Agrikulturelles Denken 1984

Agrikulturelles Denken

Von Verlust und Erneuerung eines elementaren Kulturbegriffs

 

Andere vor uns hätten es auch und bestimmt mehrmals versucht. Alles sei schon einmal dagewesen. Nichts zu machen. Nichts zu ändern. So ist «es» eben... Wer kennt nicht diese resignativen Rezitationen über den Lauf der Geschichte? Jede Initiative wird damit bereits zu Beginn vermiest. Um stets weiss und weise zu erscheinen, wird gar nicht mehr Hand angelegt. Nichts wird versucht, und gerade damit wird alles einer gnadenlosen Entwicklung und fatalen Macht überlassen. Die grösste Stütze jeder Macht nämlich sind die ausgewogenen Weisen, die immer noch nach mehr Forschung rufen, bis jede Zeit zum Handlungseinsatz längst zu spät und überflüssig ist und sie so auf heuchlerische Weise ihre Weste stets rein behalten.

Heutige Anstrengungen, sowohl zu einem neuen Verständnis von Agrarkultur vorzustossen oder von Erfolgen und Misserfolgen der Bauerngeschichte zu lernen, als auch durch Taten zu experimentieren, werden von vielen, erbarmungsvoll mit der Achsel zuckend, abgetan: «Zurück zur Natur wollt ihr also. Retourgang, oder? Wieder aufs Land? Romantik, Idylle, Flucht! Gestrigem nachzutrauern hat nie Zukunft.»

 


Lebens-unfähige Landkommunen? - Historische Rück-Sicht

Momentan wird ein riesengrosser Studien- und Forschungsaufwand betrieben, bloss um zu beweisen, dass jede Zurück-aufs-Land-Bewegung erfolglos oder gar gefährlich ist. So ein Einsatz muss seinen Grund haben. Wenn alles bereits so klar und harmlos ist und zu nichts führt, warum dann soviel Mühe?

Da gibt es Ulrich Linses Untersuchung über «Landkommunen in Deutschland 1890-1933» (dtv, München 1983). Sie kommt zum Schluss, dass diese Landkommunen «überlebensunfähige Inseln im kapitalistischen Meer blieben». In der Studie wird jedoch zu wenig unterschieden zwischen blossen Verehrern von Sonne, Körper, Nacktheit, Boden oder Landleben und solchen, die an die Wurzeln gingen und mit Modellen neuen Zusammenlebens experimentierten. Es muss doch ein Unterschied zwischen einem Wandervogel und einem Religiösen Sozialisten, einem Anthroposophen und einem Pariser Kommunarden gemacht werden.

Erstaunt ist man dennoch über die sehr vielen Experimente und Anstrengungen um die Jahrhundertwende und entdeckt bestimmte Ähnlichkeiten zu heute. Vergass man damals vielleicht (so lautet ein Vorwurf), sich gegenseitig zu fordern und zu hinterfragen, voneinander zu lernen und mehr miteinander zusammenzugehen, so sollte das eine Herausforderung oder Mahnung an die Heutigen sein. Damals wie heute besteht bei Medien und Mächtigen dieselbe Tendenz: Verherrlichung und Idyllisierung des Oberflächlichen und Verketzerung und Hexenjagd gegen diejenigen, die sich an die Wurzeln wagen.

Damals wie heute gab und gibt es Taten, die zu nichts führen oder die (so ein anderer Vorwurf) den Faschismus begünstigen. Aber es lebte auch etwas, aus dem Neues nicht nur keimte, sondern wuchs und das von der Ordnungsmacht und den Vertretern der Herrschaft nicht gewollt war und zuerst subtil und später öffentlich verfolgt wurde.

Damals wie heute ist manches Spreu, zu leicht und oberflächlich, nicht durchdacht, wenig vernetzt, kaum vertieft: einerseits der Oberfläche eines Luftballons gleich, andererseits doch die Spitze eines Eisbergs.

Damals wie heute wird reagiert, und da vertiefende Ansätze fehlen oder fürs Nach-Denken kaum Zeit besteht, kann Reaktion leicht missbraucht und von der herrschenden Klasse taktisch gegen eine Aufbruchbewegung eingesetzt werden. Polarisierungen werden bewusst gefördert, um aus ihnen Blockaden werden zu lassen.

 


Der Wurmstich der Reaktion in der Landbewegung

Ein Wurmstich befand sich im Apfel vor achtzig Jahren und befindet sich auch im heutigen: Zuviele reden vom Aussteigen statt von der bewussten Konfrontation der Gegensätze. Ein paar Hinweise sollen zeigen, wie gefährlich vage nicht offen genannte Sündenböcke sein können.

Vor achtzig Jahren war die Landbewegung eine Reaktion gegen die Fabrik. Manipulative Kräfte im Hintergrund liessen darin jedoch ganz perfide eine Reaktion gegen die Arbeiterschaft und die Gewerkschaften miteinfliessen.

Vordergründig erschien die Landbewegung als eine Reaktion gegen die Stadt, versteckt galt sie jedoch als eine gegen die Menschen im Sekundär- und Tertiärbereich: bei den einen gegen die Arbeiter und bei den anderen gegen die Beamten und Bürokraten. Die vage Unlust lief quer durch alle Fronten. Sie begünstigte daher Ordnungskräfte (Polizei) und Militarismus. Land (und Primärökonomie) wurde bloss räumlich oder örtlich begriffen, aus der Stadt herausprojiziert, gegen die Stadt abgesetzt - statt als Gegenstand einer Machtauseinandersetzung in Köpfen (und später in Kasernen) erkannt.

Bestimmt war die Bewegung vor achtzig Jahren auch eine Reaktion gegen die Arbeitsteilung, die permanent fortschreitende Zerstückelung der Wirklichkeit und deren Schubladisierung. Aber zuviele gaukelten Pseudo-Einheiten vor, die alle nur zu Fronten und Blockbildungen führten. Eine Kommune kann zudem genauso eine versteckte Teilung sein - besonders dann, wenn sie sich isoliert, abkoppelt und nicht als Ausgangspunkt eines Netzes begreift.

Eine wortreiche Reaktion gegen den Konsum führte zu einer einseitigen Verhimmelung des Landes - und trug wesentlich zur Bodenspekulation bei. Jeder wollte in irgendeiner Form sein Stück Land haben: sei es in der Kommune, sei es im Wochenendhaus in den Bergen oder am See oder auch nur im Schrebergarten am Rande der Stadt.

Genauso wie vieles eine billige, unreflektierte Reaktion gegen scheinbar fremde Kultur war, genauso fremd war die neue Kulturstossrichtung für viele andere. Die Forderung nach einer ländlichen Kultur richtete sich plötzlich gegen die von Le Bon verteufelte Masse (fortgesetzt von Ortega y Gasset). Ohne es zu merken, wurde aus ihr so etwas wie eine Chiffre elitärer Konservativer und Neureicher, stark gegen Demokratisierung und Mitsprache gerichtet. Ein Kultur- Kampf trug sich auf anderer Ebene aus: Land war bloss ein Code-Wort für eine ganz andere Operation.

Sicher könnten viele weitere Beispiele aufgeführt werden. Sie sollen genügen, nicht um eine historische Bewegung abzutun, sondern um uns direkt und indirekt zu zeigen, was agrikulturelles Denken und Handeln ausmacht. Ausser bei ganz wenigen war die Landbewegung, wie sie Ulrich Linse analysiert und beschreibt, keine agrikulturelle, sondern eher eine reaktionäre Verhaltensweise. Ähnliches könnte heute der Fall sein. Daher gilt es, klarer zu werden.

 


Himmel und Erde - ora e t labora

1400 Jahre früher gab es eine ähnliche Bewegung, die eine neue Kultur für das Abendland zu schaffen vermochte. Als das Römische Reich wegen einer parasitären Verstädterung und hohlen Stadtkultur einerseits und einer rücksichtslosen Ausbeutung des Landes und Vertölpelung der Bauern andererseits am Zerfallen war, gründete Benedikt von Nursia eine neue Gemeinschaft. Er verband zwei scheinbare Gegensätze: Musse und Arbeit, geistige und körperliche Arbeit, Beten und Arbeiten.

Dieses «ora et labora» hat im damaligen Europa eine Bewegung von gewaltiger Dynamik ausgelöst. Sie wurde bis nach Irland wirksam, floss von dort ins Germanenland zurück und liess Kulturzentren wie Fulda und St. Gallen entstehen. Diese Verbindung vieler Gegensätze brachte eine machtvolle und wirksame Agrarkultur hervor. Benedikt war daher nicht bloss der Gründer einer neuen Mönchsgemeinschaft, sondern auch der Revolutionär einer ganzen Agrar-Gesellschaft. Mit ihm begann eine ländliche Revolution, aus der nur scheinbar widersprüchlich blühende Städte entstanden.

Die ideale Stadt Gottes konnte lebensfähig nicht auf augustinischer Grundlage - zeitbedingt voller Manichäismus durchtränkt erstehen, sondern erst durch eine benediktinische Verbindung von Lebensfreude und Askese. Diese kraftvolle Stadt lebte auf der Grundlage der Subsistenz.

 

Alchemie - Homöopathie - Self-Reliance

Auch heute geht der Ruf nach einer eigenständigen ländlichen Kultur durch die Gegend. Die Geschichte könnte Warnung vor einem wurmstichigen Ansatz sein. Nichts ist überlebensfähig, das ausflippt, sich abkoppelt, isoliert, aus Spannungsverhältnissen austritt, ohne Bezüge entweder im Lager oder in der Schublade lebt. Ländliche Lebensweise muss mit der Stadt in kontrastreicher kreativer Verbindung stehen. Auszug allein genügt nicht und leistet bloss Reaktionärem Vorschub. Wer nicht fähig ist, in der Stadt von heute etwas zu verändern, der soll nicht glauben, auf dem Land werde ihm das gelingen, sagt ein erfahrener amerikanischer Umweltspezialist. «Beginn Deine Exerzitien der Self-Reliance in der Stadt», fordert David Morris seine Anhänger auf und beginnt mit ihnen die Arbeit an der Veränderung des städtischen Amerika und den Aufbau von «Self-Reliant Cities» (Sierra Club Books, San Francisco 1982).

«Leben auf dem Lande» muss zuerst einmal das Raum-Denken sprengen und darf nicht geometrisch lokalisierbar sein. Es bedeutet ein Denken in anderen Kategorien als denjenigen unserer Industriegesellschaft; es bedeutet, neue Dimensionen, tiefere Schichtungen, andere Bezüge miteinzubeziehen. Ein solches «Leben auf dem Lande» ist erst dann nicht auf Sand gebaut, wenn es geistig ein ganzheitliches Haus (oikos), eben ein Oko-System trägt: vom Fundament bis zum Dachgiebel ein Ganzes einbindet, mit Mit-Welt vernetzt; nicht in Romantik, sondern in Herausforderung macht; nicht in Flucht, sondern in Realismus; nicht in Pharisäismus, sondern in Lauterkeit; nicht in elitärer Verachtung und mit viel Zynismus, sondern in solidarischer Achtung und mit viel Humor; nicht in Panik, sondern in Gelassenheit; nicht in Ausweglosigkeit, sondern in der Überzeugung, die Wahl vieler Wege vor sich zu haben.

In den USA haben einige dieses geistige Gerüst erkannt und sich dialektisch an ein «Leben auf dem Lande» in der Stadt gemacht, und so können derart herausfordernde Worte wie City Farming (John Todd), Seif Reliant Cities (David Morris) oder Integral Urban Houses (Sim Van der Ryn und das Farallones Institute) entstehen.

Nicht nur auf dem Land kann und muss der Mensch (wieder) in Kreisläufe einsteigen, überall ist es möglich. Recycling, rein technokratisch begriffen, bringt nichts Neues: Es bedingt andere Kategorien von Raum und Zeit, ein neues Denken. Nur wer sich in Kreisläufe reinkarniert, ist zu Recycling fähig; nur wer Zeit nicht mit der Stempel- oder Stoppuhr quantifiziert, ist offen zum Teilzeitleben.

Deshalb sind die Experimente der Neuen Alchemisten antönend an John Todd, Nancy Jack Todd, Betty Roszak und Lawrence Ferlinghetti mit ihrem The New Alchemy Institute (und ihren Büchern bei E.P. Dutton, New York) und die Neuen Homöopathen der Technik am Farallones Institute (Self-Reliant Living in the City, veröffentlicht in: Sierra Club Books, San Francisco 1979, ist ein Beispiel mit 500 Seiten faszinierendem Material) so wohltuend. Sie helfen das in der Entwicklungsarbeit längst leer gewordene Wort Self-Reliance neu mit Sinn beleben und zeigen vor allem praktische Möglichkeiten auf, denn «der Mensch will endlich etwas tun».

Auch wenn in den erwähnten Beispielen manches bereits zu praktisch und zu wenig theoretisiert erscheint, so muss man wissen, dass diese Wagemutigen sich alle auf eine geistige Auseinandersetzung mit Mahatma Gandhi einerseits und Ivan Illich andererseits berufen. Diese theoretischen Grundlagen werden als bekannt vorausgesetzt. Hier wird nicht die ganze Welt wiederholt: Sie alle sehen sich selbst in einem Netz, das von den Spinne(r)n seit Jahrhunderten gesponnen wurde.

 


Spannungsgeladenes Ideal
statt billig integrierter Wirklichkeit


Agrikulturelle Daseinsweise ist eng mit einer gelebten Variation von Self-Reliance verwandt. Sie weiss:

  • von wo ausgehen; sie ist auto-zentriert, ohne eingeschlossen im Ego, im Dorf oder Nationalstaat zu verkrusten; vom Zentrum und Kern im Innern geht sie aus, von echter Selbsteinschätzung, vom Vertrauen in das Eigene; sie lebt und regeneriert sich durch eigene Anstrengung oder Eigenleistung; geht von hier aus und kehrt zur Erneuerung hierher zurück; bedeutet kein Verweilen, sondern Ausgangspunkt, ist weit offen und nicht geschlossen...
     
  • wie sich einbinden; zwischen oben und unten, innen und aussen; sie ist echte religio = Einbindung, Vernetzung; begreift sich als Teil der Mit-Welt, nimmt Rücksicht, stimmt ab und lebt aus der Ehrfurcht; sie ist partizipatorisch, partnerschaftlich, eingespannt ins Miteinander; gerade deshalb besitzt sie ein Bewusstsein von Grenzen, er-leidet Begrenztheit, sucht sie jedoch zu sprengen, ohne alles deshalb schon als machbar oder unerschöpflich zu nehmen...

Von solcher Denkweise ist in der modernen Landwirtschaft nichts mehr zu finden. Ein integriertes Projekt hat bloss mit Kapazitätsausnutzung, Effizienz, dem idealen Faktor der Kosten-Nutzen- Rechnung zu tun. Hier geben die Investitionskosten und die für die Zweckerreichung eingekauften Maschinen den Ton an: Sie bestimmen den Grad der notwendigen Integration. Diese ist rein ökonomisch definiert.

Sogar die Frau wird in solcher Art emanzipiert und integriert. Sie wird in den landwirtschaftlichen Prozess hineingenommen, indem sie von der Subsistenzwirtschaft «erlöst», vom Haushalt herausgenommen und in die Geld- und Konsumwirtschaft eingespannt, integriert wird. Die Frau wird mit, über, durch Geld beteiligt. Wie die Entwicklungsländer wird sie in die agrokommerzielle Tätigkeit, die Einkommen erzeugt, eingebunden damit sie an der Geldwirtschaft teilhat. Sehr oft kommt dazu, dass diese rein ökonomistische Befreiung und Integration nur einen Ersatz oder ein Zückerchen von seiten des männlichen «machismo» bedeutet; denn die politische Macht ist bis heute beim Manne geblieben.

Eine agrikulturelle Denk- und Daseinsweise entwickelt niemals Monokulturen, produziert nicht einseitige Massen, denkt nicht zum vornherein an eine bloss kommerzielle Einkommensquelle und eine alle Grenzen überschreitende Vermarktung, auf den Markt getrimmt und getimed: genau richtig in der Zeit für die Ferne, voll durchrationalisiert und gesundgeschrumpft, integriert, effizient gemanaged (ja, man muss sich sogar in der Sprache anpassen: timing, management, marketing, cash crop, income generating, alles Ausdrücke, die wir selbst in Entwicklungsprojekten von Kirchen und privaten Organisationen finden).

Diese industrielle Landwirtschaft auf reiner In- und Output-Basis, Kosten und Cash abwägend, rein ökonomisch und daher einseitig betrieben, steht im Gegensatz zu einer Agrarkultur, die sich ins Ganze eingebettet sieht, auf alle Teile der Mit-Welt Rück-Sicht nimmt, Ehr-Furcht hat, auf stets neu zu erstellende Gleichgewichte zielt, keine Dogmen kennt, Grenzen nicht überschreitet, sondern diese mehr und mehr von sich wegschiebt.

Daraus kann ersehen werden, dass Self-Reliance und Agrarkultur nicht bloss Selbstversorgung, Autarkie, Selbstgenügsamkeit oder gar Absonderung von der Welt bedeuten, sondern eine Lebensweise der permanenten Auseinandersetzung und ein Versuch der steten Neudefinierung sind: Weit offen und dennoch nicht universalistisch; von einem Kern und nicht einem Zentrum ausgehend; voller Ehrfurcht ohne lähmende Autoritätsgläubigkeit; eine radikale Abkehr vom Vertikalen, ein Handeln auf der Horizontalen, sozusagen aus dem Füllhorn (oder der Spirale) lebend; nicht erobernd, sondern einbeziehend; über Nachbarschaft alle traditionellen Grenzen sprengend; von unten her den Begriff des Fremden des Inhalts entleerend, usw.

 


Gestörtes Verhältnis zur Natur und zum Fremden

Dies mag eher wie ein Gedicht klingen. Dennoch kann nur auf dieser oder ähnlicher Grundlage eine neue Art von Dorfgemeinschaft erstehen. Heute wird eine solche nämlich nur noch rein äusserlich und nur dann erlebt, wenn entweder alle von einer Naturkatastrophe betroffen werden oder wenn es gilt, Fremde abzuwehren.

Gerade mit den Fremden haben heutige Landwirte besondere Probleme. Die alten Formen der Gastfreundschaft sind tot. Formen des Kennenlernens gibt es keine mehr. Der Fremde kommt weder als Gast noch als Mensch ins Blickfeld. Er ist bloss noch eine billige Arbeitskraft, ein Produktionsmittel; dem Dünger oder der Spritze gleich; von Einbindung oder Vernetzung keine Spur.

Der heutige Landwirt ist derart von aussen geleitet und fremdbestimmt, total ohne Selbstvertrauen in sich, das Dorf, die Nachbarschaft, sein Wissen und seine Mittel, dass er am Fremden oder «Anderen» die Luft ablässt; ihn - statt sein System zum Sündenbock macht; ihn prügelt und damit letztlich doch nur nach Austreibung all der fremden Geister in ihm selber schreit.

Der heutige Mensch ist Verhältnis- und beziehungsgestört in Bezug auf die Natur und auf den Fremden, seine Geschichte und seine Macht. Ohne Übergang und somit ohne Tradition und Wurzel ist aus dem relativ gesunden Bauern von einst ein leistungsfähiger Landwirt geworden, ein absolut fortschrittsgläubiger auch, voll Glauben an die Machbarkeit aller Dinge, voll blindem Vertrauen in Berater und Vertreter, mit modernen Fetischen umgeben, immer mehr in der Zwangsjacke... Und er lässt seinen Frust und seine Wut vor allem an der Natur und an fremden Menschen aus. Das ist die Tragödie des heutigen Dorfs, das in vieler Beziehung genau der Lage etwa afrikanischer Entwicklungsländer und ihrer Krise entspricht.

Dem Phänomen, warum heute ausgerechnet der Landwirt und der Arbeiter so fremdenfeindlich und so offen für Bewegungen mit dem Slogan «Fremde raus!» sind, muss nachgegangen werden. Für mich ist es eine erschreckend gute Illustration, was der Verlust agrikulturellen Denkens bewirkt. Ich will nicht sagen, dass es die Furcht vor Fremden nicht immer gab, aber sie war eingebunden, mit Riten der Familiarisierung umgeben. Ich erschrecke jedoch, wenn ich die heutige Losgelassenheit und Emotionalität sehe. Das hat definitiv etwas zu tun mit dem Wandel vom Bauern zum Landwirt. Es kann sogar bewusst vom System gewollt oder gesteuert sein, denn die wirklich Fremden sind die Berater und die Banken.

Der Bauer von heute ist total fremdbestimmt, ohnmächtig, mehr als jemals selbst in der Feudalzeit - dem «Herrn und seinem Willen» was heute unter Chiffren wie Produktionszwang, Zinslast, Teuerung, Leistungsfähigkeit, kostengünstig und konsumentenfreundlich läuft ausgeliefert. Des Bauern eigene Entfremdung frustriert ihn derart, dass er in seiner Ohnmacht den Kropf am andern, meistens noch Ohnmächtigeren leert. Er begreift sich nicht mehr als einen Teil der Mit-Welt und redet eher von Um-Welt, wo er in Distanz dazu steht, als ein Feind und Eroberer, als ein Gegenüber oder ein Bedroher. Das ist der Punkt, an dem der Unterschied zum agrikultureilen Denken offenbar wird und sich fühlen und erfahren lässt.

 


Für die Entstaatlichung des Bauern

«Nation building» ist demgegenüber ein falscher, letztlich unsinniger Ansatz: statt zu einen, zerreisst er. Geradezu verheerend wirkt sich aus, wenn die Landwirtschaft darin eingebaut werden soll.

Agrikulturelles Denken und Werken muss von der Mitwelt und der Nachbarschaft ausgehen und sich stets neu mit ihnen vernetzen. Diese Vorgehensweise führt zu einem anderen Raum- und Staatsverständnis. In einer derartigen Gestaltung ist nämlich niemand am Rand. Peripherie und Provinz werden durch andere Verflechtungen und Gewichtungen aufgehoben.

Ein weiteres wichtiges Glied in dieser Verflechtung ist die Familie. Der moderne Staat hat scheinbar all die Aufgaben von Verwandten und Nachbarn übernommen - wie wir nach hundert Jahren Erfahrung sehen, nicht nur zum Vorteil. Eine Entstaatlichung von Familie und Nachbarschaft ist allerdringendst und gehört essentiell zum agrikultureilen Ansatz. Im Staat der letzten hundert Jahre gab der «Arbeiter» den Ton der Auseinandersetzung an. Er organisierte sich in der Gewerkschaft und kümmerte sich um Lohn und Kondition in der Fabrik. Die Bauern liess man scheinbar allein, übergab sie Bauern-Verbänden, die - rein wirtschaftlich orientiert - noch nie im Lauf ihrer kurzen Geschichte ein Verständnis für Agrarkultur zeigten. In dieser Mühle wurde auch der Bauer zum Arbeiter. Sein Hof wurde als Fabrik gesehen und dementsprechend behandelt: bis zum völligen Misserfolg einer solchen Agrarpolitik.

Familie und Nachbarschaft wurden umfunktioniert und das Ganze „Modernisierung und Fortschritt“ genannt. Der Staat übernahm scheinbar ihre Aufgabe, was einer systematischen Entmachtung gleichkam, denn - pointiert ausgedrückt: der Bauer braucht diesen Staat nicht; dieser Staat braucht den Bauern. Ihm wurde beigebracht, dass er nicht mehr für Angehörige und Nachbarn zu sorgen habe. Entgegen der scheinbaren Befreiung hatte das jedoch seine völlige Individualisierung und Atomisierung zur Folge. Einher gingen Vereinsamung, Entfremdung und ein An-den-Rand-gestellt-Sein. Damit erst entstanden Peripherie und Provinz.

 


Haus- und Schattenarbeit gegen Lohnarbeit

Auch mit der Frau auf dem Hof geschah Ähnliches. In früheren Zeiten war sie voll und ganz in die bäuerliche Selbstversorgung integriert. Ihre Arbeit im Haus (= Hausarbeit total veraltet!) und auf dem Hof (= wirtschaftlich = emanzipiert!) war ein integraler Bestandteil der Agrarkultur, voll respektiert, nicht ausgespielt und lächerlich gemacht. Sie war ein Aspekt der Subsistenz.

Emanzipation aber wurde als ein Ausbruch aus der Subsistenz propagiert. Das bedeutete gleichzeitig ein Lösen aus der Vernetzung. Die Frau lieferte sich aus, ihre Arbeit wurde zur Ware und zum Objekt. Diese Ware wurde zum Gebrauchswert aufgewertet und dementsprechend bezahlt. Hier liegt der Hund begraben: nicht in der Schatten- und Hausarbeit, sondern in der Emanzipation zum «Arbeiter», der Waren schafft und diese verkauft.

Zwischen dem Bauern von einst und dem Arbeiter (Landwirt) von heute besteht ein Abgrund von zwei Denk- und Seinsweisen. Das hat auch zwei Mentalitäten oder Typen hervorgebracht. Der neue, moderne oder fortschrittliche Typ hat den «Haushalt» (= oikos) verlassen. So sind heute beide, Arbeiter und Land-Arbeiter, in der Kälte der Fremde, beide ohnmächtig, weil beide sich mit den falschen Kräften verbündet haben. Die Lösung liegt in einem neuen, d.h. letztlich in einem erneuerten Verständnis der alten agrikulturellen Arbeit. Man denke daran, dass erst seit gut 250 Jahren von Arbeit als etwas Positivem geredet wird.

Es geht wieder um Arbeit im «oikos», im ökologischen System, und nicht in der Enge der Fabrik. Agrikulturell ist es falsch, Arbeit als «ausserhäusliche Tätigkeit» zu begreifen, sie in «bezahlt» und «unbezahlt» oder gar geschlechtsspezifisch einzuteilen und diskriminierend zu sehen. Agrikulturell muss es eine massive Bewegung gegen die Lohnarbeit und für die Schattenarbeit geben.

Alle Arbeit auf dem Lande oder im agrikulturellen Sinn muss als Land-Dienst und Mit-Arbeit, als ein Mitgehen, Mitleiden, Miterfahren, Mitwarten und Mitentstehen verstanden werden. Damit wären wir wieder beim Prozess oder Kreislauf. Damit meinen wir auch wieder die mit Self-Reliance gekennzeichnete Daseinsweise.

Die grösste Parodie dazu ist der vor allem in Afrika vorhandene Schulgarten. Mit ihm glaubt man, dem Kind die Landwirtschaft nahezubringen. Wenn aber Lehrer und Eltern nicht mitbeteiligt sind, dann muss Garten- und Landarbeit als Kinderei und Strafe erscheinen. Vor allem wenn der Lehrer in Krawatte und weissem Hemd - mit Stock sogar - danebensteht und nicht zugreift oder - was noch schlimmer ist - Landarbeit als Strafe verabreicht.

Subtil geschieht bei uns jedoch Ähnliches. Die Integration oder Ganzheit solcher Arbeit ging längst verloren. Lobbies und Verbände haben sie noch nie gerettet. Ihnen geht es um Macht und diese erhält man am leichtesten mit «divide et impera»: Teile, punktualisiere, atomisiere, zerstückle und lass' die Stücke in aller Ohnmacht herumliegen; leg' ihnen von aussen, von oben, ohne Realitätsbezug, rein macht- und herrschaftsorientiert eine Staats- und Wirtschaftsform auf, die von der Basis oder den Lebendigen soviel als möglich nimmt und selbst völlig parasitär lebt. Das ist das Grundproblem von heute - weltweit.

 


Vom Bauern als Bankangestellten
zu einem neuen Wert- und Weltgefüge

Diese Machtfrage hat natürlich sehr viel mit der Besitz- und Bodenfrage zu tun. Agrikulturelles Denken erfordert die Entkolonisierung des Landes auch bei uns, seine Befreiung und Rückgabe an den, der es bearbeitet. Der einschneidende Unterschied zwischen einer Produktion für die Grundbedürfnisse und einer Produktion für die Nachfrage - im rein marktwirtschaftlichen Sinn - liegt hier, wird aber von vielen kaum bemerkt. Das ist der Grund des Versagens einer entwicklungspolitisch auf Grundbedürfnisse hin deklarierten Wirtschaftsform.

Wenn jemand anders als der Bauer im Besitz des Landes ist, kann es eine Grundbedürfnisstrategie gar nicht geben. Tilgung der Schulden, Zinszahlung, Kapitalisierung überschatten alles. Also kann nicht das Notwendige und Naheliegende produziert werden: cash muss her und daher cash crop!

Der Bauer muss wieder über den Boden verfügen dürfen. Nicht bloss zum Schein! Denn bei uns in Europa beteuern die Verbände sofort, dass das Land dem Landwirt weitgehend gehört. Das ist rein vordergründig und eine Augenwischerei. Die Hypotheken liegen so hoch wie noch nie, das meiste Land ist verpfändet, die Landwirte sind Bankangestellte. Die Banken schicken nicht mehr die Vögte von einst, sondern ihre Berater, die den Landwirten sagen, was sich lohnt. Von Vergnügen und von Lebensqualität keine Rede mehr.

Wenn daher von Landreform geredet wird, darf darunter nicht bloss Modernisierung und damit einhergehend Verschuldung und Einbindung in die Macht (Wirtschaft) gemeint sein. Es geht um die hier umschriebene agrikulturelle Umformung: um ein Umdenken und Sich-auf-neue-Lebensstile-Einlassen.

Statt von Landreform müsste von Agrarreform gesprochen werden, um das Agrikulturelle auch voll zu meinen. Es geht doch nicht bloss um Geometrie und Wirtschaft, nicht nur um Neu-Zonung oder Zu-Teilung, nicht allein um technokratisch und legalistisch auszuführende Handlungen. Es müsste um innere Veränderungen im Wert- und Weltgefüge gehen, die neue Lebensweisen bedingen und hervorbringen, etwa:

  • von der Streusiedlung zum Dorf;
     
  • vom privaten zum kommunalen Mischbetrieb;
     
  • vom fernliegenden Markt zur naheliegenden Nachbarschaft;
     
  • von der ganz genau abgegrenzten zur vernetzten Form; etc.

Somit sind wir auch wieder bei dem, was andere - vor allem der chinesische Revolutionär Mao Tse-tung und der grosse Denker Johan Galtung - mit dem Wort Self-Reliance verstanden und meinten. (Am besten und vielseitigsten ist diese Denkweise und Methode im Lesebuch Self-Reliance. A Strategy For Development, herausgegeben von Johan Galtung, Peter O'Brien und Roy Preiswerk, zusammengefasst. Das 420seitige Werk erschien im Institute for Development Studies in Genf 1980.)

Anstatt abzugrenzen und einzugrenzen, Räume einzuengen und zu besitzen, muss die neue Haltung zur steten Erweiterung und einem dauernden Ausbrechen führen. Deshalb kann Self-Reliance nicht auf Selbstversorgung oder Befriedigung der Grundbedürfnisse reduziert werden. Sie ist kein Absolutum. Self-Reliance entwickelt z.B. die Fähigkeit, Grundbedürfnisse lokal zu befriedigen, vergrössert aber gleichzeitig die Kapazität der Selbstversorgung. Hier liegt die Handreichung zur Stadt, zum Sekundär und Tertiärbereich. Hier liegt ein Schlüssel zur Reform, die von unten statt von oben kommen muss, von der Grundlage des Landes her, einer vitalen und realen Partizipation am Land, von dem aller Reichtum letztlich herkommt.

 


Positive Neubewertung der Subsistenz

Auf einen anderen Begriff muss noch bewusster eingegangen werden - auf den der Subsistenz. Darunter wurde einst das Aus-sich-selbst-Bestehen (der Substanz) verstanden. In der Ökonomie definierte man sie als eine Form der Landwirtschaft, die ganz oder überwiegend für die Selbstversorgung und nicht für den Markt produzierte.

In den letzten hundert Jahren wurde Subsistenz systematisch als Unterentwicklung oder Rückständigkeit verketzert - etwa vom Wirtschaftsnobelpreisträger 1979, Theodore Schultz, der in seinem Hauptwerk Agriculture is an Unstable Economy 1945 den Ansatz zur «Transformation der traditionellen Landwirtschaft» (so ein Titel von 1964) entwickelte und Subsistenz als eine Form der Landwirtschaft definierte, die nicht in eine funktionstüchtige Wirtschaft integriert ist. Subsistenz wurde als dauernde Knechtung und Belastung interpretiert, bis Marshall Sahlins, ein Anthropologe, 1972 mit seinem Buch Stone Age Economies (Tavistock Publications, London) diese Klischees über den Haufen warf und z.B. nachwies, dass im Steinzeitalter höchstens vier bis fünf Stunden für die Nahrungsmittelsuche benötigt wurden und die Menschen damals sogar im Überfluss lebten. Nach Sahlins geschah der grosse Wandel mit dem Entscheid, Lager zu errichten: «to store or not to store that made the transison...»

Natürlich geht es nicht um ein Zurück, aber um ein Aufnehmen dieser Daseinsweise, um sie zu beleben und zu erweitern. Da es eine Weise des Daseins war, ist ihre Verwirklichung in anderen Zeiten und unter anderen Umständen nur in neuer Form möglich. Was konstant bleibt, ist die geistige Grundlage. So entdecken wir heute, dass Subsistenz mit «ökologischer Denkweise» viel gemeinsam haben könnte:

  • das Ernstnehmen von Systemen und Subsystemen;
     
  • das Miteinander von Mensch, Tier, Pflanze, Sonne, Mond, Kosmos;
     
  • die Wichtigkeit des Ortsspezifischen;
     
  • die eigene manuelle und geistige Erfahrung;
     
  • statt teuer zu bezahlende Beratung gegenseitiger Austausch von Erfahrungen;
     
  • Vorsicht vor oben - vor allem vor Staat und Firmen;
     
  • Mass halten und bestimmte Grössen nicht überschreiten;
     
  • aus der Ohnmacht sich befreien durch Selbstverwaltung;
     
  • sich nicht durch Papiere und Zeugnisse von Universitäten verunsichern lassen; sie sind keine Befähigung zum Bauern;
     
  • sich familiarisieren: Familien und Nachbarschaften aufbauen und pflegen; Beziehungen sind wichtig;
     
  • und dann erst Schritt für Schritt die Grenzen permanent zurücksetzen;
     
  • eine Mischung von Anbau für die eigenen Bedürfnisse und Angebot für den Markt ermöglichen;
     
  • Mischung von Arbeit, um von der Teilung und Vereinsamung wegzukommen;
     
  • Gegensätze als Forderung und nicht Bedrohung empfinden;
     
  • Ehrfurcht ohne Sentimentalität; und so weiter...

Eine weiterentwickelte Subsistenz hat mit einem neuen Raum- und Zeitverständnis zu tun. Es wurde darauf bereits mehrere Male hingewiesen, etwa auf andere Raumeinteilung, andere Grenzen oder nicht geometrisch begriffenen Besitz; auf Schattenarbeit statt Lohnarbeit...

Subsistenz lässt öffentliche Arbeit und Verwaltung anders verrichten, d.h. man tut sie selbst, selbstverwaltet, nebenamtlich, als Beitrag zum Ganzen. Damit zügelt man Bürokratie, beschneidet den parasitären Tertiärsektor, delegiert nicht zuviel etc. Um mehr zu erfahren, lese man von Ruedi Albonico die Studie über die Selbstverwaltung in kleinen Gemeinden (Nebenamtlich - Nebenbei? Eine Untersuchung über Möglichkeiten und Grenzen des Miliz-Systems auf Gemeinde-Ebene in Graubünden, Pro Vita Alpina, 7299 Fanas). Die lokale Verwaltung kann hier nur im Nebenamt besorgt werden. Für professionelle Lösungen fehlt - gottlob - das Geld.

Professionalisierung hat überhaupt keine Vorteile, sondern bloss Kälte, Arroganz und Ohnmacht gebracht. Freies Zusammenarbeiten gehört wesentlich zur Idee der Self-Reliance und des agrikulturellen Denkens. Warum soll für eine weit, weit entfernte, abstrakte Regierung gearbeitet werden - statt für gesunde kleine Gemeinwesen, wo alle sich gegenseitig stützen können? Self-Reliance bedeutet auch Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstplanung. Hier wirken alle Subventionen, Entwicklungshilfen oder Fünfjahrespläne der Regierung, die zentralistische Administration oder Verwaltung im heutigen Sinn überhaupt, höchst problematisch. Wer über den Boden verfügt, besitzt die Grundlage, um zu Kräften zu kommen, mit andern zusammenzuarbeiten, mit den Nachbarn zu planen, Landwirtschaft mit Handwerk zu ergänzen. Das A und O der Subsistenz hiess Selbstgenügsamkeit und Selbstleistung, auch wenn es noch soviele Opfer verlangte.

 


Selbstgestaltung – Selbstverwaltung

Alle Dörfer und Gemeinden von heute sind mit technokratischen Fremdstrukturen überstülpt worden. Sie haben gar keine Möglichkeit mehr, eine Dorfgemeinschaft nach eigenen Bedürfnissen zu gestalten: Sachzwänge von aussen diktieren. So werden sie ortsfern von einer Zentrale aus verwaltet. Alles ist fremd: Berater, Beamte und Polizei. Solche Strukturen lähmen jegliche Initiative und haben damit auch nichts mehr mit Freiheit zu tun.

Es würde sogar dem Weltfrieden dienlich sein und die angestrengten internationalen Strukturen sehr entlasten, wenn allerorts wieder die Entwicklung von Kleingruppen und Dorfgemeinschaften zugelassen und gefördert würde. Es gibt keine «wissenschaftliche» Form, die allein richtig wäre; Selbstverwaltung gibt es in tausend Weisen.

Gerade deshalb kommt lokaler Self-Reliance eine derart wichtige und bestimmende Rolle zu. Und hier wird es dann wieder sehr praktisch. Als Beispiele seien erwähnt:

  • Selbstversorgung mit eigenen Nahrungsmitteln;
     
  • sich an Jahreszeiten halten;
     
  • grosse Wege meiden;
     
  • lokale Läden unterstützen; mehr Um- und Austausch;
     
  • Energie möglichst lokal erzeugen;
     
  • Eigenes dazu vielfältig nutzen: Holz, Sonne, Methan- oder Biogas;
     
  • gemeinsame Nutzung von Maschinen und Transportmitteln;
     
  • Recycling wo immer nur möglich;
     
  • Einsatz öffentlicher Arbeit;
     
  • bessere Nutzung des Platzes und der Materialien beim Bau;
     
  • neue Materialien aus lokalem Biomaterial zum Bauen;
     
  • im medizinischen Bereich mehr präventiv statt kurativ;
     
  • Weiterentwicklung traditioneller Medizin; der Lokalarzt ist kein Kurpfuscher;
     
  • einfache Gesundheitstechniken; möglichst wenig Extra-Territorialisierung von Arzt und Spital;
     
  • vielfältigere Ernährung; abwechslungsreiche, kreative Küche;
     
  • mehr Techniken des «horizontalen» Lernens, indem man sich gegenseitig lehrt, statt von oben, von den Universitäten viel erwartet;
     
  • Verbinden von Arbeit und Lehren...

 


Hoffnung auf eine Welt voller Geheimnisse

Aus dem wird ein neuer Kulturbegriff entspringen: einer, der die Provinz nicht als etwas Langweiliges, Stures oder Enges abtut. Kultur heisst hier nichts anderes als die selbständige Gestaltung der eigenen Mitwelt... Provinz gibt es gar nicht mehr!

Agrikulturelles Denken ist eine definitive Absage an die Diktatur von Verbänden und Interessengruppen. Es will «Normen», die zur Umwelt in Bezug stehen, Sinn ergeben, befreien...

Kurz und gut, agrikulturelles Denken und Handeln ist eine Form der Religiosität. Sie kann weder Spaltung noch heutige Ökumene verstehen. Einheit muss anders geboren werden! Im Grunde ist das religiöse Leben der Gegenwart ein fades Abbild der Wirtschaft und Fabrik, anstatt diese zu prägen. Ausgerechnet die Kirchen haben allen Sinn für Agrikultur verloren; sie, die stets auf die Vernetzung und Bindung (= religio) im Ganzen hinweisen müssten, sie, die mit der Transzendentalität alle Grenzen sprengen sollten, sind kolonial und provinziell geworden.

Und dieses Denken soll eine Zukunft haben? Nicht eine Rückkehr, sondern eine Umkehr oder «Bekehrung» wird es sein: ein Wieder-Einspuren in einen langen, langen Weg aus der Urzeit, von dem wir nur in den letzten hundert Jahren abgewichen sind und uns dabei verloren haben. Arrogant hat sich der Mensch vom Ganzen gelöst und diese Vorgehensweise erst noch als Emanzipation und Befreiung deklariert, bis er entdecken müsste, dass um ihn herum Wüsten wuchsen, es dürr, trocken, kalt und sauer wurde. Anstatt um Austreibung der Natur durch Technik und Wissenschaft, geht es dem agrikulturellen Menschen um die Heimholung der Geheimnisse der Spinne - oder der Brennessel, des Känguruhs, der Raupe, der Bäume, Steine, Wüsten, Monde und Meere. Es sieht gar nicht hoffnungslos aus. Die Welt ist stets voller Geheimnisse, voller Freuden und sogar voller Schalk und Humor. Einem solchen Bauern - auch in der Stadt - gehört die Zukunft.


Ein ermunterndes PS

Nachdem soviel fremde Literatur vermerkt wurde, sollen drei lokale Beispiele am Schluss Hoffnung signalisieren. In der Schweiz begann eine Auseinandersetzung mit dem schweren Schicksal von modernen Bauern bis in die Literatur hinein:

  • JQ" Werner Wüthrich, Sohn eines Pachtbauern und Freund von Ernst Därendinger, dem kämpferischen Grossbauern, veröffentlichte 1979 «Vom Land. Berichte» (Unionsverlag, Zürich). Diese sind aus Gesprächen mit Bauern entstanden und tragen zur Überbrückung des Grabens zwischen Stadt und Land bei. Sie geben Einblick in den Alltag, die Sorgen, den Zorn, aber auch in die Versuche, daraus auszubrechen. Sie markieren klar eine Wende zu einem agrikulturellen Denken. Selbsthilfe und Widerstand entstehen und damit einhergehend ein eues Selbstverständnis.
     
  • Ernst Därendinger zeigt in «Der Engerling» (Unionsverlag, 1983) aus eigener Erfahrung die aufbrechenden Probleme einer verfehlten Landwirtschaftspolitik. Er selbst stieg vom Knecht zum Millionär auf, aber das gibt ihm zu denken: «Woher kommt mein Geld? Wer bezahlt es wirklich?» Er begreift den Missbrauch mit der Landspekulation, mit scheinheiligen Zonungen und pharisäischen Verbänden. Solange ihm die Welt «einheimisch» vorkam, heisst es im Begleittext, hatte er kein Bedürfnis zu schreiben; erst seit ihm alles entgleitet, sich ihm entfremdet und stets andere unschuldig und scheinbar schicksalshaft trifft, steht er bedächtig wie ein Bauer auf.
     
  • Das Problem der agrikulturellen Entfremdung ist 1983 im Roman «Blösch» von Beat Sterchi (Diogenes Verlag, Zürich) genial und packend eingefangen worden. Durch die Entfremdung und die Käfighaltung wird auch die Kuh krank. Die Folgen sind dämonisch bis zum Leben im Schlachthaus. Besser als mit viel Theorie erhält der Leser hier eine Ahnung vom Unterschied zwischen Agrarkultur und Landwirtschaft.

Der Sozialismus «bedeutet die Befreiung der schöpferischen Arbeit», und deshalb ist ihm nichts mehr entgegengesetzt als die Schabionisierung und Bureaukratisierung der freien schöpferischen Arbeit. Nicht endlose Réglemente soll er bringen, sondern die landwirtschaftliche Arbeit wieder adeln, indem er sie von Schuldknechtschaft und Konkurrenzkampf befreit und zum freien verantwortlichen Dienst an der Gemeinschaft zurückführt.

(Max Gerber, in: Max Gerber/Jean Matthieu/Clara Ragaz/Leonhard Ragaz/Dora Staudinger, Ein sozialistisches Programm, Olten 1919, S. 195)


 

&&&

Al Imfeld©    Neue Wege 1984  Heft 9