Frauen zur Entwicklungshilfe

Kurzbesprechung

Es ist erfreulich, wie immer wieder Frauen kritische Töne zur Entwicklungspolitik äusserten und zu Besinnlichkeit aufriefen.
Ihre Beiträge störten jeweils zur Zeit ihrer Veröffentlichung sehr; es entstanden Kontroversen; dennoch schmolz bis heute wenig Eis rund um den Mythos Entwicklungshilfe. Frauen haben es in sich, Akzente zu setzen und etwas zu bewegen. Ich rufe in Erinnerung Rachel Carson, Silent Spring (1962) oder die vor kurzem verstorbene Kenianerin Wangari Maathai mit ihrer Baumgürtelbewegung.

  • Der erste kritische Beitrag im deutschen Sprachbereich warf in der Schweiz einige Wellen auf und wird von den Betroffenen bis heute erinnert. Das Buch stammte von Isolde Schaad und trug den Titel Knowhow am Kilimandscharo (Limmat Verlag, Zürich 1984). Sie hatte Ostafrika besucht und Schweizer, die dort im Einsatz waren, befragt und dann lächelnd, teilweise etwas zynisch das Selbstverständnis dieser Entwicklungsarbeiter oder Aufklärer vorgeführt. “Sie entspringt der Erfahrung, dass das Helfenwollen, das ein Lehren ist, gar keine Zeit hat.“ Dieser Klassiker war wohl auch eine humorvolle Entmystifizierung der 68er Bewegung und der Aufklärung sog. Rückständiger von aussen. Schaad traf den Kulturnerv, der bis heute in entwicklungspolitischer Debatte kaum hörbar ist.
     
  • Kurz danach, 1985, schlug eine Bombe ein, als Brigitte Erler aus dem Deutschen Entwicklungsministerium nach einer Reise nach Bangladesch ein kurzes Büchlein von 96 Seiten im Dreisam Verlag, Freiburg, unter dem Titel Tödliche Hilfe veröffentlichte. Der harte Faustschlag hiess: „Überall, wo wir helfen, richten wir Unheil an.“ Wie nur konnte eine SPD Frau solches schreiben? Sie brachte die ganze Nation eine kurze Zeit in Zorn und Aufregung. Doch bald wurde die Streitschrift auf die Seite gelegt und man machte weiter, wie zuvor, denn inzwischen hatte die Wirtschaft den Nutzen dieser Entwicklungshilfe für sich entdeckt.
     
  • Axelle Kabou aus dem Kongo stammend stellte 1993 die ketzerische Frage Et si l’Afrique refusait le développement? Der deutsche Untertitel sprach die Absicht des Pamphlets an: Eine Streitschrift gegen schwarze Eliten und weisse Helfer (Basel 1995). Kabou sprach offen ihre Zweifel an der „europäischen“ Hilfe aus und beklagte sich, dass diese Afrikas Menschen verderbe, ihnen die Würde raube und sie immer mehr von dieser Hilfe abhängig mache. Den Zusammenhang zum Kolonialismus sah sie kaum. Sowohl Frankreich als auch die frankophonen Staaten Afrikas waren erzürnt. Bald hörte man von Kabou nichts mehr. Eine Fortsetzung fehlte.
     
  • 2011 wagte es wieder eine Afrikanerin aus Sambia stammend, eine fast apokalyptische Streitschrift zu schreiben. Frau Dambisa Moyo sieht nicht den Untergang, aber ein ökonomisches Verblassen der USA und des Westens. Der Untergang des Westens. Haben wir eine Chance in der neuen Wirtschaftsordnung? (Piper, München) ist eine Ergänzung und Weiterführung ihres ersten Buchs mit dem englischen Titel: Dead Aid. How the West was Lost. Fifty Years of Economic Folly. Ganz klug hat sie im 2. Buch nun Kritiken aufgenommen. Die Finanzkrise hat ihren früheren Ansatz verstärkt. Moyo ist eine kluge und erfahrene Ökonomin. Sie bildete sich in Oxford und Harvard. Sie kennt also den Westen und verleugnet ihren afrikanischen Hintergrund nicht. Ein Manko hat sie jedoch: Sie lebt wohl Kultur, bleibt jedoch im Buch Ökonomin. Afrika wird es nämlich auch nicht aus sich selbst schaffen, denn Afrika ist in allem längst trikontinental geworden: Afrika dem Ursprung im Innersten nach, europäisch durch den Kolonialismus mit den Schulen und Missionen, „amerikanisch“ über die schwarze Brücke der Sklaverei und der damit gegebenen langen Distanz zur „Urheimat“.

Wir kennen in heutiger Zeit eine dauernde Flut von Büchern. Die meisten kommen und verschwinden schon nach einem halben Jahr. Die vier hier erwähnten Bücher bleiben in Erinnerung und werden länger etwas bewirken; alle bewegen etwas in diesem von Entwicklungshilfe verminten Süden. Steter Stein höhlt den Fels.


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Al Imfeld©