Nach der grünen Zerstörung eine grüne Revolution 1973

Nach der grünen Zerstörung eine grüne Revolution

(i3w) Schon spekuliert man über ein vietnamisches Wirtschaftswunder. Aber Vietnam hat eine völlig andere Ausgangsbasis als Japan oder Deutschland. Vietnam kann nicht einfach wieder aufgebaut werfen, denn die Zerstörung ging auf den Grund. Es wurden nicht nur wie zuvor in Kriegen Städte zerstört, Dörfer abgebrannt und Menschen verwundet und getötet. Als erster Krieg hat der Vietnamkrieg die Wurzeln des Lebens selbst zu vernichten begonnen, und deshalb können nicht die alten Wiederaufbauelemente aus dem üblichen Nachkriegskasten geholt werden.

Im Vietnamkrieg wurde die Erde nicht nur verbrannt, sondern vergiftet. Hunderte von Quadratmetern einst fruchtbaren Dschungels sind nur noch von kahlen, toten Bäumen bedeckt. Die Grundwasser trocknen aus. Der ganze chemische und biologische Kreislauf des Lebens ist angeschlagen. Von Wissenschaftern wird die Ausrottung von mehreren Arten sowohl in der Fauna als auch im der Flora befürchtet. Schon jetzt nehmen die Termiten überhand, und Moskitos brüten in den mit Regenwasser gefüllten 21 Millionen Bombenkratern und Granattrichtern in der südvietnamischen Landschaft.

In ganz Indochina wurden schätzungsweise 15 Milliarden Kilo Explosivstoff verbraucht. Die amerikanischen Flugzeuge haben allein in Südvietnam mehr als doppelt so viel Bomben wie im ganzen Zweiten Weltkrieg an allen Fronten abgeworfen. In Südvietnam trifft es auf jede Hektare etwa 550 kg Bomben. Die Explosivstärke der eingesetzten Bomben ist etwa 365mal so groß wie jene der über Hiroshima abgeworfenen Atombombe.

Mit den sogenannten «Daisy Cutter»- und «Cheeseburger»-Bomben, hat man im Dschungel Helikopter-Flugplätze in der Größe eines Fußballfeldes geschaffen. Mit den 32 Tonnen schweren «Rome Plow»-Bulldozern hat die amerikanische Armee gegen 3240 Quadratkilometer auf geschürft und rund 2,3 Milliarden Kubikmeter Erde aufgehäuft oder umgeschichtet.

Noch kaum abzusehende Auswirkungen werden die eingesetzten Entlaubungsmittel und Herbizide haben. Nach amerikanischen An gaben hatten die US-Piloten bis 1970 ein Zehntel des bebauten Landes und ein Drittel des totalen Waldbestandes Südvietnams bestreut. Ein Gift zerstörte die Bäume und Sträucher von der Wurzel her. Ein anderes vernichtete das Chlorophyll der Blätter. Ein drittes drang an Stellen, wo Blätter abgefallen waren, in die Äste ein und blockierte die Nährstoffe. 1970 schätzten amerikanische Wissenschafter, daß die Hälfte der südvietnamischen Mangroven-Wälder (das sind zirka 1400 km2) total zerstört waren. Die Harthölzer waren in diesem Moment noch am Leben, aber überall waren Bomben- und Granatsplitter im Holz, die es einem langsamen Tod aussetzten und für den Verkauf unbrauchbar machten, da sie die Sägen zerstören würden.

Durch die Entlaubung wurde der darunterliegende Humus schwer betroffen. Die Vegetation wurde zerstört und die Erde durch die Sonne verbrannt oder vom tropischen Regen weggeschwemmt. Die Erosion hat bereits eingesetzt. Mit dem Humus werden auch wertvolle Mineralien wie Kalzium, Sodium, Phosphor und Eisen mitgerissen. Der rasche Abfluß des Regens führt zu Fluten und Überschwemmungen im Tal, zur Verschlammung der Flüsse und vor allem zu einem Austrocknen der Grundwasser. Der Wasser-, der Nitrogen-, der Mineralienkreislauf schichten sich um. All dies hat Auswirkungen auf die Pflanzen und Tiere und erst recht auf den Menschen.

Das amerikanische Militär behauptete, daß die Flüchtlinge vor den Kommunisten davongerannt seien, um in den von Saigon kontrollierten Gegenden Schutz zu suchen. In Wirklichkeit flohen sie vor den Bomben und den chemischen Giften. Millionen trieb es in die Städte. Vor zehn Jahren lebte ein Fünftel der Bevölkerung von Südvietnam in den Städten, heute ist es die Hälfte. Saigon hatte vor zehn Jahren 350’000 Einwohner. Heute sind es 3,5 Millionen. In der Stadt wurden diese Menschen in den Teufelskreis von Korruption, Schwarzmarkt, Diebstahl, Drogenschmuggel und Prostitution getrieben. Man begann mit der Zerstörung der Natur und endete mit der Zerstörung der Menschlichkeit. Die Flüchtlinge werden kaum wieder auf das Land zurück kehren. Mit dem Wiederaufbau kann nur begonnen werden, wenn die zerfurchten Wüsten bearbeitet, das weitere Fortschwemmen des Humus verhindert und wenn nun chemisch, biologisch und physisch genau soviel eingesetzt wird wie einst für einen nutzlosen Krieg. Das Fortschreiten der grünen Zerstörung muß mit enormen Mitteln gebremst werden, damit das einst fruchtbare Vietnam eine grüne Revolution erfährt.


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AI Imfeid i3w 1973 Heft 4