Wahlurnen

Mitfahrende Urne: 

Beobachter einmaliger Art


Ein ziemlich heruntergekommener Polizei Landrover holte mich am Wahltag ab. Warum? Das weiss ich bis heute nicht. Ausserhalb Dodoma machte ich seit gut drei Wochen in der semiariden Gegend Versuche des Überlebens.

Da draussen in dieser Hitze und in diesem sandigen Gelände, wo es bloss ein paar Büsche gab, hier und dort verwilderte und verknorkte Akazien und sich überall Dornen herumschlichen, da konnte ich bestimmt keine Person im Wahlkampf beeinflussen. So wenigstens sah ich es.

Die Polizei konnte es wohl noch immer nicht fassen, dass da draussen, ganz einsam und allein, ein Europäer im Sand und Staub herumstocherte, ein paar Wassertropfen aus einem kleinen Plastikkanister in von ihm gezogene Furchen giessen liess, ja, das war doch nicht normal, von einem Weissen noch nie gesehen, also musste der ein Hexer sein. Einer, der die Wahlen beeinflussen würde; der die Mehrheit für den Dorfchef blockierte, vielleicht zu Staub werden liess. Vielleicht.

Am Tag der Lokalwahlen fuhr also dieses Polizeigefährt auf, nahm mich mit, setzte mich auf den Hintersitz und fuhr mit mir von Wahllokal zu Wahllokal. Ich kam mir da hinten auf dem Landrover wie ein Ausstellungsobjekt vor. In Staub und Hitze begann ich langsam zu spinnen. Führten die mich etwa wie ein Vorzeigeobjekt herum? War ich plötzlich das Symbol der europäischen Demokratie geworden. Nein, nein. Dann stieg ein anderer Wahngedanke hoch. Ich war das Schwein oder der Sauhund, den sie nun mit den Wahlen verspotteten. Ich war der stellvertretende Kolonialismus, die Unterdrückung. Ich wurde nun zwar nicht gesteinigt, aber verstaubt und versandet. In dieser Gegend, da hinten drauf auf der kleinen Ladebrücke, war in kurzer Zeit alles verstaubt.

Die zwei Polizisten fuhren von Urne zu Urne. Da standen gar keine Wähler im Feld. War alles bereits vorbei und die Wähler zuhause beim Bier? Die Zeit stimmte einfach nicht. Es war morgens etwa um 10 Uhr. Urnen wurden eingesammelt; am ersten Platz, zum zweiten Ort, dann kam die dritte Urne dran; alle wurden neben mir auf der hinteren Lade geladen. Ich konnte leicht hören, dass sie mit Zetteln voll waren. Oder war es einfach Papier?

Nirgends sah ich Volk. War ich bereits so verstaubt? Blind geworden. Wollten sie mich neben den eingesammelten Urnen haben, damit niemand diese stahl.

Noch eine vierte Urne wurde aufgeladen; ganz einsam im Feld; geisterhaft sass nur eine einzige Person daneben; der Rover hielt, die Polizisten hüpften heraus und luden sie fast auf mich. Es war nun bereits so heiss geworden, dass ich nicht mehr denken konnte und nur noch halluzinierte: ein fahrender Leichenwagen, die Urnen zu Särge verwandelt und ich der Tod… inmitten eines makabren demokratischen Geschehens.

Dann fuhren sie über Stock und Stein mit grösst möglicher Geschwindigkeit, erreichten Dodoma, fuhren zur Zentrale, luden die vier Urnen ab, Beamte rissen den Deckel weg, die Stimmzettel wurden ausgeleert, der Lokalchef kam, bückte sich ein wenig, lächelte bitter und erklärte resolut: „100 Prozent. Einstimmig. Alles verbrennen!“

Dann erblickte der Chief mich. Ich glaubte zu sehen, dass er etwas zusammenfuhr und den Polizisten fragte: „Was soll der?“ Der Polizist gab zur Antwort: „Es wurde uns aufgetragen, den Europäer wie eine Urne zu behandeln.“

 

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Al Imfeld©
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