Eine Dritte Kraft in Vietnam 1973

Eine Dritte Kraft in Vietnam
Interview mit Madame Cao Ngoc Phuong

(i3w) Es wird schon so lange kolportiert, daß es beinahe jedermann glaubt und vertritt: Es gibt keine Dritte Kraft mehr in Vietnam. Aber «es gibt die Dritte Kraft nicht, weil Thieu und die Amerikaner sie nicht haben wollen», beteuert die schwarzhaarige, dreiunddreißigjährige, ehemalige Dozentin für Botanik in Saigon, und heute in Europa für Hilfe und Verständnis werbende Madame Cao Ngoc Phuong. Sie lebt seit 1969 in Paris im Exil und wartet nun auf das Rückreisevisum nach der Heimat.

Die Dritte Kraft lebt heute im Exil oder in den südvietnamischen Gefängnissen. Unter der Dritten Kraft versteht man vor allem die Buddhisten. Aber dazu gehören auch Cao-Daiisten und progressive Katholiken. Für die offizielle Regierung sind sie alle Kommunisten. Als Madame Phuong sich für die Friedensarbeit entschied, wurde ihre Aktivität sofort angefeindet und man versuchte sogar, sie umzubringen. Dennoch ist sie ohne Haß. «Das ist nicht das vietnamische Volk; dahinter steht nur eine kleine Clique von einem Prozent» bemerkt sie. Sie ist zudem überzeugt, daß diese Gewalt nur mit gewaltlosem Widerstand beantwortet werden kann.

«Der Mensch ist nicht unser Feind, aber die schlechte Politik», sagte Madame Phuong. Die meisten Vietnamer hätten genug sowohl von Kapitalisten und Kommunisten, denn «beide haben versucht, die Macht zu monopolisieren». Die Buddhisten machen die Mehrheit der Bevölkerung aus; sie spiegeln die Meinung des Volkes wider. «Wir haben keinen Block im Rücken, keine Amerikaner, keine Kapitalisten, keine Kommunisten. Aber wir haben die Realität Vietnams und wir versuchen, diese Realität zu erneuern. Diese Realität ist 99 Prozent des Volkes. Diese Realität will ein Ende von Bomben und Töten. Diese Realität will endlich keine Ausländer, keine Amerikaner mehr. Diese Realität will Wahlen, um repräsentativ zu wählen.»

Nach einer Entwicklungsstrategie befragt, sprudelt es aus Madame Phuong wie aus einem Brunnen: «Wir versuchen, im Lande herumzuziehen, um die Wünsche und den Willen des Volkes kennen zu lernen. Wir versuchen mit bescheidenen Sachen zu starten, mit Sammeln von Reis und Medizin, um sie in abgelegenen Gegenden zu verteilen. Und so erfahren Menschen Menschlichkeit, Liebe, ja Liebe das ist das Erste und Wichtigste. Damit beginnt das Leben wieder. Das ist mehr als Caritas. Erst dann können die Intellektuellen, die Ingenieure, die Agronomen, die Ökonomen und die Ärzte nachkommen aufs Land. Aber auch sie müssen zuerst die Schwierigkeiten mit der Bevölkerung teilen, so das Vertrauen gewinnen, um erst dann die Gesellschaft verbessern zu können. Diese Menschen müssen von Liebe und Opfergeist motiviert sein und eine starke Verantwortung auf sich nehmen.»

Madame Phuong wehrt sich immer wieder gegen abstrakte Begriffe. Sie liebt auch das Wort Strategie nicht. «Das Leben beginnt nicht mit Strategie, sondern mit Liebe.» Für die Menschen Vietnams sind Begriffe wie Unabhängigkeit, Frieden, Entwicklung usw. viel zu vage. Zuerst brauchen sie das Erlebnis des Konkreten. «Das ist, was wir zu tun versuchen. Friede ist für uns ein lächelndes Baby.» Immer wiederbetont sie, daß für die Buddhisten das Kostbarste das Leben sei. «Zuerst muß man das Kostbarste, das Leben geben und nicht Geld.»

«Für den Buddhisten ist Leben Leiden und Glück: beides zusammen, beides in einem, beides im Kontrast. Diese Wirklichkeit von beiden Seiten soll auch in der Politik wahr werden. Deshalb sind wir die Dritte Kraft aber eigentlich sollten wir die Eine Kraft heißen, weil Wir eben nicht trennen wollen. Wer trennt, der zerstört Leben. Wer eint, der lebt.»

Madame Phuong ist der Überzeugung, daß die Leute aus denStädten zurück kehren werden, sobald es Frieden geben wird. Deshalb scheinen ihr die Arbeit und der Einsatz auf dem Lande so wichtig zu sein. «Zuerst, gut, da werden wir uns der Witwen, der Waisen, der Verwundeten, der Kranken, der Kriegsveteranen annehmen, um den Menschen unsere Toleranz und Liebe zu zeigen. Aber sobald als möglich und gleichzeitig müssen wir an den Aufbau der Dörfer, der Landwirtschaft und des Waldes heran.» Sie erzählt von geplanten Projekten. Zwei Drittel der Wasserbüffel seien getötet worden. Man müsse neue züchten, um sie in der Landwirtschaft einzusetzen. Man müsse das vergiftete und zerbombte Land heilen, die Wälder retten und Flüsse kanalisieren. An all diesen Projekten muß aber das Volk beteiligt sein. Deshalb erscheint ihr auch der Aufbau von Genossenschaften und Gewerkschaften äußerst wichtig zu sein. Nur so, glaubt Madame Phuong, läßt sich ein Land wie Vietnam, das eigentlich sehr reich ist, zu einem Paradies ausbauen. «Das ist die Hoffnung aller Vietnamer und das ist, was wir als Dritte Kraft bezeichnen. Und sie fragen mich, ob sie wirklich ist?»

 

&&&

AI lmfeld© ,i3w 1973 Heft 4