Der letzte Bruder

Nathacha Appanah, Der letzte Bruder.

Aus dem Französischen von Karin Krieger. A. Knaus - Verlag, München 2009. 192 S. ISBN 978-3-8135-0321-0

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Am Rand einer Zuckerrohrplantage von Mauritius im Indischen Ozean, aber zu Afrika gehörend, lebt ärmlich und isoliert der zehnjährige Raj. Seine zwei Brüder kommen bei einem Unglück ums Leben. Sein Vater ist ein grausamer Gefängnisaufseher, immer wieder betrunken. Er schlägt im Rausch Frau, Sohn und alles um ihn herum. Wir werden in eine ausweglose Ausgangslage versetzt. „Damals, zu jener Zeit, bekamen Kinder nie recht.“ (23) Es war die Zeit des 2. Weltkriegs. Plötzlich entstand ein schreckliches Geheimnis. Was wir erst viel später erfahren: Ein Schiff mit Juden aus der Tschechoslowakei und Polen auf der Fahrt nach Israel wurde von den Alliierten aufgehalten. Statt in Israel landeten sie in einem Gefängnis auf Mauritius, wo der Vater von Raj einer der grausamen Wärter war. Die Leser befinden sich erschüttert in einer absurden und gnadenlosen Welt, die sich im Kleinen in allen Betroffenen widerspiegelte.

Was nützte es da, dass Raj so viel wie König bedeutete, was nützte es, seinen Sohn so zu nennen? In solchen Momenten war Raj nichts weiter als ein verschreckter und bald schon unter Schlägen sich krümmender Junge. (115)

Raj hatte seine Schlupfwinkel, von wo aus er die winzige Welt stundenlang beobachtete. Eines Tages fand er ein Loch im Sicherheitstrakt, der das Gefängnis umgab. Von da aus sah er nun regelmässig unter den Gefangenen einen Jungen mit goldenen Jahren, David. In der Schule hatte Raj keine Freunde, also verliebte er sich zuerst heimlich in den Jungen, bis eines Tages ihre Blicke sich trafen und sich nun nach und nach ein Ausbruchsszenario entwickelte. Nach der gelungenen Flucht versteckte die Mutter David und Raj bei sich. Als jedoch die gnadenlose Suche nach dem entflohenen Jungen begann und Vater tobte und alles zu zerschlagen begann, gab es nur noch eine weitere Flucht der 2 Jungen. Beim blinden Herumirren in der Wildnis wurde David krank und starb an Polio, die er wohl aus dem Gefängnis mitgenommen hatte. Raj wurde von der Mutter mit Kräutern durchgebracht. Der Krieg ging zu Ende. Als er 15 wurde, erhielt Raj ein Stipendium. Er konnte zwar der einsamen Wildnis entrinnen, doch die Einsamkeit blieb.

Ein französischer Kritiker meinte, das sei keine autobiografische Kindheitsgeschichte. Dem widerspreche ich vehement, weil erstens die Autorin eine wahre Geschichte aufnimmt und zweitens gerade weil hier die Kindheit in den komplizierten Kontext gesetzt wird. Es ist auch eine afrikanische Kindheitsgeschichte, gerade weil sie in die Welt ringsum gestellt wird, mitten in die menschlichen Absurditäten von Krieg und Flüchtlingen und von Naturverrücktheiten der wilden Zyklone. Kein Kind – auch das afrikanische nicht – wächst isoliert auf; selbst ihm gehört ein Stück Welt.

Literarisch ein bestens gestaltetes Buch einer Kindheit am Rande der Welt.

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Feb. 2011