Dambisa Moyo, Der Untergang des Westens.

Dambisa Moyo, Der Untergang des Westens.
Haben wir eine Chance in der neuen Wirtschaftsordnung?

Aus dem Englischen von Hans Freundi & Heike Schlatterer. Piper Verlag, München 2010. 304 S. EUR 16.99

Diesem Buch voraus ging Dead Aid, welches nun stark erweitert und scheinbar zugespitzter als Der Untergang des Westens vorliegt. Dambisa Moyo ist eine Sambierin aus der oberen Schicht, was ihr Studien in Oxford und Harvard ermöglichte, einen Job bei Goldman Sachs und später Weltbank verschaffte. Sie wird heute zu den Young Global Leaders gezählt ; WEF gab ihr diesen Titel. 2010 ehrte man sie weiter, indem sie als Mitglied des Boards von Barclays geholt wurde. Stolz darf sie sagen: Ich habe es geschafft!

Sie ist verwestlicht worden, glaubt an den Kapitalismus und wurde vom Neoliberalismus erfasst. Also, wozu soll man hier im Westen dieses Buch lesen? Weil Moyo unterschwellig afrikanisch geblieben ist, sie auf echt afrikanische Weise Sachen vermischt und letztlich tief religiös geprägt ist.
Ohne einen religionswissenschaftlichen Zugang, wird man das meiste kaum verstehen. Sie agiert wie die 10'000 neuen afrikanischen Kirchen, apokalyptisch geprägt und überzeugt, bestimmte (böse) Welten müssen untergehen. Sie sucht nach neuen Hoffnungen oder Auswegen; so flieht sie nach China. Wie diese neuen Kirchen ist der oder das Böse die USA, mehr noch als Europa, das durch den Kolonialismus einfach schwach geworden ist.

Auch typisch für eine Afrikanerin, die aus der Mittelklasse stammt, ist, dass sie Afrika verdrängt. Sie schreibt in diesem dicken Buch wenig über oder zu Afrika. Diese Menschen streben die Moderne an, sind von der Kolonialzeit her im Kopf verseucht, damals als alles als veraltet hingestellt wurde. All das Verdrängte kommt als Trauma hoch. Man flucht und schimpft wie Rohrspatzen, aber im Hinterkopf bedauert man es, denn man möchte dieses Europa lieben. Wir haben es hier in diesem Buch ganz klar mit Hass-Liebe zu tun.

Das alte (verdrängte) Afrikanische muss unter jeder Zeile wie im Unbewussten oder im Untergrund mitgelesen werden. Daher wird das Ganze so weitschweifig, greift etwas auf, spinnt diesen Faden bis ein neuer auftritt, und die Autorin diesem nachgeht. Ist das schlecht? Nein, es sollte alle, seien sie im Geschäftleben oder in Entwicklungs- und Kulturprogrammen tätig, etwas offenbaren: Es gibt den europäisch klaren Satz nicht. Afrika hat die grosse Chance, mit einer Aussage unterschwellig und parallel eine andere Idee laufen zu lassen. Das heisst: Afrikanisches ist zwei- und mehrdeutig.

Das gilt eben auch für das Pamphlet, was dieses Buch wohl sein möchte (das frühere zeigte diesen Charakter ganz klar). Wir Europäer würden einwenden, zu weitschweifig für diese Gattung. Sie schwappt laufend in humorlose Polemik über. Und zu viele Fakten, Statistiken, Zahlen und (für viele von uns sogar) irrelevante Forschungsergebnisse. Sie sucht, das was sie annimmt, mit irgend etwas Quantitativen zu untermauern. Für kritische Westler nicht nötig, höchstens für ihr ökonomisches Gewerbe, das ohnehin eher theologisch als wissenschaftlich operiert (hier haben wir sogar einen guten Beweis).

Moyo hätte – sagen wir – klarer zwischen EU und USA trennen sollen. Doch denken wir daran, noch heute ist auf dem afrikanischen Kontinent alles „europäisch“, alles, das weiss ist von Sibirien bis Alaska. European ist eine Einstellung der Verachtung, der Ehrfurchtslosigkeit, eines subtilen Rassismus.

Und warum China? Es ist die afrikanische Variante, die ebenfalls im religiösen Bereich liegt: Ex oriente lux . Sie spürt natürlich die europäische Verwirrung rund um China und Afrika. Plötzlich heisst es bei den Pharisäern, das sind doch auch alles Kolonialisten und warnen Afrika. Natürlich zynisch und sehr für ein Pamphlet geeignet.

Moyo versteht es, die offen oder heimlich Angeklagten dauernd in Weissglut zu bringen. Etwa wenn sie Demokratie in Frage stellt und chinesischen Autoritarismus propagiert. Oder wenn sie den europäischen Sozial- oder Wohlfahrtstaat anklagt, dass er wegen der zu hohen Sozialleistungen bankrott gehe. Und plötzlich schwenkt sie zu der USA; macht Ausnahmen; alles auf Grund des Studiums und der Praktiken verständlich. Doch – so scheint mir – sie nutzt es als Nadelstiche – wiederum gegen europäische Arroganz.

Ich meine, selbst westliche Ökonomen, aber auch Arbeiter im Gebiet der Entwicklungszusammenarbeit sollten dieses Buch lesen. Vielleicht helfen Wut und Ärger etwas weiter zu etwas Katharsis. Ihr geht es nicht um Untergang, das ist bloss ein sibyllinisches Wort. Unausgesprochen geht es ihr um Bekehrung: nicht BIP muss wachsen, sondern Dominanz abgebaut werden.

 

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Al Imfeld© Juli 2012