Zur afrikanischen Landwirtschaft der Zukunft

 

Positionspapier

Zur afrikanischen Landwirtschaft der Zukunft

 

Al Imfeld

 

Die FT vom 22. 1. 14 schreibt: A continent still in search of a green revolution. Doch bevor man in die Zukunft schreitet, muss man die Grundlagen kennen. Was will ein Kontinent dessen gegenwärtige LW - mit wenigen Ausnahmen -  ausgelaugt, übernutzt, versauert und den Winden ausgesetzt ist? Es kann weder  mit europäischen noch mit amerikanischen Voraussetzungen und Modellen eine afrikanische LW geplant werden.

 

Land - Böden - Humus

 

1. Als Grundlage muss endlich eine Bodenkartographie her. Zwar ruft die Weltbank nach einer geologischen Kartographie zur Erkundung von Rohstoffressourcen. Etwas Ähnliches brauchen wir möglichst rasch in Bezug auf  Böden und Humus. Es müsste ein Atlas der Böden Afrikas erstellt werden. Nach dem Vorbild von Zech/Hintermaier-Erhard, Böden der Welt (Spektrum 2002) und fokuisiert wie West African SOILS von Peter M. Ahn (Oxford UP 1970) oder Le sable. Secrets et beautés d'un monde mineral von Ayer/Bonifazi/Lapaire (Museum Neuchatel 2002).

 

2. Die Agrarwissenschaft müsste dringend mehr differenzieren zwischen Land und Böden, zwischen reiner Fläche und Humusqualitäten. Wer Landverteilung verlangt, hat gleichzeitig zu qualifizieren, welche Qualität von Land er oder man möchte; es geht meist bloss um Bodenfläche (etwa zum Hausbau oder als Industriezone).

 

3. Afrikas Böden südlich der Sahara haben mit einigen Ausnahmen innerhalb von Kenya, kleine Teile Tanzanias, das nördliche Zimbabwe oder  einige grössere Flächen in SA nur eine geringe Humusschicht. Es wird von einem Durchschnitt von 13 cm ausgegangen.

 

4. Zudem sind die agrarisch fruchtbaren Böden dauernd einem Nord-Süd-Wind ausgesetzt, der jährlich etwa 1 cm wegweht. Das ist aus zwei Gründen möglich:

a) zwischen den Regenzeiten verkrustet und verhärtet sich der Boden so, dass selbst bei den ersten Regen alles Wasser abfliesst und nicht in den Boden eindringen kann. Der Regen fällt zunächst wie ein Hammer auf Beton und fliesst auf lockere Flächen weg und schwemmt von da an Schlamm (=Humus) weg.

b) Diese Verhärtung kam zustande, weil zuerst der Kolonialist und später auch die Einheimischen alle Bäume gefällt und Hecken entfernt haben. Man hat dadurch den Humus entblösst.

 

5. Da Afrika an grossem Wassermangel leidet, muss der Schatten mehr gepflegt werden. Daher sollte Bäumen und Sträuchern grösste Beachtung geschenkt werden. Das ist gleichzeitig Bodenschutz und Ökologie: Das ist Agrar-Pflege.

 

6. Auf diesen Böden, falls sie nicht anders zubereitet und gepflegt werden, ist heute selbst eine kleinbäuerliche LW Illusion. Die Einführung des Pfluges wäre Gift. Auf solchen Böden kann nicht geackert, sondern muss entweder von Hand oder mit Lockerungsgeräten (verschiedene Arten angepasster Eggen) gearbeitet werden. Damit bei jeglicher Lockerung des Bodens nicht sofort entweder Wind oder Niederschlag als "Entführer" dazwischenfahren, muss die gelockerte Fläche sofort bewässert  oder abgespritzt werden.

 

7. Da Afrika an grossem Wassermangel leidet, muss der Schatten mehr gepflegt werden. Daher sollte Bäumen und Sträuchern grösste Beachtung geschenkt werden.

 

8. Ein Kontinent, der auf der Suche nach einer Grünen Revolution ist, muss zuerst an den Grundlagen arbeiten. Banal ausgedrückt: Vor dem Säen kommt der Schutz der Saat. Hecken müssen erstellt werden; Bäume gepflanzt, die vielleicht eher Mulchmaterial (also Blätterbäume) als Früchte abwerfen.  Dazu gehört aber auch dringend der rechtliche Schutz der Kleinbauern.

 

9. Das alles führt uns zu einer Erneuerung des Rechts. Bevor Afrika insgesamt überhaupt an eine Landreform denken kann, muss ein Landrecht geschaffen werden. Selbst dem Kleinbauern gehört etwas Land, über das er verfügen kann. So wie heute den gross multinationalen Landfirmen das Land auf 99 Jahre gewährt wird, müsste es auch für die Kleinen sein. Ohne ein neues Landrecht wird Afrika verhungern. Etwas mehr Gleichheit bedeutet etwas weniger Hunger!

 

 

Übergänge beachten

 

10. Afrika befindet sich in einem gigantischen Übergang von der Subsistenz- zur Geldwirtschaft. Auf den kleinbäuerlichen Böden Afrikas ist kein Cash oder Geld zu machen. Wie wollen diese Familien Schulen und Gesundheitswesen bezahlen? Heute kostet alles Geld; dieser Sachzwang betrifft die Menschen auf dem Land am meisten. Die alte Subsistenzwirtschaft ist am Absterben und vielerorts bereits tot.

 

11. Somit muss die grundlegende zukünftige LW Afrikas eine Mischwirtschaft werden. Der Bauer muss zeitbedingt und aus Notwendigkeit auch Cash Crop anbauen. Afrika braucht NM-Importe, wofür es bezahlen muss und daher Devisen braucht. Daher braucht es, da es überhaupt keine Industrialisierung gibt, cash crops. Hierfür braucht es eine Planung und kann nicht einfach willkürlich (wie beim land grabbing) angebaut werden. Da Afrika auch grössten Energiesorgen entgegengeht, dürfen teilweise bestimmte Pflanzen für Biosprit angebaut werden. All das braucht ein Abwägen, das eigentlich der Staat übernehmen müsste. Afrika muss das Balancieren lernen und grossräumig das Ganze angehen, nicht bloss punktuell und projektweise.

 

12. Um Cash crop nutzbar zu machen benötigt es eine Infrastruktur, d.h. Elektrifizierung für Kühlschränke, ein Strassennetz hin zum Markt. Zum Essen gehört auch die Unterhaltung und Entspannung, etwa eine Bar und ein Dorfkino. All das gehört gesamtheitlich betrachtet zum Inhalt einer Agrarwirtschaft. Und all das ist momentan in einem gnadenlosen Umbruch.

 

13. Zur Zukunft gehört ein notwendiges Linking doppelter Art:

a) Linking Smallholder Farmers to Markets, aber auch

b) Linking Big Holders to Small Holders.

Diese Einstellung könnte eine neue Sichtweise des heutigen Land grabbing einleiten. Das ruinierte Land kann nicht von traditionellen Kleinbauern verbessert, resp. aufbereitet werden. Vielleicht hat auf einem solchen Gelände der Kleinbauer eine vergleichbare Funktion auf sozialer und ökonomischer Ebene wie die Bäume und Hecken auf ökologischer und windbrechender Ebene. Dem Kleinbauern fehlt schlichtweg  das Geld, um solche erodierten und vernachlässigten Flächen aufzubereiten. Mit dem grossen Investor könnte eine nachhaltige LW  mit Zukunft als ein neues Agrarsystem entwickelt werden. Der Kleinbauer könnte in einem solchen System auch als Landarbeiter mitmachen, denn der Kleinbauer braucht zwei Beine, so wie mein Vater aus dem Napfgebiet schon vor 50 Jahren unterstrich: "Ein kleiner Hof unterhält sich niemals von selbst, also werden wir Kleinbauern auch noch Arbeiter. Beide brauchen einander."

 

Was aber wäre das Afrikanische?

 

14. Afrikas Politik muss auch agrikulturell mehr eigenständig werden. Das heisst aber auch auf seine reiche Agrargeschichte zurückgreifen. Hier einige Tips auf den Weg.

* Afrika kann nicht ein Kontinent des Weizens werden.

* Selbst Mais darf nicht überzüchtet werden.

* Afrikas angepasstes Getreide ist die Hirse.

* Dem in Westafrika lokalen Reis müsste in der Zukunft mehr

   Beachtung geschenkt werden

* Viel mehr Aufmerksamkeit muss der grossen Vielfalt der

    afrikanischen Knollenfrüchte geschenkt werden: den 12'000

    Sorten Yams, der Kasawa und den Süsskartoffeln. Bereits heute

    sind in Ghana und Nigeria Yams und Süsskartoffel zum

    Grundnahrungsmittel geworden (Gari oder Fufu).

 

15. Traditionellen Gerichten muss viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Das Traditionelle darf nicht als das Primitive (resp. veraltete oder gar Ungesunde) verachtet werden.

 

16. Afrika ist der Kontinent mit denmeisten Ess-Tabus (schätzungsweise 10'000). Diese machen heute wenig Sinn mehr. Man soll sie nicht einfach der Tradition wegen erhalten. Tradition kann nicht zum Recht auf alle Zeit werden. Viele Traditionen sind heute ein reines Machtinstrument gegenüber den Kleinen, d.h. dem gewöhnlichen Volk.

 

17. Afrikas Wesen ist auf allen Ebenen von der Kleinheit geprägt. Der Kontinent enthielt südlich der Sahara einst etwa 3000 kleine Chieftainships; Grossreiche kamen höchstens nur kurz und mit Hilfe von aussen auf. Grossfarmen gab es nicht; diese hat erst der Europäer und Kolonialist errichtet. Die meisten davon waren auch nicht rentabel und mussten stark subventioniert werden. Das aber war im kolonialen Konzept eingeschlossen. Bei einer zukünftigen Landeform müssen solche Formen verkleinert und neu aufgeteilt werden.

 

Land Grabbing oder Landaufbereitung

 

18. Je grösser die afrikanische Bevölkerungsexplosion wird, desto mehr nimmt der Landhunger zu. Es wird zu einer wilden "Landverteilung" kommen. Diejenigen, die es sich leisten können, werden grausam Land an sich reissen. Man kann es bereits heute feststellen. So kann man in Zimbabwe nicht von einer Landreform reden; was hier geschah ist ein afrikanisches Land-Grabbing von Politikern und Korrupten.

 

19. Die neuen Versuche grosser ausländischer Firmen (Land grabbing) werden nicht zum Erfolg führen, denn sie werden weder kulturell noch bodenmässig einigermassen angepasst wirtschaften. Sie sind gefühllos. Rein zum Profit eignet sich kein afrikanisches Landstück. Afrika kann nicht mit Dünger und Pestiziden fruchtbar(er) werden. Es heisst zwar im FT-Bericht (22.1.14): Global companies will benefit; Africa's future agriculture will bring immense commercial opportunities. Ist diese afrikanische LW etwa auf Spekulation und nicht Arbeit aufgebaut? Statt Äcker kultivieren, beackert man das Börsenfeld.

 

20. Afrikas Boden- und Klimagrundlage machen alle, die sich nicht anpassen, zu Zerstörern von Menschen und Böden. Sie können all das bloss auf koloniale, imperialistische und boden- und menschenverachtende Weise tun. So werden alle zu Land-Verbrechern. Afrikas Zukunft der LW muss anders angefasst werden.

 

 

Aufklärung - mehr Information - Bauernzeitungen

 

21. In Nairobi gründete der ehemalige Tages-Anzeiger Afrikakorrespondent Peter Baumgartner zusammen mit seinem Freund Hans Rudolf Herren, Insektenforscher und Alternativnobelpreisträger The Organic Farmer, gegründet 2005, eine zweisprachige Bauern-Zeitung, die sich in Ostafrika fast in Windeseile verbreitete und heute schätzungsweise von 100'000 Bauern gelesen oder ihnen vorgelesen wird. "Wir betrachten die Zeitung als ein in monatliche Portionen aufgeteiltes und locker aufgemachtes Lehrbuch," heisst es. Herren schreibt, dass es eine

Kommunikationsplattform zwischen Praktikern und Akademikern sei. - Für Westafrika vorbildliche Arbeit leistet ENDA (Dakar).

 

 

&&&

 

 

22.1.14