Fax an Tote

Fax an Tote

Er war einer jener eigenartigen Emmentaler, die ins Volksbild passen. Er gehörte einer Armen Seele Sekte an. Schon das war etwas eigenartig, denn eigentlich glauben Katholiken und nicht Evangelische an Arme Seelen. Als sich diese Armen-Seelen-Gruppe in alle Winde zerstreute, begann er seine "wissenschaftlichen Experimente". Diese bestanden darin, dass er über Faxnummern irgendwo im Süd- oder Nordpol versuchte, vor kurzem Verstorbene anzufaxen.

Als ihm jemand sagte, dass wohl die Sprache des Jenseits Lateinisch sei, begann er sogar Sprachkurse bei einem Gymnasiallehrer zu nehmen. Nicht dass er annahm, dass arme Seelen sich am Nord- oder Südpol sich aufhalten würden, nein, ihm ging es um eine - wie er annahm und Interviewern erklärte - möglichst lange Luftschwingungswege, denn Wellen gehen durch den Äther und dabei vibrieren sie. An solche Schwingungen könnten sich Verstorbene anschliessen und versuchen, den ätherisch chiffrierten Text zurückzuschicken. Für den Emmentaler wäre das mindestens eine erste Bestätigung von Armen Seelen gewesen.

Als er vernahm, dass Afrikaner Botschaften über das ungeladene Handy schicken könnten, traf das - wie er sagte - "genau das, was ich immer behauptete". "Ja, was denn?" fragte ihn ein ETH Forscher. "Ja, dass es in der Luft Schwingungen gibt, die nicht vom Strom kommen, sondern weil andere Stimmen hinein schwätzen. Und wer ist das?" Er wartete lange auf eine Antwort und fuhr dann überzeugt und gelassen fort: "Unsere Lüfte sind voll von unsichtbaren Wesen, von Engeln und Armen Seelen." Etwas traurig fährt er fort: "Aber noch hat keine eine auch nur winzige Antwort gegeben."

Sein Handy war stets geladen und bereit. Eine einzige Botschaft hätte sein Leben ganz glücklich gemacht. Aber da kam die grosse Ernüchterung, als ein Afrikaner ihn besuchte; er war von der ETH zu ihm geschickt worden. Der Jenseitsstimmenforscher war unheimlich stolz, dass man ihn anscheinend ernst nahm. Die beiden konnten sich nur mit Hilfe eines Dolmetschers unterhalten. Als der Emmentaler ihm erklärte, wie bei ihm alles bereit und stets geladen sei, antwortete der Afrikaner cool: "Das ist falsch. Niemand wird dich je anrufen. Bei uns geht das nur, weil wir den Kontakt zu allen Ahnen direkt vom Tod weg pflegen. Die Verbindung darf nie abgerissen werden. Und noch eins: ein Einzelner ruft nie an. Es gibt bei uns so etwas wie ein Sprecher der Ahnen."

Hatte also der Emmentaler erneut das Falsche angepeilt. Ein Wissenschaftler gibt jedoch nie auf.


&&&

Al Imfeld©
Minigeschichten 13