Zwietracht

Ein simbabwischer Roman

Shimmer Chinodya, Zwietracht.

Aus dem Englischen von Manfred Loimeier. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2010. 256 S. Fr. 41.50

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„Ein Englisch mit Shona-Rhythmus“ heisst es, und ich kann hinzufügen: Selbst im Deutschen bleibt dem so. Ein zimbabwescher Roman, der bis gut 150 Jahre mit aufeinanderfolgenden 5 Generationen in die Tiefe der Shona-Kultur steigt. Shimmer Chinodya, der zusammen mit Chenjerai Hove zu den momentan brillantesten Autoren im südlichen Afrika gehört, schrieb einen auch im Druck klar gekennzeichneten Doppelroman, von der Gegenwart aus der eine, von der Vergangenheit aufsteigend der andere, stets abwechselnd, sodass irgendwie alles dennoch eins wird. Ich muss gestehen, dass dieses Buch nicht leicht zu lesen ist, so verworren, wie die Gegenwart in der Geschichte ist. Doch es gibt kein anderes literarisches Erzeugnis, das Shona - Glauben und Tradition derart tiefschürfend und feinfühlend darstellt. Man erhält also mit Hilfe eines Romans Religionswissenschaft und Funktion der Ahnen mit. Zwietracht spielt sich zwischen diesen zwei Welten ab. Ist das heutige Unglück – Epilepsie und Selbstmord, Herzversagen und Verbluten – ein Fluch auf der Sippe Gwanangara, eine Strafe der Ahnen oder gar ein Aufruf zur Sühne für eine längst verloren gegangene Vergangenheit?

Inhaltlich geht es um zwei Dinge. Um die Verlorenheit der heutigen zimbabweschen Mittelklasse, die irgendwo im Leeren oder manchmal gar im Nichts hängt. Dazu kommt der traditionelle Strang mit der Verbundenheit zu den Ahnen, die eng verknüpft im Guten wie im Schlechten, und somit auch voller Rachsucht und Intrige sind. Diese Ahnen haben einst alles – nicht nur harmonisch – zusammengehalten. So reiste etwa einst ein ganzes Volk den Ahnen nach; unvorstellbare Distanzen wurden zurückgelegt,einst zu Fuss, heute im Bus, von Gweru nach Chibi oder Gokwe, nach Shabani oder gar zum katholischen Missionsdorf Bondolfi. – ein magisches Dreieck. Nimmermüde und stets angetrieben, um Ursachen von Pech, Krankheit, Versagen und Fluch herauszufinden. Und heute? Geht etwa alles durcheinander, weil man den Kontakt mit den Ahnen und dem Damals verloren hat?

Dieses Herumgejagtwerden spürt auch der Leser; es kommt über ihn, den fremden Leser, herein wie einst der Dämon der Ahnen. Doch sagt die Moderne, dass das alles Aberglaube war und gab es aufgeklärt auf ,und nun ist es noch immer da. Wo fehlt’s denn? Die Folie Vergangenheit liegt unter der Gegenwart. Ist das Sinn der Geschichte?

Über diesen afrikanischen Zwiespalt gab es bereits am Ende der Kolonialzeit etwa von Camara Laye mit L’enfant noir (1955) oder von Cheikh Hamidou Kane, L’aventure ambigué (1961) literarische Auseinandersetzungen. Sie erscheinen im Vergleich zu Chinodya als zu geradlinig und beinahe naiv. Afrikas Literatur ist wahrlich komplexer geworden.

Falls es stimmt, dass wer sich am Brauchtum vergeht oder es gar krampfhaft vergessen und unterdrücken will, krank wird, ist dann nicht die gesamte afrikanische Mittelklasse nicht nur entwurzelt sondern auch gestört? Welchen Fluss können sie überqueren? Chinodya spricht immer wieder von Flüssen; denkt er oder wünscht er sich einen Styx herbei, um entweder die Wunden mit dem Wasser daraus zu benetzen oder den Fluss Acheloos, um mit dem Ozean neu verbunden zu sein, oder hört man auf einen alten Flussflüsterer?

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Al Imfeld, Juni 2011