Kongo & Liberia

Hinweis auf zwei ausserordentliche Sachbücher


David Van Reybrouck, KONGO. Eine Geschichte. Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2012. 783 S. SFR 42.90

Jesse Mongrue, M.Ed, LIBERIA. America’s Footprint in Africa. Making the Cultural, Social and Political Connections. iUniverse, Inc. Bloomington 2010, 2011. 142 pp. etwa SFR 28.-


Es ist heute ein ausserordentlicher Glücksfall, gute afrikanische Länderstudien zu finden. Diese zwei Titel sind nicht nur eine Ausnahme sondern auch ein Lust-Gewinn, der jedem Afrikainteressierten das Herz höher schlagen lässt.

Das Kongo-Buch
Da schaut uns auf dem Umschlag ein eindrückliches schwarzes Gesicht fast bittend an: Komm und lerne uns etwas besser verstehen. Es ist das dicke Kongo-Buch. Aber das muss man ja nicht von A bis Z lesen. Man kann sich einfach ein Kapitel vornehmen. Mitten in den total verwirrenden Unabhängigkeitszirkus, zwischen Belgien und Kongo hin und her, dazwischen kommen die UN, die USA, sofort gefolgt von der Sowjetunion und kurz danach die Volksrepublik China. Also nimmt man sich das 6. Kap. vor „Unabhängigkeits-Cha-Cha-Cha“, die Periode von 1955-1960. Sie werden damit kaum aufhören können und gehen weiter zum „Donnerstag im Juni“. Natürlich kommt der Gwunder nach Lumumba und Hammarskjöld. Der Autor hat bestens recherchiert, stammt selbst aus dem Kongo, lebt immer dazwischen; er kann auch faszinierend schreiben. Man spürt sofort wieder den Theatermann, der das unübertreffliche eineinhalbstündige Theaterstück „Mission“, basierend auf Interviews, schrieb. Szenisch geht er ab 1870 diese Kongo-Tragödie durch- Hätte es jemals anders kommen können? Was für einen Irrsinn haben König Leopold II. und später die Belgier stets im Wahn des Besten und Vorbildhaften aufgerollt? Wieviel Verschwörung ist hinter den vielen Morden? Kann der CIA überhaupt soviel Dummheit zugemutet werden? Ist Mobutu letztlich nicht genau die Puppe von Leopold, die plötzlich lebendig wird? Wir befinden uns in einem Hollywood-Horror-Film, der zeit- und raumverschoben (und mit wieviel Geistern und Drachen?) vor sich ging. Van Reybrouck nimmt schichtweise auseinander, vermeidet jegliche Falle der vielen Verschwörungstheorie, geht wie ein Kriminalanwalt vor, um aber sofort wieder alles in einen Zusammenhang zu stellen. Man spürt wirklich hinter allem Ehrlichkeit.

Das Liberia-Buch
Auch hier ist ein leidenschaftlicher Historiker am Werk; obwohl Amerikaner will er nichts beschönigen; er will einfach einen mehr als 200jährigen Vorgang als das, was er in einer anderen Variante wirklich war: eine Kolonisierung, die konstant auf Mythen basierte. Auch hier ein Buch, dessen Sprache dramaturgisch ist, leicht beschwingt und stets bemüht, ehrlich zu sein. Selbst an US Universitäten (ich habe selbst 4 erlebt) wurde gelehrt, Liberia sei die einzige afrikanische Demokratie. Die Ex-Sklaven, die in ein Land an der Atlantikküste ausgesiedelt wurden, die damals noch nicht bevölkert war (man vergass die 16 Kleinvölker im Hinterland), hätten zusammen mit Firestone eine blühende Wirtschaft entwickelt. So glaubten wir, bis man selbst hinreiste; selbst einmal da, wurde vor Ort sogar dasselbe erzählt. Ging man jedoch hinaus, spürte man bald, hier braut sich ein tropisches Gewitter zusammen. Es überrascht, dass einer der ersten grossen schwarzen Afrikanisten und Harvard ausgebildeter Sozialwissenschaftler, W.E.B. DuBois, den Gummiproduzenten und Reifen-Multi Firestone „zur wirtschaftlichen Entwicklung“ Liberias gewonnen hat. Alles lief an der Oberfläche beinahe majestätisch ab, bis 1990, als wie ein Sturmgewitter der kleinwüchsige Einheimische Samuel Doe über die Kongolesen (so nannten sich die Ex-Sklaven) herfuhr. Später kam es zu einem der grausamsten Bürgerkriege unter Taylor (2012 in Den Haag des Völkermords verurteilt). Seit 2006 wird das ruinierte einstige Traum- Land von der ersten Frau auf dem Kontinent, Ellen Johnson- Sirleaf regiert.

Zwei Bücher, die sich mit zwei afrikanischen Tragödien beschäftigen. Wichtig für uns im Westen ist, dass die Beziehungen beider Länder zu ihrem Kolonialisten an der Oberfläche Glamour und galant waren, eine Geschichte der Selbsttäuschungen, aber auch ein Hinweis, wie stark in der Weltpolitik mit Mythen und Lügen gelebt wird – einst und jetzt.

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Al Imfeld©
17. Juni 2012