Picknick inmitten der Autobahn

Picknick inmitten der Autobahn

 

Diese groteske Szene wird nie mehr aus meinem Kopf verschwinden. Da waren am 11. November 1900 der Schweizer Botschafter, sein Chauffeur mit Gerd und mir unterwegs – und schon das war grotesk - im gepanzerten Mercedes zum 70. Jubiläum eines der bekanntesten nigerianischen und gesamt afrikanischen Schriftstellers Chinua Achebe. Es war natürlich eine Verrücktheit mit einem Panzerfahrzeug über diese längst verlotterten Autobahnen Nigerias zu fahren. Doch der Botschafter hatte es sich so gewünscht; denn letztlich hatte er Angst, draussen, in the countryside, im ehemaligen Biafra, dem Land des Bürgerkriegs, unterwegs zu sein. Ohne Gerd und mich hätte er diese Reise zur Ehrbezeugung und dem grossen „Fest“ eines afrikanischen Symbols – so wurde dieses einmalige Literaturereignis bezeichnet - nie gewagt. Es war wahrhaftig eine Premiere, da das erste Mal in der Literaturgeschichte die gesamte westliche Kritiker und Literatur-Professorenwelt auf afrikanischem Boden, daheim, bei einem tief verankerten Schriftsteller, zu einem Fest der Weltliteratur zusammenkam und damit auch diese Literatur definitiv zum integralen Teil der Weltliteratur wurde; sie war mit am „Tisch der Feier der Humanität“ dabei.

Bereits hatten wir 2mal Reifenwechsel vorgenommen. Solche Wagen sind an himmlischen Bahnen orientiert nicht aber für Nigerais Autobahnen, die ohnehin bereits nur noch Skelette einer kurzen Auto-Zeit waren. Wir mussten ein drittes Mal Reifen wechseln – so wie bei einem Formel I Rennen und hielten irgendwo am Rand kurz nach dem Zusammenfluss vom Benue in den Niger, auf dem Weg nach Enugu, der Universitätsstadt und dem Wohnort Achebes.

Es war ein Samstag, um die Mittagszeit herum, schwül und heiss, Als wir aus dem Auto ausgestiegen waren, sahen wir in der Mitte der Autobahn verschiedene Gruppen grillieren. Unfassbar.

Der Chauffeur machte sich an seine Arbeit; der Botschafter stieg zurück auch aus Sicherheitsgründen in den gekühlten Wagen, während Gerd und ich über die Autobahnspur zur Mitte rannten. Da standen einmal Sträucher und wohl wuchs auch Gras. Alles war inzwischen abgestorben, denn sie hatten wohl die Abgase nicht ertragen. Es roch der Rauch der Griller; der Wind trug ihn gegen Westen. Es glich einer Szene nach einer Brandrodung, wenn es bloss noch Rauchzeichen gibt.

Von uns beiden befragt, warum sie hier grillieren würden, antworte ein strammer Mann: „Weil es dem Fleisch einen speziellen Geschmack gibt.“
Ein etwas hagerer Mann von nebenan kam dazwischen und meinte: „Sie können das als Europäer nicht verstehen, denn für uns hat es etwas mit Zeremonien zu tun.“
„Welchen Ceremonies?“
„Wir wissen nicht genau, wo sich unsere Ahnen aufhalten, traditionell meist auf dem Kopf unter der Erde entlang eines Wegs… und da doch die Strasse zur Autobahn gewandelt hat, und unsere Schreine zerfallen, nehmen wir an, dass in der Mitte der Autobahn unsere Ahnen sich aufhalten und weichen wohl links und rechts aus, auf diese oder jene Seite, der Rauch wird sie finden. So grillieren wir zusammen mit den Ahnen.“

Gerd als leidenschaftlicher Radiomann hatte stets Aufnahmegerät und Mikrophon bereit, also griff er zur Tasche und war zur Aufnahme bereit:
„Können sie das nochmals wiederholen, damit wir es den Leuten in Europa erklären.“
So kamen wir zur Geschichte eines Schreins inmitten der Autobahn.

Als einer von uns etwas skeptisch fragte: „Ist das nicht gefährlich, denn hier ist doch alles abgestanden?“ kam die Antwort sofort: „Vielleicht ist es im Totenreich so.

Zurück zu unserem Botschafterwagen, meldete der Botschafter, dass eben vom Radio die Nachricht gekommen sei: „Mandela is free.“ Es war der 11. Februar 1990. Und wir befanden uns auf dem Weg zur vorgezogenen Geburtstagsfeier. Mandela und Achebe, zwei Morgensterne des zukünftigen Afrikas.

Wir schwiegen. Die Familien in der Mitte der Autobahn beim Grill ahnten nichts von einem Kairos, einer kristalliner Konstellation; sie schauen dem Rauch von etwas Verbranntem nach. Sie hielten sich mit ihren Ahnen auf.
Die Zukunft hatten sie vergessen.

In diesem Augenblick flog in meine Erinnerung Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ am Kongo, mit Urwald flankiert, ein Fluss voller Klippen und Gefahren, am Rande die nackte Grausamkeit. Die Finsternis flüsterte: „Das Grauen! Das Grauen!“ Dieses hier war nicht mehr der Kongo voller Finsternis, sondern eine Autobahn, Symbol des Fortschritts mit Grillierern in der Mitte.

Eine solche Szene wie sie sich abspielte, hätte niemand zu glauben gewagt. Und das erst noch im Zusammenhang mit dem Jubiläum des Dichterfürsten und der Befreiung Mandelas. Ich musste mich in den Sand und Staub setzen, um ein Gedicht zu schreiben. Da lag etwas Unheimliches und Unbeschreibliches auf ein Datum gebannt in der Luft: Anzeichen eines anderen Afrikas und Zukunft über all dem Rauch der Gegenwart.

Als wir in der grossen Universitätshalle zur Feier hingerichtet ankamen, hätte das Fest beginnen sollen. Alles wartete auf die Generäle, um „die Feier der Humanität“ zu eröffnen. 12 Uhr mittags. Um 2 Uhr musste der Botschafter mit Chauffeur zurück in die Botschaft. Gerd und ich würden die ganzen zwei Tage bleiben.

Um 2 Uhr war noch kein General herum. Alle warteten, schwatzten und tranken. Um 3 Uhr war der General mit 2 Obersten (wie versprochen oder angekündigt) noch immer nicht eingetroffen. Der Botschafter wurde aufgeregt. Selbst er meinte, dass man doch auch ohne Militärs diese Feier beginnen könne und dem General noch immer das Wort bei der Ankunft erteilen könne. Er fand es als Diplomat eine Schande. Auch Achebe blieb im Versteckten abwesend. Wir Europäer konnten solches Verhalten nicht begreifen. Warum mussten ausgerechnet Schriftsteller und Künstler auf eine formelle Eröffnung durch einen General warten? Der Botschafter ging. Er war von „Afrika“ enttäuscht.

Erst abends um 6 Uhr trafen die Militärs ein; man merkte, dass sie bereits ziemlich angetrunken waren. Irgendein Sprecher brachte eine Begründung der Verspätung, jedoch keine Entschuldigung vor. Es hiess: „Die Regierung hat momentan sehr viel zu tun.“ Nichts dazu, nicht mehr.

Als der General seine Rede begann, merkte der Sekretär bald, dass er ihm das falsche Manuskript aufs Rednerpult gelegt hatte, denn der angesäuselte General begann eine Wahlversammlung zu begrüssen.

Für ein solches Affentheater mussten etwa 500 Menschen aus Nigeria und aller Welt volle 6 Stunden warten. Als ein paar amerikanische und europäische Literaturprofessoren vorgeschlagen hatten, man möge wenigstens die Workshops beginnen oder einige der Grussadressen verlesen, wies das nigerianische Organisationskomitee solches schroff zurück. In Afrika müsste es stets eine formelle Eröffnung geben, selbst wenn der Eröffner nicht allen oder ganz genehm sei; man könne nicht einfach beginnen…

Noch etwas anderes schien unlösbar zu sein. Nigeria hat zwei literarische Giganten, Chinua Achebe und Wole Soyinka; der eine Ibo, der andere Yoruba; der eine mehr afrikanisch, der andere global, der eine weltweit hoch geehrt, der andere mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Das eine Lager meint, Soyinka habe Achebe den Nobel geraubt. Achebe, der stets etwas Vergrämte, Soyinka der Schalk.

Sollte Soyinka zum Feast eingeladen werden? Selbst wenn er eingeladen wäre, dürfte er den Regeln entsprechend nicht kommen. Es wurde angenommen, die beiden würden sich ins Gehege kommen oder es würde über dem ganzen Fest eine Verkrampfung liegen? Ja, Nsukkas Uni-Campus hatte an diesen drei Tagen alles von einem Hexenkessel. Es konnte nur eine Lösung über Zeichen oder Symbole geben.

Achebe wird auch der Adler auf dem Iroko-Baum genannt. Soyinka hat man den „weissen Widder“ getauft. Am 2. Tag traf morgens ein lebendiger weisser Widder mit einer Delegation ein. Die Afrikaner verstanden, schmunzelten, begannen sich gegenseitig auf die Schuler zu klopfen, setzten laut zum Lachen ein, setzten Biergläser oder Bierdosen an die Lippen und verstummten. Das Problem war gelöst; alles war locker. Man begann, in verschiedenen Gruppen und Räumen die etwa 200 Papers zu verlesen Diese sollten später in einem dreibändigen Werk veröffentlicht werden. Das war wirklich die andere Seite eines Weltfests, denn ein Fest ist eine Mischung aus Sinn und Unsinn, besteht aus viel Rauch und etwas Glanz, der als Zeichen am Himmel bleibt.

 

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Al Imfeld©
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