Zeitgenössische Künstler aus Südafrika

Zeitgenössische Künstler aus Südafrika. 

Herausgegeben von Peter Anders und Matthew Krouse im Auftrag von Akademie der Künste und Goethe-Institut. Steidl/Positionen, Göttingen/München 2010.  335 S.

 

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Bei der Zusammenstellung des Buches hat der Herausgeber sich auf Künstler und Künstlerinnen konzentriert, die einen „bleibenden Beitrag zum Dialog über nationale Identität und Entwicklung, über Macht und Geschlecht, über Tradition und Geschichte leisten“(S.14). Ich würde den Band als eine sehr informative Einführung ins reiche Kulturleben Südafrikas bezeichnen.

Die Auswahl beginnt mit Lesego Rampolokeng: vom bedeutendsten Rap-Dichter zum Ein-Mann-Performer, der von sich sagt: I write to fight. Ihm sei es gelungen, mit seinem Trotz und der Bilderstürmerei eine Anti-Ästhetik zum Vorausgegangenen zu entwickeln.

Die Zeitschrift Chimurenga (Shona-Wort für den zimbabweschen Befreiungskrieg) mit dem Motto (aus Nigeria stammend) Who no know go know (wenn du etwas nicht weißt, mach dich auf die Suche) hat bewusst etwas Panafrikanisches und ist (auch) ein Bild des Regenbogens.

Jonathan Shapiro (Zapiro genannt) ist der bekannteste und bissigste Cartoonist Südafrikas. Lieblingsfigur ist Jacob Zuma, der Präsident, mit einem Duschkopf über seinem Schädel (Anspielung auf seine Aussage, dass er keine Angst vor AIDS habe, denn er dusche stets nach Geschlechtsverkehr). Auch Thabo Mbeki kommt als unfähiger Vermittler schlecht weg: einer, der mit Wegschauen Konflikte gar nicht existent macht.

Eine wichtige Rolle spielt das Theater. Als Beispiel wird Mpumelelo Paul Grootboom präsentiert: 1975 in Soweto geboren, mit seinem bekanntesten Stück Cards, die Geschichte eines Bordells, gefolgt von Interracial, welches eine grosse Kontroverse auslöste, weil viele Leute – wie der Autor sagt – das Theaterstück nicht als solches nahmen, sondern als ein Abbild einer bestimmten südafrikanischen Wirklichkeit.

„Die schwarze Männlichkeit hat von vornherein einen politischen, marginalisierten und sexualisierten Kern,“ sagt der Tänzer und Choreograph Boyzie Cekwana, aus Soweto stammend.

Das Umgekehrte, nämlich „den weissen Afrikaaner zu demaskieren“ hat sich der Performer Peter Van Heerden vorgenommen. Auch er „geht unter die Haut“. Nach ihm bedarf es „einer Katharsis, damit die Südafrikaner bis zur Vergangenheit vorstossen und sie überwinden können“.

Nandipha Mntambo arbeitete längere Zeit mit Rinderhäuten und formte Skulpturen aus ihnen. Sie gesteht: „Offenbar herrscht Einigkeit, dass der Stier in meiner Arbeit für aggressive Männlichkeit steht.“ In einem ihrer Werke verwandelt sie sich in einen Minotaurus, ein Zwitterwesen aus Stier und Mensch. Als grosse Performerin ist sie in der Stierkampfarena von Maputo als Matadorin aufgetreten. Ansonsten hat ihr Werk eine grosse Affinität zu Kühen.

Eine fast zentrale Rolle spielt die muslimische Kunst in Südafrika. Repräsentativ dafür stehen die Zwillingsbrüder Hasan und Husain Essop, in Kapstadt 1985 geboren, Fotografen; beide arbeiten zusammen mit dem Resultat digital zusammenmontierter Fotos, immer wieder mit dem Motto geklonter Zwillinge. Sie thematisieren die Verschleierung genauso wie die KZs der Nazis. Sehr oft inszenieren sie ihre Bilder.

Robyn Orlin ist Choreographin und hat Südafrikas Tanz zeitgenössisch gemacht. Sie arbeitete mit dem Soweto Dance Theatre, gründete später 1988 die City Theatre and Dance Group. Äusserst innovativ.

GALA – Gay and Lesbian Memory in Action. Diese Gruppe hat ein Archiv aufgebaut, das heute an der Witwatersrand Universität untergebracht ist, damit die Erinnerung nicht verbrannt werden kann. Ihr Motto: „Ohne queere Geschichte kein queerer Stolz.“ Sie veröffentlichen nach und nach die gesamte homosexuelle und lesbische Geschichte Südafrikas.

Einer überraschenden Beschäftigung geht der Stadtgeograph Ismail Farouk nach; er untersucht die Logik der Ungleichheit. Er gibt sich sehr kämpferisch und klagt die Stadtverwaltungen an: „Alles ist auf das Morgen ausgerichtet. Das Heute fällt völlig unter den Tisch.“ Oder: „Die Stadtverwaltung ignoriert die eigentliche Bevölkerung Johannesburgs.“ Er klagt sie an, dass sie kein Verständnis für das Taxigewerbe oder die armen und daher notwendigen Strassenhändler habe. Jede Stadtkultur kenne eine Oberfläche und einen Untergrund. Er fragt laut: „Wo ist der Platz zum Anderssein?“

Darauf folgt der Flüchtling aus Zimbabwe, Kudzanai Chiurai, der klagt: „Ich gehöre in Jo’burg nicht dazu,“ obwohl er ein beachteter Maler ist. Seine weltweit bekannt gewordene Bilder-Serie afrikanischer Präsidenten (Black President) ist auch eine Anspielung auf das Album des Nigerianers Fela Kuti.

Der Fotograf Guy Tillim scheint die Ohnmacht zu fotografieren, denn diese sei die Wirklichkeit. Gefolgt vom Filmer Khalo Matabane, der die ungelösten Probleme Südafrikas sichtbar macht. Eine wichtige Aussage von ihm: „Nur das Medium Film stellt sicher, dass die Erinnerung an die Ereignisse in unserem Land nicht ausgelöscht wird.“

Die letzten 3 Beiträge stehen unter dem Titel Tipp-Ex Politics. Der grafische Designer und Plastiker Michael MacGarry möchte die existierende Hierarchie der Realität auf den Kopf stellen. Um das möglich zu machen, muss er die politischen Mythen Afrikas aufbrechen. Ein Weg ist die Entmythologisierung des Gewehrs. 2 Serien von Totems aus Bronze haben ihn vor allem bekannt gemacht: Tipp-Ex Politics und The Champagne Socialist Series (beide 2008).

Das Ganze mit der gesamten Politik Afrikas ist eine einzige Tragödie, meint der Theatermann Brett Bailey in seinen endlos langen Stücken. Die Zuschauer befinden sich in einer Zombie-Welt. Ob das Durchstehen ein Ritual ist, befreiend letztlich wirkt? Seine Zulu-Trilogie legt Spuren direkt zu Idi Amin, the Big Dada (2001) oder nach Haiti, the Voudou Nation. Bailey ist radikal, schockierend, gnadenlos und entlarvend; ein Stück folgt dem anderen, immer neu, aber immer ist man an Dantes Inferno erinnert.

Zum Schluss kommt noch die in Südafrika wohl bekannteste Künstlerin, Sue Williamson in den Band. Ihr Werke sind vielseitig; sie malt und schreibt gleichzeitig über die Kunst in Südafrika und über den Widerstand in der Kunst. In ihrem künstlerischen Schaffen konzentriert sie sich auf aktuelle und politische Fragestellungen. Ihr Meisterwerk beschäftigt sich mit Sklaverei. Sie glaubt an die Macht und Kraft der Kunst, Veränderungen zu begleiten und zu beeinflussen.

Was letztlich alle der im Buch Porträtierten annehmen, kommt bei Sue Williamson immer wieder zu Wort und ins Bild: Die Visionen der Künstler, seien sie schwarz oder weiss, werden Südafrika helfen, sich durch Bilder als Nation neu zu erfinden.

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Al Imfeld