Lagos - unter der Brücke

Lagos - unter der Brücke


“Jede Nacht träume ich unter dieser Brücke,” gestand mir ein zerlumpter Mann von Lagos, der gigantischen, aber bizarren und absolut verrückten Hauptstadt Nigerias. Eine Stadt auf lauter Lagunen aufgebaut, eine Stadt, die spinnt, eine Stadt, die aus Autobahnbrücken besteht, weil im Wahn der Sechzigerjahre geglaubt wurde, diese Stadt werde einst keine Fussgänger mehr haben und die Planer - man glaubt es kaum - schlicht und einfach das Aussteigen der Menschen vergassen. Als ob hier niemand mehr einkaufen müsste oder wie jemand einst sagte, jedes Haus praktisch eine Garage mit Autobahnanschluss ist. Der Mann unter der Brücke beim Autobahnwechsel, fuhr fort: “Ich glaube an Träume. Nicht an alle und auch nicht an deren unmittelbaren Verwirklichung. Aber ein Millionstel Teil wird jedesmal wahr. Und wenn ich fortfahre unter der Brücke bis zum hohen Alter zu träumen, werde ich mit der Brücke vor Ende meines Lebens Europa erreichen.”

Der spinnt wohl, dachte ich. Natürlich musste hier jeder Mensch letztlich in irgendeinem Wahn enden und ohne Wahn gibt es hier kein Überleben. Wegen einer Forschungsarbeit fuhr ich zwei Monate lang hier vorbei - ob ich wollte oder nicht, musste ich ihn sehen.

Das nächste Mal als ich vorbeifuhr, rief er mir in der schleichenden Kolonne zu: “He, Europäer, ich sah einen Regenbogen zwischen Afrika und Europa.” Dann ging die schleichende Schlange etwas weiter. Ich musste mit und liess ihn hinter mir. Ich fragte mich, da ich viel Zeit besass, was er wohl meinte. Ob er bereits den Traum in eine Schau am Tag übersetzt hatte und er mit Hilfe des Regenbogens Europa früher zu erreichen dachte? Ob, ja ob? Und auch ich kam beinahe ins Träumen. Warten, lange warten und wieder etwas weiterfahren. Unter Brücken durch oder über Brücken hinweg. Hier immer wieder unter dieser Brücke vorbei, um auf eine andere Spur zu gelangen.

Warum er gerade auf mich scheinbar abgefahren war, weiss ich nicht und warum er mich in meinem Wagen stets erkannte, erklärte ich nicht mit dem Auto, sondern meinem weissen Gesicht. Als ich wieder ein nächste Mal vorbeischlich, rief er erneut zu: “Es gibt Fortschritt. Die Brücke wächst.”

Eine Zeitlang musste ich täglich auf dieser Strasse und unter der Brücke vorbeifahren. Aussteigen konnte oder wollte ich nicht. Ich hätte vorher abstellen müssen, um dann ein kleines Stück zurück zu ihm zu laufen. Aber, warum sollte ich denn? Ich wusste eigentlich ziemlich klar, dass er den Traum von Europa hatte und diesen Kontinent als Erfüllung des Lebens erreichen wollte. Ein Wunsch. So wie andere Menschen am Schluss des Lebens den Himmel sehen, sah er Europa. In Afrika nichts Aussergewöhnliches. Viele träumen von Europa, wobei Europa sehr viel heisst und ausserordentlich vage bleibt. Europa umfasst alles, das unter weisser Hautfarbe zwischen Sibirien und Feuerland lebt, Amerikaner und Europäer, einfach alles auf der nördlichen Halbkugel.

Dieser Mann war keine Ausnahme in dieser Stadt. Viele leben unter Brücken. Es gab sogar Schreine und Clubs unter Brücken. Ein weltbekanntes Beispiel war der Musikguru Fela Kuti und seine Frauen, mit all den Jüngern. Die Brücke bedeutete ihnen mehr als uns Europäern dieses mythische Draussen-vor-der-Tür. Stellen Sie sich vor dieses Unter-der-Brücke. Eine Tür mag ewig verschlossen bleiben, niemals aufgehen oder eine Illusion eines Daheim sein. Diese Brücken führen irgendwohin. Sie überspannen unbegehbares Gelände und werfen immer neue Schatten auf den Boden und so wird dieser zu einer Wiese der Wahrsager. Statt Stäbchen oder Hölzer zu werfen, hat man es hier stets vor sich, neutral, nicht von Menschen beeinflusst, Schatten, die kamen und gingen, redeten und rieten, warnten und weissagten. Unter der Brücke bedeutet viel mehr als Draussen vor der Tür.Hier kam dazu, dass täglich Tausende wie Tote und Ahnen vorüberfuhren.

Und als ich so vor mich her philosophierte, fuhr ich wieder an ihm vorüber. Eigenartig, dass er mich immer sah, denn dauernd schlichen hier Kolonnen vorbei. Obwohl ich ein luftgekühltes Auto fuhr, liess ich das Fenster herunter, denn eigentlich wusste ich, dass er mir wieder etwas sagen würde.

“He, Europäer, warum hilfst du mir nicht, dass ich beim Träumen rascher voran komme?” Und schon war ich vorüber und hörte nichts mehr. Was hatte er gemeint? Sicher wollte er Geld, denn alle betteln hier und alle wollen Geld. Meinte er das etwa ironisch und glaubte er, dass mit etwas Geld, die Träume beschleunigt würden und er mit seinem Brückenschlag nach Europa rascher vorankommen könnte?

Das über-über-nächste Mal bekam ich etwas Gewissensbisse. Auf jeden Fall fühlte ich mich unwohl, als ich vorbeischlich. Bis jetzt hatte ich Glück gehabt, weil ich eigentlich kaum je eine Antwort geben musste, weil immer alles ziemlich rasch vorbeiging. Ob er ein Geist ist? Oder eine Projektion eines schlechten Gewissens?

“He, Europäer, mach doch ‘mal halt und komm und sieh die Fäden einer Brücke.”

Wieder vorbei. Ich beschloss, demnächst eine halbe Stunde früher ins Büro zu fahren, denn am Morgen war es besser als am Abend, wo ich auf der anderen Seite der Autobahn ihn nie sah, aber leicht über diese verrückte Autobahn hätte schreiten können. Nein, das wollte ich nicht. Ich war dann zu weit von meinem Wagen weg und vielleicht wäre er gestohlen worden. Vielleicht, nein, ich glaube, bestimmt wäre es passiert. So war die Welt hier.

Vorbei und abermals vorbei und immer wieder vorbei. Was sollte ich, falls ich anhielt, tun und sagen? Er lebte unter der Brücke und glaubte, dass er diese Brücke mit Hilfe von Träumen abbiegen und nach Europa umleiten könnte.

Vorbei und nochmals vorbei. Jedes Mal ein Wort von ihm, dem Mann unter der Brücke. Das letzte Mal war er konkreter geworden und rief mir stinkfrech zu: “He, Europäer, kannst du nicht diese Brücke in die Luft sprengen? Diese Brücke führt nirgends hin, denn alle fahren hier zurück, ich beobachte es sehr genau.” Und wieder war ich vorbeigeschlichen. Wie ein Dieb. Was hatte er gesagt? Und hatte er es auch gemeint? Nahm er an, dass ich zum Terroristen werden könnte?

Morgen, heute nicht, aber morgen würde ich einmal anhalten. Am anderen Morgen rief er wie ein Gespenst wieder etwas zu. Dieses Mal hörte ich es nicht genau, denn ich wollte es gar nicht hören. Langsam machte mir der Mann unter der Brücke Angst. Einen Ausschnitt erhielt ich dennoch:
“...Umleiten... sinnlos...”

Was meinte er unter Umleiten? Was ist sinnlos?
Hinter mir wird gehornt, weil ich nicht Blech an Blech aufgeschlossen hatte und alle hier glauben, das helfe beim Vorwärtskommen, je weniger Abstand desto früher am Ziel. In einer solchen Stadt wird man mit jeder Fahrt im Auto etwas wahnsinniger. Wo der Mensch nichts mehr machen kann, vertraut er auf unsichtbare magische Auto-Geister.

Er will zum Ziel; ich will ans Ziel; alle wollen ans Ziel: wie beim Abzählen oder beim Rosenkranzbeten rezitieren. Ans Ziel, ans Ziel, ans Ziel. Welches Ziel denn eigentlich? Alle unter einer Brücke, die ans falsche Ziel führt? Ich fahre unter Brücken, über Brücken, Brücken entlang und alle Brücken bringen nur die nächste Brücke. Ein Ziel gibt es nicht. Da fällt mir ein, dass ich bereits Gleiches denke, wie der Mann unter der Brücke mir wohl zurief. Brücken ohne Sinn. Doch er glaubte an eine Korrektur der Brücken; Brücken, die irgendwohin zum Ziel führen und nicht bloss Brücken, die im Kreis herum turnen. Ich beschloss, am andern Tag beim Mann unter der Brücke anzuhalten.

Ich hatte einen unmöglich zu verwirklichenden Plan geschmiedet, denn eine halb Stünde früher - das habe ich bis anhin nicht gewusst - war der Verkehr so dicht, dass es gar kein Anhalten auf der Strecke gab. Da hätte ich einen Exit nehmen müssen, dann zurücklaufen und ich wäre nicht einmal sicher gewesen, ob ich ihn in diesem Brückenchaos von Lagos gefunden hätte.

Mein Plan war dahin. Beim Vorüberschleichen erkannte er mich wie üblich, obwohl ich früher war. Er rief mir zu: “Jemand muss diese verdammte Brücke herunterreissen und umleiten, Europäer! Diese Brücke führt nirgends hin, bloss hin und her.”

Eigentlich hat er recht, dachte ich. Mir jedenfalls diente es; es war mein Arbeitsweg, und ein solcher geht hin und her. Für mich führte es zur Arbeit. Aber für den Mann unter der Brücke konnte er wohl nur in die Sinnlosigkeit, bestimmt nicht nach Europa führen.

Da ergab sich eines Tages doch, dass die Kolonne exakt vor ihm, dem Mann unter der Brücke, hielt. “He, Europäer, ich träume und träume, ab und zu sehe ich Regenbögen, aber ich komme nicht vorwärts. Was soll ich tun? Glaubst du auch, dass es sinnlos ist?”

Was sollte ich sagen? Ich war verwirrt und wäre froh gewesen, die Kolonne hätte sich weiter und von ihm fort bewegt. So ganz billig sagte ich ihm zum Trost: “Der Glaube macht es.”

Das nächste Mal rief er mir zu: “He, Europäer, kannst du nicht einmal anhalten, um mir zu helfen, griffige Fäden zu spinnen.” Ich rief zurück: “Versprochen!”

Jetzt kam er bei jeder Vorüberfahrt mit der Frage: “He, Europäer, wann?”

Ich kam einfach nicht dazu. Seine Zurufe wurde von Mal zu Mal - so glaubte ich zu hören - verzweifelter. “Ihr Europäer hält nichts ein!” Oder: “Warum soll ich mit der Brücke nach Europa gehen, wenn dort alle an mir vorbeifahren?” oder “Unter der Brücke ist alles Selbsttäuschung; selbst Ahnen und Europäern ist nicht mehr zu trauen. Die guten Geister haben uns alle verlassen!”

Da hielt ich dann doch eines Morgens. Ich stellte den Wagen am Rande des Highway ab und lief etwa 20 Meter zu ihm. Gibt es Zufälle oder Schicksal? Ich kann es bis heute nicht glauben, da hing der Mann mit Bindfäden erhängt unter der Brücke. Es war also nicht Zufall, dass ich heute endlich gehalten hatte. Ich fühlte mich voller Schuld und wurde traurig. Jemand, der glaubte ich sei ein Detektiv der Polizei, kam auf mich zu und sagte cool: “Er wollte immer nach Europa. Jetzt hat er sich unter der Brücke an die Brücke aufgehängt. Er glaubte wohl, diese Brücke nehme ihn endlich nach Europa mit.”

Ich jedoch wusste, er hatte unter der Brücke den Glauben verloren.

 


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Al Imfeld©
23. 11. 97
neu 23.12.00