Afrika wird armregiert

Volker Seitz, Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann.

Mit einem Vorwort von Rupert Neudeck. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009. Originalausgabe. 219 S.

 

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Volker Seitz gehörte zum Auswärtigen Amt und war vor der Pensionierung zwischen 2004-2008 Botschafter in Jaunde, Kamerun. Gut, dass einmal ein Mann an dieser Front auspackt, denkt und erwartet der Leser. Aber solche Menschen sind inzwischen nett geworden, haben die political correctness bis in allen Poren hinein verinnerlicht. Also schreibt auch Seitz ein sehr anständiges Buch. Zu dem heissen Thema braucht es jedoch mehr als Antönung; hier muss etwas Aufwühlung und Emotion her, ansonsten ein solches Buch heute keine Wirkung mehr haben kann. Das Buch ist ein Lexikon, aber keine Dramaturgie. Ja, es ist sec, trocken, nüchtern und überanständig. Seitz besitzt das Charisma weder von Brigitte Erler (Tödliche Hilfe) noch von Axelle Kabou  (Weder arm noch ohnmächtig). Basel 1993), ganz zu schweigen vom allerneuesten Werk der zornigen  sambischen Professorin, Dambisa Moyo (Dead Aid. London 2009), Dazu passt ein Vorwort von R. Neudeck, dem Begründer von Cap Anamour, ganz und gar nicht.



Seitz verfasst ein Lexikon. Jedes Problem wird auf zwischen 2 und 4 Seiten vorgestellt. Er hätte genauso gut alphabetisch vorgehen können: von African Ownership, AIDS, Babysitting, Budgethilfe, China, zu Landflucht und Potemkinschen Dörfern, weiter zu Schulden bis zu Zensur, und natürlich „Zusammenarbeit“. Also, statt rasch ins Internet nimm Seitz. Er hätte so viele Geschichten, aber er macht uns bloss mit etwa 4 Zeilen „gluschtig“. Was und wer steht hinter Genolier (medizinische Extrahilfe für Politiker), Buffet oder Gates? Fakten und Zahlen sind vorhanden, aber wo ist das Fleisch? 



Seine Literaturangaben zeigen auch, was ein Diplomat liest. Ist es nicht eine Schande, dass die frühere epd Entwicklungspolitik (14täglich) und heute welt-sichten (nun monatlich) nirgends zitiert wird und bloss der Spiegel(plus extra) wie die Bibel dominiert. Dass Deutsche doch etwas chauvinistisch sind, beweist, dass kein Schweizer Afrikanist oder Journalist (und sie haben doppelt so viele wie die Deutschen) erwähnt wird.



Daran ist nicht Seitz schuld; sein Buch ist ein wahrer Einblick in UNSERE westlichen Grenzen und Begrenzung. Es gibt nicht nur viel zu viele Hilfswerke, NGOs, sondern auch keine Koordination zwischen Ländern und Diplomaten, keinen Austausch in Europa, wie soll er dann in Afrika stattfinden.



Das Buch zeigt – trotz aller Diplomatie und Hilfe – unsere westliche Armut, die in der Isolation und im Chauvinismus begründet liegt.



Genau durch dieses Nacheinander von 56 Lexikon-Kapiteln geht das notwendige Ineinander, Miteinander, vernetzt und verflochten, einfach verloren unter wie die Andria Doria oder Titanic. Landwirtschaft kann doch nicht allein Priorität haben; die Städte und der Stadtrand gehören heute dazu, auch endlich eine landwirtschaftliche Verarbeitung, eine Öffnung des afrikanischen Grenzverkehrs, Kleinkredite, eine neues Landrecht und natürlich die Frauen,  radikal gegen die Chiefs, die wie die mittelalterlichen Fürsten bei uns entweder abdanken oder mitmachen.  So etwas können unsere privaten NGOs niemals auch nur angehen; sie sind Institutionen der Nächstenliebe, aber nicht der Entwicklung.

 

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2009