wie die Bewältigung des Faschismus oder Nazitums geworden: Jede Frage nach dem Woher wird zur Jagd nach oder zur Suche von Sündenböcken.
Hunger, wer bist du?


Und jeder von seiner Ur-Sache Überzeugte sucht Verbündete oder gründet gar eine «Hilfs-Sekte». So haben wir schätzungsweise gegen 1’000 verschiedene Gruppen, Aktionen, Hilfswerke und multilaterale Organisationen, die den Hunger mit Projekten «direkt an der Wurzel» ihrer geglaubten Ursache bekämpfen. Daher finden wir eine immense Vielfalt von Gutwilligkeit und Projekten. Bloss fehlt uns das Ganze, die Ökumene, die Einheit. Im Grunde ist der gesamte Kampf gegen den Hunger das beste Abbild unseres westlichen Liberalismus, der nichts anderes als Individualismus oder Pointilismus ist: punktuell, verzettelt, vereinzelt, isoliert - für jeden seinen Glauben, sein Projekt, sein Vorgehen, sein Sammeln und Agieren. Bitte schön, jeder ist frei! Für jeden seinen Hunger!

 


Die Jugend auf der Suche
nach dem verlorenen Ganzen

Die Jugend von heute spürt diese Ohnmacht. Sie erfährt frustrierend, dass dieses Vorgehen des guten Willens dem Rechtsweg gleichkommt: Juristisch wird Punkt für Punkt vorgenommen, Paragraph um Paragraph untersucht. Der Unschuldige mag in Punkten durchaus recht bekommen, aber Gerechtigkeit erfährt keiner durch das Gericht. Genauso ist unsere Projektarbeit: Tropfen auf Dürre, aber kein Regen! Individualisierung von Details. Fällt überhaupt etwas - wie im Gleichnis vom Sämann - auf agrarischen (fruchtbaren) Grund? Was soll das Katz- und Maus-Spiel mit dem Hunger?
Hunger, wo bist du?

Diese Jugend steht am Anfang, dort wo noch niemand weise ist, aber genau dort, wo sich manches neu auftut und einige zu fragen beginnen: «Ihr Väter habt 10 Milliarden an Steuern abgegeben und für die Wiederbegrünung der Sahel gespendet, und dennoch ist sie nach 10 Jahren öder und dürrer denn je. Stimmt es?» - «Ja.» - «Aber wo wart ihr selbst? Und habt ihr nicht sogar zuhause aus Menschen Steine gemacht? Aus Grünflächen Betonwüsten? Aus grünen Wäldern abgestandene Baum-Gerüste? Und glaubt ihr, es habe geholfen, in die Ferne zu spenden, gleichsam ein Ablass- oder Nachlassgeld, um Wüsten mit Projekten aufzuhalten, und daheim wart ihr denselben Wüsten gegenüber ohnmächtig?»

Irgendwo ist das alles gut gemeint, aber furchtbar naiv. Eine Mischung von gutem Willen und Ohnmacht mit Überheblichkeit und westlicher Missionseiferei.

Solche Fragen sind jedoch hart, verunsichern, machen, bei Gott, das Leben nicht leicht, führen in den Garten Gethsemane, wo selbst Jesus nicht mehr wusste, wie es weitergehen sollte.
Hunger, welches ist dein Sinn?


Hunger ist (auch) eine Folge der Einengung, wo durch Isolation die Versorgung nicht mehr klappt. Hungersnot ist ein Abgeschnittensein vom Ganzen, wo es immer genug zu essen und trinken gibt. Je mehr Einheit verloren geht, umso mehr nimmt Hungersnot zu. In diesem Sinn sind alle Bemühungen von Gruppen und Jugendlichen zu begrüssen, die sagen: «Hier bei uns muss der Kampf gegen den Hunger beginnen!» Sie fordern vielleicht einen neuen Lebensstil. Ihre (vielleicht unbeholfenen) Chiffren heissen: Befreiung, alternativ, grün, integriert, ganzheitlich . . . Sie experimentieren in neuen Denkweisen, in Kybernetik, in Kreisläufen, im Recycling . . . Von der Theologie bis zur Volkswirtschaft geht ein Raunen und Suchen: Die ungelöste Frage verursacht weniger Hunger als die selbstsichere Wissenschaft.
Hunger, wer bist du?

Die Dürre hat uns alle an einen Wendepunkt gebracht. Gruppen mit jungen und neuen Ideen müssen die Arbeit unserer Hilfswerke herausfordern und hinterfragen. Das heisst nicht ein Nein zu diesen Werken, die grosse Arbeit machen. Sie sind ja stets ein Abbild lebender Menschen. Und da ganz klein ein neues Leben keimt, wird es auch diese Hilfe verändern müssen. Gruppen haben daher einen grossen Einfluss auf die Zukunft unserer Hilfsform, die politischer, ganzheitlicher, vernetzter, spiritueller und menschlicher sein muss. Wir werden wohl viel mehr Menschen zusammenführen und zum Miteinander-Fragen bringen müssen. Die Jugend hier sollte mit der Jugend der Sahel, Südafrikas oder Zentralamerikas zusammenkommen und ab und zu gemeinsam etwas arbeiten (nicht bloss debattieren - wir haben ganze Generationen, die sich kaputt geredet haben), experimentieren, versuchen, kreieren. Plötzlich würden beide Seiten sehen, dass Hunger nicht einseitig ist.

Gruppen sind zum Einfädeln da - um ein Netzwerk gegen jede Art von Hunger anzufangen. Diese neuen Gruppen sind nicht unpolitischer, weil sie nicht mehr direkt gegen Macht oder gegen Multis angehen. Man ist am Erlernen einer neuen Politik: Der Gegner ist monoman, und wer direkt gegen ihn angeht, wird - aus Erfahrung lernend - auch monoman. Heute beginnen wir eher Netze auszuwerfen . . . Was hat das alles noch mit Hunger zu tun? Sehr viel. Fragen Sie ihn selbst:
Hunger, wer bist du?


&&&

Al Imfeld©  Neue Wege  1985  Heft 1