Christliche und sozialistische Entwicklungspolitik in Theorie und Praxis 1978

Christliche und sozialistische Entwicklungspolitik in Theorie und Praxis

In der Entwicklungspolitik haben sowohl das Christentum als auch der Sozialismus versagt. Beide, weil es wahrscheinlich überall Menschen gibt. Beide, weil sie so westlich sind. Aber beide können von der Dritten Welt immens lernen, denn echte Entwicklungspolitik belebt.

Das Christentum hier ist heute herausgefordert wie nie zuvor durch die Lebendigkeit eines neuen Christentums einer neuen Sicht des Christlichen in der Dritten Welt.

Genauso ist unser Sozialismus herausgefordert. Ich meine Sozialismus in allen Schattierungen vom Marxismus bis hin zur Sozialdemokratie. Man kann genauso wie beim Christlichen sagen, daß all das, was auf den Programmen steht, schon längst die Weltprobleme gelöst haben müsste. Doch die Probleme nehmen zu. Warum eigentlich? Und warum dort, wo Sozialisten Macht ausüben? In der Dritten Welt hingegen entsteht eine neue Art von Sozialismus, von dem unsere Sozialismen viel lernen könnten.

 


I. Konkretisierung der Gesamtproblematik
Es gibt zu denken . . .

Ich beginne die Ueberlegungen zu meiner These mit ein paar Feststellungen und Fragen.

  • Das Drittel der Menschheit, dem es gut geht, besteht zum größten Teil aus getauften Christen. Ist das ein Zufall? Ist das eine Art Belohnung? Heißt also Christ werden, daß ich es leichter habe, reich zu werden? Eine schwere Frage.
     
  • Wir haben so lange missioniert und entwickelt, daß auch die Zweidrittel Ungetaufter längst von uns durchdrungen sind. Besteht da nicht vielleicht ein Zusammenhang zwischen reichen Getauften und armen Ungetauften? Können wir ehrlich sagen, bei den restlichen zwei Dritteln hätten wir eben keinen oder zu wenig Einfluß gehabt, wenn wir ja genau wissen, daß den christlichen Missionaren die sogenannten christlichen Mitbrüder in Form und Gestalt von Händlern, Kolonialbeamten, Soldaten nachgefolgt sind? Auch hier: ich lasse es bei der Frage.
     
  • Der große indische Theologe, Sozialwissenschaftler und langjährige Vertreter im Weltkirchenrat, M. M. Thomas, und der katholische Priester Peter Pillai, ein Apostel sozialer Gerechtigkeit auf Sri Lanka, haben unabhängig voneinander festgestellt, daß die schlimmsten Slums in Indien wie in Sri Lanka dort sind, wo Katholiken wohnen. Warum? Die Antwort haben sie nicht gegeben. Wir haben weitere Studien, etwa die von Houtart, für die gleichen geographischen Gegenden, die Aehnliches feststellen. Die Armut ist oft dort am unvorstellbarsten, wo Christen sind. Warum? Wir kennen das Beispiel Kerala, wo nur der Kommunistenschreck endlich zu ein paar Veränderungen verhalf. Warum all das?
     
  • Ist es vielleicht nicht doch so, daß der Christ der geduldige Leider geworden ist, der so sehr von einer Art Martyriumsidee durchdrungen ist und so sehr von einer Opferidee durchpeitscht wurde, daß er in masochistischer Art und Weise froh ist, daß es Elend und Armut gibt und daß man daran ein bißchen Nächstenliebe üben kann? Eine sehr harte Frage. Aber sie stammt nicht von mir. Sie kommt heute aus der Dritten an die Erste Welt und vor allem an uns Christen hier zurück.

Geht es also vielleicht um den Widerspruch zwischen Ertragen und Gestalten? Wir schulen andere zum Ertragen ein. Wieder andere folgen und nutzen es politisch-wirtschaftlich aus, unterwerfen Länder und Völker, derweil der Christ weiterhin predigt: «Ertragt!»

Drei Beispiele aus Indien
Nach diesen paar Feststellungen und Fragen drei Beispiele aus Indien. Ich habe jüngst wieder das Glück gehabt, Indien zu besuchen. Anschließend war ich auf Sri Lanka, um mit mutigen jungen Christen Alternativen, konkret eine Diversifizierung der Teeplantagen, zu entwickeln.

  • Auf dieser Reise durch Indien habe ich Mutter Teresa getroffen. Sie gilt auch bei uns als eine große Heilige, die überall bejubelt wird und die in Calcutta Großartiges leistet. Sie wird verehrt. Sie wird natürlich gefeiert. Wir sind froh, daß wir sie haben. Zur Regierungszeit von Indira Gandhi wurde sie mit höchsten Ehren ausgezeichnet, während andere ins Gefängnis mußten.

    Mutter Teresa hat eine eigene Schwesternkongregation gegründet. Einige dieser Schwestern kamen auch nach Tansania, wo ich sie in der Stadt Tabora in ihrer Hilflosigkeit erleben konnte. Betteln gehört zu ihrer Spiritualität. Sie begannen also auch hier zu betteln. In einem Land, wo es verboten ist zu betteln. In einem sozialistischen Land, wo es heißt, daß Betteln gar keine Lösung von Problemen sein kann und darf. Die lokale Kirche wollte ihnen einen kleinen Lohn geben. Aber nein, sie zogen umher und bettelten. Hier stoßen wir auf Fragen, die Mutter Teresa aufwirft. Von mir aus gesehen ist sie deshalb sehr verehrt, sehr gefeiert, weil sie letzten Endes entwicklungspolitisch irrelevant ist. Sie ist ungefährlich. Sie opfert sich selbst. Eine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft findet nicht statt. 
     
  • Das zeigt sofort ein anderer Partner aus Calcutta. Ein «linker» Katholik, sehr engagiert und tief religiös, hat versucht, Leute, die in die Slums der Stadt kamen, zu mobilisieren und zu organisieren, um bestimmte Konzepte in der sehr korrupten Verwaltung von Calcutta durchzubringen. In kürzester Zeit hat man den «Unken» Katholiken ausgebootet und ihm den Namen «Kommunist» angehängt. Man hat ihn ins Gefängnis gesteckt und ihn gefoltert. Die katholische Kirche konnte nichts anderes tun, als sich sofort von ihm zu distanzieren und zu sagen: «So sind wir dann nicht!» Hier kommt die ganze Problematik erneut zum Vorschein: Wir haben einerseits die großartige Mutter Teresa, die gefeiert wird und der sogar Indira Gandhi einen Orden verleihen konnte. Und anderseits einen Mann, der ebenso engagiert ist, aber der zu organisieren beginnt und an sozialen Strukturen arbeitet. Der zweite wird gefährlich und die offizielle Kirche sagt: «Das hat nichts mehr mit Christentum zu tun!»

    Da stoße ich nach meiner Ansicht zum Kern des Problems Christentum und Sozialismus. Denn unter Sozialismus wird verstanden, daß wir vom Individualistischen wegkommen, organisieren, planen, an gesellschaftlichen Strukturen zuarbeiten beginnen, um Veränderung herbeizuführen. Damit es anders wird! Nicht nur, damit geholfen wird.
     
  • Ein weiteres Beispiel, um eine Mitte zu zeigen: Ingenbohler- Schwestern in Bihar, nördlich von Calcutta, die einen mittleren Kurs versuchen. Diejenigen Schwestern jedoch, die ein bißchen mehr ausscheren und die versuchen, Bauern zu organisieren, um sich gegen Wucherer zu wehren, kommen sehr rasch in Schwierigkeiten. Die andern, die vor allem Haushaltungsschulen führen, die läßt man eher gewähren. Das geht durch. Warum?

Ich glaube, das sind nun Tat-Sachen, die innerhalb der Kirche selbst mehr reflektiert werden sollten. Es müsste doch eigentlich die Frage gestellt werden: ist das Zufall?

Ansätze im Kleinen gibt es. Es war im letzten Sommer, als einige unentwegte indische und asiatische Christen eine Art Standortbestimmung der indischen Kirche unter und nach der Diktatur von Indira Gandhi versuchten. Sie stellten fest, daß die christlichen Kirchen in Indien sich während der Diktatur Indiras geduckt haben, sich anpaßten, ihr Gettodasein weiterführten, immer in der Angst, ansonsten einige Gelder zu verlieren eben die sogenannen Entwicklungsgelder!

Hier kommt ein anderes Problem hinzu. Eine Institution hat ihren Bereich, eine Art Machtbereich, ihren Einflußbereich. Aber all das ist nur mit Geld aufrecht zu erhalten. Ist das also christliche Entwicklungspolitik? Oder ist es wiederum das Ertragen: man erträgt es im Glauben, daß es einmal besser wird . . .

Ich glaube, ich habe mit all dem die Problematik genügend angesprochen, und wende mich nun einigen spezifisch christlichen Fragen zu.

 


II. Christentum
Vier Vorwürfe aus Afrika

Ich habe in den letzten Tagen eine größere Analyse des kenianischen Schriftstellers Ngugi wa Thiong'o gemacht. Für das kommende Missionsjahrbuch 1978 habe ich alle seine Romane unter dem Gesichtspunkt «Christentum und Sozialismus» durchgearbeitet. Dabei habe ich vier Vorwürfe, die durch alle Romane hindurchgehen, gefunden. Diese Vorwürfe sind zwar in der gesamten afrikanischen Literatur gegenwärtig. Ngugi jedoch hat sie formuliert in einer Lebendigkeit, die sowohl Regierung wie Kirche herausfordert. Genau deshalb sitzt er nun seit Silvester letzten Jahres in Untersuchungshaft. Er ist gefährlich geworden. Sein Sprechen und seine Fragen sind in einem strukturellen Sinn gefährlich geworden. Da er schon so brisant ist, hören wir mal hin.

  • Die Christen haben nach Ngugi nie gelernt, aufzumucksen und zu kämpfen. Sie ertragen immer nur und gehorchen. All seine fünf bis jetzt veröffentlichten Romane und Erzählungen durchzieht dieses «Gehorche! Gehorche! Gehorche!» Vor allem wirft er den europäischen Missionaren (und Entwicklungshelfern) vor, daß sie die Leute viel zu wenig zum Selber-denken herausforderten; ja, wenn diese etwas Neues oder Anderes gedacht hätten, sei es nicht möglich gewesen, gegen die weißen Missionare und Entwicklungshelfer aufzukommen.
     
  • Und ein zweiter Vorwurf, der vielleicht noch ernster zu nehmen ist: Die Christen sind immer die größten Spaltpilze gewesen. Sie haben zur Einheit wenig, wenn nicht sogar nichts beigetragen. Sie haben die Einheimischen so zersplittert, daß die Kolonialmacht im Hintergrund sie immer gegeneinander ausspielen konnte. Etwa, wenn es um Landfragen ging, hätten die Missionare gesagt: «Hängt nicht so sehr am materiellen Besitz!» Da Land tief mit dem Leben und den Ahnen verbunden ist, haben sie die Christen entwurzelt. Sie standen nicht mehr zum Ganzen und so wurden die Stämme aufgeteilt. Der Tribalismus entstand erst, als der Schwarze kein Land mehr besaß. Dazu kommt noch, daß die Schwarzen so viele Christen erfahren haben, von denen jeder gesagt hat, daß sein Christsein das rechte sei . . .
    
So gibt es heute in Kenia etwa 200 Christentümer. Also eine doppelte Zerstörung der Einheit. 
     
  • Der dritte Vorwurf geht dahin, daß die Christen es überhaupt nicht verstanden haben, ein gesundes Verhältnis zu Fragen der Materie, des Leibes und - was für die Afrikaner alles zusammenfaßt - des Landes zu finden. So kann Ngugi klagen: «Deshalb sind wir viel zu viel vergeistigt worden, immer in einer Art von Spiritualität, die vorgegeben wurde als christlich . . . und haben eigentl̈ich damit auch keinen Zugang zur neuen Form der Materie in Form des von Europäern eingeführten Geldes gefunden . . . So wurden wir total entwaffnet und ausgeliefert.»
     
  • Der letzte Vorwurf, der vielleicht alles zusammenfaßt, heißt: die Christen, so wie wir sie erlebt haben (damit sind Missionare und die von ihnen gezüchteten Katechisten und Gemeindevorsteher gemeint), hatten im Grunde keine Ahnung von Strukturen. Sie sprachen immer nur von Individuen, von Einzelmenschen, Einzelschicksalen, nie vom Volk, sondern immer nur von der Person.

Damit kommen wir wiederum an die Grundfrage heran: Ist das christlich oder einfach westlich-abendländisch?


Handeln statt «Wahrheit spalten»

Ich möchte nun gar nicht auf eine Diskussion im philosophischen Sinn eintreten. Ich möchte mich mit Günther Nenning als einen «postdialogischen Christen-Marxisten» verstehen, der nicht mehr reden möchte, sondern handeln. Ich finde nämlich, die ganze dogmatische Auseinandersetzung - seit Jahren und Jahrhunderten - hat zu nicht viel oder gar nichts geführt.

Was nützt mir die Wahrheit, wenn ich krepiere? Was nützt mir Wahrheit ohne eine materielle Grundlage und Beigabe? Die weltanschaulichen Differenzen müssten heute angesichts des Elends überhaupt zurücktreten. Wir hatten genug Debatte, Dialog, Diskussion, Disputation. Report türmt sich auf Report - und wenn sie uns nicht passen, wird ein anderer in Auftrag gegeben. Ich möchte meinen, wir müssten übergehen zur Praxis. Wir müssten mit Experimenten beginnen und mit allen Menschen, wo immer sie sind, zusammenarbeiten; dort, wo guter Wille - und nicht primär die Wahrheit - vorhanden ist!

Wahrheit, ein Begriff, über den wir Christen viel zu viel geredet haben. Wahrheit? Im Grunde gar kein christlicher Begriff. Seien wir ehrlich: Wahrheit ist ein philosophischer Begriff. Christus jedoch kam nicht, die Wahrheit zu bringen - sondern sich selbst. Er wurde Mensch und nicht Wahrheit. Er kam in diese Welt und wurde - vor allem - Mitmensch. Auch nach den Gerichtsreden (vgl. Mt. 23) werden wir nicht nach Wahrheitskriterien, sondern nach Taten gegenüber Mitmenschen beurteilt.

Wir haben Wahrheitsfindung so übertrieben, daß wir davor die reellen Probleme des Alltags, die soziale Wirklichkeit als solche, immer wieder vergaßen. Vor allem ist das in der offiziellen Kirche - so scheint mir - der Fall: Da geht es viel mehr um Fragen der Wahrheit als um die Frage der Wirklichkeit.

Sicher ist mit der Enzyklika «Populorum Progressio» von Papst Paul VI. ein ganz großer Anfang gemacht worden. Klar wird hier gesagt, daß es (in der Entwicklungsarbeit) nicht um Sachen, sondern um Menschen gehen soll. Wahrheit ist für mich eine «Sache», ein Es, eine abstrakte Angelegenheit. Es geht aber primär um Menschen und Gesellschaften.


Am Beispiel der Gegenwart Christi

Wir haben uns jahrhundertelang über dogmatische Kleinigkeiten zerstritten. Ich erachte zum Beispiel den ganzen katholischen Streit über die Realpräsenz Christi in der heiligen Kommunion als «Kleinigkeit». Vor allem dann, wenn vergessen wird, daß es daneben eine dauernde Anwesenheit von Christus gibt - nämlich im Nächsten. Wenn wir schon nach dem, was wir am Nächsten tun, beurteilt werden und - zwar deshalb, weil wir es IHM tun, dann erst recht . . . Aber es gibt noch eine andere Präsenz. Dort, «wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind (beisammen sitzen, etwas zusammen tun), da bin ich mitten unter ihnen». Was soll da die sehr abstrakte Debatte über Realpräsenz in der Kommunion? Vor allem dann, wenn ich sie ja eigentlich sehr konkret erfahren und erleben kann.

Hier kommt nun die neue Dritte-Welt-Theologie. Genau diese Frage wird aufgerollt. Ich war als fast einziger Europäer zufällig mit dabei, als in Dar es Salaam die «Dritte-Welt-Theologen» das erste Mal zusammenkamen. Und ich nahm im letzten Dezember sehr aktiv teil, als die afrikanischen Theologen sich in Accra (Ghana) trafen. Gemeinsam ist allen das Ringen um einen neuen Ansatz, um wegzukommen von diesem westlichen Christentum. Endlich kann die Frage gestellt werden: Was ist westlich und was ist eigentlich christlich?


Reformation: ein abendländisches Machtproblem

Einige dieser Theologen aus der Dritten Welt führen uns damit zu einer Perspektive, die unsere ganze Arbeit in der Oekumene revolutionieren könnte. Sie decken die Reformation als Machtkampf und nicht als Streit um Wahrheit auf. Deshalb ist die Reformation für sie eine europäische Angelegenheit, die eigentlich nichts mit der Dogmatik zu tun hat. Ein Streit letzten Endes, der politisch, wirtschaftlich und sozial war. Der traditionelle Adel wurde durch einen neu entstandenen Wirtschaftsadel - via Religion - entmachtet.

Diese politischen Machtfragen haben wir in der Missionierung unterschwellig mit übertragen. Wer und was stand hinter Anglikanern, hinter Katholiken, hinter lutherischen Missionaren, hinter amerikanischen Methodisten? Sehr stark eine politische und wirtschaftliche Konzeption einer bestimmten Gesellschaft. Deshalb geht es, nebenbei gesagt, in der ganzen ökumenischen Arbeit nicht nur um Wahrheitsfragen; es geht um die Entflechtung von Macht. . .

Im Spiegel der Dritten Welt sehen wir plötzlich - manche mit Schrecken -, daß vieles, was wir für wesentlich hielten, gar nicht so christlich und erst recht nicht wesentlich ist. Wie am Beispiel der Kommunion. Wir dürfen ja an die Gegenwart Christi so oder anders glauben, da sie von der Schrift bezeugt wird. Die Realpräsenz jedoch ist eine philosophische Spekulation, die erst in der Tradition zum Problem wurde. Es ist auch eine Frage. Es ist eine Frage. Aber es ist lange nicht die Frage.


Ein anderes Verständnis von der Menschwerdung

Was ist denn die Frage? Um was geht es eigentlich im Christlichen? Für mich, aber auch für die Theologen der Dritten Welt, ist wesentlich, daß Gott Mensch geworden ist. So sehr Mensch geworden, daß er nun unter uns Menschen verschwunden ist. Deshalb ist es ja so, daß das, was ich dem Nächsten tue, ich IHM tue - und da sind alle gleich, auf gleicher Ebene . . .

Seither und deshalb müssen wir nicht mehr nach den Himmeln Ausschau halten. Wir können uns sozial engagieren und uns aufmachen, die Armutsfragen zu lösen. Denn diese werden von den Nächsten her aufgeworfen. Hiermit hätten wir die Schlüssel zu einer neuen Inkarnationstheologie in Händen.

Die Entwicklungsfragen von heute fordern christliche Theologie heraus. Das heißt für mich: Verelendung, Abhängigkeit, dauernde Zunahme der Armut und beständig neu geschaffene Abhängigkeiten - trotz der Anwesenheit des Christlichen. Oder: ist Gott nicht Mensch geworden? Was geht hier vor? Wie ist all das möglich?


Die Institution Kirche richtet sich nach oben

Mit einem neuen Verständnis der Menschwerdung ist natürlich auch die gesamte kirchliche Organisation herausgefordert. Denn wenn wir wegkommen von dem - geschichtlich bedingten und verständlichen - Denken in Hierarchien, wo alles Gute von oben kommt, dann wird dies sich auf die gesellschaftliche Organisationsform auswirken.

So stellt Tissa Balasuriya, einer der besten asiatischen Theologen und ein sehr aktiver Priester auf Sri Lanka, die radikale Frage: «Kann das Gute überhaupt noch von oben kommen, nachdem Gott unter uns ist?»

Die Nächstenliebe ist horizontal ausgerichtet. Für Tissa Balasuriya verbinden sich damit strukturelle Konsequenzen. Wir können nicht in der Entwicklungspolitik stets von Self-Reliance reden, ohne daß sich daraus theologische Auswirkungen ergeben. Das Hierarchische in den Kirchen (und in der ganzen Gesellschaft - vom Militär bis zur Industrie) ist eine Form der Macht. Der Christ ist längst von diesem Podest gestiegen; die Institution Kirche jedoch im Feudalismus zurückgeblieben.

Und ich selbst glaube nicht, daß Rom noch für lange Zeit das Zentrum der katholischen Welt sein wird. Rom ist ein geographischer Ort. Schon einmal hat sich - sozusagen als Präzedenzfall - ein Wechsel des Zentrums vollzogen: von Jerusalem nach Antiochien und später von Antiochien nach Rom. Geht es nun zu einem neuen Zentrum weiter? Ich glaube nicht. Die Ausarbeitung und Auswirkung von Self-Reliance wird jedoch viele neue und viel mehr lokal orientierte Gruppen hervorbringen. Es geht hinunter an die Basis, zum Volk. Hierarchie wird bedeutungslos. Denn wenn ich das Volk ernst nehme und nicht daran glaube, daß alles Gute von oben kommt, dann wird das neue Denk- und Daseinsweisen zur Folge haben.

Das ist die christliche Herausforderung, vor der die Theologie heute steht. Natürlich ist das für uns ungeheuer schwer. Denn unser Weltbild wird erschüttert. Aber es ist unser Weltbild. Und wir sind bereits eine kleine - wenngleich noch mächtige Welt.

 


III. Sozialismus

Nach diesen Ueberlegungen zur christlichen Problematik möchte ich nun zur sozialistischen Fragestellung übergehen. Auch hier wieder Beispiele aus Asien, Afrika und Europa. Sie sollen zeigen, daß auch Sozialismus Verschiedenes sein kann und ihm dasselbe passiert wie dem Christlichen. Auch er ist heute genauso herausgefordert wie das Christentum. Zunächst zwei Beispiele aus Indien.


Mahatma Gandhi

Gandhi hat sich nicht primär als Sozialist empfunden, obwohl er sehr stark von der englischen sozialistischen Tradition geprägt war. Nach seinem Tod wurde er von vielen als das große sozialistische Ideal hingestellt - wenn auch nicht von der indischen Regierung.

Gandhi hat unter seiner Art von Sozialismus etwas verstanden, auf das wir heute in der Entwicklungspolitik langsam wieder zurückkommen. Er hat immer betont:

  • Der Mensch kommt zuerst und nicht die Wirtschaft. Es gilt den Menschen, es gilt Gemeinschaften, es gilt Gesellschaften zu entwickeln und dann erst auf dieser Grundlage die Wirtschaft. 
     
  • Seine zweite Idee war: das Kleine ist mächtig. Wir verstehen das Paradoxon vielleicht erst wieder auf dem Hintergrund der Schriften eines Ernst F. Schumacher mit seinem «small is beautiful». 
     
  • Gleichzeitig ist für Gandhi alles Große automatisch mit Gewalt verbunden. Ich glaube, wir können heute wieder ahnen, warum das Große eigengesetzlich wird, über den Menschen hinwegrollt und somit dem Menschen Gewalt antut. 
     
  • Ein vierter wichtiger Gedanke von Gandhi war: zuerst Landwirtschaft aufbauen und sich auf ihr abstü̈tzen. Erst dann kann an die Industrie gedacht werden. Freilich war das für ihn kein zeitliches Hintereinander oder ein Hintereinander im abendländischen Sinn. Dies war früher auch bei uns nicht anders. Wenn wir auf die europäische Entwicklung zurückschauen, sehen wir, daß ohne unsere Landwirtschaftspolitik die Industrialisierung gar nicht möglich gewesen wäre. 
     
  • Ein weiterer Gedanke von Gandhi ist die Wichtigkeit des Handwerks. Seine Zerstörung bedeutet Arbeitslosigkeit. Gandhi warnte vor der englischen sozialistischen Vorstellung, daß praktisch jeder Arbeiter werden sollte, um zum proletarischen Bewußtsein zu kommen. Er wußte, das konnte für Indien nicht gelten. 
     
  • Und ein letzter wichtiger Gedanke von Gandhi: die autonome, sich selbst versorgende Gemeinschaft, das Dorf, als dezentralisierte Einheit.

Das ist eine Art Entwicklungspolitik, die ehrlich sozialistisch ist. Mao hat ähnlich gedacht. Mao konnte das Experiment durchführen. Und er hatte Erfolg, das müssen selbst die Gegner zugeben.


Jawaharal Nehru

Gandhi wurde am 30. Januar 1948 ermordet. Sein Nachfolger Nehru, der als großer Sozialist und Humanist ebenfalls in die Geschichte eingehen wird, ging einen anderen Weg.

Mit Nehru kam der Glaube an den technischen Fortschritt zum Zuge. Die Schwerindustrie erhielt Vorrang. Vom westlichen Denken geprägt, war Nehru der Ueberzeugung, daß Wohlstand nur über die Industrialisierung kommt.

Wir sehen heute die Resultate. Nehrus Sozialismus hat sich auf die gesamte indische Entwicklungspolitik verheerend ausgewirkt. Die Armut und das Elend sind heute in Indien größer denn je.

Wir sehen: zwei Sozialisten - zwei Modelle. Ob Gandhis Modell Erfolg gehabt hätte, wissen wir nicht. Wir wissen nur, was aus dem Modell Nehrus geworden ist. Wir wissen es auch von anderen sozialistischen Modellen in der Dritten Welt, die ähnliche Wege gingen, das heißt wesentlich den Westen kopierten und nicht aus sich heraus einen eigenständigen Sozialismus entwickelten.

Zwei ähnliche Beispiele aus Afrika.


Leopold Senghor

Senghor ist aus seiner Zeit und auf dem Hintergrund der kolonialen Unterdrückung zu verstehen. Es ging ihm primär darum, ein neues Bewußtsein zu kreieren und die Leute für die Unabhängigkeit vorzubereiten. Dafür hat er die Tradition aufgegriffen und ein Ja zur Mythologie des Schwarzseins gesagt.

Leider sonnt sich aber dieser Sozialismus in der Vergangenheit, indem Senghor einfach die Urzeit glorifiziert und behauptet, der Afrikaner sei immer schon ein Sozialist gewesen. Die ganze Philosophie der Négritude war eine Art Strategie - so wie die von Gandhi - zur Erlangung der Unabhängigkeit. Als echter Sozialist hätte sich Senghor aber nachher an die Arbeit an den Strukturen machen müssen. Er hätte auf die Bedürfnisse seines Volkes eingehen sollen. Aber Senghor ist elitär, nicht egalitär; urban, nicht agrar ausgerichtet; orientiert am Zentrum Paris, nicht an der Peripherie seines Volkes; ist französisch gebildet und sogar mit einem Titel der Académie Française versehen, aber versteht sein Volk kaum und hat den Kontakt mit ihm verloren.

Somit ist sein Sozialismus rein verbaler Art geworden, weil echter Sozialismus mindestens versuchen muß, an die sozialen Strukturen und die Wurzeln des Uebels der Unterentwicklung heranzukommen. Für mich ist Senghor ein Beispiel von so vielen Genossen, die zwar sagen, Sozialisten zu sein, aber gar nicht wissen, was Sozialismus ist. Eine Mitgliedschaft ohne gesellschaftliche Auswirkungen. Die meisten Entwicklungsländer geben sich formal sozialistisch. Aber sie sind genauso wie Senghor ein Opfer der Oberflächlichkeit.

Daraus ergibt sich die ganze Problematik in solch «sozialistischen» Gebilden. Sobald Opposition entsteht, muß man sich wehren, muß man sie einsperren, muß man das Volk zurückdämmen. So wie Senghor. Er hat sich nie von der französischen Verflechtung, die mehr als nur eine kulturelle war, zu lösen versucht. Er hat mit ausländischem Kapital statt mit der einheimischen Arbeitskraft «gearbeitet». Aber er kann es nicht wagen, die einheimischen Kräfte zu mobilisieren. (Die gleichen Ängste kennen wir auch bei europäischen sozialistischen Parteien.)


Julius Nyerere

Demgegenüber haben wir den afrikanischen Sozialismus eines Nyerere, der zwar auch auf die Vergangenheit zurückgreift, aber um damit die Gegenwart und die Zukunft zu bewältigen. Mit der Erklärung von Arusha (1967) hat er die Idee des Sozialismus mit Ujamaa konkretisiert und operationalisiert. Hier ist man an die Verwirklichung von Ideen gegangen, die jeder echte Sozialismus irgendwie aufgreifen muß: die Idee von mehr sozialer Gleichheit, die Idee von mehr sozialer Gerechtigkeit, die Idee vom Ernstnehmen des Volkes, die Idee von Genossenschaften oder bestimmten Kollektiven, die Idee der Planung und vor allem auch die Idee von neuen Formen des Eigentums. Wie das dann in der Praxis, in der Auseinandersetzung, im Kampf geschieht, das ist eine andere Frage. Wenn aber diese Elemente verloren gehen, dann ist es schlecht mit dem Sozialismus bestellt. Er bleibt dann ausschließlich verbal.

Die Arbeit an Sozialstrukturen bedeutete für Tansania den Aufbau von neuen Gemeinschaften in Dörfern (ujamaa). Die Leute wurden in Dörfer zusammengebracht und genossenschaftlich organisiert. Folgerichtig führte dieser Aufbau zu einer Dezentralisierung, die 1975 sogar gesetzlich verankert wurde.

Wird Dezentralisierung aber ernst genommen, dann kann auch die Planung nicht mehr nur von oben und zentralistisch erfolgen. 1976 hätte der dritte Fünfjahresplan in Kraft gesetzt werden sollen, denn nur auf einer solchen Grundlage gibt es Entwicklungshilfe (Kriterien der Weltbank). Trotz dieses Drucks von außen hat Nyerere den Mut gehabt, den Plan zurückzustellen. (Erst jetzt wird er dem Parlament vorgelegt.) Nyerere wollte, daß von unten her, vom Dorf, vom Distrikt, von der Region die Bedürfnisse abgeklärt werden. Das gesamte Volk sollte die Planung mitbestimmen.

Schließlich noch zwei Beispiele für das Sozialdemokratische oder Sozialistische - wie immer man es nennen will - in der europäischen Entwicklungspolitik.


Schweden

Schweden wird sehr oft als europäisches Beispiel guter sozialistischer Entwicklungspolitik hingestellt. Sicher ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt. Aber es geht mir um die Ansätze.

Schweden hat mindestens durch die sozialistische Philosophie mehr Verständnis als andere für strukturelle Fragen in der Entwicklungspolitik mitgebracht. Ein bißchen hat es begriffen, daß es nicht nur um wirtschaftlichen Transfer geht. So hat Schweden Befreiungsbewegungen anerkannt, als das überhaupt kein westlicher Staat tun konnte. Es mußte nicht wie die andern Regierungen Angst vor den eigenen Bürgern haben. Die Regierung hat einen Dialog mit dem eigenen Volk gesucht und sich nicht wie andere zum vornherein schon in die Phrase geflüchtet: «Für uns geht das nicht; das Volk würde es nicht begreifen und protestieren.»

Schweden ist auch stark ins Anti-Rassismus-Programm eingestiegen. Auch das war in andern Ländern nicht möglich. Warum? Ich vermute, weil in andern Ländern «Volk» mit «Industrie» gleichgesetzt wird. Mit dem eigentlichen Volk ist viel mehr möglich, als die Politiker uns immer glauben machen wollen.


Bundesrepublik Deutschland

Schweden setze ich als Kontrast der heutigen BRD gegenüber. Hier haben wir eine sozialdemokratische Regierung, die in den letzten Jahren eine Entwicklungspolitik verfolgt, die mit Sozialismus kaum mehr etwas zu tun hat. Ich vermute stark, daß es der deutschen Sozialdemokratie wie manch anderer Partei ergeht, wenn sie einmal an der Macht ist: sie etabliert sich. Sie will zeigen, daß sie genauso gut wie eine bürgerliche Partei regieren kann. Sie Will, daß sie wiedergewählt wird. Sie balanciert deshalb. Das ist begreiflich. Schlimm wird es erst, wenn man, um an der Macht zu bleiben, die geistigen Grundlagen aufgibt.

Das geschieht besonders leicht, wenn sich eine sozialdemokratische Partei nicht mehr Rechenschaft gibt, daß sie eine Staatsform und Verwaltung übernimmt, die letztlich durch und durch bürgerlich und kapitalistisch sind. Wer aber als Sozialdemokrat nicht auch bei uns bestimmte Zweifel am System hat, der wird für die Entwicklungspolitik unfähig. Denn echte Entwicklung bedeutet ja Arbeit an neuen Strukturen, neuen Staats- und Lebensformen, Entflechtung, Verminderung der Abhängigkeiten, kurz und gut: Macht-Transfer. Aber wenn Entwicklung nur noch Hilfe und wirtschaftliche oder technische Aufrüstung von unserer Seite heißt, dann geschieht dasselbe, was einer Sozialdemokratie im eigenen Land daheim passiert: sie wird ein Opfer des Kapitalismus.

Aus Angst vor der Opposition, hinter der vor allem die Wirtschaft in der BRD steht, macht heute die SPD eine Entwicklungspolitik, die unter einer CDU-Regierung nie möglich wäre. Denn mit der SPD in Opposition müsste nicht nur - wie heute - systemimmanent diskutiert werden. So steht die SPD vor einem Dilemma, das zu einer tragischen Ironie wird. Auch hier gilt, was ich vorher den christlichen Kirchen vorgeworfen habe. Man ist für die Institution da und hält ihr die Stange.


Echte Sozialdemokratie braucht Opposition

Ich komme also zur Entwicklungspolitik im eigenen Land zurück. Kann es eine echte geben, wenn sie so eng mit der Regierung verbunden ist? Eine Regierung muß bei uns dauernd wiedergewählt werden. Entwicklungspolitik müsste jedoch etwas Langfristiges sein: ein Programm, an das sich Entwicklungsländer halten und nach dem sie planen könnten.

Hier erweist sich nun die Bedeutung von privaten Instituten und Institutionen, von Gruppen und Organisationen, die nicht gebunden sind an wirtschaftliche und nationale Interessen.

Interessen hat jedermann. Aber ich meine, daß sozialen Interessen ein Recht und Platz gegeben werden müsste, um auch eine sozialdemokratische Partei an der Regierung dauernd herausfordern zu können. Das wäre sozusagen eine Dezentralisierung des Sozialistischen, eine Mobilisierung des Volkes, wo auch immer wieder das Leben in die Partei zurück fliessen könnte.

So habe ich die Frage: müsste in der jetzigen Lage nicht eine sozialistische Regierung viel mehr bestimmte unabhängige Institutionen fördern? Praktisch so, daß während ihrer Zeit an der Regierung sie selbst herausgefordert wird und sogar froh sein kann, daß sie diese Herausforderung erhält? Als Schutzmaßnahme, denn wir müssen aus unseren Erfahrungen mit sozialdemokratischen Regierungen der letzten zwanzig Jahre in Europa lernen.


Gegenseitige Herausforderung der Christen und der Sozialisten

Die Sozialisten wie die Christen müssen den Begriff der Freiheit neu überprüfen. Sie dürfen nicht leichthin das Opfer einer individualistisch verstandenen Freiheit werden. Auch nicht das Opfer einer Freiheit, die nur die Freiheit zur Marktwirtschaft meint. Beide müssen wieder ernstmachen mit den Ideen der Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit. Auch im Christlichen müsste vom Kern her das Verständnis für das Genossenschaftliche (was anderes waren denn die Orden?) vorhanden sein. Das Christliche müsste außerordentlich skeptisch dem Privateigentum gegenüberstehen. Manches, was der Sozialismus positiv aufgenommen hat, geht auf alte christliche Traditionen zurück, die im Laufe der Zeit und vor allem unter der hierarchischen Institutionalisierung Schaden litten. Heute sind beide gefährdet, aber eine gegenseitige Herausforderung könnte beide beleben.

Mir scheint, wir müssten endlich die Querelen der Vergangenheit vergessen und uns nicht - von den Gegnern als Taktik benutzt - gegenseitig ausspielen lassen. Private Entwicklungshilfswerke - ob kirchlich oder neutral - haben etwas von diesem neuen Geist der Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit. Eine Zusammenarbeit von Seiten einer sozialistischen Regierung mit ihnen kann sich nur positiv auswirken.

Wenn ich Umschau halte in der Schweiz, in der BRD oder in Holland, stelle ich fest, daß jeder, der längere Zeit ehrlich in der Entwicklungspolitik engagiert ist und auch die Analyse nicht scheut, ein sogenannter Linker oder ein Sozialist im Geiste wird. Er muß es werden in unserem System. Und einer, der nicht links wird, ist nicht ehrlich engagiert. Echte Entwicklungspolitik arbeitet an einer neuen Gesellschaft. Diese Arbeit wird jedoch bei uns als links bezeichnet.

Daher müsste eine sozialistische Regierung, für deren Kompromisse ich Verständnis habe, schon zur wechselseitigen Balance und Belebung, mit solchen Institutionen in vermehrtem Maße zusammenarbeiten. Das wäre nichts anderes als Selbstschutz, damit die jetzige Gesellschaft nicht ihr ganzes Erbe versaut.

Auf der anderen Seite brauchen die Christen die praktischen Erfahrungen der Sozialisten und deren positive Einstellung dem Materiellen gegenüber. Der Sozialismus muß den Christen einen Spiegel vorhalten und vor allem manifestieren, daß die individualistische und wunderschöne Nächstenliebe nicht ausreicht, und daß es Arbeit an der Gesellschaft und ihren Strukturen braucht.


Ueberprüfung des Sozialismus

So wie beim Christlichen möchte ich zum Sozialistischen noch einiges hinzufügen von dem, was er aus der heutigen Dritte-Welt-Problematik lernen müsste. So wie das Christentum muß sich der Sozialismus bei uns fragen, warum er in der Entwicklungspolitik so viele Mißerfolge hatte. Wenn schon vom Programm her der Sozialismus mehr auf Strukturen ausgerichtet ist, warum hat sich nicht mehr verändert?

Ich möchte vier Begriffe anführen, die einer zukünftigen Vertiefung bedürften.

  • Sozialismus ist zu lange einer Mythologie der Industrialisierung verfallen. Begreiflicherweise zwar, denn er ist aus der Arbeiterbewegung heraus gewachsen. Er ist in einer Zeit entstanden, da Europa - berechtigterweise - in der Industrialisierungsphase war. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß auch unsere Kultur auf einer Agrarkultur aufgebaut ist und daß zwei Drittel der Menschheit Bauern sind. Warum hat der Sozialismus die Bauern vergessen? Und warum haben selbst bei uns die benachteiligten und sehr oft ausgebeuteten Bauern keinen Zugang zum Sozialismus gefunden?
    
Dieselbe Frage gilt auch für die Christen. Sowohl Christ wie Sozialist sind im Grunde urbane Menschen. Der Christ ist von der Civitas Dei eines Augustinus bis heute geprägt. Vielleicht hat dieser Urbanismus im Entwicklungsprozeß zur jetzigen Verstädterung beigetragen. Die Bischöfe residieren ja immer in der Stadt. Die Fabriken befinden sich in der Stadt.
    
Erst China hat im Sozialismus das alte Vorurteil dem Bauern gegenüber durchbrochen. Tansania versucht es. Von beiden gilt es zu lernen. Aber auch die Erfahrungen von Moçambique, Angola, Kuba, Guinea Bissau, aber auch Guinea unter Sekou Touré, müssen mit Sympathie verfolgt und vor allem für uns selbst ausgewertet werden. 
Natürlich können wir nicht kopieren; aber wir sollten mindestens nachdenken. Vielleicht kommen wir dann zu einer anderen Landwirtschaftspolitik im eigenen Land. Bei uns in der Schweiz haben zum Beispiel viele Bauern kein menschenwürdiges Dasein. Eine Landwirtschaft, die von A bis Z subventioniert wird, ist abhängig. Sie muß immer wieder betteln und ist auf die Gunst anderer angewiesen. Alle anderen Produkte werden massiv teurer, aber die des Bauern bleiben mehr oder weniger gleich. Verlangt er mehr, dann muß er sich schämen . . . Wo bleibt bei all dem die Kreativität des Sozialismus? 
     
  • Am Mythos der Technologie gilt es zu rütteln. Auch dieser ist aus der Geschichte des Sozialismus zu begreifen. Aber warum ist heute der Sozialismus nicht aktiver auf dem Gebiet der angepaßten Technologie? Und wie kann sogar ein sozialdemokratischer Staatschef sagen, daß er sich auf so etwas nicht einlassen wolle, damit nicht später Sozialisten als Bremser des Fortschritts angeklagt würden? Warum sind sozialistische Länder führend im Kernkraftwerkbau - sogar in der Dritten Welt? Wie kann Schweden in Tansania auf der Uyole Farm einen weitgehend computerisierten Betrieb aufbauen? 
     
  • Ganz wichtig für den Sozialismus ist das Neudurchdenken des Staatsbegriffs. Er ist und bleibt ein Dilemma - vor allem der Nationalstaat, der im Grunde eine kapitalistische Erfindung ist. Für den Sozialisten muß «internationale Solidarität» eine Herausforderung bleiben. Wie können wir da so unbeschwert einen fragwürdigen Nationalstaat stützen und sogar in die Dritte Welt übertragen? Dabei merken wir nicht einmal, daß uns der Kapitalismus schon längst über die multinationalen Unternehmen ein Schnippchen geschlagen hat. 

    Damit hängt eng zusammen die Idee der Verstaatlichung. Eine Verstaatlichung mit der alten Form des Staates ist doch wirklich das allerletzte. Da muß es auf dasselbe herauskommen, ob ich verstaatliche oder nicht. Das zeigen auch die neuen Formen des joint venture. Mit dieser Verfilzung kommen wir nicht weiter - sicher nicht hinunter zum Volk! Die Verstaatlichungsidee muß vielmehr mit einer Dezentralisierung einhergehen. Sie ist die Herausforderung der Zukunft. Denn wenn wir schon in der Dritten Welt dauernd von Self-Reliance reden und wenn ich schon die Theologen wegen ihres Zentralismus angreife, dann muß das alles auch bei uns Auswirkungen haben. Genauso wie Rom verschwinden wird, wird die alte Staatsomnipotenz mit ihrem sozialistischen Zentralismus dem Tod geweiht sein - falls Self-Reliance wirklich sprießt.

    Sowohl Christentum wie Sozialismus könnten hier an vorderster Front stehen, wenn sie nicht längst ein Opfer des Systems, das sie einst entweder bekehren oder verändern wollten, geworden wären. 
     
  • Damit käme ich zum vierten Posten, der überprüft werden müsste. Sowohl Christentum wie Sozialismus konnten das Problem der Bürokratie nicht lösen. Beide sind darin stark. Hängt das mit dem Zentralismus zusammen? Er wird wohl eine dauernde Gefahr bleiben. China war das einzige Land - bis heute, das wenigstens einmal in der Geschichte einen Versuch machte, die Bürokratie - durch die sogenannte Kulturrevolution - zurückzubinden.

Ich glaube, dieses Vorbild ist ermutigend. Selbst wenn es anders weiterginge. Vorbilder wie China oder Tansania behalten ihre Gültigkeit, selbst wenn eines Tages das Modell zerstört würde. Die Idee bleibt. Sie ist nicht an ein Land gebunden. So wie man nicht sagen kann, das Christentum habe versagt, nur weil es im 4. oder 5. Jahrhundert bereits keine Christen mehr in Palästina gab.


Ansporn Belebung

Seien wir dankbar, daß es Modelle in der Dritten Welt gibt! China und Tansania -aber natürlich auch andere - sind für uns heute im Suchen nach einer Entwicklungspolitik zur Behebung des Weltelends von außerordentlicher Kostbarkeit. Sie zwingen uns zum Nachdenken. Damit werden auch wir belebt.

Wir brauchen Entwicklung, damit wir - wir alle - zum Leben kommen. Daß wir wieder schnaufen können, nicht von der Bürokratie erdrückt werden, den Sachzwängen erliegen, von Projekten verdinglicht werden, zersplittert, gespalten, verindividualisiert, der Arbeitsteilung einverleibt . . . Daß es wieder mehr um Menschen und Gemeinschaft geht und nicht um Paragraphen oder um die sogenannte Ruhe und Ordnung.

Auch in Tansania ist der Versuch einer Dezentralisierung außerordentlich schwierig und für die Bürokratie sehr riskant. Viele Menschen fangen an zu denken. Es entsteht so manches, das nicht mehr koordinierbar ist. Es entsteht eine Vielfalt. Es entsteht Leben. Es beginnt die Verwirklichung der Menschen. Diese werden kreativer.

All dem steht der alte Staat unbeholfen gegenüber. Wie diese Fragen gelöst werden sollen? Wir wissen es nicht. Hier braucht es die internationale Solidarität und nicht die internationale Angst.


Ausblick

Es dürfte klar geworden zu sein, daß für mich eine echte Entwicklungspolitik sowohl christlich wie sozialistisch sein kann. Bei beiden sehe ich die hoffnungsvollsten Ansätze. Echtes Christentum ist auf Veränderung der alten Welt aus. Echter Sozialismus muß sich für eine neue Gesellschaft mit menschenwürdigem Dasein einsetzen. Also kann man sagen, beide sind miteinander verwandt. Entscheidend ist jedoch, daß beide ringen um die Lösung dieser Fragen, die ungelöst einfach ein Skandal und eine Herausforderung an alle Menschen guten Willens sind.

Letztlich heißt die Herausforderung Selbstbestimmung. Aber diese beginnt nicht beim Einzelnen. Eine Selbstbestimmung auf die individuelle Ebene abzuschieben, ist ihre Vernichtung. Denn ein einzelner Mensch kann gar nie selbst bestimmen. Ein Einzelner kann nicht einmal leben und erst recht nicht lieben. Wir brauchen die Freiheit von Kommunen, also von Dörfern, von Dorfverbänden und so weiter. Hier aber fehlt es uns an Modellen, Experimenten und Versuchen. Ein paar Modelle erhalten wir aus der Dritten Welt, wo das Dorf zur Grundlage der Entwicklung genommen wurde.

Suchen wir ein neues Dorf! Aber bitte nicht das Weltdorf von Mac Luhan, dem großen Vater der Multis, weil sich sein Dorf über Satelliten steuern und standardisieren läßt und die «Beach» in Kalifornien dem Busch von Tansania gleich werden soll. Nicht dieses Dorf, das - wie der Satellit - über die Menschen hinweggeht! Ein neues Dorf muß erstehen. Ein Dorf, wo Menschen self-reliant leben können, wo sie eine bessere Umwelt haben, ein Klima der Gemeinschaft.

Ist das nicht das, was Christentum und Sozialismus wollen? Wenn ja, dann treffen sie sich mindestens auf der Suche danach. Besinnen wir uns auf das Eigentliche und gehen wir miteinander in die Zukunft!


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Al Imfeld© 1978 Heft 9 Neue Wege