Gemeinsam und vereint: Slogan oder Chance? 1984

Gemeinsam und vereint: Slogan oder Chance?


Die Zeit ist günstig

Das Wort Krise liegt in der Luft. Alles redet und schreibt von ihr. Die Krise wird so auf magische Art herbeigeschrieben und wie ein Spukphänomen in den verdunkelten Raum hineinmaterialisiert.

Leicht unterliegt man einer Täuschung:

  • Jugendliche stellen Fragen; es wird von der Jugendkrise berichtet
     
  • Frauen stellen Forderungen; es wird von der Krise zwischen den Geschlechtern geschrieben einige stellen die Relevanz der heutigen Schule in Frage; es wird von Erziehungskrise geredet
     
  • immer mehr Menschen beginnen unsere Wirtschaftsformen zu hinterfragen; das kann nur eine Krise sein
     
  • in der Entwicklungspolitik brechen tausend Fragen auf; das ist die Krise der Entwicklung
     
  • im militärischen und rüstungstechnischen Bereich fragen einige nach dem Sinn; schon ist das die Krise des Westens, die Krise der Freiheit und die Krise des Vertrauens.

Wir scheinen in Systemen zu leben, wo jede Frage bereits zur Vertrauensfrage, jedes Hinterfragen zur Krise wird.

Das Wort Krise stammt aus dem Griechischen und hat dort die Bedeutung von Unter-Scheiden, Trennen, Auseinandernehmen. Im positiven Sinn hat daher Krise mit der Unterscheidung der Geister, einer der wichtigsten Tugenden in der Tradition der Mystik und Spiritualität, zu tun. Wer jedoch zu unterscheiden vermag, lässt sich weniger manipulieren oder an der Nase herumführen. Er kann Macht auseinandernehmen und ist fähig, zu beurteilen, ob sie bloss Herrschaft, ein ideologischer Gewehrschaft von Herren, ist.

Der heutige Aufbruch der vielen Fragen ist eigentlich wie ein Frühling der Emanzipation, der Selbstverantwortung und der spirituellen Öffnung. Das soll Krise sein? Nein, für die menschlich Betroffenen und Engagierten ist das der Kairos, eine Chance, die günstige Zeit, die Zeit der Scheidung zwischen einst und morgen.

 


Bloss das Latein, nicht aber der Mensch ist am Ende

Unsere Ausbeutung durch fremdbestimmte Kräfte und Mächte ist soweit vorangetrieben und überspannt worden, dass wir endlich wenigstens etwas von der Fragwürdigkeit zu spüren beginnen, aufmucksen und ausrufen: «So nicht weiter!»

Man hat uns den Teufel an die Ost-Wand projiziert; man hat uns alles schwarz-weiss vorgemalt; und man hat uns mit dem Polizei-Zaunpfahl gewunken, so dass wir auf Einseitigkeit, Simplifizierung und Kurzschlüsse unkritisch eingingen. Wir sahen nicht die vielen kleinen Feinde im Kern unseres eigenen Systems. Unser System war die Wahrheit - und so wie es die Amerikaner sorglos tun - bloss mit Superlativen zu charakterisieren: das beste, schönste und -natürlich - grösste! Nachdem so lange mit dem monokausalen Schema und der Entweder-Oder-Vereinfachung umgegangen wurde, sind alle Fragenden und Kritiker dieses Systems als Rote, Linke - kurz Kommunisten - definierbar. Wir haben ja nie differenzieren oder die subtile Unterscheidung der Geister gelernt.

In diesem monomanen Denksystem befindet sich auch die ganze Rüstungsdebatte. Von unten jedoch keimen tausend Fragen und lassen die alte Sicherheit zerbröckeln. Ganz selbstverständlich, dass die alte Denkschule bloss in Kategorien von Auf-, Nach- und Vor- Rüsten reden und begreifen kann. Der Feind ist stets klar definiert, geographisch ortbar und metaphysisch aburteilbar. Da ferner in diesem linearen, monokausalen und dualistischen Denken alles mit dem Begriff Wachstum erfassbar ist, heisst überzeugte Verteidigung ein klar messbares Wachstum in der Rüstung. Innere Überzeugung, Vertrauen, Ethik und Moral sind nicht messbar, da nicht quantifizierbar, daher kann dieses System sie bloss ideologisch und manipulate gebrauchen. Unser System benötigt zum Selbstbeweis einen klaren Feind und ein messbares Wachstum des Verteidigungswillens. Es ist dies die materialistisch-technokratische Logik eines Systems, das längst keine anderen Werte ausser Zahlen und Zahlungen mehr akzeptiert.

Mit einem solchen System sind letztlich gar keine Gespräche, schon gar nicht ein Dialog und niemals eine Partnerschaft - ob in der Verteidigung oder in der Entwicklung - möglich. Wenn sein Latein durchschaut wird, dann geht es mit ihm schnell zu Ende. Dieses System hat zum Selbstschutz Sachzwänge eingebaut, die nur solange Geltung haben, als sie geglaubt werden. Falls dieses System tatsächlich wackelt, kriselt oder mit dem Latein am Ende ist, muss das aber noch lange nicht den Untergang der Menschheit bedeuten. Vielleicht ist die Lage eher mit dem alttestamentlichen Exodus aus Ägypten zu vergleichen. Viele tun es auch: die über 100’000 Basisgemeinden in Latein- und Zentralamerika, etwa 6’000 schwarze Kleinkirchen in Afrika oder die Gruppen von Rastafaris in der Karibik und in England. «Lass uns ziehen!» bat Moses den Pharao. «Lasst uns unseren eigenen Weg gehen» fordern Blockfreie in aller Welt. Jedoch jeder neue Weg ist ein Angriff auf die (alleinseligmachende) Grossmacht: sowohl im alten Ägypten als auch heute in Ost und West. «Du musst Dich entscheiden! Entweder-oder!»

 


Auszug

Der bisherige Weg führte uns alle in eine Sackgasse. Ein Zurück wäre derselbe Weg. Es gibt nur einen Ausbruch, um neue Spuren zu prägen und neue Wege zu wagen.

Es mehren sich bereits die hoffnungsvollen Zeichen. Überall brechen Menschen auf und aus. Es ereignet sich ein Exodus im Kleinen, aber auf allen Ebenen:

  • Generäle hegen Zweifel
     
  • Offiziere diskutieren
     
  • Frauen marschieren für den Frieden
     
  • Bischöfe arbeiten an Hirtenschreiben
     
  • Nonnen beteiligen sich an Protestmärschen
     
  • 50 Franziskaner aus 28 Ländern wagen auf einem Missionskongress eine Erklärung zur Rüstungsspirale
     
  • Jugendliche verlangen «Bewegung»
     
  • Ärzte wehren sich gegen die zunehmende Vergiftung der Menschheit mit Medikamenten, die oftmals mehr dem Profit als der Gesundheit dienen
     
  • Bauern sehen Zusammenhänge zwischen der Entlaubung in Vietnam und Zentralamerika und dem Sprühen in ihrem ländlichen Alltag
     
  • Konsumenten ahnen mehr und mehr Zeitbomben der Vergiftung in den feilgebotenen Lebensmitteln
     
  • Manager steigen aus
     
  • Städter ziehen aufs Land und üben sich in Selbstversorgung
     
  • Intellektuelle kehren zur Handarbeit zurück; etc.


Ein geistiger Exodus findet im Kleinen überall statt:

  • Im Osten wie im Westen
     
  • in Nord und Süd, sowohl in Industrieländern als auch in Entwicklungsländern
     
  • in jedem Land, unter jedem politischen System, in der Stadt und auf dem Land, bei Unternehmern wie bei Arbeitern.

Das ist nicht mehr der traditionelle Klassenkampf. Wer auszieht, kann nicht mehr mit den monokausalen und dualistischen Schemata aus dem letzten Jahrhundert begriffen werden. Diese Ausbrecher sind Menschen, die weg wollen von der blossen Quantität, dem schieren Wachstum, dem Zwang zur Effizienz, der reinen Vernunft, der monetären Nützlichkeit, der Tyrannei der Ökonomie. Sie suchen die Vielfalt, das Faszinierende der Offenheit, das Wagnis und Risiko eine Spiritualität des Auszugs. Sie sind bereit, durch das Rote Meer hindurchzuwaten und selbst vierzig Jahre durch die Wüste zu ziehen. Es treibt sie eine Sehn-Sucht nach einer anderen Zukunft, eine Zukunft, die nicht einfach Nostalgie zu Papier bringt.

 


Anders als 1968

Nicht bloss «linke» Studenten und Professoren wie 1968 beginnen sich zu besinnen, fangen zu fragen an und begeben sich auf die Seelen-Reise. So wie sich die Ost-West-Front als Schein erweist, so die Klassengegensätze zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Entwickelten und Unterentwickelten. Sie alle haben dieselben historischen und geistigen Grundlagen: Wissenschaft, Wirtschaft, Fortschritt und materieller Wohlstand. Selbst 1968 ging man bloss aufgrund des Weges oder der Richtung auseinander: Es war der alte Katz-und-Maus-Kampf zwischen Kapitalisten und Sozialisten.

Heute sind viele ernüchtert. Sie sehen: Beide Systeme zerstören; beide nehmen keine Rücksicht auf Natur und Mensch; Ökologie- und Friedensfragen gegenüber sind beide ohnmächtig; beide werden von Versorgungs- und Entsorgungskrisen, Knappheiten und Überschüssen geplagt. Beide denken monokausal, sind dualistisch, ohne Raum- und Zeitbezug. Beide glauben ans globale Dorf, die Gleichmacherei, das Einerlei, das Dogma, ans Haben und Bekehren, ans Erbeuten und Zerstören. Beiden ist es nie gelungen, mindestens eine Dreidimensionalität von Individual-, Sozial- und Ökosystem zu akzeptieren. Die Idee des Globale Village ist z.B. nur machbar, wenn ich nicht an das Ökosystem denke.

Deshalb sind die ehrlich Ausbrechenden nicht einfach von einer traditionellen Partei der Linken oder der Rechten heimzuholen und zu integrieren, denn all diese Parteien denken geradlinig, entweder- oder, scheingeborgen in der Sackgasse. (Die Grünen haben eine neue Form versucht, aber jede Organisation antwortet im heutigen Rahmen bestimmten Gegebenheiten. Wer ins politische Feld von heute sich wagt, wird vom Gegner ins Entweder-Oder-Schema gezwungen. Alles andere ist unregierbar.)

 


Von der Um-Welt zur Mit-Welt

Die verschiedenen Denkweisen lassen sich auch am Wort «Umwelt» illustrieren. «Umwelt» klingt distanziert. Mein Ich nimmt Dinge und Welten um sich herum wahr. Aber es sieht sie nicht als Teil und Schicksal seiner selbst. Umwelt hebt sich ab, lässt sich einteilen, kategorisieren, ist einpressbar ins dualistische Gegenüber. «Umwelt» ist daher Sache, Objekt oder Ding. Das Wort offenbart mich sofort und stark als Macher oder Restaurateur, als Beschützer oder Heiler.

Die Wende geschieht dann, wenn ich all das als meine Mit-Welt begreife, als Teil von mir und meiner Welt. Dann wird endlich die Geographie aufgehoben, die nationalen Grenzen verwischen sich. Ich habe Nachbarn und brauche sie. Ohne Nachbar bin ich nicht Mensch. Zum Mensch gehört der Mitmensch, zur Welt die Mitwelt. «Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer ihr dem Gewebe antut, das tut ihr euch selbst an.» (Häuptling Seattle an seine Duwamish-Indianer, als die US-Administration vor gut 120 Jahren das Land «kaufen» wollte).

Eine solche Haltung bezieht zum Beispiel in unser Denken auch den Sowjetrussen, das russische Volk ein. Entspannung und Abrüstung beginnt mit der Einsicht, dass auch die anderen keinen Weltkrieg wollen und ebenfalls Sicherheitsbedürfnisse haben. Für eine solche Denkweise ist der Vorwurf (oder die Alternative) «lieber rot als tot» völlig unsinnig.

Eine solche Haltung geht im übrigen ganz anders an Entwicklungsfragen und Umweltprobleme heran: nicht mehr bloss intellektuell und technokratisch, aber auch nicht wie ein Missionar und Wissenschaftler (beide mit «der Wahrheit» in der Hand), sondern als ein Mit-Betroffener, wo Erste und Zweite und Dritte Welt in e i n e r Welt erlebt und mitgelebt werden oder wo «Umweltschutz» mit einer neuen Lebensweise von unten und bei sich selbst beginnt.

 


Bewegung statt Block

Zwei Zitate aus der Presse offenbaren das «andere» Denken und Handeln. Über die «Zürcher Bewegung» schrieb eine Zeitung, die das Symbol des guten Bürgertums schlechthin ist: «Wer statt klipp und klar zu sagen, was er will, Seifenblasen versprüht, mit dem lässt sich kein Dialog führen. Sein Gebaren ist kindisch.»

Als ein gut bundesdeutsches Pendant steht in einer Frankfurter Zeitung über die «Grünen»: «Es ist ein Haufen von zusammengewürfelten wilden Ideen, ohne klare Linie, einmal rechts, einmal links, meistens dumm. Mit ihren Vertretern lässt sich nicht reden, denn jeder sagt etwas anderes... Das ist keine Partei, mit der sich Politik machen lässt.»

Leider ist das Wort bereits missbraucht, aber hier zeigt sich der Unterschied zwischen einem Block und einer Bewegung. Der Block ist geschlossen: Alle Vertreter sagen nach aussen dasselbe, weil sie die Antworten von der Leitung (oder vom Programm) gehorsamst übernehmen und nach der Methode des Rosenkranzes wiederholen. Hier herrscht Übereinstimmung. Das ist nur möglich, indem das Urteil sehr vage vorgegeben ist und meist auf Vorurteilen (ohne die kein Mensch auskommt) aufbaut. Der Block braucht einen klaren Sündenbock. Bereits zwei Feinde würden ihn überfordern, weil er mit zwei Antworten zur Stelle sein müsste. Es wird daher auch ideologisch ein Überbau gesucht, der alles ins Schema von entweder-oder pressen lässt. Das beste Abbild vom Block ist die Armee.


Etwas völlig anderes hingegen ist eine Bewegung. Ihr militärisches Abbild wären Guerrilleros, überall zerstreut, aber alle von einer Idee beseelt, wenig organisiert, dennoch wirksam. Nur die Vision eint sie. Ist das Ziel erreicht oder verblasst es, so erstarrt die Bewegung, weil bloss noch die Bürokraten bleiben. Sie stirbt als Bewegung und steht als Partei der Kleinkariertheit auf (man analysiere einmal alle Befreiungsbewegungen der letzten 30 Jahre von der Mau Mau in Kenia über den Vietcong in Vietnam zu den Sandinisten in Nicaragua). Eine Bewegung ist dem Frühling vergleichbar, wenn es zu keimen und grünen beginnt und tausend verschiedene Blumen blühen. Das Ganze macht den Frühling. Jede Blume ist verschieden, aber Teil des Teppichs. Ihre Mitwelt ist je anders. Der Kontext variiert. Dieses Grünen ist so vielseitig und vielschichtig, dass es sich nicht auf einen Nenner bringen lässt. Auf der politischen Ebene heisst der Schluss klar: So etwas lässt sich nicht zu einer Partei (im üblichen Sinn) formieren. Da gibt es Gruppierungen, Ähnlich-Gesinnte, die durch ihre Bereitschaft ein neues Klima und so langsam einen anderen Kontext schaffen.

Was geschieht nun, wenn Block und Bewegung aufeinander stossen? Die Block-Vertreter sind verunsichert, weil sich eine Bewegung nicht klar orten lässt. Sie suchen daher Einzelne aus, legen sie eindeutig fest, verallgemeinern und provozieren. Geht die Bewegung auf diese Taktik ein, endet sie in kurzer Zeit auf klaren Positionen, denn man will ja nicht links, nicht böse, nicht unmenschlich... sein. Es tritt also die Blockbildung innerhalb der Bewegung ein, und das führt zur Zersplitterung.

Die Bewegung kann sich halten, wenn sie homöopathisch vorgeht: lokal, angepasst, im Kleinen, mit Gleichem, mitweltbezogen. Wenn sie fremdbestimmt vorgeht, sich von den Argumenten des Gegners leiten lässt, dann kommt es bald zur Frontalkollision, welche die andere Front wegen ihrer einseitigen Stärke und Macht leicht gewinnt. Mit den alten Methoden läuft jede Bewegung dem Block-Feind in den Hammer. Wenn die Bewegung äusseres Zahlenwachstum braucht, auf formelle Mitgliedschaft drängt, Grossdemonstrationen organisiert, der Magie der äusseren Stärke verfällt, ist sie bereits geschlagen. Statt auf Geraden und der Geometrie der Ecken muss eine Bewegung, wenn sie sich halten will, auf Ellipsen und Spiralen - um es symbolisch auszudrücken - aufbauen.

 


Self-Reliance

Die hier skizzierte Denkweise wird in der Entwicklungspolitik mit dem Wort «Self-Reliance» bezeichnet. «Self-Reliance» wird zwar in universitären Kreisen oft entweder der Autarkie oder der Abkoppelung gleichgesetzt. Doch Self-Reliance ist zuerst einmal eine Denk- und Lebensweise. Sie fusst auf dem eigenen Vertrauen, das sich in der nachbarschaftlichen Vernetzung stärkt. Sie ist lokal - sowohl ökologisch als auch sozial - verwurzelt. Sie ist konkret, kennt die eigenen Ressourcen, sowohl die Stärken als auch die Schwächen; sie macht soviel als möglich selbst und dennoch weiss sie, dass sie Mit-Welt, Nachbarschaft, Dorf oder Quartier braucht. Die Philosophie dahinter geht auf den Taoismus zurück, wurde von Tolstoj, Ruskin, Kropotkin einerseits und Gandhi, Mao und Nierere andererseits ins Gesellschaftspolitische übertragen.

Self-Reliance beginnt also im Dorf oder Quartier, schafft Nachbarschaften, vernetzt sich, koppelt zurück (nicht ab!), nimmt Rücksicht, kennt Ehrfurcht und hat im Tiefsten mit Religion (lateinisch: religio = Einbindung in ein Ganzes) zu tun. Nachbar wird man, indem man einander braucht, voneinander borgt, miteinander austauscht, sich ergänzt. Der saturierte Konsument unserer Gesellschaft benötigt keine Nachbarn mehr, denn er hat alles und ist pseudoautark, lebt in der Gefängniszelle des Hochhauses, im Käfig, isoliert, am Fernsehen (vielleicht) die ganze Welt vor sich, aber ohne Bezug.

Echte Self-Reliance denkt nicht mehr bloss horizontal und/oder vertikal. Es gibt kein Zentrum, nur den Ausgangspunkt. Es gibt keine Front - auch nicht in der Ferne. Ost und West sind irrelevante Begriffe. Der Feind ist weder ortbar noch projizierbar. Er ist immer mit anwesend - auf allen Ebenen und überall. Aber das ist nicht erschreckend. Er ist Teil meiner selbst. Es braucht keine Massen-Aufrüstung, um ihn in Schach zu halten oder zu besiegen. Hier ist «Askese = Beherrschung oder «continentia» = Zusammenhalten, erforderlich: ein Zusammenhalten, von innen heraus.

Diese tiefen Einsichten gehören zum Erbe der Menschheit: Es geht um den mystisch-esoterischen Strom der religio, den Fluss, in dem die offiziellen Religionen und Kirchen nie baden und sich waschen. Von der Lehre des Tao bis zu C.G. Jungs Schatten geht es durch: yang und yin sind zwar Gegensätze, aber sie gehören untrennbar zusammen: Im Tag ruht ein Teil der Nacht und umgekehrt; der Regierte ist dem Regierenden nahe, der Osten dem Westen, der Süden dem Norden...

Self-Reliance ist selbstgestalterisch und selbstverwalterisch, dezentral und föderalistisch. Self-Reliance hat mit Partizipation aller, Teilhabe, Partnerschaft, Ausgleich, Teilen, Mitteilen und Anteilnehmen zu tun. Sie ist niemals nationalistisch und hat nichts mit Verstaatlichung zu schaffen. Mit den Kategorien des traditionellen Sozialismus ist Self-Reliance niemals zu fassen. Self-Reliance muss keinem Dogma folgen: Sie ist millionenfach anders, weil der Kontext immer wieder neu ist. Die geistigen Wurzeln sind ähnlich (zwei Gleiche gibt es in dieser Philosophie nicht!) für alle, aber das Vorgehen ist eine stets neue Variation von Kreativität.

Der Begriff wurde bis jetzt meist nur in der Entwicklungspolitik verwandt. Aber dem Begriff inhärent ist eine (neue) Umwelt- und Friedenspolitik. Und da Entwicklung und Frieden wesentliche Aspekte jeder sozialen Mitwelt sind, gehören alle engstens zusammen. Self-Reliance ist daher die Grundlage von Eco-Development, vom Öko-Landbau, vom ökologischen Bauen, kurz, einer neuen Öko-Kultur.

Aber auch unser Friedensbegriff kann auf der Grundlage von Self-Reliance ganz neue Dimensionen erhalten. Ohne die Grundideen von Self-Reliance kann weder die Umwelt- noch die Friedensbewegung lange dauern. Nur im Geiste von Self-Reliance lässt sie sich nicht von der Monomanie infiltrieren.

 


Vom Entrüsten zum Abrüsten

Es sind nicht nur die Bomben und Raketen, die den Frieden bedrohen: Sie sind die Spitze des Eisberges, der «unser heutiges Leben» heisst. Ein Teil der Gesamtbedrohlichkeit - und in sich ist jeder Teil genau so bedrohend und erschreckend - sind: der Beton, der mehr und mehr Grünfläche frisst; die unmenschlichen Wohnsilos, wo durch Käfighaltung eine gefährliche Aggressivität erzeugt wird; der moderne Rechtsstaat, der vor lauter Anspruch nach Objektivität immer gnadenloser wird; die Verkabelung der Welt im Namen der Information und Freiheit; die Überrüstung mit Pestiziden, Insektiziden, Fungiziden, Herbiziden, die langsam, aber langfristig einen Genozid herbeiführen; die Vergiftung des Körpers mit Medikamenten oder das «gesunde Geschäft» mit den Pharmaka; die sukzessive Toxierung unserer Lebensmittel etc. Und überall wird uns gesagt: «Es gibt kein Zurück mehr!» Der Bauer wird gefragt: «Willst Du ein Hinterwäldler sein?» Dem Arbeiter gedroht: «Sonst verlierst Du Deinen Arbeitsplatz!» Ein Ausbruch aus dem Käfig und auf die Strasse zu den anderen Menschen wird gerichtlich als Zusammenrottung abgeurteilt. Nur schon das Sich-mit-Menschen-Treffen wird kriminalisiert. Irgendwie befinden wir uns bereits in Isolationshaft. Da gibt es nur eines: die Entrüstung und die Abrüstung auf allen Ebenen.

Die Bedrohung ist heute tausendfach. Sie kann nicht auf einen einzigen Nenner gebracht werden, wollen wir nicht erneut einem Dualismus und einem monokausalen Denken verfallen. Deshalb gibt es nicht eine einzige Strategie. Eine Friedensbewegung, die n u r den Nato-Doppelbeschluss bekämpfen würde, ist keine Bewegung und hat mit Frieden Wohlbefinden auf persönlicher, sozialer, ökologischer und kosmischer Ebene: diese Be-Deutung hat in etwa der alttestamentliche Begriff «Schalom») bloss in einem kleinen Abschnitt zu tun. Wir sollten so weit kommen, dass wir alle Ansätze zur Entkrampfung als Teile einer weltweiten Friedensbewegung begreifen: ob sie Umwelt wieder zu Mitwelt umgestalten wollen, oder ob sie die erste, zweite, dritte, vierte... Welt-Aufteilung nicht akzeptieren und sie als Teil einer Welt (und daher auch Mitursächlichkeit und Mitverantwortung) begreifen; ob sie ökologische Produkte unterstützen oder ob sie sich für die Emanzipation der Frau einsetzen...

Hier wäre jede gegenseitige Verketzerung wegen Prioritäten oder Methoden Unsinn. Wir brauchen nicht eine einzige Partei oder eine weltweite Organisation. Was notwendig ist, sind gegenseitige Sympathie, Toleranz und Solidarität. Freuen wir uns über jeden Ansatz, aber lassen wir uns nicht mehr wie so manchmal in einen Ideologiestreit ein (das sei vor allem uns Germanen gesagt). Jeder, der sich entrüstet, wird ein potentieller Arbeiter für den Frieden. Jeder Protest trägt zu einem neuen Klima bei. Lassen wir Blumen in Vielfalt wachsen, zusammen mit Gräsern und Kräutern und behandeln wir unsere soziale Mitwelt nicht wie das Stadtbauamt den Rasen, der wöchentlich «gepflegt» wird, damit ja kein Unkraut keime. Wer den reinen Rasen oder die reine Wahrheit will, ist ein kleiner oder grosser Kriegstreiber: Beständig muss gerüstet werden, damit kein Feind (Unkraut) entsteht. Es wird gespritzt, gejätet und vertilgt, oder die Wahrheit muss in lauter Worte (die wie Bomben wirken) gefasst werden; die Worte werden dann in Buchstaben zerlegt, und Buchstaben töten.

Diese Bewegung für den Frieden muss an der Basis und zuhause, zusammen mit anderen und an etwas Konkretem eingeübt, aber auch beständig erneuert werden:

  • jede autofreie Zone im Viertel/Quartier ist auch so etwas wie eine atomfreie Zone
     
  • jeder gerettete Baum ist uns kostbarer als jede stationierte Rakete
     
  • jeder Bauer, der weniger Gift spritzt, rüstet ab
     
  • jeder Industriebetrieb, der versucht, wieder angepasster zu produzieren, löst sich aus dem Verein der Technokratie mit dem Militarismus
     
  • jeder Arbeiter, der sich nicht mehr von der Absurdität, dass Waffen zur Erhaltung der Arbeitsplätze notwendig sind, einlullen lässt, wagt den Schritt zu einem neuen Vertrauen genau das, was es eigentlich zum gegenseitigen Abrüsten bräuchte
     
  • jeder Konsument, der bewusster einkauft und die grossen Multis, alle enge Verwandte vom militärischen Hyper-Komplex, schneidet, trägt auch zur Abrüstung bei...
     
  • jeder Künstler, ob Dichter oder Musiker, Tänzer oder Schauspieler, der die Eindimensionalität zu sprengen versucht, führt heraus aus dem Wahnsinn des schrecklichen Gleichgewichts von entweder-oder
     
  • jeder hat seine Chance und seinen Platz in der Abrüstung.

Diese Vielfalt ist tröstlich und soll niemanden erschrecken. Sie ist Anlass zu Freude und Hoffnung. Diese Vielfalt ist keine Verzettelung der Kräfte: sie ist die neue Methode der Einheit und bedeutet eine Absage an die Konzentration in Industrie und Rüstung, in Wissenschaft und Macht. Diese Vielfalt offenbart ein Ja zur Menschlichkeit und Individualität und vertraut, dass auf dieser Basis auch Solidarität wirksamer wird.

 


Neuer Lebensstil

Dieses Konzept der Abrüstung stellt höchste Anforderungen: Ist das alte Konzept der Rüstung unheimlich teuer, so ist das neue eine Aufforderung zu einem einfacheren Leben. Es bedeutet eine Aufforderung, nicht länger dem Mehr, Mehr, Mehr... zu folgen. Der Rüstungswettlauf ist genauso ein Wahnsinn wie der ökonomische Wachstumsfetischismus.

Es bedeutet ferner eine Abkehr vom Denken in Territorien (inklusive Nationalismus, Nationalstaat oder Nationalökonomie) und eine Hinwendung zum Menschen. Der neue Mensch respektiert keine alten geographischen Grenzen mehr; er wehrt sich, dass ein Pass und Personalausweis ihn von ihm trennt; dass ein Russe aufgrund seiner Nationalität sein Feind sein soll.

Dieses Konzept ist ein Suchen nach neuen Deutungen. Dazu benötigt der Mensch eine neue Sprache. Wie kann er dem Kleinen, dem Alltäglichen und der Banalität eine neue Be-Deutung verleihen? Wie kommt er wieder zur Betroffenheit im Alltag, wo er nicht der permanenten Aufpeitschung durch die Sensation bedarf?

Diese Haltung schickt den neuen Menschen auf die Strasse, auf eine Pilgerschaft oder Wallfahrt, deren Wesen in der Rückkehr besteht: gestärkt und neu gesegnet für seinen Alltag am hie et nunc: hier und jetzt.

Die grossen Religionen der Welt leben alle von der Pilger- und Wallfahrtsidee. Wir haben dies in der Moderne vergessen, haben Grenzen gezogen, Mauern gebaut, Papiere eingeführt und Ausweise für jeden Schritt vor-geschrieben. Der Pilger jedoch sucht Menschen und Sinn. Er war zwar auch nie sicher vor Überfall. Um dem jedoch beizukommen, brauchte es die Bekehrung und nicht die territoriale Verteidigung. Territorien haben mit Besitz und daher mit dem Haben zu tun. Besitzende gibt es nur wenige, dennoch verteidigen die vielen für die paar wenigen Prozent das «Land».

Wir müssen uns aufmachen, um langfristig einen Lebensstil zu prägen, der die Grossen und das Grosse nicht mehr braucht. Es geht um eine Heimkehr zum Sein im Alltag und im Kleinen. Dieser Bereich kann nicht mehr wie ein klar eingegrenztes Gebiet verteidigt werden, denn er ist mit allen und allem vernetzt, übergreifend, nicht mehr in Fronten und Blöcken fassbar, vielseitig sowohl von innen wie von aussen verwundbar, jedoch nicht erschreckend, weil überblickbar, klein zwar, aber selbstbewusst, ein Teil eines vielgefächerten Ganzen, belebt durch die Nachbarschaft, das neue Dorf mit einer neuen Sprache.

Hier sind «gemeinsam und vereint» keine Slogans, sondern die Ausgangslage vom Konkreten und Kleinen. «Krieg dem Kriege» beginnt mit Poesie und Musik. Warum fürchten Diktatoren Dichter? Statt Marschschritt Tanz mit einem Rhythmus, der Grenzen und Mauern (wie einst Jericho) einstürzen lässt. Stellvertretend ausgedrückt kann unsere Überzeugung so formuliert werden: Brecht und Biermann sind mächtiger als Reagan und Andropow. Sie sind es deshalb, weil sie sich nicht auf dieselbe Ebene mit ihnen begeben und sich in keinen Wettlauf einlassen. Sie durchbrechen die Logik des Kriegs (= Aug um Auge...) und die Sachzwänge (wir müssen...) der Rüstung. Nur auf derselben Ebene gibt es den Sachzwang. Es gilt - vor allen Bomben und Raketen - Einseitigkeit und Eindimensionalität abzubauen...

 


Aller Materialismus hat nur Wert, wenn er auch dazu dient, die Würde, Macht und Herrschaft des Geistes zu vermehren. Jedenfalls liegt es im Wesen des Sozialismus, dass er gegenüber der Herrschaft der Maschine und des Geldes, die das Wesen des Kapitalismus kennzeichnen, das freie und schöpferische Wesen des Geistes, die Heiligkeit des persönlichen Lebens, die tieferen Mächte des Gemütes, das Recht des Göttlichen und Menschlichen zu Ehren bringt. Darum sind alle mechanischen Methoden der Politik seinem Wesen zuwider; wie er antiimperialistisch ist, muss er föderalistisch (im besten Sinn des Wortes) und antietatistisch sein.

Leonhard Ragaz: Von Christus zu Marx von Marx zu Christus, Hamburg 1972, S. 39)


 

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Al Imfeld©   Neue Wege 1984  Heft 1