Sans – Papiers

Ein Protokoll der Wut

Keine Papiere auf sich zu haben ist in heutiger Zeit ein Verbrechen, daher sind die meisten Afrikaner, die zu uns kommen, Kriminelle.

Die Regierungs- und Polizeistellen unterstellen selbstverständlich, dass diese Fremden ihre Papiere vor dem Überqueren der Schweizergrenze wegwerfen.

Man müsste wohl einmal entlang der Schweizergrenze, dort, wo am meisten Afrikaner eindringen, gehen und – ist die beamtenseitige Unterstellung richtig – man würde massenweise Papiere finden.

Wie aber sollten die Kleinen Afrikas zu Papieren kommen? Bei der Taufe, sofern sie denn getauft sind, wird ihnen kein Taufschein ausgestellt. Auch später im Leben sind Papiere nicht nur teuer sondern auch irrelevant. Falls jemand zu Papieren durch Bestechung kommt, kann er irgendein Geburtsdatum angeben, denn das genaue weiss kaum ein gewöhnlicher Mensch aus Afrika südlich der Sahara. Also gibt der Kunde irgendein ihm im Moment wichtiges Datum an, macht sich jünger oder älter, je nachdem.

Rose, so hiess sie unter uns bis anhin. Sie wurde eines Tages aufgefischt. Man musste ihr Papiere für die Ausweisung ausstellen. Sie konnte sich an kein Geburtsdatum erinnern, also wurde ihr der 1. Januar, das neue Jahr zugeteilt. Rose sei auch nicht ihr Name. Sie nannte einen anderen Namen, und fortan war sie Gabo.

Patricia wollte als sehr jung erscheinen und stellte ihr Geburtsdatum um fast 5 Jahre zurück, bis sie viel später, als sie alt und inzwischen Schweizerin geworden war, realisierte,dass sie 5 Jahre länger auf ihre AHV warten musste.

Die Diktatoren Afrikas händigen gar keine Papiere aus, um die Untertanen bei der Stange zu halten, denn mehr und mehr ist der Mensch heute ohne Papiere ein Unmensch und Betrüger. Also gehen nur wenige weg. Plötzlich stelle ich mir vor, dass Tyrannen mit unserer Einwanderungsbehörde etwas gemeinsam haben: Stellt keine Papiere aus und wir dulden euch.

Kommen schwarze Flüchtlinge überhaupt irgendwo und nur mit Bestechung durch, besitzen sie gar keine Papiere. Realisieren die Flüchtigen, dass sie Papiere benötigen, müssen sie zu Fälschern und Betrügern gehen. Genauso wie die Schlepper. Die zivilisierten Länder fördern mit ihrer Papier-Forderung eines der grössten Papier- Fälschungsverbrechen der Welt.

Weniger als die Hälfte der betroffenen Menschen hat zu Papier einen echten Bezug gefunden, denn sie leben noch immer in der oralen Welt, dort, wo man einander noch mündlich und mit Handschlag oder einem Augenzimkern vertraut.

Es ist arrogant aber auch dumm, wenn Parteimitglieder und Beamte, wenn Gesetzgeber und Richter dermassen auf Papieren herumreiten; geradezu zynisch und makaber wird das Ganze, wenn sie beim Vorweisen solcher Papiere behaupten, dass diese gefälscht seien.

Wer einmal in der Falle der Papierlosigkeit sitzt, wird zum Spielball; er oder sie kommt aus dem sinnlosen Netz des Gesetzes nicht mehr heraus.

Auch wenn ich den Herren Blocher und Maurer, Hollenstein und Darbelai höchstens Naivität und Unwissenheit unterstelle, muss ich dennoch feststellen, dass ihr Umgang mit Sans-papiers für ihre Wahl-Manipulationen sehr hilfreich sind.

Die Lösung des Problems sei leicht, behaupten Politiker: Man soll diese 20'000 Papierlosen in und um Zürich einfangen und wie einst Schweine ringen, um sie dann in Freiheit über die Grenze zu stossen.

Einmal sagen diese selbstgerechten Manipulatoren, es gäbe diese Zahl gar nicht; sie sei eine Übertreibung der politischen Gegner; doch ein andermal ruft man bei Stimmenfang aus, die ganze Schweiz sei von solchen unzivilisierten Elementen, ja, Papierlosen, unterwandert.

Genauso scheinheilig sind die Gewerkschafter. Ist doch klar, sonnenklar, ganz papierkonform, dass diese Sans-papiers unregistriert, unangemeldet und schwarz arbeiten müssen. Noch verlogener als die Politiker sind die Gewerkschafter.

Und die Kirchen? Ein Druck von ihnen kommt wahrlich nicht. Die Kirche will sich doch nicht mit Gesetzlosen abgeben und schuldig werden. Man führt sie höchstens zur einen Tür herein, und kurz danach zur anderen hinaus.

Es müsste doch selbstverständlich in einem zivilisierten und menschenrechtskonformen Staat sein, Sans-papiers wenigstens sofort Papiere auszustellen, um dann daraufhin die einzelnen Fälle unter die Lupe zu nehmen. Doch, so heisst es, dafür habe man weder Zeit noch Geld.

Eine Gesellschaft, die mit Papieren überhäuft und Hunderten von Gesetzen (schriftlich festgehalten) überschwemmt ist, kann mit papierlosen Menschen nicht mehr umgehen. Ein Amerikaner hat gemeint, man solle ihnen wie einem Auto ein Nummernschild geben. Vom papierlosen Zustand würden sie wenigstens in eine numerierte Präsenz aufsteigen, meinte er ernsthaft. Eine Nummer zu werden heisst also der neue Humanisierungsprozess.

Es steht noch schlimmer. Als Papierloser und Unnumerierter ist ein Mensch ein Krimineller. Wenn daher immer etwas Verdächtiges im Shopville oder im Kreis Chaib geschieht, sind es Sans-Papiers, die nun die Zigeuner abgelöst haben.

So blöd ist der Papiermensch geworden, dass er nicht mehr mit seiner Vergangenheit, der Papierlosigkeit, umgehen kann. Entwicklung heisst schliesslich hinter sich lassen und vergessen. Und dauernd neue Gesetze der Ausgliederung zu entwickeln.

Wir sind eine Papiergesellschaft mit Papiermenschen geworden. Statt Stroh im Kopf haben viele Menschen das Heu auf der falschen Bühne.

 

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Al Imfeld, Juli 2010