Die Kraft Afrikas

Rupert Neudeck, Die Kraft Afrikas.

Warum der Kontinent noch nicht verloren ist. 
Verlag C.H. Beck, München 2010. 256 S.

 

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Der Autor kann an diesen Komplex Afrika mit doppelter Erfahrung herangehen: als ein Journalist mit langer Erfahrung beim Deutschlandfunk und versteht, wie man mit Themen lesergerecht umgehen kann, und als Begründer – und das ist selten – des renommierten Hilfswerks Cap Anamour, der zwar die enormen Bedürfnisse kennt aber auch weiss, dass “Bettler“ einer Sprache mächtig werden, die zu verführen vermag. Vor uns liegt also ein Buch, das lebendig und anschaulich geschrieben, und auch immer wieder direkt vor den scheinbar Grossen und Mächtigen steht (Fotos beweisen es sogar). Es ist im guten Sinn erlebte Geschichte in Geschichten. Das Buch enthält drei grosse Blöcke: Die Last der Vergangenheit mit (deutschem) Kolonialismus und Mission mit besonderem Einblick im Kongo und Ruanda (27-88), gefolgt von Vergebenen Chancen nach der Unabhängigkeit (91-148) und einen Einblick in Gegenwart und Zukunft, von den Chinese bis zum Fussball (153-229).

Man erfährt, was alles nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland gegenüber Afrika verpasst wurde, statt Chancen wahrzunehmen, wurde man ob des DDR-Dorns im Auge blind und für Handlungen gelähmt; die Hallstein Doktrin hat Westdeutschland jegliche Auseinandersetzung mit dem Kontinent verunmöglicht. Westdeutschland hätte die Führung bei der EU in Sachen Afrika übernehmen können; es vergab sie und schloss sich fast innigst um der Macht willen den kolonial Traumatisierten und ohne Abstand dastehenden Ex-Kolonialisten der jüngsten Zeit an. Alle Aussenminister waren im Umgang mit afrikanischen Staaten Analphabeten; keiner bis zum Ex-Bundespräsidenten Köhler fand sich zurecht; sie handelten selbst wie Kinder mit scheinbar Unterentwickelten.

Wo Neudeck ganz stark ist, sind die durchs ganze Buch hindurch zerstreuten kirchlichen Einblicke. Auch hier kommt an den Tag eine unglaubliche Unbeholfenheit. Daraus kann gefolgert werden, dass Mission und Kirche es stets wohl meinten, aber alles blieb an der Oberfläche. Man kann ihnen nicht direkt Kolonialismus vorwerfen, aber die Erziehung zur Unterwürfigkeit und zum Taktieren. So auch in der Nachfolge: Bischöfe schrieben zwar Hirtenbriefe –letztlich fürs Archiv aber nie auf den Kopf eines Nagels. Sie warfen so etwas wie spirituelle Streubomben ab. Sobald es konkret wurde, wie etwa beim systematischen Mobbing des zimbabweschen Erzbischofs Pius Ncube (134), schwiegen sie „um eines höheren Gutes willen“(!).

Das Unterkapitel „Warum ist Ghana nicht Südkorea?“ ist paradigmatisch fürs gesamte Afrika. Wir im Westen nahmen jeden Strohhalm auf und glaubten zu Beginn eines neuen Manns stets ehrlich, nun komme doch ein Übermensch an die Macht: von Nkrumah bis Mugabe, von Nyerere bis zu Mbeki, von Kagame bis zu Museveni. Durch diese überspannten Erwartungen haben wir Gutmenschen wegen Über-Erwartung alle in den Konkurs treiben müssen. Wer Afrika helfen will, sich langsam von 500jähriger Schmach zu erholen, darf nicht mit Geld sondern mit Respekt beginnen. Wir können Afrika nicht in unser Mass hineinpressen; wir haben Afrika in allen Verschiedenheiten und auch Verrücktheiten den eigenen Weg zuzugestehen. Afrika holt nicht auf; sonst muss es ewig hintendrein rennen. Afrika in aller Breite und Weite bedeutet Mischkultur. Afrika ist weder einfach noch urtümlich, auch nicht positiv primitiv sondern hybrid und uralt, denn die ersten Menschen stammen – nach heutiger Annahme – aus diesem Kontinent. Afrika hat eine der ältesten Agrargeschichten und die wohl älteste Religion der Welt.

Wo natürlich aus seiner Erfahrung Neudeck ganz stark ist, sind Migrationsgeschichten. Er war stets nah bei der Tragödie (besonders Äthiopien und Rwanda, Sudan und Uganda) dabei, wurde selbst hilflos gemacht. Europas Mensche zeigen wenig Verständnis für Afrikas Menschen, von denen die Franzosen in ihren Schulbüchern bis heute behaupten, sie seien Gallier. Neudeck (165): „Die Nicht-Politik Europas wird uns in den nächsten Jahren schwer belasten. Das Problem der Migration wird quälender werden als al-Qaida.“

Viel Einblick gewährt die kontinentale Aufarbeitung vom Kommen Chinas auf den Kontinent. Die Chinesen haben ihre Chance genutzt. Im Gegensatz zu den ehemaligen Kolonialmächten, die eine Kehrtwende nie fanden und gar nach der Unabhängigkeit ausbeuterischer denn zuvor vorgingen. Der Westen dachte nie (auch die privaten Hilfswerke) an einen soliden Ausbau der Infrastruktur. Meiner Meinung nach kamen alle nie über das Albert-Schweitzer-Syndrom hinaus. Bei der Entwicklungspolitik offenbart sich die andere Seite von Neudeck: Der Helfer, der Praktiker mit „positiven Beispielen“. Das Buch schliesst beinahe im Kreis: Hallstein zu Beginn und am Schluss Schweitzer. Dass die momentane Hilfe gegenüber Afrika eine andere sein muss, sieht jedoch auch Neudeck ein. S. 202f: „Wie könnte eine neue deutsche Entwicklungspolitik aussehen?“

Ein spannendes und empfehlenswertes Buch. Die Frage „Warum Afrika noch nicht verloren ist?“ ist jedoch für den Ausstehenden und Ungläubigen kaum beantwortet. Ob die überragende Gestalt Mandela, der Fussball und die wilden Tiere um B. Grzimek schon genug Zeichen sind? Dennoch: Es ist der heroische Wille afrikanischer Menschen – uns meist verborgen - zum Überleben; die Menschen, nicht nur die Frauen, müssen alle zusammen einstimmen in den Chor: „Yes, we can.“

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2. 8. 10, Al Imfeld