Diktatur der Finanzmärkte, EU-Krise und Widerstand

Besprechung

Widerspruch 61
Diktatur der Finanzmärkte, EU-Krise und Widerstand
31, Jg/2. Halbjahr 2011. 216 S. Fr. 25.-

Da das Thema verflochten und somit auch kompliziert ist, zudem wohl kaum ein Thema soviel Ideologie mit sich bringt, braucht es sehr viel Geduld und Ausdauer durch all die 15 Beiträge sich durchzulesen. Doch es lohnt sich und der Leser bekommt sehr viel Wissen und Übersicht mit.

 

Das Heft hat viel mit EU Technokratie und zu wenig demokratischer Balance (d.h. Dominanz von Deutschland) zu tun. A. Scheele gibt über diese Komplexität sehr gut Einsicht. Er weist sowohl auf Defizite durch die Untervertretung der Frauen als auch auf viel zu viel Technokratie hin. Diese Defizite nimmt weiter K. Dräger auseinander und geht auf diese Missbalance ein. Im Grunde geht es nicht Finanzen und Währungskrise, sondern um eine Kultur der Rücksichtnahme und des gegenseitigen Respekts. Auch in anderen Artikeln kommt diese Dominanz des Ökonomischen mehr und mehr an den Tag. Die Finanzkrise offenbart primär ein demokratisches Defizit. Viel zu wenig wird auf ein kulturelles und ethisches Manko eingegangen.

Der Gefahr einer Verteufelung ist G. Kritidis nur knapp entgangen. Eine Analyse Griechenlands unter dem Diktat der Troika müsste weiter ausgreifen und das eigene Versagen – sowohl der Parteien als auch der Gewerkschaften – ehrlich und kritisch unter die Lupe nehmen. Warum kommt immer wieder utopischer Grössenwahn auf? Wo liegen die Wurzeln? Und da müsste mehr auf Geschichte und sogar Psychologie eingegangen werden. Ich wage zu fragen, ob es wirklich Protest oder doch mehr blinde Verzweiflung war, was in letzter Zeit sowohl beim Volk als auch bei den Gewerkschaften geschah? Wenn man es jedoch soweit kommen lässt, sich gegen jegliche Reform stemmt und nur bockt, kann da mit traditioneller und demokratischer Rechtsform (im Artikel von G. Kassimatis) vorgegangen werden? Nein. Aber so wie die Lage auf beiden Seiten ist, man endet in einem Katz-Maus-Spiel. Es ist keine Leitfigur im Sinne von ML King oder Nelson Mandela oder damals de Gaulle herum. In jedem historischen Prozess kommt es notwendigerweise laufend zu Gesetzesverletzungen. In diesem Augenblick sich auf eine längst veraltete griechische Verfassung zu berufen, finde ich zynisch. Genau das Gleiche gilt für die EU Verfassung (H-J Bieling).

Herausfordernd finde ich, dass „Unternehmergewinne das Finanzsystem“ (W. Vontobel) zerstören sollen. Warum? Da sind wir wieder mitten in der Finanzkrise.
Selbst diese muss multidimensional analysiert werden. Bei soviel weltweiter Vernetzung haben Monokausalität (im wissenschaftlichen Sinn) und erst recht Eurozentrismus ausgedient. Der Autor selbst mahnt uns am Schluss: „Zeit, dass die Ökonomen endlich ihr Handwerkszeug lernen.“ Für Erweiterung des Blickfelds scheinen R. Herzog/H. Schäppi zu plädieren: „Gemeinsam für eine globale Transformation.“ Kommen zu diesem Gemeinsam nicht auch der Osten mit Russland, China, Indien oder selbst Australien und der Westen mit Brasilien u.a. hinzu? Wirtschaft ist global geworden, das ist Fakt und keine Ideologie. Zum Beispiel: Lange genug haben wir sog. Drittwelt-Engagierten für Arbeitsplätze im Süden plädiert. Nun findet diese Expansion langsam statt; dies ist für uns Europäer und Gewerkschafter (V. Pedrina) nicht leicht. Das ist jedoch im grösseren Rahmen die Problemstellung. Darauf haben wir einzugehen und nicht zu klagen.

Ich finde diese Umschichtung und den interkontinentalen Wandel zu wenig in den Artikeln. Ich meine auch, Europa hat es deshalb so schwer, weil es sich zu sehr mit sich beschäftigt und zu defensiv ist.

Vieles müssen wir wohl langsam neu zu definieren und sehen beginnen, etwa Arbeit oder Migration. Selbst bei Tarifverträgen (N. Imboden/R. Erne) müssen neue Fakten und Einsichten einfliessen. Ich weiss natürlich nicht, was genau, doch das bedeutet nicht, dass ich schweigen soll. Wir benötigen mehr Querdenker, auf keinen Fall Ideologen.

Das Heft spornt wahrlich an. Eine Auszeichnung hätte Ueli Mäders Beitrag über „Reichtum und Armut“ verdient ; er reisst Perspektiven auf. Auch Peter Niggli bringt mit „EU-Rohstoffpolitik und ihre geostrategische Stossrichtung“ andere zentrale Anliegen als nur Finanzpolitik und Rettung des Euro ein. Gian Trepp packt Leser mit „Metropolitanwirtschaft“: „Überall auf der Welt sind Ansätze zu regionalen Wirtschaftsräumen neuen Typs erkennbar.“ Das macht Geschichte spannend. Wir sind längst nicht nah am Untergang sondern an einem einschneidenden Übergang.

Ich habe zwar im Zusammenhang mit Tropenlandwirtschaft auch Wirtschaftswissenschaft studiert und bin immer noch ein täglicher Leser der Financial Times. Da ich jedoch den Vorteil habe, auch Theologie, Soziologie und Journalistik studiert zu haben, suche ich stets nach Vernetzungen, anderen mitwirkenden Faktoren als ökonomische Abläufe. Es mag lächerlich erscheinen, dennoch gehört es zur condition humaine dass stets hinter einer Kapitalspekulation etwas Apokalyptisches mitschwingt, bei den Schulden sehr viel magisches Spiel mit dem Risiko, hinter dem Kapitalismus Teile kalvinistischer Theologie oder ein trotziges Bekenntnis zu irdischer Realität, ein folkloristisches Ahnen von der Doppeldeutigkeit der Materie, usw. Die Menschen wurden schliesslich vom Geldkapitalismus eingelullt, begannen zu träumen vom eigenen Haus, vom naiven Glauben wie beim Lotto, dass wider alle Vernunft irgendein Dazwischen sie positiv treffen würde. Ein Abbild davon sind auch die Gewerkschaften, die den Mitgliedern kaum Askese oder finanzielle Einschränkung predigen, was auch nicht ihre Aufgabe wäre.

Solche Themen müssten heute viel mehr in „wissenschaftliche“ Analysen von Finanz- und Marktkrisen einfliessen.

Das Heft enthält noch viel mehr. Auf einen spannenden Beitrag – ausserhalb des Hauptthemas - weise ich noch hin: R. Bossart, Atheismus und Religionskritik. „Der Glaube der anderen“ bringt interessante Aspekte zum eigenen Glauben und Glaube der anderen, zu Vulgäratheismus und Rückkehr des Religiösen. „Die Sichtbarkeit ist das Problem und nicht die innere Handlung“, denn „im Grunde ist Glauben immer...etwas Äusserliches, das sich an Handlungen zeigt“.

Hingewiesen sei auch noch auf Christiane Goll Beitrag Gewalt gegen Frauen.


Al Imfeld©
März 2012