Die letzte Fähre

die letzte Fähre


Wartet sie oder wartet sie nicht?
Guinea 

 

Man hat manchmal das Gefühl, dass auf dem afrikanischen Kontinent alles umgekehrt zu uns läuft. Einmal wartet man tagelang auf einen Bus, und jener, der vorher vorbeifahrt, kann seelenruhig behaupten: „Ihr müsst auf den warten, auf den ihr wolltet. Ich bin nicht der. Der kommt später.“ Und scharfe Kurve, viel Staub und weg… Und man wartet auf einen nächsten in der Hitze. Oder aber umgekehrt. Es ist knapp. Die Fähre fährt genau um 5 Uhr und es ist die letzte. Da muss sich keiner träumen, dass sie auf eventuelle Nachzügler wartet. Es geht zum Feierabend und um diese Zeit herum wird alles erbarmungslos, ja, gnadenlos genau und exakt. Du musst sogar damit rechnen, dass die Uhr des Fährebetreibers in solchen Momenten etwas vorgestellt ist. Du rennst also, schnaubst und keuchst, rennst, kotzest dir deine Lunge heraus, um ja nicht zu spät zur Überfahrt zu kommen. Du schreist: „Warten! Wartet! Wait!“ Du wirfst im Schnell-Lauf die Hände in die Luft, ja, zum Himmel: „Sei gnädig, gnädig, warte, wait!“

Wir hatten einen Platten mit unserem Mietauto auf der Insel. Ein zweiter kam hinzu. Hoffnungslos auf dieser Insel ohne viel und irgend etwas. Der Mietwagen gehörte jemandem, der nicht einmal eine Garage dazu hatte. Pneus musste man beim Fahrrad-Flicker zur Kur bringen. Doch, wir hatten keine Zeit, denn die letzte Fähre fuhr um 5 Uhr an die Küste von Guinea-Bissau zurück. Ein Velopneu half uns jetzt nicht. Die Miete war hoch vorausbezahlt. Auf dieser kleinen Insel konnten wir daher diese müde, zerbeulte, kriechende Karre schadlos für den Vermieter hinter uns lassen. Was wir auch taten. Tun mussten, denn die Fähre würde auf keinen Fall mit Verspätung abfahren.

Wir begannen um unser Leben zu rennen, denn morgen war unser Rückflug. Wir rannten wie die Wilden. Wir überstrapazierten unser Herz. Schliesslich kam ein Pickup vorbei, hielt an, nahm uns auf und raste über Stock und Stein davon. Wir hinten auf der Lade – zwei von uns mit kaputtem Rücken und grossen Schmerzen, die wir tags zuvor im Gelände auch auf einer Ladebrücke geholt hatten.

Aber raste dies Mensch auf die Fähre zu? Der hatte uns wohl nicht verstanden. Er schien uns ins einzige Hotel auf der Insel bringen zu wollen. Mit unseren Fäusten klopften wir von hinten. Doch was sollte er hören, wenn schon alles klopft, rattert und tattert? Fast wär er in eine Akazie gefahren und musste den Gang herunterschalten und kurz anhalten, um die Richtung zu ändern. Wir hüpfen wie aus einem Gefangenenlager heraus und auf den Boden hinunter. Wir konnten ihm nicht trauen; wir konnten uns, bei Gott, in diesem Augenblick keine Spiele erlauben. Wir rufen hinter uns: „Danke, danke“ und springen wie Räuber davon, fast beflügelt in die Richtung, wo die Fähre sein musste.

Doch nun hatte der Pickup-Fahrer anscheinend begriffen, wohin wir wollten und fuhr uns nach, lud uns erneut auf, und raste durch den Busch, über Steine, Dornen und Gebüsch hinweg. „Oh, mein Rücken!“ jammerte einer; der andere stimmte mit ein: „Oh, oh, oh, verdammt noch mal!“ Und sogar Magi meinte: „Ihr wehleidigen Männer. Auch mir tun alle Knochen weh, aber was soll’s?“

Wir erreichten den Steg; die Fähre war schon angefahren und bereits etwa drei Meter vom Ufer weg. Wir alle schrieen: „Bitte, bitte, nehmt uns mit! Bitte!“ Weil wir wohl weiss waren, wendete die Fähre nochmals und nahm uns auf. Wir hatten das Vielfache hingelegt, sodass sich selbst für die Mannschaft eine Verspätung lohnte.

 

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Al Imfeld©
16.01.2005