„Aus Negern Afrikaner machen“

Markus Kessel, „Aus Negern Afrikaner machen“. 

Die Vermittlung subsaharisch-afrikanischer Literaturen in deutscher Übersetzung seit Ende der 1970er Jahre. SAXA Verlag, Berlin 2010. 366 S. + Anhang. 29,90 EUR

 

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Man kann die Wahrnehmung afrikanischer Literatur im deutschsprachigen Raum von verschiedenen Warten aus angehen. Man könnte sich auch fragen, warum der Buchverkauf dieser Literatur so verschieden war in Ost- und Westdeutschland, gute Zahlen in der Schweiz und kläglich im österreichischen Raum. Oder ob man wirklich an diese Problematik praktisch auf art- pour- art- Art herangehen kann, und ob nicht Brücken über die Literatur aus diesem Kontinent an Leser im germanischen Raum überhaupt heran zu kommen sehr wichtig wären? Es gibt historisch-politische und entwicklungspolitische Dispositionen; und das finde ich ur-menschlich und nicht als universitär suspekt angreifbar. Des weiteren dürfen wir wissen, dass natürlich diese afrikanischen Literaten sehr oft Mehreres in einem wollten: den Westen anschuldigen, eine neue Brücke schlagen, ein anderes Afrikabild vermitteln, langsam ins lokale, aber gar internationale Schulprogramm kommen u.v.m.

Hier spürt man sofort, dass es sich um eine Dissertation handelt, die an deutschen Universitäten gang und gäbe sind; da sie wissenschaftlich sein wollen, werden sie fast von selbst einseitig und kompliziert, schwer lesbar, weil schliesslich der Doktorand sich nicht ans Publikum richtet, sondern dem professoralen Massstab entspricht. Es werden somit schriftliche Zeugnisse zitiert – absolut, aus dem Kontext gezerrt (wie Hug oder Ripken), und somit gehen die wichtigen Wegbereiter dieser Literatur vergessen; ich meine die Rundfunksendungen von Frau Arnhold, Gerd Meuer, Al Imfeld, Hans-Georg Soldat, u.v.a.; ganz zu schweigen vom Schweizerischen Rundfunk.

Kessel macht sich an eine „unmögliche“ Aufgabe, aber es wäre an ihm, diese Begrenzung offen zuzugeben. Doch hat solches der Uni-Mechanismus nicht zugelassen. Die Vermittlung lief vielgleisig, zum Teil widersprüchlich, doch wurde in dieser Arbeit ein zu kleines Aufnahmefeld bestellt. Wo bleiben Festivals wie interlit in Erlangen?

Es ist heute noch schwieriger geworden, weil die entwicklungspolitische Brücke abgerissen ist und Ökologie Afrikas Literaturen verdrängt hat. Auch die afrikanische Literatur hat sich stark gewandelt; ein Grossteil ist weggegangen – nach den USA, nach Frankreich, nach Grossbritannien, nach Skandinavien – und es bleibt „afrikanisch“ genauso wie wenn ein Deutscher in Paris schreibt. Distanz ist für die Literatur enorm wichtig. Kessel tönt diesen Wandel im Titel an: Vom Neger zum Afrikaner und dann als etwas Doppeltes, als Nigerianer und Afrikaner. Diese Prozesse und Vorgänge kommen viel zur wenig ins Blickfeld des Autors.

Selbst bei der Bewertung einer Literatur aus Afrika kann es nicht dieselben Kriterien wie bei der westlichen geben, denn aus welchem Hintergrund Literatur entstand, ist fundamental wichtig. Es gibt keine globale Literatur. Nehmen wir Afrikas Literaten. Sie hatten zuerst zwei Sachen zu lernen. 1. uns Europäer zu erreichen, denn man hatte ihnen im Kolonialismus die Sprache genommen; 2. die eigenen Leute zu erreichen in einem über Nacht anachronistisch entstandenen Nationalstaat, der über 100 Jahre Kolonie war und fast nur noch über London, Paris oder Lissabon kommunizieren konnte.

Aus dieser langsamen Genese entstand eine neue Sprache, sodass diese Literatur nicht mehr genau gleich wie bei uns sprachlich beurteilt werden darf. Es gibt ein neues Englisch (etwa bei Ken Saro Wiwa oder Kojo Laing), genauso gut wie mühsam ein neues Französisch sowohl in der Karibik als erst recht in Westafrika, das keinesfalls als primitiv abgetan werden kann, entsteht. In solchen Vorgängen und Kontexten verstehe ich solche Arbeiten, wie die vorliegende, nicht mehr. Man mag mich Soziologen oder Anthropologen schimpfen, aber bleibt denn Literatur etwas isoliert für sich stehendes?

Noch etwas, das mich an der Arbeit gestört hat, der Autor besitzt eine Tendenz, stets Negatives herauszupicken. Das beginnt gleich zu Beginn mit dem Schock-Erlebnis von Bessie Head an Horizonte ’79 in Berlin, jedoch ohne sie in einen Kontext zu stellen; eine bereits Verfolgte und von Südafrika nach Botswana Vertriebe, ohne dass man sie dort freundlich aufnahm. Mich stören auch laufend Zitate von Professoren, die nie bei den Ereignissen dabei waren und sehr oft auf Neid-Gesprächen aufbauen. Als Schweizer darf ich ruhig sagen: Es war schon sonderbar, wie sich deutsche Afrikanisten immer wieder gegenseitig ausspielten; und nun erscheint all das als wissenschaftlicher Hintergrund.

Auf die zwei laufend zitierten Doktorarbeiten von Adeaga und Gouaffo disqualifizieren sich doch bereits durch die angeführten Zitate (Musterbeispiel S. 58). Das durchgehende Problem dieser Studie ist das selektive Zitat; das Negative wird gesucht – und gefunden.

Das wird wohl auch der Grund sein, warum bestimmte Ereignisse (etwa Lesereise Africanissimo) ganz einseitig eingestuft und überbewertet werden.

Dieses schwer zu lesende Buch kann nachdenklich machen, zeigt Literatur sowohl als Abbild anderer Denk- und Verhaltensweisen als auch die Grenzen des Schreibens, noch mehr und klar, dass Literatur weltweit etwas sehr Zerbrechliches ist. Schon deshalb sollten nicht nur Literaturwissenschaftler darin blättern.

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29. Jan. 2011