Wider die Resignation 1980

Wider die Resignation
Gedanken über die Alternativbewegung seit 1968

1968 war vielleicht ein Ausschnitt aus einer weltweiten Emanzipationsbewegung oder einem weltweiten Entkolonisierungskampf. Ich erinnere nur an Vietnam, an die Bürgerrechtsbewegung in den USA, an die zunehmende Verhärtung in Südafrika und an die Anstrengungen Afrikas, dem Neo-Kolonialismus nicht in die Klauen zu fallen. In Lateinamerika entstand die Befreiungstheologie - im Zeichen Che Guevaras. Auch in der Tschechoslowakei wurde eine Befreiung versucht. All das hat sich auf die unterdrückten und ebenfalls psychisch oder gar physisch - kolonisierten Gruppen (Studenten, Frauen, Arbeiter . . .) in den westlichen Industriestaaten ausgewirkt. Wer 1968 nicht weltweit und in solchen Zusammenhängen begreift, ist naiv und muß nun auch enttäuscht sein. Er hat es schon damals nicht verstanden, sich in einem Ganzen zu sehen, in den Geburtswehen einer «neuen Weltordnung». Es ging doch um Menschen-, Völker-, Bürgerrechte. Es ging um neue Wege, um ein weltweites «ujamaa» (in Anlehnung an die Arusha- Erklärung des tansanischen Präsidenten Julius Nyerere von 1967).

Man kann aber auch sagen, 1968 war eine Phase im Leben. Ich gebrauche ein sehr gefährliches Bild: 1968 war der Pubertät im Leben vergleichbar. Zehn Jahre später: Wir alle sind gewachsen. Wir können nicht mehr zurück und sagen: «Ja, wie war es doch so schön, als ich zwölf war!» Jetzt sind wir eben 22, und mit 22 kann man nicht bedauern, daß man nicht mehr 12 ist. Das wäre infantil. Alles ist ein Prozeß, ist im Fluß, ist Leben und wenn wir enttäuscht sind, haben wir gerade das Wichtigste nicht gelernt: das Denken und Leben in Prozessen, in Kreisläufen, in Widersprüchen.


Vom Ahnen zum Wissen

Ich bin nun freilich der Ueberzeugung, daß wir gelernt haben und weiter sind. Denn mehr und mehr findet eine Verschiebung vom rein Quantitativen und Meßbaren, von eins, zwei, drei und dem militärischen Marschschritt - geradeaus an die Front - zum Qualitativen und zum Er-Leben (Mit-Leben) statt. Heute sehen wir ein bißchen klarer. 1968 ahnte zwar ein breiteres Publikum, was bei uns in der Luft lag, aber durch die regelmäßige und systematische Mißinformation nie an den Tag kam. Nur blieb es beim Ahnen. Man ahnte bloß, daß es so nicht mehr weitergehen konnte. Als dann der Bericht des Club of Rome erschien, als dann die Erdölkrise ausbrach, als dann über den Vietnam- Krieg auf Umwegen doch mehr politische Information auch zu uns vordrang, da wurde es immer klarer: so geht es nicht. Da ging es vom Ahnen zum Wissen über: so geht es nicht weiter. Und plötzlich wurde es Mode und Selbstverständlichkeit, das zu sagen, was wir 1968 bereits sagen wollten: daß dieser Weg in den Abgrund führt.

Heute kann man wohl frustriert fragen, was denn mit den Politikern und Managern, den Parteien und Verbänden, mit den Medien und Zeitungen los ist, da sie immer noch wenig von diesen Fragen und Sorgen offenbaren. Sie haben Angst und wollen die Frage: wie weiter? abwürgen. Für die Funktionäre das Status quo soll die Wirklichkeit nicht existieren. Aber stört uns das? Warum sich ärgern, denn es ist soziologisch noch immer so verlaufen: die an den Schalthebeln oder Scharnieren der Macht sitzen, wehren sich bis zum bitteren Ende. So bröckelt ihr Firnis zuallerletzt erst ab. Genau der gleiche Vorgang kann im Entkolonisierungsprozeß allüberall beobachtet werden, ob es der Kongo, dann Kenia, später Angola oder Moçambique war, heute Rhodesien, Namibia und Südafrika ist, ob es das Militär in Vietnam oder die Polizei in den Negervierteln der USA betrifft genauso wie 1968 am Globus. Wie sollen unsere Leute weniger blind sein, wenn ein selbsternanntes Genie der Weltgeschichte, Henry Kissinger, nichts, aber auch gar nichts sehen wollte.


Erprobung neuer Formen

Und so komme ich zu dem, was ich glaube: die Abbröckelung geht weiter. Die Fragen nehmen zu. Aber auch die Ausreden. Die pseudowissenschaftlichen Deutungen der Mächtigen, die immer neue Studien finanzieren, um zum Beispiel ja nicht die Tatsache von Zentrum- Peripherie-Verhältnissen (Nord-Süd, Stadt-Land, Mann-Frau, alt-jung) akzeptieren zu müssen.

Da all die heutigen Institutionen der alten Ordnung angehören, kann ich mit Ueberzeugung sagen: die Parteien sind tot, ohne sie nehmen sich der «Verdammten dieser Erde» wieder an; die Politik ist tot, ohne sie komme auf relevante Fragen zurück: aber haben wir je ein Parlament erlebt, das dies tut? Wir leben längst in einer Friedhofkultur.

Für mich ist selbst die Demokratie nicht existent. Wir werden noch lange für sie kämpfen müssen. Wir besitzen bloß Floskeln, aber wenig Wirklichkeiten. Gibt es Demokratie im kirchlichen Bereich? Gibt es sie im Betrieb oder in der Schule? Wie soll sie, ohne flankierende Formen im alltäglichen Bereich, plötzlich im sogenannten politischen Bereich möglich sein? Was heißt da noch Politik? Für Demokratie kämpften wir schon 1968, aber wir konnten diese Forderung nicht klar genug und allen einleuchtend formulieren. Für die meisten war es ein Protest. Erst in der Zwischenzeit hat sich manches mit Inhalten gefüllt, ist konkreter und anschaulicher geworden.
Es dämmert. Natürlich schweigt man dieses Tagen tot. Wenn schon von Alternativlern gesprochen oder geschrieben wird, dann bloß unter dem Aspekt ihrer Zerstrittenhedt. Man sagt vorwurfsvoll, wir Alternativler seien nicht organisiert und zu wenig politisch. Aber wir wollen doch beides nicht sein. Wir wollen neue Formen erproben. Sonst hat doch das Ganze keinen Sinn.

Wir wollen die Vielfalt. Wir wollen kein Block sein. Das hat man von 1968 gelernt: wir waren zu wenig diffus und sind en bloque in die Klingen gelaufen, in die Klingen von Computers, von Cinceras, von Bertschis. Leicht konnte so alles zerschlagen werden.

Wir wollen vorderhand das Oben gar nicht. Wir versuchen an der Basis, unten, im Volk und zerstreut zu bleiben. Wir glauben an die Dezentralisierung und an eine gewisse Zerstreuung. Wenn wir schon nicht mehr an Parteien glauben, warum sollen wir dann eine neue gründen? Wir besinnen uns auf Bewegungen und möchten Viren sein, die Fieber erzeugen.

Wir wollen Variationen, um bewußt die Manie des Monokausalen und der Monokulturen zu durchbrechen.

Wir fordern mehr Menschen und weniger Maschinen, mehr Prozesse und weniger punktuelle Projekte. Wir sind nicht gegen die Technik, nur gegen die Technologen - eine moderne Variante der Theologen. Uns interessiert die Wahrheit weniger, dafür das Leben umso mehr.


Alternative Tendenzen

Ich möchte wenigstens antönen. daß auch im Großen seit 1968 etwas passiert ist:

  • Wir sind plötzlich aus dem Wahn und Irrglauben an die Technologie erwacht. Die ganze Kernkraftmythologie hat doch einige aufgeschreckt. Diese Bewegung für Vernunft und Alternativen ist heute nicht nur in der Schweiz zu finden. Wir kennen die europäische Bewegung, aber es gibt sie selbst in Lateinamerika (Dichter geben davon Zeugnis), sogar in Südafrika (Dennis Brutus schreibt Gedichte über das «schreckliche Wissen») und auch auf Sri Lanka (vor kurzem traf ich bei einem Besuch eine tolle Gruppe um den Theologen Tissa Balasuriya, die den Sinn neuer Technologien hinterfrägt).
     
  • Wurde vor zehn Jahren noch belächelt, wer von alternativer, angepaßter, sanfter oder mittlerer Technologie sprach, und kam man damit sogar in den Verruf des Neo-Kolonialismus und der Diskriminierung, so wird heute dieses Thema weltweit diskutiert. Vielen offenkundig kann das technische Heil weder aus den USA noch aus der UdSSR kommen.
     
  • Oder nehmen wir die Frage nach der Größe. Einige wissen es, andere ahnen es bloß: alles ist zu groß geworden, uns über den Kopf gewachsen und beginnt uns wie einst der Drache im Mittelalter zu verschlingen. Der moderne Sankt Georg ist Eduard Schumacher mit seiner Philosophie von «small is beautiful». Aber sind wir uns dessen bewußt, daß gerade diese Idee die größte Subversion ist für eine Nation, die nur an Superlative (the greatest, the highest, the latest, the best) und Rekorde glaubt?
     
  • Wir reden heute viel von Eurokommunismus. Die Idee dahinter ist, vereinfacht ausgedrückt, ein Nein gegenüber den Universalien. Wir beginnen doch langsam zu zweifeln, daß das Heil von außen oder oben kommt. Wir führen dieselbe Diskussion bei der Frage nach einem Dritten Weg oder nach einem «afrikanischen» Sozialismus. Warten wir: bald kommt der Bumerang zurück in die Theologie. Mission im religiösen wie im kulturellen Sinn wird neu diskutiert und (sofern sie weiterhin Sinn haben soll) interpretiert.
     
  • Die Entwicklungspolitik hat sich in nur zehn Jahren gewaltig verändert. Die «Erklärung von Bern» hat (seit 1968!) einen großen inneren Prozeß durchgemacht. Auch sie verläßt immer deutlicher die Forderung nach mehr Entwicklungshilfe (Wachstum!) und fordert die Ueberprüfung unserer Strukturen. In diesem Sinn war das Manifest «Entwicklungsland Welt - Entwicklungsland Schweiz» (EWES-Bericht) höchst aufschlußreich. Vom Entwickeln der Welt - als einem Bekehren der Welt - kommen wir zurück zum Entwickeln einer menschlicheren Schweiz, bis zur Hinterfragung unserer sehr papierenen Demokratie.
     
  • Die Umweltdebatte ist nicht verstummt. Langsam wird es auch hier - weltweit - konkreter. Man besinnt sich auf Vernetzungen und Verästelungen. Man denkt wieder in Oekosystemen. Man hinterfrägt unseren Beton und unser Blech. Unsere Architektur und unser Verkehr kommen endlich unter die Lupe. Wenn 1968 noch von «The Greening of America» geschwärmt wurde, heißt es heute konkreter «The Greening of the Cities».
     
  • Die Landwirtschaft kam in den Sog dieser Fragen. Natürlich nicht offiziell. Die Verbände tun noch immer so, als ob nichts, aber auch gar nichts passiert wäre. Landwirtschaft wird mit Umwelt und Energie in Beziehung gesetzt.
     
  • Kurz und gut, all das muß einmünden in die Frage nach neuen Ordnungen. Und so ist es nicht nur Zufall, daß wir seit 1974 von den Entwicklungsländern her die Forderung nach einer Neuen Weltwirtschaftsordnung auf dem Tisch haben. Auf die Dauer gibt es da kein Ausweichen.

 

Wir sind weitergekommen

Nein, so pessimistisch wie viele sind, bin ich nicht. Für mich grünt es und es dämmert und tagt. Wir sind weitergekommen. Wir stellen neue Fragen. Fragen nach dem Sinn. Fragen nach dem natürlichen, menschlichen, biologischen und gesunden Wachsen, das nie bloß ein Aufhäufen und Ansammeln war.

Wir stellen aber auch Fragen an die Arbeit. Bis vor kurzem sahen wir sie nur noch als Fluch. Aber bei den Fragen an die Arbeit stoßen wir auf die Fragen nach dem Betrieb, der Fabrik, dem Besitz, den Produktionsmitteln, der Mitbestimmung, der Selbstverwaltung und der Bürokratien.

Wir stoßen wieder zum Menschen und seinen Rechten vor. Wir werden trotz allem menschenfreundlicher. Ich glaube, wir haben mehr Menschlichkeit als 1968, mehr Zärtlichkeit. Wir sind nicht mehr blind. Wir sehen wieder. Aber wer mehr sieht, hat auch mehr Fragen und vielleicht Sorgen. Dennoch, wir lernen wieder zu sehen, zu spüren, zu greifen. Das ist wichtig für mich. Das kann eine Wende einleiten. Natürlich steht davon wenig in Zeitungen. Aber was ist schon eine Zeitung: gehört sie nicht zur alten Ordnung? Haben nicht die Chansons und die Gedichte mehr gebracht? Die eigentliche Auseinandersetzung - auch in Afrika, Lateinamerika und Asien - geschieht nicht in der Zeitung, sondern in der Literatur, der Musik oder der Kunst. Hier geschieht Wichtigeres - und an den Parteien, der Universität, der Kirche, dem Establishment vorbei. Das sind Formen der Alternative, die sich nicht formieren oder formulieren lassen.

Es ist wie im Frühling wo es Löwenzahn, Kerbel, Hahnenfuß, Osterglocken gibt. Die kann man zu einem Strauß zusammenbinden, aber niemals nur auf EINS reduzieren. Je mehr Gräser, Blumen oder auch Unkräuter es gibt, desto mehr Herbizide, Pestizide und Fungizide müssen «sie» entwickeln, um uns wieder zum Verschwinden zu bringen. Tun «sie» es, dann werden «sie» sich selbst zerstören. Aber uns Kerbein, Löwenzahn, Hahnenfuß oder Osterglocken werden sie nicht mehr ausrotten. Und sonst gibt es noch das Spitzgras oder den Spitzwegerich. Und einmal auch noch einen Baum - vielleicht den Baum des Lebens.


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Al Imfeld© Neue Wege 1980 Heft 2