Zum Thema Migration - allgemein und Afrika im besonderen

I. Teil: Vor dem Kolonialismus

Seitdem wir historische Kenntnisse oder Hinweise von Menschen haben, gehört es zu den dauernd wiederkehrenden Gegebenheiten: Sie zogen aus. Das ist zu einem zentralen Ausdruck in der Mythologie genauso wie damals oder in illo tempore geworden.

 

Sie zogen aus. Warum?
Diese Urmenschen lebten in der Welt. Sie kannten weder Staaten noch Grenzen. Immer wieder kam die Frage hoch: Wie weit geht diese Welt? Hat es anderswo auch noch Menschen? Sie dachten und handelten schon damals global.

 

Die meisten zogen aus, nicht weil sie aus Not mussten, sondern vorerst war da die Neugierde und weiter die Sehnsucht, etwas anderes nicht ein Zuhause zu finden. Bestimmt liebten alle ihr Zuhause, aber tief im Innersten gab es diesen Drive, einmal weg in der Fremde zu gehen.

Wahrscheinlich war es stets auch eine Suche nach mehr Glück und Wohlfahrt.

Wir haben von diesen urmenschlichen Empfinden auszugehen. Erst heute ist eine negative Deutung hinzugekommen. Sie kannten noch keine Nation, nur die Verwandtschaft. Ein Teil davon zog mit. Man wusste einfach ganz realistisch, dass man selbst aus einer Grossfamilie einmal wegziehen sollte, um auf sich selbst gestellt zu sein und um eine neuen Ast einer Grossfamilie zu gründen: Man dacht wohl baumhaft.

Viele waren daher schon damals unterwegs. Und dieser Exodus ist denn auch das Thema jeder Mythologie.

Etwas Moralisches muss unbedingt angeführt werden. Wandern war ein Ritual des Hintersichlassens, aber nicht des Vergessens. Es war keine Flucht oder Verleugnung des Vergangenen; solches ist heutige und vor allem abendländische Sicht.

Es war der G’wunder nach einer – schon damals – besseren, fruchtbareren, interessanteren Welt. Heute sprechen wir von Abenteuer, damals schien es mehr die Abwechslung und das Interessantere zu sein. Glaube und Hoffnung kamen zusammen.

 

Ausrichtung in die Weite oder Ferne, nicht nach oben zum Himmel
Etwas muss dazugefügt zu werden. Wir heute, durch die drei monotheistischen Religionen geprägt, schauen zum Himmel und richten uns langfristig auf den Himmel aus. Die meisten Völker und Religionen der Welt kannten keinen Himmel; für sie gab es die Ferne, und das hiess die Fremde.

Selbstverständlich gibt es auch eine andere Seite zur Freiwilligkeit. Zänkereien und Krieg vertrieben immer wieder vor allem Sonderlinge und Minderheiten oder solche, die erst vor kurzem eingewandert waren.

Jeder Eroberer vertrieb Volkseinheiten. Die jüdischen Mythen können zur Erklärung sehr hilfreich sein. Josef wurde nach Ägypten verkauft und stieg in der Sklaverei langsam auf. Er gründete ein neues Volk, das die Ägypter jedoch nicht anerkannten. Die Kinder von Josef integrierten sich nicht in der ägyptischen Gesellschaft, schufen eine Parallelgesellschaft und wurden zur Herausforderung. Daher wollten sie weg; es gelang ihnen; ein Teil zog in die Wüste, ein anderer Teil kam aufs äthiopische Hochland. So wurden neue Völker geboren. Ihre Ausrichtung war das neue Zion, das neue Jerusalem, die hl. Stadt auf dem Berg, also ein fester Punkt, zu dem es immer wieder zurückzukehren galt.

Dieses neue mosaische Volk wurde später vertrieben und kam ins Exil ins Zwischenstromland, nach Babylon. Auch diese Gruppe integrierte sich nicht; sie zogen mit neuen Kräften und einem Willen, das Alte aufzunehmen und gar zu verfestigen, zurück, rund um den Hl. Berg.

Anders wickelte sich die chinesische Ausbreitung ab. Die Chinesen, die das Zentrum nach und nach verlassen haben, bildeten einen Ring nach dem anderen um das Zentrum, die Sonne.

 

Das afrikanische Phänomen
Wir haben bis heute keine Ahnung, was die afrikanischen Menschen aus dem Grabenbruch heraustrieb, nach Arabien, Indien, Indonesien und hinüber bis nach Australien. Wir haben diesen Zusammenhang durch die Genetik erst vor kurzem bestätigt bekommen. Die Dimensionen der Distanzen überraschen uns heute; wir vermögen eine derartige long-distanse migration nicht vorzustellen. Wir werden dauernd mit neuen Fakten überrascht, etwa, dass die australischen Ureinwohner mit den südafrikanischen San (Buschvölkern) eindeutig verwandt sind.

Wir haben auch ein Phänomen in anderer Richtung: von Ost nach West. Indonesier sind definitiv mit Booten, aus Bananenstauden geflochten, nach Madagaskar gefahren und konnten nicht mehr zurück.

Ein sensationelles historisches Ereignis aus dem 14. Jahrhundert gibt Rätsel bis heute auf. Da fragte der Malikönig Abubakaris II., ob der Ozean Grenzen habe und zweifelte daran. Er wollte eine Bestätigung und liess im Jahr 1303 300 Schiffe (Barken) auslaufen; ein einzige Überlebender schilderte den Untergang. Doch unbeirrt schickte der König 2000 Schiffe aus: er übernahm sogar die Leitung. Gehört hat man nie mehr etwas von der Expedition; daher gibt es bis heute Spekulationen, Afrikaner hätten vor Columbus Amerika aus dem Westen angefahren. Übrigens würden sich einige der heutigen Bootsflüchtlinge an dieser Geschichte „magisch packen“ lassen.

Afrika kennt zudem zwei weitere Wanderungen.

  • Die eine ist die Bantu-Wanderung, aus dem kongolesischen Tropenfeuchtwald heraus, ein Teil nach Osten über Rwanda-Burundi bis Uganda, dann an die Küste des Indischen Ozeans, um dann gruppenweise gen Süden bis Südafrika zu ziehen. Ein anderer Teil bewegte sich nach Angola und Zambia, um relativ spät nach Zimbabwe und Botswana vorzustossen. Man nimmt ab, dass beide Stränge dieser Bantu-Wanderung erst kurz nach der Einwanderung der Holländer in Südafrika eintrafen.
     
  • An der westafrikanischen Küste gab es Dauer-Migrationen. Erst nach der Ankunft vermischten sich die Völker, die vor dem Eindringen der Bantu in diesem Teil Afrikas lebten. Selbst in der Kolonialzeit gab es dauernde Migrationen von Nord nach Süd und umgekehrt. Zudem kamen die angrenzenden Völker etwa aus dem heutigen Burkina Faso oder aus der Sahelzone hin zur Küste.

Eine dritte wichtige Einwanderung, die auch bereits untersucht ist, ist das Eindringen der Luo aus dem Sudangürtel hinein nach dem heutigen Kenya, Uganda und bis an den Tschadsee. Luo und Bantu vermischten sich, wenn auch nicht immer auf friedvolle Weise.

Selbst ins heutige Südafrika sind seit Menschengedenken Teile von Kleinvölkern aus dem Norden eingedrungen. Man darf seelenruhig behaupten, dass Südafrika eine völkische und menschliche Regenbogenlandschaft ist.

Es gibt meistens auch die Rückwanderung. So hat Chaka Ende des 19. Jh.s die Zulu zu einer Nation geeint, die bald im Streit auseinanderbrach, und ein Teil davon wanderte nach dem Gebiet rund um das heutige Bulawayo: es waren die Sindebele, heute im Südwesten von Zimbabwe.

 

Vorläufiges Fazit für Afrika

  1. Afrikas Menschen sind immer aus dem Kontinent weggezogen.
     
  2. Am besten bekannt war dieser Exodus über die arabische Brücke bis nach China und Australien.
     
  3. Es existierte daneben die forcierte Auswanderung. Seit dem 7. Jh. von der Suaheliküste aus als Pagen (kastriert) zu den Königs- und Sultanatshäusern. Nach dem Westen seit 1495 systematisch organisierter Sklavenhandel (zwischen Europäer und Araber im Innern Afrikas) nach Lateinamerika, der Karibik und nach den Südstaaten Amerikas.
     
  4. Schon vor der Kolonialzeit gab es eine hohe Migration.
     
  5. Der Kolonialismus begünstigte Migration, schon auch deshalb, weil er Einheitssprachen schuf. In Westafrika kann eine gewisse Schicht noch heute sowohl in Englisch als auch in Französisch kommunizieren.
     
  6. Innerhalb des Kontinents fand besonders in den letzten zwei Jahrtausenden eine permanente und erhebliche Migration statt.
     
  7. Das brachte eine dauernde Durchmischung, sodass man nicht mehr von reinen Stämmen reden kann. Es wurden langsam an die 4000 Kleinststaaten geschaffen. Während der Kolonialismus wurde diese Zahl nach und nach auf gut 2000 reduziert.

 


II. Kolonialismus: seine Folgen oder was kam danach?

Die Aufteilung Afrikas
Der europäische Kolonialismus griff ohne viel Kenntnisse in den afrikanischen Kontinent ein. Das Entscheidendste mit Langzeitfolgen war die Berliner Konferenz 1885-86, bei der die damaligen Grossmächte Grossbritannien, Frankreich, Portugal und Spanien, dazu kam höchst persönlich der belgische König Leopold II., den für sie wilden und unkultivierten Kontinent wie einen Kuchen unter sich „zum Zivilisieren“ verteilten. Dieser Vorgang ging mit dem Lineal vor sich, falls nicht eine Macht einen Sonderwunsch hatte. Auf solche Spezialwünsche ging man ein. Beispiele: Die Briten waren sehr an Schiffahrt und Meerhäfen interessiert, und so wurde der Gambia-Fluss herausgeschnitten und ein geteilter französischer Senegal entstand. Ein weiteres Beispiel: Die Franzosen wollten unbedingt die ganze Sahelzone. Die Briten wollten jedoch den nordnigerianischen Teil für sich. So kam es zu 2 Staaten: Niger und Nigeria, wobei Menschen mit denselben Traditionen plötzlich verschiedenen Mächten zugeordnet wurden. Verheerend hat sich auch eine andere Zuteilung ausgewirkt: Man hat den Sudan als sogenannte Einheit zusammen mit dem Süden und der westlichen Gegend um Darfur definiert und den Briten zugeteilt. Auch Italien kam hinzu: Es nahm für sich Äthiopien, Somalia und Eritrea in Anspruch. Das Horn, obwohl es eigentlich wesentlich zu den anderen Gegenden verbunden war, wurde Frankreich übergeben.

Es folgt daraus, dass Afrika willkürlich und ohne Rücksicht auf bereits bestehende Lebensräume neu aufgeteilt wurde. Diese Zerteilung hat nun über 100 Jahre mehr oder weniger gehalten und kann niemals mehr zum Einstigen zurückgeführt werden. Eine Rückwärtsschau bringt – ausser Nostalgie - nichts, nur ein Blick in die Zukunft und damit verbunden eine Vorbereitung für möglichen Wandel schafft in etwa 2 oder 3 Generationen etwas Neues. Wir können zum Vorbild eine landwirtschaftliche Güterzusammenlegung nach endloser Zerstückelung (wegen einem veralteten Erbrecht) nehmen.

 

Ein problematisches Völkerrecht
Die UNO, die das Völkerrecht im Rahmen der afrikanischen Unabhängigkeiten festlegte, bestimmte, dass im Zusammenhang mit der Entlassung aus der Kolonie zu einem Nationalstaat eine Kolonie, so wie sie existierte, als Staat bleiben sollte. Man konnte daher nichts korrigieren und übertrug koloniale Probleme auf die neuen Nationalstaaten.

Gab es unter dem Kolonialsystem einen Überbau, standen plötzlich die neu entstandenen Nationen auf sich selbst gestellt, ohne überzeugende Logik, mit all den verschiedenen grösseren und kleineren Völkern innerhalb ohne Grund in einem Pseudoganzen da. Es erscheint beinahe logisch, dass es zu Abspaltungsversuchen (Sudan, Äthiopien, Kongo, Kamerun u.a.) kam. Das bedeutete Konflikte, für die Betroffenen Krieg. Parallel zu den Unabhängigkeitsbestrebungen Afrikas kam der Kalte Krieg hinzu. Beide Seiten, sowohl die USA als auch die Sowjetunion, wollten auf dem Kontinent Verbündete haben; beide Seiten lockten mit viel sog. Entwicklungsgeld. Besondere Beispiele sind Somalia, der Kongo und Angola. In Angola entstanden sogar drei ideologisch anders orientierte Befreiungsbewegungen. Im Kongo stellten sich zu Beginn der Unabhängigkeit die Sowjets hinter Patrice Lumumba; die Amerikaner kauften sich Mobutu; stets vage und unentschieden schwankte die UNO hin und her, absolut verwirrend und hilflos, ja sogar stark für die nachfolgenden Wirren mitverantwortlich. In Somalia standen die Sowjets zu Beginn der Unabhängigkeit hinter dem Staatschef Siad Barre, der bald geschickt und erpresserisch beide Mächte gegeneinander auszuspielen begann, bis die Sowjets nein sagten und Barre zu den Amerikanern wechselte. Plötzlich arbeitete ein anderer Geheimdienst; die Leute hätten über Nacht auch einen Gesinnungswandel vollziehen müssen. Sie lebten also im Feld der Verdächtigung und Verfolgung – permanent.

Bei all diesen Manipulationen auf internationalem Parkett vergass man – auch die UNO – die betroffenen Menschen. Diese Menschen waren Opfer dieses Hin und Her; sie standen orientierungslos in ihrem Alltag. Diese ganze Lage muss als nervenaufreibender Kleinkrieg bezeichnet werden. Für die Menschen stand die Frage im Raum: Sind wir jetzt unabhängig oder nicht? Alles was sie sahen, war der Machtkampf ihrer Bosse untereinander. Diese steckten alles Geld in Waffen und Rüstung. Für sie bedeutete dieser Wirrwarr KRIEG. Sie sehen sich mit Recht als Kriegsopfer.

Es gilt zu bedenken, dass jedes Recht von Menschen gemacht, gestaltbar und anpassungsfähig ist. So sollte es auch mit dem Völkerrecht sein. Die jetzigen Regeln wurde kurz vor Ende des Kolonialismus geschaffen; heute sind die politischen Verhältnisse der Welt anders geworden. Selbst die UNO hat sich der schwierigen nachkolonialen Phase schrittweise anzupassen.

 

Neue Kriegsdefinition
Die westliche Kriegsdefinition geht auf Auseinandersetzungen in Europa des 19. Jh.s zurück. Eine Folge der grauenhaften Schlacht von Solferino (1859) war Henri Dunants Gründung des Roten Kreuz (IKRK). Die völkerrechtliche Definition eines Kriegs geht auf dieses Ereignis zurück. Derweil sich seitdem sowohl Kriege und Waffensysteme dauernd und radikal verändert haben, blieb die iuristische Kriegsdefinition stehen. Den direkt erklärten Krieg oder etwa auch den Frontalkampf gibt es nicht mehr. Mit den 1950er Jahren im Laufe der Entkolonisierung entstanden der Untergrundkrieg, der Guerillakrieg, Kriege ohne Fronten, Kriege, ohne dass sie als solche erklärt wurden. Immer mehr Kriege spielten sich innerhalb einer Kolonie oder Staats ab, ohne dass man sie im alten Sinn als Bürgerkriege definieren konnte; es waren Interessenkriege und Machtkämpfe

Alle neuen Kriege seither fanden kaum mehr zwischen Soldaten statt, die als solche in der Uniform erkennbar waren. Die Feinde und Soldaten waren unter dem Volk. Die variantenreichen feindlichen Handlungen passen nicht mehr ins Schema der Genfer Konventionen. Wenn es heisst, Spitäler sollen nicht angegriffen werden, so achtet kein Gegner, ob in Afghanistan oder Pakistan, erst recht nicht im Kongo oder in Somalia auf Spitäler, ganz im Gegenteil, denn man unterstellt, dass darin sich nur Pseudo-Rebellen befinden. Markierte Soldaten in alten Fetzen oder sogar von Europa ausgemusterten und nun importierten Soldatenkleidern haben Platz in Comicheftchen gefunden.

Seit dem 2. Weltkrieg fanden grausamste Befreiungskriege zwischen den kolonialen Herrschern und den Befreiungskämpfern statt. Diese bezeichnete die Seite an der Macht als Terroristen oder im besten Sinn als Rebellen. Folge war und ist, dass es formaliuristisch keinen Krieg gab und gibt, sondern bloss illegitimen Aufstände.

Mitten in meiner Arbeit stiess ich auf das Buch Warfare in Independent Africa des amerikanischen Ass. Professors William Reno an der Northwestern University (Cambridge UP 2011). Er hat Afrikas Kriege, Freiheitskämpfe, Bürgerkriege und Rebellionen analysiert und stellt fest, dass es auf dem afrikanischen Kontinent keine klassischen Kriege mehr gibt. Er nimmt all die verschiedenen Spannungen vom Südsudan über Rwanda, in den Kongo hinein bis zur Elfenbeinküste wie auf dem Seziertisch auseinander. Sein Resultat sind 6 verschiedene Formen von neuen Kriegen seit dem Aufstand gegen den Kolonialismus: 1. Evolving Warfare, 2. Anti-Colonialist Rebels, 3. Majority Rule Rebels, 4. Reform Rebels, 5. Warlord Rebels und 6. Parochial Rebels.

Auf diesem analysierten Hintergrund werden all die Asylkriterien im Westen nicht nur fragwürdig sondern auch realitätsfremd.

Nehmen wir das Beispiel Sahara-Sahel. Hier kämpfen mindestens 5 verschiedene Gruppen um je etwas anderes, schliessen sich je nachdem zu Zweckbündnissen zusammen, bekämpfen sich kurz danach gegenseitig. Die einen sind entweder islamistische Abenteurerkrieger oder Kämpfer in einer erhitzten Pseudoarena; alle möchten entweder für Gott und vor allem für sich etwas am Anteil der Bodenschätze, die einst in der Zukunft gegraben werden könnten; daneben gibt es all die entwurzelten Berber Kleinvölker, denen der traditionelle Trans-Sahara-Handel mit Kamel weggenommen und auf Luftfracht umgestellt wurde; die nun je nach Gruppe einen Staat möchten, wobei es allen primär um Geld, Reichtum oder Anteil an Boden und Land geht, selten um politische Freiheit oder Religion. Eigentlich ist es ein Mischmasch aus allem, denn selbst Macht hat heute viele Gesichter. Derweil oben an der Spitze ein paar Wüstenderwische ihre Minikriegsspiele absolvieren, leidet das gewöhnliche Volk, das es daneben gibt, unsäglich. Man muss diese Menschen als in einem neuen Sinne Kriegsbetroffene bezeichnen und anerkennen.

Ein weiteres Beispiel vom Durcheinander bietet heute die Niger-Delta-Region. Gab es vielleicht noch klare Fronten der Ungerechtigkeit zur Zeit des hingerichteten Ken Saro-Wiwa (+1995), und gab es damals noch einen politischen Kampf der Deltavölker, sind heute alle korrupt und verdorben. Alle, von den Erdölgesellschaften („böse“ ist längst nicht nur Shell, alle anderen Ölfirmen hängen drin und tun dasselbe) bis zu den einfachen Menschen, die überall Leitungen stümperhaft anzapfen, Umwelt verschmutzen, aus Gier sich gegenseitig umbringen. Eine Front, schon gar nicht eine gute, gibt es längst nicht mehr. Was bleibt sind die Verfolgten, die wenigen, die eine bessere Lage möchten, jedoch gezwungen werden, entweder mitzumachen oder umgebracht zu werden. Es entstand also eine neoafrikanische Mafia.

Im Kongo gibt es formell keinen Krieg, sondern isolierte und dennoch permanente Grausamkeit. Überall in Westafrika gehen die Krieger zuerst auf Frauen los. Ich schätze und ich werde vom brillanten Autor David Van Reybrouck in seinem über 750seitigen Kongobuch (2010) bestätigt, dass 80% der Frauen im Osten, Katanga und weit um Kinshasa einmal oder gar mehrere Male vergewaltigt wurden. Wie aber bringt das heutige Recht solches mit den Kriegsbegriff in Übereinstimmung?

Als weiteres werden ihnen die Kinder weggenommen und als Soldaten getrimmt; es hat sich herausgestellt, dass die grausamsten Krieger diese Kindersoldaten sein können. Diese Kinder haben keinen politischen Begriff, bloss die Lust am Quälen.

Somalia brauche ich schon gar nicht zu erwähnen. Es ist „afrikanisches“ Kriegsgelände, mit täglich anderen Fronten und Opfern. Welches Recht kann da meinen, die Kriegslage sei nicht gegeben?

 

III. Nachgedacht

Afrikas Durcheinander sind Spätfolgen der europäischen kolonialen und missionarischen Einmischung. Der koloniale Komplex schliesst Politik und Ökonomie ein. Dieser Einbruch hat wohl eine Zeitlang Afrikas Orientierung nach dem Osten in eine Ausrichtung nach dem Norden mitverursacht. Dazu kamen die Missionare aus dem Norden: Katholiken stark mit Rom verbunden; Anglikaner verbunden mit dem britischen König oder Königin; die Lutheraner aus Skandinavien; die Kalvinisten und Zwinglianer mit einer Handels- und Bankenverbindung nach Genf, Neuchatel und Zürich. Es gab sonderbarer Weise alles miteinander vermischt: die Basler Handelsgesellschaft oder die Bank der Steyler.

Für afrikanische Menschen war es unmöglich, alles voneinander zu unterscheiden und nach Nutzen und Gefahr auseinanderzunehmen; die exakte geografische Lage war weniger wichtig als ein symbolischer Konnex: Paris, Rom, London, Uppsala, Genf oder Zürich. Von dort kam nicht nur „die neue Religion“, von dort, aus dem Norden, kamen die neue Zeit, der Fortschritt, Geld und Reichtum.

Für den Afrikaner war Religion nicht so einschneidend, wie wohl die meisten Missionare annahmen. Afrika ging zum Christentum, um eine Brücke zum Himmel auf Erden installiert zu bekommen. Religion bedeutete für sie in sich, und selbstverständlich, Zugang zu einer neuen Quelle von Fruchtbarkeit und Genügsamkeit.

Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts kam der Grossteil des Kontinents mit Geld in Berührung. Die Briten führten es ab 1905 in Kenya und Nigeria ein, zuerst als Abzapfungshahn, indem sie auf ihren Plantagen Geld als Lohn auszahlten, um dieses prompt wieder via Steuern abzuziehen. Geld bedeutet Zwiespalt; Geld ist der Ablöser der Subsistenzwirtschaft, die in den meisten Teilen Afrikas bis heute fortwirkt; Geld ist eher ein Traum. Ein Erfahrungs- und Realitätsbezug fehlt.

Geld ist also weiterhin etwas Magisches, mit dem es keine traditionelle Regeln des Umgangs gibt. (So ist Betrug oder falscher Umgang mit Geld, auch Korruption, kein Vergehen, solange es sich nicht innerhalb der Grossfamilie abspielt.) Geld hat sehr viel Mythisches an sich: etwas wie eine afrikanische Variante von Sisyphus.

Man muss sich auch nicht wundern, warum Afrikaner aus dem frankophonen Raum nach Frankreich streben. Denn bis heute steht in westafrikanischen Schulbüchern: „Unsere Vorfahren sind Gallier.“ So haben die französischen Schulen alle während der Kolonialzeit gelehrt und g’wundrig gemacht; mit dem Fortschritt wurde suggeriert, jeder und jede schafft es einmal, ein Gallier zu sein.. Irgend eine Vorstellung wurde eingeprägt und sank tiefer und tiefer über die Jahrzehnte hinweg. Eine Sehnsucht entstand, diesen Vorfahren (und Ahnen waren im afrikanischen Denken zentral) einmal näher zu kommen. Des weiteren nach ihrer Denkart partizipiert man an den Vorfahren, also warum sollte man nicht dahin pilgern dürfen?

Mehr im anglophonen Raum gibt es das oder der Been-to, vergleichbar dem islamischen Hadj, bei dem es eine unbegreifliche Ehre bedeutet, einmal im Leben in Mekka gewesen zu sein. Man kann sich fortan mit einem besondern Beinamen (Al Haj) auszeichnen und man bekommt eine höhere Ehrbezeugung bei den Mitbewohnern. Wer sagen kann, er sei ein Been-to, der hat das Glück, einmal – wenn auch kurz - in Europa gewesen und zurückgekehrt zu sein. Grossfamilien unternehmen alles, verschulden sich gar, nur um einem Mitglied einen Besuch in Europa zu ermöglichen, um den Ehrentitel „Gewesen zu sein“ ein Leben lang tragen zu dürfen. Und alle Grosskindder werden weiter und weiter davon erzählen. Man hat also eine andere Form des Weiterlebens gewonnen.

Wichtig ist zu wissen, dass die Kolonialmächte viele emotionalen Bezüge zu Europa geschaffen haben. Diese konnten nicht mit dem sog. Strich unter die Kolonialherrschaft von heute auf morgen beendet werden. Ganz schlimm und ergrämt mit Rachegedanken verhielten sich die Franzosen. Sie berechneten ihre Investitionen und verlangten diese zurück. So entstand von Beginn weg eine hohe Verschuldung und damit eine weitere Abhängigkeit. All das wurde mit dem Schengener Abkommen zementiert. Scheinheilig (was oftmals Iuristerei ist) wurde so getan, als ob von nun an keine Verantwortung mehr bestünde.

Dennoch und trotz allem: Europa hat insgesamt Afrika gegenüber eine besondere und langfristige Verantwortung. Das hat weder Brüssel mit dem AKP-Abkommen (besondere Hilfe den Kolonialstaaten gegenüber; das AKP Abkommen stand jedoch ganz im Dienste der transnationalen Firmen) noch mit den perfiden Schengen-Ringen (es sind Fesseln) gelöst. Koloniale Verantwortung – hat man einmal sich kolonial eingemischt – bleibt als Last lange Zeit nachher weiter bestehen.

 

Schluss

Etwas von all diesem historischen Geschehen und Verhalten, von diesen erweckten Träumen und Wünschen muss in einer auch nur einigermassen seriösen aktuellen Migrationsdebatte einfliessen. Wir haben auf Menschen einzugehen und nicht auf Gesetze zu achten.

Die ganzen Afrikabefragungen der Asylsuchenden aus diesem Kontinent müssen von dem 19. Jh. Ethnologiedenken abkommen. Sind eigentlich sog. Experten dazu da, um Menschen gesetzeskonform zu machen?

Wir benötigen dringend mehr historisches Wissen und Zusammenhänge. Dieses vermag das Internet nicht zu bieten. Es waren doch Menschen, die ohne Vernetzung, dieses gespeist haben.

Wenn behauptet wird, die Schweiz habe keine Kolonien gehabt und trage keine Schuld, dem muss ich ernsthaft gegenübersetzen, dass die Schweiz bereits zur Sklavenzeit ein Bankenzentrum zur Finanzierung der Sklaven-Schiffe über den Atlantik und deren Reedereien war, stets eng zusammen – im Geiste Calvins – mit den Niederlanden; in der Kolonialzeit gingen diese schweizerischen Absicherungen weiter. Etwas Erstaunliches kommt hinzu; daran denkt man kaum. Kein Land hatte so wie die Schweiz eine derartige Vielfalt an Missionaren. Es gibt nach meinen Untersuchungen kein Land südlich der Sahara, wo nicht entweder schweizerische – sowohl protestantische als auch katholische – Missionsgesellschaften oder prominente Einzelmissionare tätig waren: Von Südafrika über Mosambik nach Tansania und Kenya, nach Rwanda, in den Kongo hinein, an die Westküste von Ghana bis Angola. Hinzu kommen ganz versteckt im Hintergrund die vielen katholischen Nonnen und einige evangelikale Frauen. Männliche und weibliche Missionare gaben Afrikaner und Afrikanerinnen einen guten Ruf.


(Die Tourismuswerbung von heute wäre glücklich, soviel Werbeträger mit einem solchen Image zu haben. Ja, diese Mission war nachhaltig.)

 

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Al Imfeld©   Mai 2012