Von Afrika lernen – wie geht das?

Kritische Durchleuchtung der Begriffe "von Afrika lernen", "gegenseitige Hilfe" und "Partnerschaft"

 

1. Teil: Durchleuchten der Begriffe

I.

Der Wunsch oder die Forderung, von Afrika etwas zu lernen, muss gleich zu Beginn radikal hinterfragt werden. Ob ich den guten Willen eines bekehrten Teils der europäischen Bevölkerung frustrieren will? Ob ich denn der ewige Besserwisser bin? Oder bin ich ein Skeptiker, der vor lauter Zauderei gar nicht mehr zum Handeln kommt und sogar andere am Handeln verhindern will? Ob - um nicht unrein zu werden - ich das Nichtstun lehre?

Es gibt heute viele junge Menschen, die wollen weder Geschichte noch ein Hinterfragen, sondern einfach und direkt Taten. Endlich, sagen sie, nach so langem Nichtstun oder nach so viel schlechten Taten heran ans Gute.

Dennoch beharre ich vor der guten Tat auf der Frage und einer Antwort, was denn dieses Lernen von Afrika bedeuten kann und was die Absicht dahinter ist?

 

1. "Von Afrika lernen" - meinen wir damit etwa das zufällige Pflücken von geistigen Werten, nachdem wir die letzten Bodeschätze angezapft haben?

Gehen wir nun aus nach Afrika, um im südlichen Supermarkt neue Menschenbilder und Identitäten zu posten? Vielleicht auch andere Einstellungen gegenüber Leben und Tod?

Falls dieses Lernen solches und Ähnliches meint, dann sage ich - auch im Namen der Menschen auf dem afrikanischen Kontinent: "Hände weg! Bleibt draussen!"

Warum?
Für mich ist das geistiger Kolonialismus, weil wir Werte losgelöst von Menschen und Systemen - genauso wie einst Pfeffer und Gold - zu uns holen würden. Wie einst Land würden jetzt "Wurzeln" oder Traditionen angeeignet und Menschen boden- und wurzellos gemacht - entfremdet. Zudem kennt man den Prozess schon: wenn Fremde Eigenes anzueignen beginnen, verkauft der Fremde zunächst das Eigene aus der Überzeugung heraus, dieses Eigene könne jetzt nicht mehr sein Eigenes sein.

 

2. "Von Afrika lernen" könnt einen puren Eklektizismus bedeuten; ausgewählt würden einzelne und losgelöste Teile, die jedoch nicht mehr "afrikanisch" wären, sondern im besten Falle Elemente einer Agrarkultur.

Dieser Gefahr erliegen selbst viele Wissenschaftler, vor allem Ethnologen und Theologen (offensichtlich), die einfach einzelne Teile aus Kontexten herauslösen oder bestimmte Charakteristiken wie eine Haut ablösen, um damit für den ganzen schwarzen Kontinent neu "das Afrikanische" zusammenzustellen.

Ein gutmeinendes Beispiel ist Placide Tempels, der belgische Missionar mit seiner Bantu-Philosophie (1952), die sehr viel Sympathien für Menschen auf Afrikas Kontinent geschaffen hat, aber letztlich eine europäische Projektion von Henri Bergsons Vitalismus und seiner Force vitale war. Tempels fand alles, was er mit Begeisterung in seiner Philosophie aufgenommen hatte, bei seinen Menschen im Belgischen Congo wieder - und es entsprach genau der Bantu Lebenskraft, ein alles durchströmendes Prinzip.

Ein ebenso positives wie begeisterndes Werk stammt vom Anglikaner John V. Taylor, The Primal Vision. Christian Presence Amid African Religion (1963).

Zwei Beispiele, die verständlich sind. Beide versuchen, der kolonialen weissen Gesellschaft ein positives Bild vom Afrikaner zu geben. Das war wichtig in jener Zeit. Das war notwendige Taktik, aber nicht unbedingt Philosophie.

So vorzugehen in unserer Lage könnte kein ernsthaftes Lernen sein. Es ginge wirklich aus von unserer Welt: mit einer Konsum- oder Sammler-Haltung. Es wäre nicht mehr als ein Zitaten-Handbuch, das interkulturelle Impulse im Misch-Topf präsentiert.

Zudem ist solcher Eklektizismus gefährlich, denn wir haben keine Ahnung, ob wir nicht Danaäer-Geschenke oder Kuckuckseier in unsere Kultur hineinlegen. Vielleicht sogar gefährliche Aus-Strahlungen erzeugen. Beiden Seiten dient so etwas nicht, weil es schlicht und einfach ein Missbrauch ist. Missbrauch und Missverständnis gingen dann erneut Hand in Hand und das Resultat könnte leicht eine Aversion sein, d.h. alles wäre ins Gegenteil von dem, was beabsichtigt war, umgedreht.

 

3. "Von Afrika lernen" ist im Ansatz bereits zu weit und breit, zu vage und verallgemeinernd. Zuerst müsste dieses "Afrika" definiert werden - und zwar beidseitig.

 

  • Für die einen ist Afrika eine Bezeichnung für einen Kontinent, der von Ägypten (Nordafrika) bis zum (weissen) Südafrika reicht. Dieses Afrika umfasst daher weiss-schwarz-arabisch-gemischt. Das kann in unserem Zusammenhang nicht gemeint sein, da nach einer reinen und eindeutigen Essenz gesucht wird.
     
  • Andere denken bei "Afrika" einfach und verkürzt an Schwarzafrika. Das ist wohl eher in unserer Richtung. Afrika steht für Schwarz?
     
  • Doch unter diesen schwarzafrikanischen Menschen gibt es etliche Denker, die unter "Afrika" nur das einschliessen, was vor Ankunft der Araber und Weissen da war. Doch selbst diese kommen in arge Verlegenheit, da keiner sicher weiss, seit wann es schwarzhäutige Menschen gibt...
     
  • Es gibt einige, die meinen und definieren dieses "Afrika" klar als Bantu. Diese Bantu-Völker sind jedoch in den letzten (ca.) 2000 Jahren aus dem heutigen Westafrika von Zaire und Kamerun nach Osten (Rwanda, Burundi, Uganda) gewandert und haben sich später von Ost- nach dem südlichen Afrika ausgebreitet. Sie verdrängten Völker, die vorher schon auf dem Territorium anwesend waren: sie schoben sie weg oder vor sich hin, absorbierten sie, mischten sich mit ihnen und wurden etwas Neues Einige von diesen Minderheiten blieben sozusagen "am Rande". Ich meine die Wald-Pygmäen, die Khoi- und San-Völker, von denen die Bantu eindeutig einiges aufgenommen haben.
     
  • Ich werde meist diese schwarzen und längst auch durchmischten Bantu meinen. Für mich gibt es generell  und auf dem afrikanischen Kontinent im besonderen weder Reinheit noch klare Abgrenzungen, keine Aborigines und keine ewig zugeteilten Länder.

In meinem Sinn suchen wir also nach Traditionen und Eigenheiten von Bantuvölkern in permanenter Interaktion mit Nachbarvölkern (z.B. mit den Luo in Uganda, Kenya und Tansania). Auch die Bantu würde ich als ein Resultat zwischenvölkischen Beziehungen und zwischenkulturellen Anpassungen (Viehzucht und Ackerbau) bezeichnen. Ich kann sie nur in einer langen Geschichte und einem ununterbrochenen Fluss oder Prozess sehen. Somit stellen sich also stets Zusatz-Fragen: aus welcher Zeit und von welchem Experiment nehmen wir etwas als "typisch afrikanisch" heraus?

 

II.

Selbst der Begriff des Voneinanderlernens ist sehr komplex und alles andere als eindeutig.

  1. Wann und unter welchen Umständen lernt ein Mit-Mensch von einem anderen Menschen?
     
  2. Wird er sich als westliches Individuum  mit starker Eigenwilligkeit eher abgrenzen?
     
  3. Wäre das Lernen vom anderen so etwas wie ein klammheimliches Stehlen anderer Eigenheiten, fast ein stilles Aufessen, bis der andere nur noch in mir existiert?
     
  4. Lernen wir nicht meist unter Druck, Reibungen und Konflikten? Wir nennen solche Vorgänge Anpassung oder Kompromisse.
     
  5. Oder lernen wir etwa erst, wenn es uns eingetrichtert oder aufoktroyiert wird? Eine Schule oder eine Art des Kolonialismus, die es uns einhämmert(e). Geschieht Vergleichbares nicht in der heutigen Werbung?
     
  6. Zu guter Letzt: lernen wir dann, wenn wir diesen anderen verachten oder gar hassen, dann, wenn wir ihn als Feind bekämpfen, auf ihn eingehen, um zu vertreiben und dabei langsam so werden wie dieser Feind? Dieser Ansicht ist u.a. Frantz Fanon, der Psychiater aus den Antillen im Algerienkrieg, der den Klassiker Die Verdammten dieser Erde schrieb.

Es scheint - insgesamt gesehen, dass der Mensch lernt, wenn er lernen muss und dass er daher eher unter Konflikten lernt. Und was lernt er dann? Vielleicht das, was ihn am meisten stört. Und dieses Störende ist meistens etwas, das nahe bei den eigenen Eigenheiten liegt. Selten lernen Menschen voneinander bewusst und noch seltener das Wesentliche oder Typische einer Kultur.

 

 

III.

In entwicklungspolitischen Kreisen wird der Vorgang des voneinander Lernens als "gegenseitige Hilfe" bezeichnet.

Statt lernen also helfen. Doch das Gegenseitige so leichtsinig mit Hilfe zusammenzubringen, ist Selbstbetrug.

Hilfe ist nämlich ein eher ein-seitiges Wort, denn es meint, dass einer hat und einem anderen hilft. Jemand hilft oder gibt, ein oder eine andere/r empfängt und dankt.

Hilfe ist daher ein Not-Behelf; ist ein Akt in einer ungewöhnlichen oder Notlage. Niemand sollte dieses Wort verharmlosen. Es ist gut, dass es Wort und Tat gibt, doch übertragen wir nicht das Ganze auf den zwischenmenschlichen Normalfall.

Im Grunde müssten wir von der menschlichen und gesellschaftlichen Selbständigkeit ausgehen. Individuen und Gesellschaften brauchen, falls sie gesund sind, eine gewisse Autarkie oder Subsistenz. Jeder Mensch und jede Institution gehen durch Krisen hindurch, wo Ergänzendes von aussen oder vom Nachbarn benötigt wird.

Ich sehe neben einer gewissen und gesunden Eigenständigkeit den Mangel wie eine seinsmässig aufgezwungene oder gegebene (also ontologische) Öffnung zum Nachbarn oder anderen hin.

Niemals würde ich etwa sagen, zwei aneinandergrenzende Gesellschaften helfen sich mit Frauen gegenseitig. Sie tauschen. Das ist mehr als Hilfe, sondern ein Handeln, aus dem Handel entsteht. Dieses Handeln spielt sich zuerst auf materieller Ebene ab. Doch sowohl mit Frauen als auch mit Gütern kommt versteckt etwas von der anderen Gesellschaft hinein. Ausgetauschte Güter bewirken langfristig Veränderungen. Im Gegensatz zur direkten Hilfe haben in solchen Prozessen Menschen eine andere psychische Einstellung; ihre Disposition ist nicht negativ; die Menschen kommen sich als Handelnde vor. Hilfe ist deshalb so gefährlich, weil sie eine stark passive Seite hat.

Im Kulturbereich zeigt der Begriff der gegenseitigen Hilfe seine volle Problematik. Wenn wir Bücher voneinander lesen, zu Musik anderen Völker tanzen, uns an ihrer Kunst erfreuen, dann spricht bestimmt niemand von Hilfe. Doch genau diese Handlungen sind zentral oder flankierend bei einem Kulturdialog.

Spätestens nun merken wir, dass gegenseitige Hilfe mit dem Begriff des Paternalismus ausgetauscht werden könnte.

 

 

IV.

Meist unüberlegt wird der Begriff Partnerschaft eingesetzt und dadurch systematisch entwertet. Gegenüber so etwas Abstraktem wie der Dritten Welt gibt es keine Partnerschaft. Das meiste fällt unter post-koloniale Ablösungen.

In der heutigen Lage ist es verharmlosend zu behaupten, zwischen einer Stadt hier und einer in Afrika gebe es Partnerschaft. So etwas wird eingegangen, um einer Stadt im Süden zu helfen und dabei die hiesige Bürgergemeinde einzuschalten, damit diese einen Budgetposten eher akzeptiert.

Meist verhält es sich ähnlich bei anderen Partnerschaften. Menschen des Südens müssen also solche Unehrlichkeit mitmachen, damit sie zu Geld kommen.

Selbst das gegenseitige Besuchen von Bürgermeistern mit Geleit ist noch lange keine Partnerschaft.

Auch den vielen Dritte-Welt-Gruppen, die sich zu Partnern der Armen hochheben, muss ich Wortmissbrauch vorwerfen. Sie helfen mit, hehre Begriffe auszuhöhlen.

 

 

2. Teil: Pragmatismus erst nach einer inneren Umkehr

 

I.

 

Prinzipiell stellt sich die Frage, ob alles Seiende immer und sofort nützlich sein muss. Können wir Menschen uns nicht mehr am Sein erfreuen? Müssen wir sofort von allem etwas lernen, etwas vermarkten oder es zunutze machen?

Oder ist heute eine Grund-Haltung der Freude am anderen oder an der Vielfalt für Menschen im Westen nicht mehr möglich? Ist es bombastisch zu fordern, sich am Sein zu freuen? Darf das Seiende nicht als Fest des Zusammenseins begriffen werden?

Chinua Achebe, der Vater der nigerianischen Literatur, spricht immer wieder von der Kunst oder Literatur als Fest. Diese Einstellung ist in seiner Igbo-Kultur begründet. Die Haltung und die Feier wird Mbari genannt. "Mbari war eine Feier, eine Huldigung der Welt und des in ihr gelebten Lebens durch die Kunst."

"Die Igbo betonen, dass jede Wesenheit, die ignoriert, diffamiert, der Anerkennung und Huldigung verweigert wird, zum Ausgangspunkt von Angst und Spaltung werden kann. Für sie ist Feier oder das Fest Anerkennung einer Wesenheit und die Höflichkeit, jeder Wesenheit das ihr rechtmässig Zustehende zu gewähren."

Von Zeit zu Zeit wurde von Gott eine Mbari-Feier angeordnet. Dazu musste nach allem Existierenden Ausschau gehalten werden, denn alles hatte dabei vertreten zu sein. Somit schärfte Mbari den Blick und weitete den Horizont.

Könnte eine Art modernisierter Mbari-Feier nicht den Abgrund zwischen Nord und Süd aufschütten und uns Menschen zusammenbringen?

 

II.

Bevor wir Europäer uns in Pragmatismus hineinstürzen, gilt es das Innere nach aussen zu kehren und Herz und Niere in einer Dialyse des Respekts zu waschen.

Die Europäer haben die Kulturen und Menschen Afrikas so lange verachtet und dadurch gedemütigt, dass an keine Gegenseitigkeit geglaubt werden kann, ohne vorherigen und immer wiederholten Bezeugungen von Respekt und Ehrfurcht.

Die Europäer müssen eine radikale Umkehr kundtun. Dazu reicht es nicht aus, plötzlich zu beteuern, voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu helfen.

Die Abneigung und ein Vorurteil gegen schwarze Menschen und Kulturen sitzen sehr tief - wohl in allen von uns im Norden. Alle werden in dieses Klima der Frost hineingeboren. Afrika ist für uns gefühlsmässig Hinter-Land und Hinter-Wald, rückständig, unterentwickelt. Selbst wenn wir behaupten, wir wollten helfen, gehen wir doch insgeheim von Unterentwicklung, Armut, Rückständigkeit oder Unbeholfenheit aus. Diese innere Haltung zeigt sich immer wieder in allem, was wir tun und manifestiert sich am besten in den Medien, bei denen Afrika doch bloss Hunger und Hoffnungslosigkeit ist und es daher nur Negatives zu berichten gibt. Selbst wir Engagierten handeln aus Erbarmen heraus und sehr oft so, als ob die Menschen Afrikas Kinder wären.

Vor aller materieller Hilfe muss sich der Respekt einstellen. Über das Wie sind wir hilflos. Vielleicht reden wir deshalb vom Lernen von Afrika. Daher möchten wir eventuell das eine oder andere übernehmen.

Wie kommen wir aus dieser Verachtung, aus dem Rassismus und den Wunden des langen Kolonialismus heraus?

Grundsätzlich beginnt es einfach: alle gehören zur gleichen Menschheit. Wir Europäer und die Afrikaner sind Teil dieser Menschheit, die genausowenig wie ein Ökosystem nicht ungestraft degradiert werden darf.

Vielleicht wäre eine Formel zum Aufruf des Ringkampfs bei den Igbo eine Leit-Idee:

"Dass zum Kampf nur Gleichkräftige
im Ring antreten sollen
um für den Preis des Vergleichs zu ringen."

Als Gleiche zum Leben antreten: das wiederum bedeutet Ehrfurcht und Respekt voreinander.

 

 

III.

Drei wichtige Stimmen bringe ich aus Afrika in die Diskussion herein. Sie fordern alle auf irgendeine Art ein anderes Handeln von Europäern - ein Handeln, das mehr auf Respekt, auf kritischem Humanismus oder auf einer neuen Sachlichkeit basiert.

 

a) Michel Kayoya

Michel Kayoya, der im Sommer 1972 in Burundi ermordete Priester und Schriftsteller, hatte wenig Zeit und ist "nur" mit zwei kleinen, aber zentralen Werken Sprich deine Sprache, Afrika und Auf den Spuren meines Vaters der Welt als afrikanischer Humanist der Welt erhalten geblieben.

In den Opusculi legt er den Finger auf spirituelle Werte auf beiden Seiten. "Mehr und mehr bin ich überzeugt, dass die wirkliche Unterentwicklung nicht in erster Linie in einem Mangel an materiellen Dingen besteht... Die Unterentwicklung ist der verkehrte Zustand, in dem Völker ernsthaft erkrankt sind an sozialer Erstarrung und sozialem Stumpfsinn..."

 

Aus: Auf den Spuren meines Vaters:(S.37):

Man spricht von Problemen, wichtigen und unwichtigen.
Oft, sehr oft spricht man nicht offen zum weissen Mann,
wenn man seine Persönlichkeit noch nicht kennt.
Man sucht, was seine oft peinliche Neugier zufriedenstellt
Manche Leute sagen, diese Neugier sei unmenschlich
Weil sie den Menschen analysieren will.
Mein Vater wollte nie, dass man den Menschen "studiert"
Ein Feind wird eine Person "studieren", um sie zu überrumpeln
Man analysiert keinen Menschen
Man versucht, sich nahezukommen, um sich mitzuteilen
Man versucht, sich mitzuteilen, um Gemeinschaft
miteinander zu haben.
Für meinen Vater ist das Wort nicht ein Produkt des Verstands
Das Wort enthüllt einen "Winkel des Herzens"
Deshalb gibt er "sein Herz, um ein Herz zu erhalten".
Nein, er gibt nicht, um zu erhalten
Er verbindet sich mit dem anderen,
er fühlt sich in den anderen hinein,
um mit ihm einen Augenblick des Daseins zu verbringen.

Darum sagte er nicht,
wenn er von meiner Mutter sprach,
er habe eine Frau, sondern: "Ich bin mit einer Frau."

Und so in allen anderen Dingen:
Ich bin mit einem Hause
Ich bin mit einem Nachbarn
Ich bin mit acht Kindern
Ich bin mit Eigentum
Ich bin mit einer Kuh.

 

b) Axelle Kabou

Axelle Kabou, kamerunische Wirtschaftswissenschaftlerin, hat 1991 bei l`Harmattan, Paris, ein provokatives Buch mit dem Titel Et si l`Afrique refusait le développement? veröffentlicht. 1955 in Douala geboren, arbeitete sie als Projektkoordinatorin und später als technische Beraterin in Senegambien. Sie zeigt dieses Missverständnis zwischen Europäern und Afrikanern am Beispiel des Entwicklungsbegriffs. Sie ist der Überzeugung, dass Afrika nicht gleich wie andere Kontinente behandelt wird; dass der Europäer mit zwei Haltungen - bewusst oder unbewusst - an Afrika und afrikanische Angelegenheiten herangeht: mit Paternalismus oder einem Vater-Kind-Verhältnis einerseits, andererseits mit einem Wildparkschutzdenken - entsprungen seiner kaputten Welt und der Sehnsucht, irgendwo noch eine heile Welt zu erhalten.

Kabou klagt vor allem die Wohlwollenden und Engagierten an und denkt besonders an die privaten Hilfswerke. Diese möchten, so meint sie, ein idyllisches oder primitives Afrika erhalten, eine Vorzeit, ein in illo tempore im Museum von Afrika, einen grossen Tier- und Wildpark, ohne Menschen, die nur stören oder zerstören. Diese "Guten" möchten von Afrika alles "Ungute" fernhalten, nehmen daher den Menschen in zwei Teile auseinander. Nur einteilig wurde daher Afrika bis anhin entwickelt und so konnte diese Entwicklung bloss fehlgehen. Afrika sollte ökologisch und angepasst, klein und fein bleiben. Daher wurde in 30 Jahren fast nichts in die Erweiterung der Infrastruktur gesteckt, denn Strassen seien in Afrika schlecht, weil sie Autos und Laster anziehen würden; Strom sei in Afrika schlecht, denn die Menschen würden Kühlschränke und Fernseher daran anschliessen; Kommunika?tion sei schlecht in Afrika, denn die Menschen könnten mit den falschen Menschen faxen und telegrafieren; etc.

Auf der Basis von einer "afrikanischen Mentalität", die vorgelegt wurde von R.P. Tempels, Leo Frobenius und Marcel Griaule, den europäischen Kirchenvätern für Afrika, werde entwickelt. Kabou schreibt klar und eindeutig und bekräftigt, dass "Afrikas Unterentwicklung nichts mit Kapitalmangel" sondern mit Mentalität (und zwar auf beiden Seiten) zu tun hat. Afrika habe sich Visionen von aussen geben lassen; begann selbst an die Extrakte von Anthropologen von aussen zu glauben; habe sich im Nebel von Visionen einlullen lassen... Eine der in Europa und Entwicklungskreisen beliebten Persönlichkeiten sei Albert Tévoèdjrè gewesen. Er hätte wohl am liebsten aus Afrika ein Kloster gemacht. Demgemäss habe er die Armut als Schatz besungen. Warum sein Buch La pauvreté, richesse des peuples (Paris 1976; auf deutsch bei Hammer) ein linker Bestseller hätte werden können? möchte Kabou wissen.

"Afrika tötet sich langsam selbst, nein, es macht fortgesetzten Selbstmord in einem kulturellen Elfenbeinturm begleitet mit moralischer Entrüstung." Doch sowohl existiert dieser Turm nicht und sei reine Fiktion, als auch ist die Entrüstung langsam in unerträgliche Larmoyanz übergegangen.

Kabou nennt den ganzen Komplex "das Freitagssyndrom" oder "le vendredisme". Sie holt diese Figur bei Daniel Defoe und aus seinem Roman Robinson Crusoe hervor. Dort trifft der weisse Forscher auf einen Wilden und nennt ihn, weil es gerade dieser Wochentag ist, Freitag. "Die Ankunft eines neuen Geistes, einer, der wirklich kritisch ist, kann in Schwarzafrika erst nach Ermordung von Freitag erwartet werden."

Denken wir daran, wenn wir von Afrika lernen wollen, was wir eigentlich übernehmen und ob nicht das von uns Ausgewählte und Gepriesene eine bereits früher von uns vorfabrizierte Projektion nach Afrika ist. Kabou: "Es ist interessant, wie auch noch heute afrikanische Forscher selbstverständlich von europäischen Hypothesen ausgehen und natürlich bei sich auf dem Kontinent immer eine Bestätigung finden. Haben sie noch nie daran gedacht, dass dem bloss so sein könnte, weil diese Ideen solange vorgeredet wurden und nun einfach geglaubt werden und nun sogar afrikanisches Handeln und Benehmen prägen?"

 

c) Kä Mana

Gleichzeitig mit Kabou erschien ein weiteres Werk von Kä Mana unter dem Titel L`Afrique va-t-elle mourir? bei Cerf, Paris. Kä Mana ist protestantischer Theologe und afrikanischer Philosoph, lebt und wirkt in Dakar, Senegal.

Wie Kabou ist auch Kä Mana der Überzeugung, dass Afrika in den letzten 50 Jahren auf lauter Mythen oder Illusionen aufgebaut habe. Die Intellektuellen von heute seien nicht fähig, kritisch mit Mythen umzugehen. Mythen könnten zu bestimmten Zeiten eine wichtige Rolle spielen, doch später - wenn nicht aufgegeben oder umgewandelt - "zum Fundament auf Sand" werden.

Kä Mana entlarvt folgende Mythen:

  • Mythos "Europe": Europa als Vorbild; Europa als Welt; Europa als Gegenüber; Europa als ganz anders; Europa als Endziel...
     
  • Mythos einer gesamtafrikanischen Identität; daher Verflachung; Verfolgung von Minderheiten, d.h. den über 1000 einzelnen, aber damit eo ipso anderen Völkern...
     
  • Mythos der Unabhängigkeit: mit ihr hätte alles ganz anders kommen müssen; doch sie hat die interne Kolonisierung mit nationbuilding fortgeführt...
     
  • Mythos der Befreiung: Befreiungsbewegungen glauben sie hätten befreit und sie selbst seien eo ipso Befreite und doch entstanden aus ihnen die stumpfsinnigsten Tyrannen (Stalinisten)...
     
  • Mythos der Entwicklung und Mythos der Demokratie. Die letzten zwei genannten Begriffe würden stets zur Manipulation eingesetzt. Es sei sehr schwer, Spreu und Weizen voneinander zu unterscheiden.

Kä Mana - auch er - will Afrika nicht isoliert und als Schutzzone sehen. Afrika sei stets in die Welt hineingenommen worden - seit den Ägyptern, den Arabern, den Kolonialisten. Ein Afrika ohne andere Einflüsse und somit eingefärbte Eigenschaften gebe es nicht.

Die letzten zwei Autoren rufen letztlich zu einer neuen Sachlichkeit auf. Beide versuchen, was leider immer weniger geschieht, Begriffe und ihre Bedeutung kritisch auseinanderzunehmen und zeigen, dass Worte mehr als Worte sind.

 

 

 

3.Teil: Afrika und wir

Nach diesen Vor-Überlegungen können wir sachlicher und mit Respekt an ein schwieriges Bezugssystem herangehen.

Afrika und Europa gehören schicksalsmässig längst zusammen. Manchmal kommt es einem vor wie in der Psychoanalyse: der verdrängte Kontinent; das heikle Verhältnis von bewusst und unbewusst; oder der Schatten des anderen...

Europa hat Afrika positiv wie negativ mitgeprägt, zum Teil wurde Altes zerstört, mindestens verdrängt, aber Neues kam dauernd hinzu und interagierte - mit Kräften und Einstellungen, die zwischen Hass und Liebe, zwischen totaler Abstossung und unkritischer Akzeptanz, zwischen Eklektizismus und fortgeführter und stets erneuerter Tradition liegen.

Afrika und Europa können sich nie mehr ohne den andern definieren. Sowohl eine afrikanische als auch eine europäische "Identität" hat den anderen Teil stets einzuschliessen. Das muss einerseits positiv und aktiv, d.h. Geschichte aufarbeitend, geschehen, indem beide Teile zur Kolonialgeschichte stehen. Andererseits darf man wissen, dass nicht alles nur Hass und Feindschaft war, sondern auch - wenn oft ein unbeholfenes - Schätzen und Träumen.

Diese "Identität" müssen heute, dreissig Jahre nach der äusseren Unabhängigkeit, beide, Afrika und Europa, im Ganzen und in Teilen neu suchen und bewusst machen.

Afrika und Europa müssen realistischer werden und mit Missverständnissen rechnen. Daher benötigen beide für die Überbrückung von dauernd entstehenden Missverständnissen so etwas wie institutionalisierte Vermittler und Analytiker, geistige Grenzgänger und Schlepper, Spinner und Mystagogen, aber auch Demaskierer und respektlose Kritiker.

Afrika und Europa müssen daher alle Kräfte im wissenschaftlichen wie pragmatischen Bereich bemühen, etwa den Politiker und den Psychologen, Analytiker, Dichter oder Theologen genauso wie mutige Menschen und pragmatische Macher mit mehr Initiative und Risiko, Unternehmer und Mittelständische, die immer wieder sowohl von den Sozialwissenschaftlern als auch im Alltag des Lebens verdächtigt wurden.

Afrika und Europa müssen akzeptieren, dass beide Vielvölkergemische und multikulturell sind. Und dass daher beide schwer und auf keinen Fall exklusiv (im Sinne des typisch Afrikanischen) zu erfassen sind.

Afrika und Europa dürfen aber auch wissen, dass aufgrund des gegenseitigen aneinander Reibens beide Wunden oder Spuren abbekommen haben.

Afrika und Europa sollen das vom anderen Verdrängte suchen.

Afrika und Europa müssen sich in Zukunft gegenseitig akzeptieren und respektieren. So erst vermag Gegenseitigkeit und Partnerschaft zu entstehen.

Isolierte Schuldgefühle und gegenseitige Beschimpfungen bringen nichts; sind nicht nur fruchtlos sondern auch kontraproduktiv.

Momentan spielen beide ein dummes Katz-und-Maus-Spiel. Der eine beschimpft den anderen und sucht, ihm mit Reue- oder Schuldgefühlen einfach Geld abzugewinnen. Eigentlich nennt sich so etwas Erpressung: ein solcher Weg kann niemals einer der Wiedergutmachung oder der Normalisierung der Beziehungen sein.

Letztlich, doch deutlich und klar, heisst das: Afrika und Europa haben sich weiterhin zu entkolonisieren; eine Freiheit im Zusammensein und Zusammenmachen zu finden. Erst in dieser Frei-Mütigkeit entsteht ein Klima des positiven Streitens.

Dieses Entkolonisieren bedeutet für beide Teile ein Wegkommen von Monokulturen: sei es der Eurozentrismus oder Ökonomismus, der Kapitalismus oder Konsumerismus. Monokultur würde es auch sein, wenn nur ein Machen und Tun gefordert würde, um dem Nach-Denken oder gar der Geschichte zu entrinnen.

Heilungsprozesse werden auf beiden Seiten eingeleitet mit dem Studium von Geschichte, dem Lesen der Literatur der anderen, dem Akzeptieren der kritischen Durchleuchtung. Beide brauchen Kritik und Kontrolle.

Zur Stimmung sei der Schluss eines Gedichts aus Senegal von Frau Ndeye Coumba Mbengue Diakhate zitiert:

...
Denk daran, weisser Bruder...
In den Schützengräben von Verdun
Löschte die gemeinsame Feldflasche uns das Feuer in den Kehlen
Unsere beiden Leiber umfingen sich in der Ewigkeit des Todes

Weisser Bruder, noch ist der Schwarze so -
heute...
ausgebeutet, hungrig, erniedrigt;
immer noch derselbe Bruder,
der doch nur
verachtet in deinen Strassen
mit dem Reisbesen sein hartes Brot sucht.

 

 

4. Teil: Zurück zum Alltag

Niemand muss doch daran erinnert werden, dass Afrika heute mitten unter uns ist. Längst erleben wir es - vielleicht sogar schmerzlich. Auch wenn Reisen nach afrikanischen Ländern hilfreich sein können, sind sie auf dem heutigen Hintergrund eine Flucht, wenn nicht gleichzeitig die Reise in den Hinterhof der Nachbarschaft angetreten wird.

Afrikanischen Menschen gehören längst nicht nur zu unserer Mit-Welt, sie sind Mit-Menschen und Nachbarn. Eine solche Lage soll nicht dramatisiert, aber auch nicht beständig mit Schwarz-weiss- Rastern und -Filtern behandelt werden. So verschieden voneinander sind wir nicht. Und dennoch: es gibt etwas Afrikanisches und etwas Europäisches. Das jedoch müssen wir selbst erfahren, erleben und dann auch hinterfragen, ob das Andere vielleicht etwas in mir Verborgenes oder gar Verdrängtes war oder ist...

Vielleicht haben wir zu lange auf Fernstenliebe aufgebaut und die Nachbarschaft bei uns vergessen. Vielleicht haben wir das Kommunale nach Afrika projiziert und nachdem nun afrikanische Menschen da bei uns sind, tun und behandeln wir sie so, als ob sie nichts Kommunales mehr bräuchten. Völlig schizophren ist diese Einstellung von einer strikten Trennung zwischen hier und dort.

Ich glaube, dass wir Menschen andere Menschen nicht abstrakt schätzen lernen können. Ohne ein gemeinsames Zusammenleben, ein an sich gegenseitiges Reiben, sich miteinander freuen und bespotten, ohne Witz und Humor, aber auch ohne etwas Zank und Streit gibt es kein Aufbrechen einer anderen Kultur und ohne Aufbrechen keine Einsicht in ihr Inneres.

 

Aus Michel Kayoyas Auf den Spuren meines Vaters:

Jede Begegnung von Kulturen verursacht Reibung
Reibung bringt Verschleiss
Reibung ist schmerzlich
Reibung poliert
Reibung verschönert. 

Die Kultur meines Vaters
rieb sich an der Kultur des Abendlandes.
Die abendländische Kultur wird von Weissen getragen.
Sie sind gross und klein,
Sie sind stark und schwach
Ich habe sie durchschaut
So gewöhnlich wie wir
So menschlich wie wir
So alltäglich wie wir
So gross und klein wie wir

Als ich sie erkannte
Menschen wie wir
Wie wir

Wenn wir beginnen, das Nachbarschaftliche und Kommunale bei uns sowohl wichtig zu nehmen und aktiv zu leben, dann verändern wir sowohl Europa als auch Afrika. Das kann der Ansatzpunkt und muss der Ausgangspunkt sein. So nur entsteht Partnerschaft.

Schon deshalb muss ich mich vehement gegen eine Kasernen- und Massenunterbringung von Fremden und ganz besonders von Afrikanern wehren. Zuviele schwarze Menschen an einem Ort, in einem Ghetto, in einer Kaserne, sind wie eine bedrohliche Armee. An solche Sachen haben wir bei Asylunterbringungen zu denken. Ein Teil des unverzeihlichen Fremdenhasses bei uns geht auch auf diese Barraken und Konzentrationslager voll mit Asylsuchenden zurück. Schon allein durch die Art und Weise des Unterbringens werden sie zum Pack gemacht.

 

Was für eine Zukunft für Afrika?
Ich wünsche Afrika und Europa eine gemeinsame.

 

&&&

Al Imfeld, März 2009